merken
PLUS Sachsen

Sachsen-Grüne jubeln über historisches Ergebnis

In den Jubel mischen sich nachdenkliche Stimmen, denn trotz Klimakrise wird die Öko-Partei nicht stärkste Kraft. Aber an ihr kommt wohl keine neue Regierung vorbei.

Das Ergebnis der Grünen ist historisch und doch unter den Ewartungen. Kassem Taher Saleh (l.), Kandidat im Wahlkreis Dresden I und Merle Spellerberg, Kandidatin im Wahlkreis Dresden II/Bautzen II jubeln verhaltener als andere.
Das Ergebnis der Grünen ist historisch und doch unter den Ewartungen. Kassem Taher Saleh (l.), Kandidat im Wahlkreis Dresden I und Merle Spellerberg, Kandidatin im Wahlkreis Dresden II/Bautzen II jubeln verhaltener als andere. © Amac Garbe

Schon vor der ersten Hochrechnung um 18 Uhr ist die Stimmung bei der Wahlparty der Grünen gefasst, beinahe gelöst. Ein historisches Ergebnis ist der Partei trotz aller Fehltritte ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock gewiss.

Als der Balken auf 15 Prozent hochgeht gibt es Jubel und Beifall im Club Groovestation in der Dresdner Neustadt. Über 150 Anhänger feiern hier bei veganen Gemüseschaschliks und Couscous mit der Landesparteispitze.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Wie sehr das Ergebnis im Bund dennoch schmerzt, wird deutlich, als die Zahl der Hauptstadtgrünen bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl über den Bildschirm flimmert – deutlich über 20 Prozent. Jetzt wird gejohlt und fast frenetisch geklatscht.

In Sachsen haben sich die Grünen gegenüber der Bundestagswahl 2017 bei den Erststimmen um knapp ein Prozent, bei den Zweitstimmen um rund zwei Prozent verbessert. Vom Bundestrend konnte die Partei im Freistaat damit kaum profitieren.

Grünen-Kandidat im Wahlkampf als Kanake beschimpft

Nach dem Jubel kommt die Nachdenklichkeit. Paula Piechotta, Spitzenkandidatin der Grünen im Freistaat, bringt es auf den Punkt. „Wir freuen uns, dass wir so zugelegt haben und gleichzeitig sind wir unter unseren Erwartungen geblieben.“ Vor drei Monaten hatte sie ihre Partei noch deutlich über 20 Prozent gesehen.

Kassem Taher Saleh, Kandidat im Wahlkreis Dresden I, sagt: "Ich habe persönlich mehr erwartet. Aber wir haben ein starkes Ergebnis eingefahren." Er hofft auf Potenzial nach oben bei der Auszählung der Wahlkreise und der Briefwahlstimmen. Saleh hatte einen besonders harten Wahlkampf mit Anfeindungen und Beschimpfungen bis hin zu körperlicher Gewalt.

Als „Kanake“ könne er die Interessen der Dresdner nicht in einem „deutschen Parlament“ vertreten, habe sich der Sohn irakischer Eltern anhören müssen. Aber an diesem Sonntagabend ist das alles egal. Mit nicht ganz zehn Prozent der Erststimmen hat er einen Achtungserfolg als Direktkandidat erzielt. Platz vier auf der Landesliste dürfte dennoch nicht für den Einzug in den Bundestag reichen.

Die Wahlparty der Grünen im Dresdner Club Groovestation.
Die Wahlparty der Grünen im Dresdner Club Groovestation. © Amac Garbe

Für Merle Spellerberg, Kandidatin im Wahlkreis Dresden II/Bautzen II gibt es mit Listenplatz 3 am Abend immer noch Chancen. "Wir verzeichnen einen krassen Zuwachs gegenüber 2017, aber in Anbetracht der Umfragen und Probleme mit der Klimakrise wäre noch Luft nach oben gewesen."

Als der Ergebnisbalken der Linken nicht besonders hoch auf gerade einmal fünf Prozent springt, verziehen fast alle das Gesicht. Jedem hier ist klar, dass sich damit eine mögliche Koalitionsoption im Bund verabschiedet, die von einer Mehrheit der sächsischen Grünen wohl bevorzugt würde, wie auf der Wahlparty immer wieder heißt.

Erst als mit Annalena Baerbock und Robert Habeck die beiden Bundesparteivorsitzenden im Fernsehen auftauchen, herrscht noch einmal konzentrierte Stille.

Mancher Spitzengrüne will sich seinen Ärger nicht öffentlich anmerken. "In der Kampagnenführung hat es massive Fehler gegeben, das hat uns viel Vertrauen gekostet." Baerbocks Buch und die Plagiate, der aufgehübschte Lebenslauf, all das hätte einen Wahlsieg der Grünen, wie er sich am Jahresanfang angedeutet hatte, verhindert. Nicht einmal die tödlichen Regenfluten des Sommers und der Klimawandel hätten das noch ändern können.

Christin Furtenbacher, eine der beiden Grünen-Landesvorsitzenden sagt: "Wir haben in der entscheidenden Phase Fehler gemacht."
Christin Furtenbacher, eine der beiden Grünen-Landesvorsitzenden sagt: "Wir haben in der entscheidenden Phase Fehler gemacht." © Amac Garbe

Christin Furtenbacher, eine der beiden Landesvorsitzenden konstatiert: "Wir haben in der entscheidenden Phase Fehler gemacht und konnten die anfängliche Dynamik nicht bis zum Schluss halten." Aber man stünde gemeinsam hinter Annalena Baerbock und Co-Chef Robert Habeck.

Weiterführende Artikel

CDU-Politikerin aus Sachsen zur Bundestagsvize gewählt

CDU-Politikerin aus Sachsen zur Bundestagsvize gewählt

Bundestag nimmt Arbeit auf, Yvonne Magwas im Präsidium, Steinmeier überreicht Merkel Enlassungsurkunde – unser Newsblog nach der Wahl.

Der Neue aus Sachsen

Der Neue aus Sachsen

Kassem Taher Saleh will als grüner Abgeordneter aus Sachsen im Bundestag den modernen Osten vertreten. Seine ersten Tage in Berlin.

Die Wahl ist ein Desaster für Sachsens CDU

Die Wahl ist ein Desaster für Sachsens CDU

Das Ergebnis der Bundestagswahl bedeutet für die CDU eine historische Niederlage. In Sachsen steht die Partei nun unter Druck.

AfD-Kandidat Chrupalla gibt sich zufrieden

AfD-Kandidat Chrupalla gibt sich zufrieden

Die AfD verliert im Bund und ist in Sachsen stark. Ehrenvorsitzender Gauland macht eine überraschende Offerte.

„Das so viele Menschen für einen starken Klimaschutz gestimmt haben, gab es noch nie, das zeigt die Notwendigkeit einer grünen Regierungsbeteiligung“, sagt Furtenbacher. Zumindest dürfte mit dem Wahlergebnis keine Regierung ohne die Grünen zu machen sein, außer einer bis dato unwahrscheinlichen Neuauflage der Großen Koalition.

Mehr zum Thema Sachsen