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Für den AfD-Chef steht im Kreis Görlitz viel auf dem Spiel

Mit dem Wahlsieg vor vier Jahren begann für Tino Chrupalla ein steiler Aufstieg in der AfD. Nun will er den Erfolg wiederholen. Manches ist aber anders als 2017.

Tino Chrupalla und Alexander Gauland bei ihrem gemeinsamen Wahlkampfauftritt in Lawalde.
Tino Chrupalla und Alexander Gauland bei ihrem gemeinsamen Wahlkampfauftritt in Lawalde. © Matthias Weber/photoweber.de

Es gibt einen kurzen Fernsehbericht gleich nach der Bundestagswahl 2017. Zum ersten Mal kommen die AfD-Abgeordneten in Berlin zusammen. Vor dem Reichstag spricht Tino Chrupalla Spitzenkandidat Alexander Gauland an und stellt sich als direkt gewählter Abgeordneter aus Görlitz vor. Als Gauland über Chrupallas Namen stolpert, erklärt der Gablenzer Malermeister ihn mit seinem Ursprung in Schlesien. Gauland zeigt sich interessiert, doch beide gehen schließlich ihrer Wege.

Diese Wege haben die beiden Männer in den vergangenen vier Jahren immer wieder zusammengeführt. Erst ordnete Chrupalla die Finanzen der Fraktion, dann förderte Gauland den jungen Abgeordneten und machte ihn zu seinem Favoriten als Bundessprecher. Schließlich wurde Chrupalla Spitzenkandidat der AfD bei dieser Wahl. Schon vor vier Jahren schrieb die SZ über Chrupalla: "Tino Chrupalla ist nicht gerne einer von vielen."

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Auch im Wahlkampf begegnen sie sich häufig. Beispielsweise am 1. September im Kretscham Lawalde, einem Ort bei Löbau. Das ist AfD-Land. Hier feierten die Rechtspopulisten bereits früh Erfolge, da wurde die Partei andernorts noch unter Sonstigen gelistet. Rund 300 Menschen sind gekommen, Stühle müssen hineingetragen werden, die kreisweite Inzidenz von neun hält fast alle vom Maskentragen ab, obwohl Mindestabstände nicht eingehalten werden können.

Sie alle wollen Chrupalla erleben - aber auch Gauland. Als der mit einigen Minuten Verspätung den Saal erreicht, wird er gefeiert, als wäre er der nächste Bundeskanzler. Gauland nennt Chrupalla an diesem Abend seinen Freund, der wiederum lobt Gaulands Leistungen für die Einheit der AfD. Für die aktuelle Attacke ist an diesem Abend Chrupalla zuständig, Gauland philosophiert 20 Minuten lang über das Thema "Rassismus". Das sagt vieles über die Veränderungen bei der AfD in den vergangenen vier Jahren.

Rasanter Aufstieg Chrupallas in der AfD

Sie begannen mit einem kaum für möglich gehaltenen Erfolg von Tino Chrupalla. Nach 27 Jahren entriss er der CDU das Direktmandat an der Neiße. Das war für die Christdemokraten wie ein Erbhof, jetzt hatte die AfD die CDU vom Hof gejagt. Der Wahlabend von vor vier Jahren hatte viele Folgen: Die AfD macht sich auf, den Platz nicht mehr herzugeben. Viele traten hingegen auch in die CDU ein oder gründeten neue politische Formationen, um gegen den Rechtsruck etwas zu unternehmen. In der Evangelischen Kirche fragte man sich durchaus selbstkritisch: "Wo gehen wir hin, wenn alle Traditionen aufweichen?"

Dass es so kam, ist seitdem oftmals analysiert worden. Warum die AfD aber so stark blieb, im Osten nach Ansicht von Chrupalla sogar Volkspartei ist, das verstört bis heute. In diesem Wahlkampf reihen sich Artikel mit der Frage "Warum die AfD so stark im Osten ist" in den Politik-Teilen überregionaler Zeitungen aneinander, ohne dass das Bild dadurch klarer wird. Chrupalla aber sagt stolz: 2017 hieß es, die AfD müsse in vier Jahren wieder aus dem Bundestag verschwinden. Jetzt taxieren die Meinungsforscher sie bei zehn bis elf Prozent.

Schon im Dezember 2018 zeigte sich der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt in einem SZ-Interview skeptisch, ob die AfD nur ein vorübergehendes Phänomen sein wird. Schon damals zeichnete er die breite Wählerbasis der AfD im Kreis Görlitz präzise nach, und dass die Kritik an der Einwanderungspolitik seinerzeit eben nur der Auslöser, aber nicht die Ursache des rechtspopulistischen Aufschwungs war. Viel mehr spiele die Sorge um das Erreichte eine Rolle neben den Problemen. Auch schreckten "die Erfahrungen und Verluste aus der Nachwendezeit von der Lust auf einen neuerlichen Strukturwandel ab. Also wächst wieder die Sorge, das Erreichte werde nicht überdauern".

AfD spricht Themen der Menschen an

So hören sich auch Tino Chrupallas Wahlkampfreden an. Bürokratie, Abgabenlast, sinnlose Gelder für EU und Einwanderer, geringste Einkommen bundesweit im Kreis Görlitz, Wanderwitz, der als Ostbeauftragter ein Ostbeschimpfungsbeauftragter ist und "nicht mehr alle Tassen im Schrank hat", verantwortungslose Politiker. Chrupalla malt vor den 300 Gästen in Lawalde ein Bild von Deutschland, das seine Mit-Spitzenfrau Alice Weidel wenig später im Bundestag "einen Sanierungsfall" nennen wird. 16 Jahre Merkel hätten das Land gegen die Wand gefahren. Und der Saal jubelt. Je länger, umso lauter.

Die AfD und Tino Chrupalla mixen geschickt weit verbreitete Ansichten über Politik. Über die europäische Bürokratie klagen viele, ohne AfD zu wählen. Die niedrigen Einkommen sind allen Parteien im Kreis Görlitz ein Dorn im Auge, und die Sorge vor sozialen Statusverlust eint die Menschen über alle Schichten hinweg. Im vertraulichen Gespräch sagen selbst Gewerkschafter, dass die AfD die richtigen Themen anspricht, den Nerv der Leute trifft.

Nur weist Chrupalla ganz selten auf die andere Seite der Medaille. Dass Deutschland als größte Volkswirtschaft in der EU auch die größten absoluten Summen nach Brüssel überweist, dürfte niemand überraschen. Doch stellt man den deutschen Beitrag für die EU in Relation zur Wirtschaftsleistung, dann sind es gerade mal 0,45 Prozent, berichtet die FAZ. Und Dänemark und die Niederlande als Nummer zwei und Nummer drei der Nettozahler kommen mit 0,41 beziehungsweise 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung nah an Deutschland heran.

An der EU arbeitet sich Tino Chrupalla schon seit Jahren ab. Bereits in einem SZ-Interview im Juli 2016 kritisierte er den Euro. Wenn die Währung nicht reformiert werden könne, "muss man über einen deutschen Austritt aus der EU nachdenken", sagt Chrupalla. Jetzt steht das im Wahlprogramm der AfD zur Bundestagswahl und wird als Beleg für die Radikalität der AfD gewertet. Neu sind solche Forderungen aber nicht.

Wie rechtsextrem ist die AfD?

Auch in diesem Wahlkampf begleiten daher Tino Chrupalla die Vorwürfe, seine Partei sei rechtsextrem, der "Flügel" sei zwar aufgelöst, aber seine Mitglieder würden weiterhin in der AfD aktiv sein. Anfang September erklärte der rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete Matthias Joa seinen Austritt aus Partei und Fraktion mit der Lage im Osten. Die östlichen Landesverbände, so heißt es in seinem Schreiben, haben "offensichtlich kein Problem mit tatsächlichen Rechtsradikalen". Sie würden nicht nur geduldet, sondern bewusst integriert. Und der Oybiner Hotelier Conrad Siebert rief zu seinem Austritt Anfang 2019 der AfD zu: "Meinem Demokratieverständnis nach gehört zur Politik, dass man Kompromisse eingeht. Diese Bereitschaft fehlt aber einigen AfD-Mitgliedern".

Chrupalla gibt sich in diesem Wahlkampf keineswegs extrem. Er redet sogar mit Journalisten, denen er vor zwei Jahren schrieb, dass sie sich für ihn "als ernsthafter Gesprächspartner und Journalist disqualifiziert" hätten. Keine Rede mehr davon, dass er schwarze Listen von Journalisten führen wollte oder gar Hintergrundinformationen über "als Journalisten getarnte Zersetzungsagenten" erbat. In Lawalde stellt er sich in die Tradition der Friedlichen Revolution. "Wir wollen keine Diktatur", ruft er in den Saal.

Chrupalla füllt die Säle und Märkte, darüber berichtet er stolz auf seinen Seiten in den sozialen Netzwerken. Aber das ereignet sich doch ziemlich selten in seinem eigenen Wahlkreis. Als Spitzenkandidat in Bund und in Sachsen will er alle Bundesländer besuchen und jeden sächsischen Wahlkreis. Da bleibt für den eigenen nicht viel Zeit.

Sorge um das Bild des Mannes aus dem Volk

Tourte er vor vier Jahren zu 40 Wahlkampfterminen durch den Landkreis, sind es in diesem Jahr nur zehn. Da ein Teil auch nicht öffentliche Foren sind, verstärkt sich der Eindruck noch mehr, dass Chrupalla kaum in seinem Wahlkreis ist. Gerade die CDU sieht darin eine willkommene Chance, das sorgsam geformte Bild von Chrupalla als "Einem von uns" zu zerstören. In Schwerin trat er in Malermontur kurz auf, bei seinen Wahlständen kann man Zollstock und Malerbleistift statt Kugelschreiber erhalten.

Doch das protzige BMW-Fahrzeug als Dienstwagen oder seine Äußerung, als Handwerksmeister habe er mehr als im Bundestag verdient, kratzten bereits an diesem Image. Chrupalla nimmt sich daher auch viel Zeit gegenüber Journalisten, um diese Dinge einzuordnen. Der 7er BMW sei eben nötig gewesen nach Sicherheitseinschätzungen des Bundeskriminalamtes. Da könne man nicht im Skoda Superb vorfahren. Und 10.000 Euro brutto im Monat hätte er auch als Handwerker verdient - nach 60 oder 70 Stunden in der Woche Arbeit.

Die AfD und Tino Chrupalla sind sensibel genug, um immer wieder gegen dieses Argument anzugehen. Sie wissen, wie schnell daraus das Bild eines abgehobenen Politikers entstehen kann, der - kaum zu Macht gelangt - sich nicht mehr um seine Wurzeln kümmert. An die Stelle Chrupallas rücken daher die Landtagsabgeordneten seiner Partei. So sind Sebastian Wippel, der Görlitzer Fast-OB, und Mario Kumpf sowie Roberto Kuhnert in diesen Wochen mindestens so wichtig. Sie laden zu eigenen Wahlkampfveranstaltungen ein, stehen an den Wahlständen, Wippel vertritt Chrupalla sogar bei einem Wahlforum der Direktbewerber im Wahlkreis Görlitz - obwohl er gar nicht zur Wahl steht.

Das Wichtigste im Parlament: Reden halten

Wenn aber Tino Chrupalla auftritt, dann hält er Reden. Das liegt ihm besonders. Reden, so hatte er bereits bei seiner Nominierung im September vergangenen Jahres in der Löbauer Messe erklärt, seien das wichtigste Mittel der Opposition. 25 Reden habe er im Bundestag gehalten - mittlerweile sind es ein paar mehr -, und niemand unter den sächsischen Abgeordneten hätte sich häufiger zu Wort gemeldet. "Ich habe mehr als genug auf die Sorgen und Nöte der Menschen aufmerksam gemacht", sagte Chrupalla seinerzeit, "das zeigt auch, welches Herzblut ich da hineinbringe".

Die anderen Parteien werfen hingegen Chrupalla gemeinschaftlich vor, zwar viel zu reden, aber nichts für die Region geleistet zu haben. Der Schleifer Bürgermeister Jörg Funda von der CDU postet in Facebook: "Man darf jedoch feststellen, dass Herr Chrupalla in den letzten vier Jahren wirklich nichts für seinen Wahlkreis erreicht hat". Sylvia Littke-Hennersdorf, die einst eine enge Mitarbeiterin von Chrupalla war, sich aber 2019 mit ihm überwarf, bezeichnet ihn als "absolute Nullnummer. Schlicht und ergreifend aus dem Grund, dass es den Herrn überhaupt nicht interessiert."

Sitz im Bundestag hat Chrupalla sicher

Chrupalla ist Realist genug, um zu wissen, dass mit seiner AfD niemand nach der Wahl koalieren wird. Deswegen überhöht er die Rolle der Opposition. Die AfD werde gebraucht, um mit dem Finger auf den Dreck zu zeigen, den andere erzeugen, sagt er. Selbst wenn seine Partei den Rang als größte Oppositionspartei verlieren sollte, weil nach der Wahl entweder die CDU oder die SPD nicht mehr der Regierung angehören könnten.

Einen Sitz im nächsten Bundestag hat Tino Chrupalla sicher: Entweder verteidigt er das Direktmandat, was für ihn der "größte politische Erfolg" wäre. Oder er zieht auf Platz 1 der Landesliste ein. Doch wird es für ihn politisch einen Unterschied machen: Der Gewinn des Direktmandates verlieh Chrupalla den Rückenwind, der erst das aus ihm machte in Berlin, was er jetzt ist.

Und sein Widersacher Jörg Meuthen wird genau beobachten, wie erfolgreich Chrupalla an der Neiße und bundesweit abschneidet. Im Herbst steht die Wahl der beiden Bundessprecher in der AfD an und viele erwarten dann den nächsten Machtkampf. Chrupalla ließ bislang offen, welche Rolle er dabei spielen wird. Und wenn man ihn nach der Politik fragt, dann sagt er doch bisweilen, dass er als Maler wesentlich erfüllter war. Wenn durch seine Arbeit eine Kirche toll ausgemalt, ein Schloss wiedererstanden war oder eine Familie ein schönes Wohnzimmer erhielt. Dann sei er so richtig glücklich gewesen.

Die SZ porträtiert im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September die Direktkandidaten der aussichtsreichsten Parteien. Bislang erschienen:

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