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Politik

Grüne verabschieden Wahlprogramm

Ob Pendlerin, Stahlarbeiter oder Handwerker - die Grünen wollen sie alle für sich gewinnen. Parteichefin Baerbock streckt auf dem Parteitag die Hand aus.

Gehen gestärkt in den Wahlkampf: Das grüne Spitzenduo aus Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und ihrem Co-Parteichef Robert Habeck.
Gehen gestärkt in den Wahlkampf: Das grüne Spitzenduo aus Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und ihrem Co-Parteichef Robert Habeck. © Kay Nietfeld/dpa

Berlin. Nach mehr als drei Wochen voller Widrigkeiten hat Annalena Baerbock Grund zum Jubel: Eine Riesenmehrheit von 98,55 Prozent der Online-Delegierten bestätigt sie als erste grüne Kanzlerkandidatin. In der gleichen Abstimmung votieren die Grünen auch für das gemeinsame Wahlkampf-Spitzenduo aus Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck, bei sechs Gegenstimmen und vier Enthaltungen. Das «wahnsinnige Ergebnis», für das Baerbock sich bedankte, gilt also beiden Parteichefs gemeinsam.

«Wir haben uns 40 Jahre darauf vorbereitet, mit allen Ecken und Kanten», unterstreicht Baerbock. «Jetzt ist der Moment, unser Land zu erneuern, und alles ist drin.» Die Grünen sehen eine historische Chance in der Bundestagswahl Ende September, Baerbock spricht von der «Freude an der Verantwortung». Vom «Duell mit der Union» reden die Grünen dieser Tage gern. Die SPD wäre zwar ein willkommener Koalitionspartner, findet aber kaum Erwähnung.

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Erstmals scheint selbst das Kanzleramt in Reichweite zu rücken. Als der Vorstand Baerbock Mitte April nominierte, überholten die Grünen die Dauer-Regierungspartei Union zeitweise sogar in den Umfragen. Das ist vorerst vorbei. 20 bis 22 Prozent erzielt die Ökopartei derzeit - gegenüber 27 oder 28 Prozent für die Union. Anlässe dafür haben die Grünen unter anderem mit nachgemeldeten Sonderzahlungen und Korrekturen an Baerbocks Lebenslauf zuletzt selbst genügend geliefert.

Was kommt nach der Corona-Krise?

Die Grünen stärken ihr dennoch den Rücken und Baerbock dankt es ihnen und gesteht Fehler ein. "Eure volle Solidarität zu spüren. Robert, Dich da an meiner Seite zu wissen. Das hat Kraft gegeben und volle Power - und dafür herzlichen Dank." Für Stimmung im Saal beim Online-Parteitag sorgen hundert Neu-Grüne aus Berlin, die Baerbocks 45-minütige Rede immer wieder mit enthusiastischem Applaus unterbrechen. Dass die Umjubelte dennoch mit einem herzhaften "Scheiße" von der Bühne schreiten wird - ihr Mikrofon ist noch an - liegt nach Angaben ihres Umfelds an einem Versprecher, bei dem sie neu ansetzen muss.

Die Partei mit der kleinsten Fraktion im Bundestag hofft auf die Führung und begründet das auch mit der fortschreitenden Erderwärmung, gegen die bisherige Regierungen zu wenig unternommen hätten. "Die große Aufgabe unserer Zeit" nennt es Baerbock und zieht einen Vergleich zum Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der friedlichen Revolution in Ostdeutschland und der europäischen Einigung. "Wir sind Schritt für Schritt vorwärts gekommen, weil Menschen Neues gewagt haben."

Doch vor allem reicht sie in ihrer Rede jenen die Hand, die den ökologischen Umbau des Landes nicht mit gleicher Begeisterung verfolgen wie die eigene Klientel, die häufig in Städten lebt, einen Uni-Abschluss hat und nicht schlecht verdient. "Was wird kommen, wenn die Krise geht?", fragt Baerbock mit Blick auf die Pandemie und wirbt für einen neuen Aufbruch.

Die Rede wird sehr persönlich

"Wir brauchen jetzt die Zuversicht des Handelns." Wenn sie "Wir" sage, seien damit nicht nur die Mitglieder der eigenen Partei gemeint, sondern "mit 'Wir' meine ich jeden Bürger und jede Bürgerin", unterstreicht Baerbock. "Lasst uns aus diesem Umbruch einen Aufbruch machen, und zwar für alle. Für die Pendlerin, für den Stahlarbeiter, für den Handwerker und für alle Menschen in unserem Land."

Baerbock spricht viel über Soziales, betont den Willen ihrer Partei, auch die Verlierer des Wandels aufzufangen, mit "klimagerechtem Wohlstand" und "Sicherheit im Übergang". Die Grünen wollten Menschen mit kleinem Einkommen und geringem CO2-Ausstoß entlasten. Die Attacken auf die Grünen als Verbotspartei pariert sie als vorgeschoben. Der Union wirft sie vor, immer nur dann an Menschen mit niedrigem Einkommen und Mini-Renten zu erinnern, wenn es darum gehe, gegen ambitioniertere Klimaschutz-Maßnahmen zu argumentieren. "Niemand hindert die Union daran, endlich den Mindestlohn auf zwölf Euro anzuheben."

Die Rede der nun auch offiziell bestätigten Kanzlerkandidatin ist ein Ritt durchs grüne Wahlprogramm, aber sie wird auch persönlich. Berichtet vom Tod der Schwester ihrer Mutter, als die noch ein Kind war. Die Mutter hätte die Schule als lernschwach verlassen sollen. Gespräche mit einem Kinderpsychologen hätten geholfen.

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Es gelte, die Menschen aufzufangen, zu helfen, will Baerbock damit sagen. "Jeden Einzelnen zu sehen und zu hören und gleichzeitig das große Ganze im Blick zu behalten und dem Wohle aller zu dienen. Das ist unser Kompass." Die eigene Partei weiß sie hinter sich - ob sie auch die Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen kann, wird die Bundestagswahl zeigen. (dpa)

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