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Ende einer Ära: Das Merkel-Prinzip in 16 Punkten

Eine Ära geht zu Ende – 16 Jahre lang hat die Kanzlerin das Land regiert. Wie konnte sie ihre Macht über so lange Zeit festigen? Der Erfolg hat System.

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Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu.
Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu. © dpa

Von Robert Birnbaum und Georg Ismar

Angela Merkels Amtszeit als Bundeskanzlerin neigt sich dem Ende zu. Wie hat sie es geschafft, 16 Jahre an der Macht zu bleiben? Von dieser Strategin können manche was lernen.

1. Das Judo-Prinzip

Ihr sportlicher Ehrgeiz ist begrenzt. Bergwandern im Sommer, Langlauf-Ski im Winter – was ihr 2014 eine üble Beckenprellung eintrug und sie zu Home-Office und an Krücken zwang. Auf ein Trampolin wie Annalena Baerbock bringt sie keiner rauf. Dafür beherrscht Merkel umso besser den politischen Kampfsport.

Ihr Bravourstück in der Judo-Kunst des „Siegens durch Nachgeben“: Das erlebt eine ganze Truppe von Konkurrenten 2002 im Magdeburger Hotel „Herrenkrug“. Die CDU-Spitze trifft sich hier zur Winterklausur. Der Hesse Roland Koch unterbricht sogar den Skiurlaub. Die starken Jungs wollten die Parteichefin zum Kanzlerkandidatenverzicht zwingen und damit erledigen. Doch Merkel hat schon längst eingelenkt – und rettet so den Vorsitz. Und schafft die Voraussetzung, um im zweiten Anlauf Kandidatin und Kanzlerin zu werden.

Sie fliegt zuvor heimlich nach München und legt Edmund Stoiber die Kandidatur in Wolfratshausen auf den Frühstückstisch.

Als sie der Runde im „Herrenkrug“ die Neuigkeit verkündet, vermeint man einen vielfachen Aufschlag auf der Matte zu hören. Die verhinderten Putschisten sind platt.

Gelernt haben daraus übrigens nicht alle: Das frühe Merkel-Bild der Männermordenden verbreiten vornehmlich Herren, die sich auch im nächsten Anlauf schwungvoll selbst ins Aus beförderten. Merkel sorgt meist nur dafür, dass sie beim Stolpern freie Bahn bekommen.

2. Streusel und Kartoffelsuppe

Von Joachim Sauer weiß man, dass er sich von seiner Frau mehr Streusel auf dem Kuchen wünscht. Sein Vater war nämlich Konditor. Das ist aber auch fast schon alles, was die Deutschen aus dem Leben ihres First Couple kennen, er taucht meist nur als Begleiter politischer Gipfel auf oder im Wanderurlaub im immergleichen Hotel im Südtiroler Sulden.

Öfter sieht man die mächtigste Frau der Welt mit dem Einkaufswagen im Supermarkt an der Berliner Mohrenstraße Klopapier, Schattenmorellen, Duschgel oder Kartoffeln besorgen. Kartoffelsuppe kocht sie gern. Bescheiden und bodenständig – das ist keine Masche.

Dass niemand je auf die Idee kommen konnte, dass sie ihr Amt zum eigenen Vorteil nutzen könnte, trägt ihr enorme Glaubwürdigkeit ein. Das Private privat zu halten, gehört dazu. Keine Skandale, protestantischer Arbeitsethos. Dem Chemieprofessor Sauer, einer Koryphäe seines Fachs, liegt sowieso nichts an Publicity, und sie hat ihn nie ins Rampenlicht gedrängt – er entscheidet, wann er sie begleiten will.

Nur dass ihr Joachim am Tag ihrer allerersten Vereidigung nicht im Bundestag ist, das findet selbst sie ein bisschen zu viel der Zurückhaltung. Im kleinen Kreis bricht’s danach spöttisch aus ihr raus: „Wenn er nicht berühmt werden wollte – das hat er jetzt geschafft!“

3. Gemischtes Doppel

Ohne ihn ist sie nicht zu denken. Im Frühjahr 2000 sitzen Merkel, Schäuble und sein Sprecher Walter Bajohr im Bonner Büro des Fraktionsvorsitzenden. Schäuble ist als Parteichef zurückgetreten, jetzt fragt er seine Generalsekretärin, ob sie sich den Sprung an die Spitze zutraut. Und Bajohr hat schon die Idee, wie sie dort hinkommt: Die Regionalkonferenzen zur Spendenaffäre sollen ihre Bewerbungsplattform werden.

Der Plan geht auf. Keiner ahnt, dass daraus Deutschlands zweitlängste oder längste Kanzlerschaft werden und eine der spannendsten Zweier-Beziehungen der Politik. Denn sie haben ja ihren eigenen Kopf, alle beide.

Der Konservative, der Reformfreude predigt, und die Reformerin, die sich oft geschmeidig ins Beharrende fügt. Der Herzenseuropäer, der die Griechen aus dem Euro werfen will, um sein Europa der Stabilität zu bewahren, und die Verstandseuropäerin, die ihn stoppt, um für einen hohen Preis den Euro zu retten.

Sie hat ihm den Traum verweigert, Bundespräsident zu werden. Aber als er mitten in der Eurokrise 2010 erkrankt, schickt sie Thomas de Maiziére nach Brüssel und ihm die Botschaft ins Krankenhaus, dass er ihr Finanzminister bleibe, solange er wolle. Jahre später hilft er ihr aus der Blockade mit Horst Seehofer im Asylstreit – das rettet ihre Kanzlerschaft. Sie sind niemals ein politisches Paar. Aber sie sind es auch nie nicht.

4. Morgenlage

Jeden Morgen um 08.30 Uhr bespricht sich eine Runde, deren Inhalte für die Öffentlichkeit tabu sind. Geschützte Räume sind für Merkel wichtig, um jenseits der Alltagshektik Taktiken zu entwerfen, wie reagieren, was ignorieren?

Als Kernteam nehmen teil: Regierungssprecher Steffen Seibert, der ihren defensiven Kommunikations- und Informationsstil verinnerlicht hat, ihre langjährige Vertraute, Büroleiterin Beate Baumann, der Chef des Bundeskanzleramts Helge Braun, Merkels Staatsminister Hendrik Hoppenstedt, ihre Medienberaterin Eva Christiansen und die Leiterin der Zentralabteilung Babette Kibele.

Nach Auskunft des Kanzleramts bildet die tägliche Medienschau mit einem „Überblick über das aktuelle Geschehen“ den wesentlichen Programmpunkt der einstündigen „Morgenlage“. Aber mittlerweile wird die Presseschau ergänzt um Posts und Artikel aus digitalen Medien.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Regierungssprecher Steffen Seibert
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Regierungssprecher Steffen Seibert © Kay Nietfeld/dpa

Seit Oktober 2019 erstellt das Bundespresseamt die entsprechende Übersicht und schickt sie morgens um sieben Uhr an das Kanzleramt. Sie enthält unter anderem auch die „zehn interaktionsstärksten politischen Posts der letzten 24 Stunden“ sowie den „interaktionsstärksten Post“. Auch was auf rechten und rechtsextremen Portalen und Blogs los ist, will Merkel wissen, um ein präzises „Social Media Monitoring“ zu bekommen.

Die Runde zeichnet Loyalität, Verschwiegenheit und Gelassenheit aus. Die Kontrolle der Botschaft, also, das was öffentlich gesagt wird; nicht zu viel Festlegung; nicht zu viel kontroverse Debatte; das Ignorieren der Stürme gegen Merkel haben entscheidend dazu beigetragen, dass sie so lange im Amt geblieben ist. Und weil sie auch an anderen Stellen, etwa bei ihren außenpolitischen und ökonomischen Beratern stets auf Loyalität zählen konnte; es schadet auch nicht, dass Webegleiter wie Hildegard Müller und Ronald Pofalla in die Wirtschaft wechseln und dort Vertrauenspersonen bleiben.