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"Wir müssen unsere Selbstgerechtigkeit ablegen"

Ex-Bundesminister Thomas de Maizière sieht viele Gründe für das schlechte Abschneiden der Meißner CDU zur Wahl. Er sagt: Am Kandidaten lag es nicht.

Zwischen diesen beiden Thomas de Maizières liegen zwölf Jahre. Das Plakat ist aus dem Jahr 2009. Zu seiner ersten Kandidatur für den Bundestag erreichte de Maizière ein Ergebnis von 45,2 Prozent. 2013 steigerte er sich auf 53,6 und 2017 waren es 34,1.
Zwischen diesen beiden Thomas de Maizières liegen zwölf Jahre. Das Plakat ist aus dem Jahr 2009. Zu seiner ersten Kandidatur für den Bundestag erreichte de Maizière ein Ergebnis von 45,2 Prozent. 2013 steigerte er sich auf 53,6 und 2017 waren es 34,1. © Klaus-Dieter Brühl

Herr de Maizière, wie haben Sie den Wahlabend erlebt?

Diesmal ganz privat. Ich saß gemeinsam mit meiner Frau vor dem Fernseher und vor dem Computer. Zu einer Wahlparty bin ich nicht gegangen. Ich habe mit Sebastian Fischer, dem CDU-Direktkandidaten für den Landkreis Meißen, telefoniert.

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Was haben Sie ihm gesagt?

Dass er sich nicht entmutigen lassen soll, nicht den Kopf in den Sand stecken soll. Er und die Meißner CDU haben nicht viel falsch gemacht. Sie mussten gegen einen übermächtigen Trend ankämpfen, einen generellen Trend gegen die CDU. Das Meißner Ergebnis weicht nicht vom Landesergebnis ab.

Haben Sie ihm den Rücktritt als CDU-Kreisvorsitzender empfohlen?

Am 4. Oktober ist eine Kreisvorstandssitzung. Ich habe ihm empfohlen, das Ergebnis erst einmal sacken zu lassen und über mögliche Schritte ein paar Tage nachzudenken.

Was sagen Sie zu Ihrer Nachfolgerin als direkt gewählte Bundestagsabgeordnete, Barbara Lenk von der AfD?

Als Demokrat gratuliere ich ihr zum Wahlsieg, wünsche viel Erfolg beim Vertreten der Interessen des Wahlkreises in Berlin. Ihr Ergebnis ist aber sogar etwas schlechter als das der AfD 2017. Es war keine Personalwahl, sondern eine Wahl für die AfD.

Sie haben keine Vorwürfe an die Meißner CDU oder an Sebastian Fischer?

Nein, sie haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Sebastian Fischer hat gut gekämpft.

Falls Sie anstelle Fischers wieder angetreten wären, hätten Sie es gegen die AfD wieder geschafft?

Vielleicht hätte ich es geschafft, eventuell aber nur ganz knapp. Vielleicht aber auch nicht. Viele bekannte CDU-Kandidaten in Ostdeutschland haben jetzt ihren Wahlkreis verloren.

Warum ist die AfD in der Region so stark?

Sie ist nicht aus sich heraus stark. Es geht ihren Wählern nach wie vor um Protest, vor allem gegen die CDU. Dies hat sowohl ostdeutsche als auch gesamtdeutsche Gründe. Viele haben nach 16 Jahren den Eindruck, jetzt sollten mal andere ran. Der Nimbus der CDU, besonders gut mit dem Staat umgehen zu können, der hat gelitten. Bei uns in der Region kommt noch hinzu, dass viele AfD-Wähler eine Art Aversion gegen westliche Dominanz haben, gegen Auswüchse der Modernität, gegen die Energiepolitik und die Bürokratie. Die Ursachen liegen also tiefer und nicht unbedingt in der Region.

Kann es sein, dass die Linke ihr Thema Ost-Identität an die AfD verloren hat?

Das stimmt tatsächlich, obwohl viele Galionsfiguren der AfD aus dem Westen kommen. Doch das ist keine Kompetenz. Niemand glaubt, dass die AfD z. B. ein gutes Konzept für eine Rentenreform hat. Es ist eher ein Ausdruck einer aus Unsicherheit und Wut und Ärger gespeisten Unzufriedenheit. Das sieht man auch daran, dass es bei der AfD übrigens völlig egal ist, woher die Kandidaten kommen oder was sie können. Sie werden nur aus dem einen Grund gewählt, weil sie von der AfD kommen. Das sieht man in allen ostdeutschen Ländern.

Vielleicht ist Tino Chrupalla in Görlitz eine Ausnahme?

Er ist nicht ungeschickt, ist ja auch Co-Bundesvorsitzender der AfD. Er schwankt zwischen einem bürgerlichen Auftreten und inhaltlicher Nähe zum extremen Höcke-Flügel.

Wie kann die CDU wieder stärker werden?

Jetzt ist Demut und In-sich-Gehen gefragt. Wir sollten diese Wahl genauer analysieren. Wie kommt es, dass Erstwähler vor allem FDP oder Grüne wählen? Warum verlieren wir eine so treue Wählerschaft wie die Menschen über 60? Da haben wir viel an die SPD verloren. Wir müssen eine gewisse Selbstgerechtigkeit und Wehleidigkeit ablegen. Das Thema Ostdeutschland muss anders angepackt werden, nicht so wie von der AfD und nicht so wie von der Linken früher, sondern in einer neuen, frischen, offenen Weise. Ich rechne jetzt mit einer Ampel-Koalition.

Wäre das auch ihre Empfehlung für Bundes-CDU und Armin Laschet?

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Nein. Ehemalige sollten keine Empfehlungen geben und schon gar nicht so kurz nach der Wahl. Wir müssen auch schauen, was das alles für die Landtagswahlen in drei Jahren in Sachsen heißt. Noch mal zusammengefasst: Wir hier im Landkreis Meißen liegen voll im Durchschnitt. Es gibt keinen negativen Fischer-Effekt. Das wird ihn nicht trösten, ist aber so.

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