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"Wir sind ein blauer Fleck auf der Landkarte"

Die neue Sächsische Kinderbeauftragte Susann Rüthrich aus Klipphausen freut sich über ihre SPD. Aber sie macht sich auch Sorgen um den Landkreis Meißen.

Von Ulf Mallek
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Gab ihr Bundestagsmandat auf und wird Sächsische Kinderbeauftragte: Susann Rüthrich (SPD) aus Klipphausen. Dass die SPD im Landkreis Meißen zweitstärkste Partei wurde, freut sie sehr.
Gab ihr Bundestagsmandat auf und wird Sächsische Kinderbeauftragte: Susann Rüthrich (SPD) aus Klipphausen. Dass die SPD im Landkreis Meißen zweitstärkste Partei wurde, freut sie sehr. © Ronald Bonß

Frau Rüthrich, die SPD im Landkreis Meißen ist zur Bundestagswahl – gemessen an den Zweitstimmen – knapp vor der CDU zweitstärkste Partei geworden. Hätten Sie das erwartet?

Das freut uns wirklich sehr. Es zeigt ja auch, dass es sich lohnt, optimistisch zu bleiben und den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Erwartet habe ich das Ergebnis vielleicht nicht, aber darauf gehofft schon. Unsere politischen Angebote haben gestimmt. Und das zeigt sich an den Ergebnissen.

Woher kommt die plötzliche Stärke der SPD?

Da kam vieles zusammen. Die frühzeitige Benennung des Kanzlerkandidaten war richtig. Wir haben ein Jahr lang an dem Wahlprogramm geschrieben. Ich selbst habe am Papier zur Kindergrundsicherung mitgearbeitet. Generalsekretär Lars Klingbeil hat eine starke Kampagne gezaubert. Hinzu kam, dass andere ins Straucheln geraten sind. Auch im Landkreis Meißen war den Wählern klar, wenn sie Olaf Scholz als Kanzler wollen, müssen sie SPD wählen.

Sie waren seit 2013 Mitglied des Bundestages und haben auf eine erneute Kandidatur verzichtet. Für Sie trat Stephanie Dzeyk an. Was sagen Sie zu ihrem Ergebnis?

Sie ist inhaltlich sehr stark und eine supertolle Person. Die Stimmung für uns wurde besser - und das gab ihr auch Rückenwind.

Allerdings hatte Frau Dzeyk als Ersatzfrau keinen Platz auf der Liste und der Landkreis Meißen somit keinen SPD-Bundestagsabgeordneten mehr. Wer vertritt die Interessen der Meißner SPD-Wähler jetzt?

Wir haben ja jetzt doppelt so viele Abgeordnete aus Sachsen im Bundestag wie bisher. Bislang hatte ich den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie die Stadt Dresden mit betreut. Jetzt wird ein anderer von unseren acht Abgeordneten den Landkreis Meißen als Betreuungswahlkreis übernehmen. Wer genau das ist, wird unsere Landesgruppe entscheiden.

Haben Sie Ihr Reichstag-Büro in Berlin schon ausgeräumt?

Meine persönlichen Sachen sind zu Hause angekommen. Vorige Woche kam die letzte Kiste an. Das Büro ist aber jetzt Dreh- und Angelpunkt für die neuen Kolleginnen und Kollegen. Sie haben ja noch kein eigenes Büro. Sie nutzen jetzt mein Büro bis ihres fertig ist. Da ist jetzt viel mehr los als früher. Ich hatte im Bundestag zwei Mitarbeiter. Sie werden jetzt bei unseren neu gewählten Abgeordneten beschäftigt sein.

Die Büros in Meißen und Dresden sind übergeben. Die zwei Mitarbeitenden sind im Oktober noch da und gehen dann langsam in den Ruhestand. Mitarbeitende von Abgeordneten haben immer nur befristete Arbeitsverträge. Das wissen sie, wenn sie den Job antreten. Denn die Arbeit der Abgeordneten ist ja auch nur befristet.

Was sagen Sie zum Rückzug des langjährigen Landesvorsitzenden Martin Dulig und den beiden neuen Vorsitzendenden Kathrin Michel und Henning Homann?

Beide kenne ich gut und mag sie sehr. Ich freue mich total über diese neue Doppelspitze. Gern erinnere ich mich jetzt an diese Aufbruchstimmung vor 12 Jahren. Es war eine tolle Zeit mit Martin. Sie hat ihn viel Kraft gekostet. Neben dem Ministeramt und der Tätigkeit als Landtagsabgeordneter führte er ja auch noch ehrenamtlich die sächsische SPD. Das ist schonviel Arbeit. Martin ist mein persönlicher Freund und ich bin ihm sehr dankbar. Wir haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Vielleicht hat er jetzt mehr Zeit für ein schönes Buch oder fürs Fahrradfahren.

Im Landkreis Meißen ist die AfD immer noch die stärkste politische Kraft. Woran liegt das?

Es gibt da nicht nur einen Grund. Zum Glück ist die AfD nicht stärker geworden. Aber die Union ist deutlich schwächer geworden. Das ist das eigentliche Problem. Jetzt ist unser Landkreis auch ein blauer Fleck auf der Landkarte. Das bedauere ich sehr. Offenbar fühlen sich viele Menschen von einer in Teilen rechtsextremen Partei repräsentiert. Für den Landkreis ist es jetzt nicht ganz leicht, sich in Berlin eine konstruktive Stimme zu verschaffen. Die Wähler sollten die neu gewählte Direktkandidatin an ihren Taten messen, nicht an Twitter-Posts. Ich selbst hatte mit Thomas de Maizière vieles abgesprochen und wir haben gemeinsam in Berlin für den Landkreis Meißen gehandelt.

Warum ist die CDU aktuell so schwach?

Sie erzählt immer nur, was alles nicht geht. Keine Steuererhöhung, keine Windräder - das ist doch kein Zukunftsprogramm. Die CDU hat ein inhaltliches Problem. Wo soll die Reise hingehen? Ich wünsche dem demokratischen Konkurrenten, dass er sich sortiert und wieder Ideen entwickelt. Auch, wenn wir die dann kritisieren.

Sie sollen ab 1. November Sächsische Kinderbeauftragte werden. Was genau für ein Job ist das?

Landeskinderbeauftragte ist eine neue Aufgabe in Sachsen. Es geht um Kinderrechte und Kinderschutz über die Ressortgrenzen hinweg. Das möchte ich vorantreiben. Viele Gesetze gegen Gewalt gegen Kinder z. B. müssen auf Landesebene umgesetzt werden.

Sie wohnen in Gauernitz und wollten mit dem Fahrrad zur neuen Arbeit fahren. Bleibt es dabei?

Ja, ich habe mir ein E-Bike gekauft, aber musste es wegen Mängeln zurückschicken. Hoffentlich kommt bald das neue. Wenn es nicht gerade schneit oder stürmt, fahre ich mit dem Rad. Na klar.

Das Gespräch führte Ulf Mallek.