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Ende einer Ära: Das Merkel-Prinzip in 16 Punkten

Eine Ära geht zu Ende – 16 Jahre lang hat die Kanzlerin das Land regiert. Wie konnte sie ihre Macht über so lange Zeit festigen? Der Erfolg hat System.

Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu.
Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu. © dpa

Von Robert Birnbaum und Georg Ismar

Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu. Wie hat sie es geschafft, 16 Jahre an der Macht zu bleiben? Von dieser Strategin können manche was lernen.

1. Das Judo-Prinzip

Ihr sportlicher Ehrgeiz ist begrenzt. Bergwandern im Sommer, Langlauf-Ski im Winter – was ihr 2014 eine üble Beckenprellung eintrug und sie zu Home-Office und an Krücken zwang. Auf ein Trampolin wie Annalena Baerbock bringt sie keiner rauf. Dafür beherrscht Merkel umso besser den politischen Kampfsport.

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Ihr Bravourstück in der Judo-Kunst des „Siegens durch Nachgeben“: Das erlebt eine ganze Truppe von Konkurrenten 2002 im Magdeburger Hotel „Herrenkrug“. Die CDU-Spitze trifft sich hier zur Winterklausur. Der Hesse Roland Koch unterbricht sogar den Skiurlaub. Die starken Jungs wollten die Parteichefin zum Kanzlerkandidatenverzicht zwingen und damit erledigen. Doch Merkel hat schon längst eingelenkt – und rettet so den Vorsitz. Und schafft die Voraussetzung, um im zweiten Anlauf Kandidatin und Kanzlerin zu werden.

Sie fliegt zuvor heimlich nach München und legt Edmund Stoiber die Kandidatur in Wolfratshausen auf den Frühstückstisch.

Als sie der Runde im „Herrenkrug“ die Neuigkeit verkündet, vermeint man einen vielfachen Aufschlag auf der Matte zu hören. Die verhinderten Putschisten sind platt.

Gelernt haben daraus übrigens nicht alle: Das frühe Merkel-Bild der Männermordenden verbreiten vornehmlich Herren, die sich auch im nächsten Anlauf schwungvoll selbst ins Aus beförderten. Merkel sorgt meist nur dafür, dass sie beim Stolpern freie Bahn bekommen.

2. Streusel und Kartoffelsuppe

Von Joachim Sauer weiß man, dass er sich von seiner Frau mehr Streusel auf dem Kuchen wünscht. Sein Vater war nämlich Konditor. Das ist aber auch fast schon alles, was die Deutschen aus dem Leben ihres First Couple kennen, er taucht meist nur als Begleiter politischer Gipfel auf oder im Wanderurlaub im immergleichen Hotel im Südtiroler Sulden.

Öfter sieht man die mächtigste Frau der Welt mit dem Einkaufswagen im Supermarkt an der Berliner Mohrenstraße Klopapier, Schattenmorellen, Duschgel oder Kartoffeln besorgen. Kartoffelsuppe kocht sie gern. Bescheiden und bodenständig – das ist keine Masche.

Dass niemand je auf die Idee kommen konnte, dass sie ihr Amt zum eigenen Vorteil nutzen könnte, trägt ihr enorme Glaubwürdigkeit ein. Das Private privat zu halten, gehört dazu. Keine Skandale, protestantischer Arbeitsethos. Dem Chemieprofessor Sauer, einer Koryphäe seines Fachs, liegt sowieso nichts an Publicity, und sie hat ihn nie ins Rampenlicht gedrängt – er entscheidet, wann er sie begleiten will.

Nur dass ihr Joachim am Tag ihrer allerersten Vereidigung nicht im Bundestag ist, das findet selbst sie ein bisschen zu viel der Zurückhaltung. Im kleinen Kreis bricht’s danach spöttisch aus ihr raus: „Wenn er nicht berühmt werden wollte – das hat er jetzt geschafft!“

3. Gemischtes Doppel

Ohne ihn ist sie nicht zu denken. Im Frühjahr 2000 sitzen Merkel, Schäuble und sein Sprecher Walter Bajohr im Bonner Büro des Fraktionsvorsitzenden. Schäuble ist als Parteichef zurückgetreten, jetzt fragt er seine Generalsekretärin, ob sie sich den Sprung an die Spitze zutraut. Und Bajohr hat schon die Idee, wie sie dort hinkommt: Die Regionalkonferenzen zur Spendenaffäre sollen ihre Bewerbungsplattform werden.

Der Plan geht auf. Keiner ahnt, dass daraus Deutschlands zweitlängste oder längste Kanzlerschaft werden und eine der spannendsten Zweier-Beziehungen der Politik. Denn sie haben ja ihren eigenen Kopf, alle beide.

Der Konservative, der Reformfreude predigt, und die Reformerin, die sich oft geschmeidig ins Beharrende fügt. Der Herzenseuropäer, der die Griechen aus dem Euro werfen will, um sein Europa der Stabilität zu bewahren, und die Verstandseuropäerin, die ihn stoppt, um für einen hohen Preis den Euro zu retten.

Sie hat ihm den Traum verweigert, Bundespräsident zu werden. Aber als er mitten in der Eurokrise 2010 erkrankt, schickt sie Thomas de Maiziére nach Brüssel und ihm die Botschaft ins Krankenhaus, dass er ihr Finanzminister bleibe, solange er wolle. Jahre später hilft er ihr aus der Blockade mit Horst Seehofer im Asylstreit – das rettet ihre Kanzlerschaft. Sie sind niemals ein politisches Paar. Aber sie sind es auch nie nicht.

4. Morgenlage

Jeden Morgen um 08.30 Uhr bespricht sich eine Runde, deren Inhalte für die Öffentlichkeit tabu sind. Geschützte Räume sind für Merkel wichtig, um jenseits der Alltagshektik Taktiken zu entwerfen, wie reagieren, was ignorieren?

Als Kernteam nehmen teil: Regierungssprecher Steffen Seibert, der ihren defensiven Kommunikations- und Informationsstil verinnerlicht hat, ihre langjährige Vertraute, Büroleiterin Beate Baumann, der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun, Merkels Staatsminister Hendrik Hoppenstedt, ihre Medienberaterin Eva Christiansen und die Leiterin der Zentralabteilung Babette Kibele.

Nach Auskunft des Kanzleramts bildet die tägliche Medienschau mit einem „Überblick über das aktuelle Geschehen“ den wesentlichen Programmpunkt der einstündigen „Morgenlage“. Aber mittlerweile wird die Presseschau ergänzt um Posts und Artikel aus digitalen Medien.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Regierungssprecher Steffen Seibert
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Regierungssprecher Steffen Seibert © Kay Nietfeld/dpa

Seit Oktober 2019 erstellt das Bundespresseamt die entsprechende Übersicht und schickt sie morgens um sieben Uhr an das Kanzleramt. Sie enthält unter anderem auch die „zehn interaktionsstärksten politischen Posts der letzten 24 Stunden“ sowie den „interaktionsstärksten Post“. Auch was auf rechten und rechtsextremen Portalen und Blogs los ist, will Merkel wissen, um ein präzises „Social Media Monitoring“ zu bekommen.

Die Runde zeichnet Loyalität, Verschwiegenheit und Gelassenheit aus. Die Kontrolle der Botschaft, also, das was öffentlich gesagt wird; nicht zu viel Festlegung; nicht zu viel kontroverse Debatte; das Ignorieren der Stürme gegen Merkel haben entscheidend dazu beigetragen, dass sie so lange im Amt geblieben ist. Und weil sie auch an anderen Stellen, etwa bei ihren außenpolitischen und ökonomischen Beratern stets auf Loyalität zählen konnte; es schadet auch nicht, dass Webegleiter wie Hildegard Müller und Ronald Pofalla in die Wirtschaft wechseln und dort Vertrauenspersonen bleiben.

5. Signalfarbe Blau

Erstaunen in den Redaktionen, als die Kanzlerin 2008 zur Eröffnung der Oper in Oslo in einem sehr offenherzigen Abendkleid erscheint. Der Vize-Regierungssprecher muss Fragen beantworten. Dass das „Neuarrangement aus dem Bestand des Bundeskanzleramts“ derart für Furore sorge, versichert Thomas Steg, habe Merkel nicht beabsichtigt.

Die Auskunft war staatstragend, aber höchstens halb wahr. Denn dass ihr das Spaß mache, einmal im Jahr mit etwas zu verblüffen, „was ich nur als Frau tun kann“, war aus einem „Emma“-Interview aktenkundig. Eben nicht zu oft, damit sich der Effekt nicht abnutzt.

Beim Publikum, glaubt man Umfragen, kommt das Dekolleté gut an. Die Farbe Blau spielt nochmal eine Rolle. Mit der Zeit zu gehen, erfordert von der Chefin einer C-Partei manchmal List. Den Weg zur „Ehe für alle“ öffnet Merkel 2017 wie nebenher bei einem Wahlkampftalk der Zeitschrift „Brigitte“: Für sie sei das eher eine Gewissens- als eine Frage von Mehrheiten. Typisch Merkel, ein elegantes Abräumen eines spalterischen Themas.

Damit ist die Bahn frei für eine Abstimmung im Bundestag ohne Fraktionszwang. An der Urne im Reichssaal wirft Merkel die rote Karte ein, die für ein Nein steht. Aber das Kostüm, das sie trägt, leuchtet im Blau des Ja – die Farbe der Zustimmungskarten im Bundestag. Das Signal ist klar: Die CDU-Vorsitzende und Protestantin trägt ihrem traditionellen Fremdeln Rechnung, die Kanzlerin dem Wandel. So bleibt man in Niederbayern wählbar und kommt zugleich für das Publikum vom Prenzlauer Berg in Frage.

Wenngleich sie gerne damit kokettiert, dass man ihre Blazerauswahl nicht zu viel hineininterpretieren sollte. Der „SZ“ sagte sie mal, oft sei gar keine Zeit, sich damit lange zu befassen, dann sei die Farbe ein „reines Zufallsprodukt“.

6. Frau Doktor will’s wissen

„So kann man doch nicht regieren!“ stöhnt Peter Struck. Er hatte gerade ein Koalitionstreffen hinter sich. Es ging um Gesundheitspolitik, und Merkel, konstatiert der damalige SPD-Fraktionschef, „die kennt sich da besser aus als ihre eigenen Fachleute“. Als Kanzlerin! Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Struck ist mehr fürs Generalistentum, je höher die Position, desto allgemeiner das Wissen. Dass seine Regierungschefin geradezu versessen auf Details ist, macht ihm Sorge: Wie will man denn so den Überblick behalten?

Merkel behält ihn. In der Finanzkrise lässt sie sich erklären, was Derivate sind, in der Corona-Krise alles über Viruslast, R-Faktor und Herdenimmunität. Und als der SPD-Abgeordnete Carsten Schneider sie in ihrer letzten Regierungsbefragung aufs haushaltspolitische Glatteis führen wollte, rattert sie aus dem Stand die mittelfristige Finanzplanung herunter, auf die Nachkommastelle genau.

Das Stöhnen der Sozialdemokraten wird zur Konstante, auch ein Vizekanzler Sigmar Gabriel muss erkennen, dass das Kanzleramt einfach auf allen Feldern präpariert ist, Austricksen schwierig.

Und Merkel lädt sich gerne heimlich Experten ein, wenn es ein Feld gibt, das für sie eher Neuland ist. Die fast kindliche Neugier, die nie gespielt ist, treibt sie an, gerade bei neuen Lagen – das stärkt den Ruf, Krise kann sie.

Und trotzdem hinkt die Republik in Zukunftsfeldern wie der Digitalisierung so hinterher. Weil sie zwar im Kopf die richtige Analyse hat, aber zurückscheut, den Menschen etwas zuzumuten – auch dieses Nicht-zu.-viel-anecken hilft ihr, die Macht zu festigen. Es ist letztlich eine Lehre der Anfangszeit, da war sie radikaler, doch das Debakel mit den als zu radikal und sozial ungerecht empfundenen Steuer-Vorschlägen von Professor Paul Kirchhof hätte fast verhindert, dass sie in das Kanzleramt einzieht.

7. Immer wieder Wladimir

Merkel hat sie kommen und gehen sehen: George W. Bush, Barack Obama, Donald Trump, zuletzt noch Joe Biden, um nur die Mächtigen in Washington zu nennen. Obama ist nach anfänglicher Distanz ein Freund geworden, der ihr wegen Trump auch zu einer erneuten Kandidatur geraten haben soll. Doch wer ihre ungewöhnliche Rolle in der Weltpolitik verstehen will, muss nach Osten schauen, dorthin, wo Wladimir Putin über eine angeschlagene Weltmacht herrscht.

Sie kennt den KGB-Test, wenn er ihr in die Augen schaut, zurückschauen, egal wie lang es dauert. Bei einem Besuch in Sotschi 2007 lässt Putin seinen Labrador Koni in den Raum. Merkel hat Angst vor Hunden, seit sie einer biss. Der alte Geheimdienstler lässt sie subtil wissen, dass er das weiß. Sie hält durch und kommentiert die Provokation hinterher trocken: „Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein.“

Angela Merkel bei einem Besuch bei dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 2007
Angela Merkel bei einem Besuch bei dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 2007 © epa Sergei Chirikov/EPA/dpa

Die Deutsche, die russisch spricht, wird für die ganze westliche Welt das Scharnier zu dem Russen, der Deutsch spricht. Jahre später bringt sie ihn in einer langen Nacht in Minsk dazu, einen Waffenstillstand für die Ukraine zu schließen, auch wenn vieles nie wie verabredet umgesetzt wird. Gegen Trump zu glänzen als „Anführerin der freien Welt“ ist später im Grunde recht einfach. Putin immer wieder zu bremsen, das ist eine Leistung und bringt ihr auch daheim Respekt ein. Zum Kandidatencheck gehört heute dazu: wer kann wie Merkel Putin auf Augenhöhe begegnen?

8. Landung nach Albatros-Art

Ihre Dauerdisziplin ist die Bruchlandung nach Art des Albatros. Der Seevogel ist ein ausdauernder Segler und Fischer, aber am Boden kommt er nur mit Müh und Not zum Stehen. Merkels lange Karriere steckt voller knapper Siege, halber Erfolge, Beinahe-Niederlagen. Nur eine einzige Wahl, die Bundestagswahl 2013, gerät ihr zum Triumph (41,5 Prozent). Eine andere, die Landtagswahl in Hessen, zwingt sie 2018 zum Verzicht auf den Parteivorsitz. Davor und dazwischen ist es meist so lala.

Ihre Reaktion ist aber immer gleich. Merkel kann sich diebisch freuen und tierisch ärgern, wenn es keiner sieht. Öffentlich bleibt sie stoisch: Erfolge nicht laut feiern, dann reicht nach verpatzten Landungen auch ein Durchschütteln. Und so nimmt sie am Wahlabend 2013 dem feiernden Hermann Gröhe auf der Bühne kurzerhand das Deutschlandfähnchen ab.

Und sie ist immer vorsichtig mit Wünschen – das erhöht die Flexibilität. Bei politischen Bündnissen, befindet Merkel einmal kurz vor einer Bundestagswahl, gehe es immer nur um eine Frage: „Mit wem hab’ ich noch mehr Schwierigkeiten?“

9. Jot Fründe stonn zesamme

Am Abend des 13. Mai 2012 findet im Konrad-Adenauer-Haus ein kleines, stilles Revival statt. Norbert Röttgen hat die NRW-Landtagswahl krachend verloren. Unter den betrübten Gästen in der CDU-Zentrale taucht Peter Altmaier auf, es schaut Eckard von Klaeden vorbei, auch Andreas Krautscheid ist da. Der heutige Wirtschaftsminister, der damalige Staatsminister im Kanzleramt, der einstige NRW-Generalsekretär – sie alle gehören zu Merkels frühesten Getreuen. So wie Röttgen, so wie der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, der an dem Abend schnell die Niederlage einräumt, oder Roland Pofalla, der sein Nachfolger werden soll.

Angela Merkel (CDU) gibt nach der Ernennung des neuen Umweltministers Peter Altmaier im Mai 2012 Norbert Röttgen die Hand.
Angela Merkel (CDU) gibt nach der Ernennung des neuen Umweltministers Peter Altmaier im Mai 2012 Norbert Röttgen die Hand. © Kay Nietfeld dpa/lbn

Sie alle gehörten in den 90er Jahren zur schwarz-grünen „Pizza Connection“. Als Merkel Partei- und Fraktionschefin wird, bringt ihr früherer Staatssekretär Peter Hintze die Oppositionsführerin und die Jungtruppe zusammen. Die Runde tagt im Verschwiegenen und bespricht das Leben, die Lage und die Zukunft. Aus dieser Prätorianergarde rekrutiert Merkel lange ihre wichtigsten Helfer. Röttgen als Umweltminister zu feuern ist nach der NRW-Wahl der einzige Bruch mit dieser Loyalität - sie traute ihm wegen der Niederlage nicht mehr die nötige Autorität zur Durchsetzung der Energiewende zu. Sein Nachfolger wird dann Altmaier.

10. Fünf Pils im Nacken

Der politische Aschermittwoch in der Tennishalle von Demmin ist eine Veranstaltung, wie sie zu Angela Merkel passt. Keine breitbeinigen Auftritte wie bei der CSU. „Ein Geheimnis verbindet die Menschen mit Angela Merkel. Emotionen, Inszenierung, Pracht – alles, was auf der ganzen Welt sonst zur Politik dazugehört, hier ist es außer Kraft“, schrieb mal die „taz“. „Sie könnten die Heizung abdrehen, das Bier verdünnen, einen Trecker laufen lassen oder ganz in eine Bushaltestelle umziehen. Die Menschen würden unbeeindruckt hinterherlaufen. Es ist wie ein nüchterner Zauber.“

2012 steht ein Kellner hinter Merkel, ihm entgleitet das Tablett. Fünf Pils ergießen sich in den Nacken der Kanzlerin, die schaut etwas verdutzt, wischt sich immer mit der Hand über den Nacken und das Pils weg – und redet weiter mit den Leuten am Tisch.

Andere hätten den Kellner angeschnauzt. Diese Gelassenheit, das sprichwörtliche Abtropfenlassen zeigt sie auch immer wieder in der großen Politik, siehe Donald Trump. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg ist langjähriger Wegbegleiter, saß Merkel beim Pils-Unfall gegenüber. Er glaubt, dass ihr diese norddeutsche Ruhe oft geholfen hat, während andere die Nerven verlieren, blüht sie bei Krisen erst auf. „Was mich bei Angela Merkel immer fasziniert hat, ist ihre Bodenhaftung, ihre Bindung in den Wahlkreis, die ist da immer mit dem Herzen dagewesen und sie ist bei den Menschen, das sieht man an den Erststimmenergebnissen, wahnsinnig akzeptiert“, so Rehberg.

11. Im Atomkraftwerk

Wie ein großer Schatten steht der Zwei-Meter-Mann Jürgen Großmann hinter ihr in der Leitzentrale des Atomkraftwerks Lingen. Er will diesen Eindruck nicht erwecken, aber es wirkt, als knicke die Kanzlerin vor der Atomlobby ein. Die Physikerin will wissen, wie flexibel die Kraftwerke auf eine schwankende Windstromerzeugung reagieren können, sie prägt den Begriff der Brückentechnologie. Die Atombosse haben die Kanzlerin herausgefordert, mit einer Anzeigenkampagne offensiv für einen Ausstieg aus dem rot-grünen Atomausstieg geworben. Das mag die Kanzlerin gar nicht, wenn man versucht, sie unter Druck zu setzen.

Das könne bei ihr zur totalen Gegenbewegung führen, sagt sie. Dennoch kommt es wenig später Anfang September 2010 zur Laufzeitverlängerung, die Energiekonzerne können mit dutzenden Milliarden an Zusatzeinnahmen rechnen.

Die Katastrophe von Fukushima am 11. März 2011 führt zur 180-Grad-Wende. Merkel ist auch so lange Kanzlerin, weil sie Stimmungen in der Bevölkerung studiert und pragmatisch in ihren Positionen ist. Aber nie so stark wie hier. Auch weil sie sich so eine Katastrophe in einem hochtechnologisierten Land wie Japan nicht vorstellen konnte. Und es kommt zum „Rückspiel“. Dieses Mal wird mit den Konzernen gar nicht verhandelt. Acht Meiler gehen gleich vom Netz, die restlichen werden bis 2022 abgeschaltet.

Merkel schleift nach der Abschaffung der Wehrpflicht im Handstreich eine weitere Unions-Bastion, aber die übergroße Mehrheit der Bevölkerung hat sie auf ihrer Seite.

Übrigens ist das auch zur Beginn der Flüchtlingskrise so, am Münchener Bahnhof wird ankommenden Zügen applaudiert. Ändert sich die Lage und wächst der Druck auf sie, steuert Merkel schnell um: die Migrationspolitik wird verschärft. „Wir schaffen das“ wird nicht mehr gesagt.

12. Im Flugzeug

Noch einmal Peter Struck: Sie sei eine großartige Pilotin, beschrieb der verstorbene SPD-Politiker mal Merkels Regierungshandwerk. „Mit ihr fühlt man sich in einem Flugzeug sicher und entspannt. Nur weiß man bei ihr nie, wo man landet.“ Merkels größte Würdigung erfährt sie nach einem Flug über den Atlantik, in Harvard, Ende Mai 2017. Tausende Absolventen und Professoren feiern die Kanzlerin zur Verleihung der Ehrendoktorwürde. Die „Harvard Gazette“ nennt zur Begründung auch ihre Flüchtlingspolitik: „Mit ihrem Slogan „Wir schaffen das“ wurden Merkels vier Amtszeiten geprägt von geschickter Entschlossenheit und Pragmatismus“. Gelobt wird sie auch für die Einführung des Mindestlohns und der Ehe für alle.

Davon profitiert Merkel zum Leidwesen der SPD immer wieder – bestimmte Regierungsinitiativen werden fälschlicherweise ihr angeheftet, aber das zeigt auch: Sie hat sich immer dem Zeitgeist entsprechend flexibel gezeigt und wanderte mit ihm mit. Der konservative Historiker Andreas Rödder bilanziert das so: „Die vielzitierte ’Modernisierung’ der CDU war weithin eine Anpassung nach links.“ Der Preis dafür sei der Verlust an inhaltlicher Substanz, „weil Merkels Machtrezept in der Anpassung an den rot-grünen Mainstream lag“. Das erinnert wieder etwas an Struck: Ein sicherer Flug, Zielort unbekannt.

13. Plan B

Öffentlich stellt sie gern Dinge als alternativlos dar (deshalb entsteht die Alternative für Deutschland), sie selbst hat aber immer einen Plan B im Kopf. Selten wird es deutlich wie an jenem Wintertag im Februar 2018, Aufzeichnung eines ZDF-Interview mit Merkel. Die steht mit dem Rücken zur Wand, in der CDU rumort es heftig, weil sie in den Koalitionsverhandlungen der SPD zugestanden hat, dass sie die auch noch das Finanzministerium bekommen soll, dazu fünf weitere Ministerien. Merkel macht im ZDF klar, sie wolle bis 2021 durchziehen. „Die vier Jahre sind jetzt das, was ich versprochen habe.“ Das gelte auch für den Parteivorsitz.

Es marschieren noch einmal die alten Widersacher auf. Roland Koch fordert Merkel in der „FAZ“ auf, die Nachfolge zu regeln. Sie schulde den Wählern eine Antwort auf die Frage, „welches die nächste Generation ist, die Verantwortung übernimmt.“ Merkel wirkt aber nach der Aufzeichnung gelöst, ist in Plauderlaune. Weil sie längst eine Idee hat, um Druck aus dem Kessel zu nehmen. Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich bereit erklärt, den Posten der Generalsekretärin zu werden, mithin ist Merkel schon dabei, ihre Nachfolge zu regeln.

Annegret Kramp-Karrenbauer übernahm zeitweise den CDU-Parteivorsitz.
Annegret Kramp-Karrenbauer übernahm zeitweise den CDU-Parteivorsitz. © Markus Schreiber/AP POOL/dpa

Im Herbst muss Merkel zwar doch den Parteivorsitz abgeben, aber sie hat mit „AKK“ eine Option, die sich durchsetzt. Der Nachfolgeplan auch für das Kanzleramt scheitert dann zwar und das Verhältnis der Zwei trübt sich ein. Aber Merkel erreicht ihr wichtigstes Ziel: die eigene Kanzlerschaft ins Ziel retten. Sie ist da eine Strategin, die immer Lösungen sucht – so bindet sie auch die neue SPD-Chefin Saskia Esken in Bildungsfragen eng ein und veranstaltet plötzlich Gipfel mit ihr. Esken war mit einem Wahlkampf gegen die große Koalition Vorsitzende geworden: der Bruch wird schnell abgeblasen.

14. Alles einmal Dampfbügeln

Da ist sie wieder, die Mutter der Nation. Sie müsse was ganz Wichtiges sagen, zu den Alltagsmasken. „Sie müssen regelmäßig gewaschen beziehungsweise gebügelt, in den Backofen oder in die Mikrowelle gelegt werden. Auch wenn sich das sozusagen etwas hausfraulich anhört, sind das die Patentrezepte. Ansonsten sind sie nicht produktiv im Sinne des Schutzes für andere.“ Sie „liest, liest, liest“, sagt einer ihrer Mitarbeiter. Und destilliert für sich, wem sie vertraut.

In der Corona-Pandemie einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern. Durch ihre Detailkenntnis, etwa zum R-Wert, viele korrekte Vorhersagen, beeindruckt sie, schafft Vertrauen - und hängt andere, die nicht so im Film sind, ab. Wie Armin Laschet, dessen Bedenken, nicht die Verwerfungen für Kinder zu vergessen, weniger Beachtung geschenkt wird.

Und Merkel versteht es, auf einfache Fragen nach Fehlern, zum Beispiel warum es erst hieß, Masken bringen nichts, so detailliert zu antworten, dass kaum etwas an ihr hängenbleibt. Sie erdrückt und verwirrt mitunter mit den Details, die promovierte Physikerin macht klar: Einfache Antworten gibt es nicht.

Auch bei der Impfstoffbestellung sieht sie keine Fehler und verweist auf die komplexen Produktionsketten. „Man braucht Kochsalzlösung. Das hört sich trivial an, aber wenn sie plötzlich nicht da ist (…), dann haben wir ein Problem.“

Der Eindruck: Hach, alles so komplex: Dahinter lassen sich eigene Versäumnisse vernebeln, so macht es Merkel auch bei Klimaschutz, Energiewende, der Integration von Flüchtlingen. Anfangs engagiert voranschreitend, aber die Mühen der Ebene werden dann eher halbherzig angegangen, immer auch die Stimmung und die Überforderungssorgen von Bürgern und Wirtschaft im Blick.

15. Der Frosch

Wenn es sein musste, kann Merkel auch eiskalt sein. Wer ihre Härte unterschätzt, schaut sich schnell um. Friedrich Merz verspürt bis heute einen Phantomschmerz, schafft es aber nicht mehr, trotz allem Ehrgeiz, Merkel vom Thron zu stoßen. Auch Norbert Röttgen, früher eng mit dem System Merkel verbunden, scheitert. Sie bekommt Lästereien mit, dann will er trotz der Niederlage als CDU-Kandidat in NRW Bundesumweltminister bleiben. Sie wirft ihn raus, als einzigen Minister bisher.

Noch herber sind die Folgen für Philipp Rösler und die FDP. Der FDP-Chef hat mal in einer Parteitagsrede gesagt: „Wenn Sie einen Frosch in kaltes Wasser setzen und langsam die Temperatur erhöhen, wird er zuerst nichts merken und nichts machen. Und wenn er etwas merkt, dann ist es zu spät für den Frosch.“ Obwohl man koaliert, setzt Rösler im Februar 2012 durch, dass die FDP mit Grünen und SPD Joachim Gauck zum Bundespräsidenten machen will.

ZDF-Moderator Markus Lanz fragt Rösler kurz danach, wann Merkel gemerkt habe, dass sie der Frosch sei? „Schätzungsweise bei der besagten Telefonschaltkonferenz des CDU-Präsidiums.“ In diese Sitzung ließ die FDP ihre überraschende Kunde vom Votum für den Kandidaten Gauck platzen. Da hatte sich Merkel gerade gegen Gauck positioniert. Das vergisst sie nicht, man geht freundlich miteinander um, aber sie gönnt der FDP keinen Erfolg mehr, immer wieder laufen die Liberalen auf. Die FDP fliegt 2013 mit nur 4,8 Prozent aus dem Deutschen Bundestag.

16. Katharina die Große

Als Merkel in das Kanzleramt einzieht, wird ein Porträt auf ihrem Schreibtisch zum Politikum. Es zeigt die russische Langzeitzarin Katharina die Große. Für Merkel ist es eine Ansporn, dass immer auch mal Frauen in der Geschichte eine Rolle gespielt haben.

Der Deutschlandfunk befragt damals den Soziologen Erhard Stölting, der betont, Katharina die Große habe immer sehr geschickt verstanden auch auf emotionaler Ebene Loyalitäten herzustellen. „Und sicherlich wäre ihre ganze unwahrscheinliche Karriere nicht gelungen, wenn sie das nicht gekonnt hätte.“ Beide verbinde ein planmäßiges Vorgehen und das Einsetzen der „Waffen erstmal des Kopfes“. Dazu gehöre auch ein geschickter Umgang mit anderen Menschen.

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Merkel baut sich ein System mit engen Vertrauten auf, hat immer Zuträger, um zu wissen, was zum Beispiel in der Unions-Fraktion los ist, wo es gärt. Und wie Katharina die Große ist sie sehr zäh – gerade ihre Verhandlungsausdauer hilft ihr oft, sich durchzusetzen. Dann wenn die anderen, oft Männer, nur noch ins Bett wollen. „Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken“, sagt sie dazu Mal in einem Brigitte-Talk.

Zu ihrem „Machtsymbol“ wird die Raute, weil sie lange Zeit nicht wusste, wohin mit den Armen bei Fotos und TV-Aufnahmen. Die Handhaltung verrate „eine gewisse Liebe zur Symmetrie“, sagt sie dazu.

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