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Kampf ums Kanzleramt: Endspiel um die Macht

Laschet scheint geschlagen, Scholz darf sich als Sieger fühlen. Doch eigentlich ist nur eines klar: Kanzler wird, wer eine Koalition schmieden kann. Eine Analyse.

Als Olaf Scholz im Atrium des Willy-Brandt-Hauses auf die Bühne tritt, feiert ihn das Publikum minutenlang mit rhythmischem Klatschen. Junge Genossen skandieren „Olaf, Olaf, Olaf!“
Als Olaf Scholz im Atrium des Willy-Brandt-Hauses auf die Bühne tritt, feiert ihn das Publikum minutenlang mit rhythmischem Klatschen. Junge Genossen skandieren „Olaf, Olaf, Olaf!“ © dpa

Von Maria Fiedler, Hans Monath und Robert Birnbaum

Sie haben gebangt, sie haben gehofft, und dann das! „Wir können mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, und trotzdem“, sagt Armin Laschet im Konrad-Adenauer-Haus vor jubelnden Anhängern, „es wird ein langer Abend.“ Kurz darauf tritt Olaf Scholz im Willy-Brandt-Haus vor noch viel lauter jubelnde Anhänger. „Natürlich freu’ ich mich über das Wahlergebnis“, sagt der SPD-Kanzlerkandidat. Allerdings: „Das wird ein langer Abend.“ Laschet strahlt über beide Backen, Scholz’ Freude wirkt wie meistens nüchterner. Es liegt diesmal aber nicht nur am Charakterunterschied zwischen Rheinländer und Hanseat. An diesem Wahlabend beginnt ein völlig neues Spiel ums Kanzleramt. Und beide Kandidaten wissen das.

Der Grund ist vergleichsweise simpel: Die Wähler haben sich nicht ganz an die Umfragen gehalten. Laschets Union hat aufgeholt, die SPD hat nicht nennenswert zugelegt. Als die Balken auf den Fernsehschirmen Punkt 18 Uhr nach oben wandern, bleiben sie bei beiden Volksparteien ungefähr auf gleicher Höhe stehen – Gleichstand meldet die ARD, leichten SPD-Vorsprung das ZDF.

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In der CDU-Zentrale herrscht in dem Moment noch Totenstille. Dann folgen die anderen Balken. Die Grünen bleiben auf niedrigem Niveau. Die Linke kratzt an der Fünf-Prozent-Hürde. Kurzer Moment zum Nachrechnen, dann erst bricht der Jubel los. Rot-Grün-Rot hat keine Mehrheit! Und damit ist klar: Egal, was an diesem Abend noch mit den Zahlen passiert – Laschet bleibt im Endspiel um die Macht.

Um das zu verstehen, muss man nur ein paar Minuten später Alexander Dobrindt zuhören, Markus Söders Statthalter im Bundestag. Nur vom Platz eins aus, hatten der CSU-Vorsitzende und der Landesgruppenchef seit Wochen verkündet, nur als Erster also könne der Unionskandidat überhaupt daran denken, in Koalitionsverhandlungen zu gehen.

Alexander Dobrindt (CSU) verkündet im Jakob-Kaiser-Haus die Bereitschaft zu Koalitionsverhandlungen.
Alexander Dobrindt (CSU) verkündet im Jakob-Kaiser-Haus die Bereitschaft zu Koalitionsverhandlungen. © dpa

Jetzt räumt Dobrindt die Hürde mit ein paar knappen Worten ab. Das habe nur in Bezug auf eine Lage gegolten, in der Rot-Grün-Rot möglich gewesen wäre. Ist es aber nicht. Und deshalb gilt ab jetzt: „Wir sind gesprächsbereit.“

Wer das etwas verwirrend findet, muss wissen, dass Söder vor dem Wahltag eine simple Rechnung aufgemacht hatte. Wenn die SPD vorne läge und Rot-Grün-Rot theoretisch denkbar wäre, hätte Scholz ein Druckmittel gegen die FDP in der Hand gehabt. Dann hätte Christian Lindner noch so sehr versichern können, dass er einen Jamaika- Bund mit Union und Grünen besser fände – bevor es zum Linksbündnis gekommen wäre, glaubten sie in der CSU, hätte sich der FDP-Chef achselzuckend in ein Ampel-Bündnis eingefügt.

Doch Lindner ist jetzt nicht mehr erpressbar. Ob Grüne und Liberale mit Scholz ein Ampel-Bündnis eingehen oder mit Laschet einen Jamaika-Bund, ist ab jetzt Verhandlungssache auf Augenhöhe. Das sei, wird Laschet später in der „Berliner Runde“ der Parteichefs befriedigt feststellen, nun mal die Verfassungslage: Nicht der Erste wird automatisch Kanzler, sondern der, der eine Koalitionsmehrheit zustande bekommt. Denn sonst, merkt Sachsen-Anhalts Regierungschef Rainer Haseloff in einem Fernsehstudio an, wären Willy Brandt und Helmut Schmidt auch nie Kanzler geworden.

„Das war eine große Aufholjagd“

In den Hinterzimmern der CDU packen die Brutusse vorläufig ihre Messer ein. Die CDU hat das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren, ja. Ihr Spitzenkandidat war in den eigenen Reihen so unbeliebt wie bei den Wählern der anderen, gewiss. Noch während Laschet unten auf der Tribüne steht, schüttelt ein älterer Herr im dunkelblauen Sakko an der Balustrade im ersten Stock ein ums andere Mal den Kopf. „Der hat einfach nicht das Kanzler-Gen“, sagt der Mann. Er ist CDU-Mitglied, aber den Scholz findet er sympathisch. „Der ist doch wie die Merkel, hat nur ein anderes Parteibuch.“

Aber so sehr der eine oder andere bestimmt Lust hätte, Laschet seinen verbockten Wahlkampf vergelten zu lassen – an diesem Abend wird nichts draus. Und an vielen langen Abenden, die jetzt kommen, auch nicht. „Das war eine große Aufholjagd“, sagt unten Laschet auf dem Podium. „Deshalb werden wir jetzt alles daran setzen, eine Bundesregierung unter Führung der Union zu bilden.“

Markus Söder (links) fand am Abend doch noch freundliche Worte für Armin Laschet.
Markus Söder (links) fand am Abend doch noch freundliche Worte für Armin Laschet. © dpa-POOL

Die Kanzlerin steht übrigens auch da unten auf dem Podium inmitten der halben CDU-Spitze. Laschet dankt ihr als erster, noch vor seinen Wählern: „Das waren 16 gute Jahre für Deutschland.“

Es waren vor allem zuletzt drei gute Tage für ihn selbst. In Stralsund und beim gemeinsamen Wahlkampfabschluss in München hat Angela Merkel den wankenden Kandidaten unterstützt, zuletzt am Samstag in seiner Heimatstadt Aachen. So wie damals 2017, als er tags darauf die Wahl in NRW gewann, gegen die Umfragen. Laschet ist ja als überzeugter Katholik eher nicht abergläubisch. Aber als gutes Omen genommen hat er die Wiederholung schon.

Jubel bei den Sozialdemokraten

Womöglich hat Merkels Einsatz ihn wirklich gerettet. Oder vielleicht auch der taktische Schwenk weg vom Schlafwagen-Wahlkampf hin zur Attacke gegen eine angeblich unmittelbar drohende linke Gefahr. Jedenfalls hat er es erst mal geschafft. Sogar Söder redet plötzlich freundlich über ihn. „Ich habe großen Respekt vor Armin Laschet“, sagt der Bayer in der Fernsehrunde. „Ihm ist viel, wie ich finde, Unrecht widerfahren.“

Drüben bei der SPD wollen sie von langen Nächten und Sondierungsraffinessen erst mal wenig hören. Die Sozialdemokraten wollen einfach nur jubeln.

Als Olaf Scholz mit seiner Frau Britta Ernst und den Parteichefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans eine Minute nach sieben im Atrium des Willy-Brandt-Hauses auf die Bühne tritt, feiert ihn das Publikum minutenlang mit rhythmischem Klatschen. Junge Genossen skandieren „Olaf, Olaf, Olaf!“

Der Gefeierte jubelt nicht mit und klatscht nicht mit. Nur die Augen des Kanzlerkandidaten strahlen. Er presst die Lippen aufeinander, die Mundwinkel zucken, als arbeite etwas in ihm. So sieht Scholz aus, wenn er gerührt ist.

Olaf Scholz war die Rührung kaum anzumerken.
Olaf Scholz war die Rührung kaum anzumerken. © dpa

Nach der ersten Prognose im Fernsehen war der Applaus in der SPD-Parteizentrale noch kurz ausgefallen. Gemessen an den Umfragen, in denen Scholz den Konkurrenten Laschet wochenlang auf Distanz gehalten hatte, erschien der Vorsprung jetzt vielen zu unsicher. Später sieht es besser aus. Die SPD rückt langsam vor CDU und CSU.

So zurückhaltend Scholz mit dem Jubeln ist, so vorsichtig formuliert er seinen Anspruch auf die Regierungsbildung. Die Bürger hätten entschieden, dass „die sozialdemokratische Partei bei allen Balken nach oben geht, bei der CDU und CSU nach unten“. Sie wollten also, dass es einen Wechsel gebe, dass „all das, was wir versprochen haben, auch umgesetzt wird“ und dass er, Olaf Scholz, Kanzler werde. „Jetzt warten wir das endgültige Wahlergebnis ab, aber dann machen wir uns an die Arbeit.“

Aber vorher, wie gesagt, wollen sie feiern. „Das ist ein historischer Moment für die SPD“, sagt Parteichefin Esken. Ihr Co-Chef Walter-Borjans macht den Entertainer: „Wir wollen jetzt bald und schnell feiern, wir haben allen Grund dazu.“ Denn für die SPD gelte an diesem Abend: „Wir sind wieder da.“

Ganz weggewesen war die älteste demokratische Partei in Deutschland nie, aber an diesem Wahlabend endet eine lange, lange Leidensstrecke. Seit Merkel 2005 ins Kanzleramt eingezogen war, hatte es bei Bundestagswahlen hier nichts mehr zu feiern gegeben. Die Statue des Namensgebers im Atrium, 3,40 Meter hoch, halbtonnenschwer, musste seither immer wieder als Symbol herhalten: die linke Hand in der Hosentasche, die rechte in die Luft gehoben, der Zukunft entgegen. Geholfen hat das seit fast zwei Jahrzehnten nichts. Alle mussten sie geschlagen von dannen ziehen: Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Martin Schulz.

Auf all diese Sozialdemokraten, die zwölf der 16 Jahre mit ihr zusammen regiert hatten, hatte die Kanzlerin einen großen dunklen Schatten geworfen. Doch an diesem Wahlabend endet Merkels Zeit als Abgeordnete und gewählte Kanzlerin. Und zum ersten Mal wäre Willy Brandt mit den Nachfolgern wohl zufrieden. Wer vor zwei Jahren vorausgesagt hätte, dass der Hobby-Ruderer Scholz auch nur in Schlagweite des Kanzleramts kommt, konnte des allgemeinen Spotts sicher sein. Noch vor wenigen Wochen schien die SPD festgenietet zu sein bei erbärmlichen 15 Prozent.

Endspiel um die Macht

Gut zehn Prozent mehr sind es jetzt. Scholz versucht daraus einen Vorteil abzuleiten: Die SPD hat massiv zugelegt, die Union hat massiv verloren - also, wer hat den ersten Anspruch? Laschets Aufzeigen erklären SPD-Strategen schon mal für absurd: Der werde scheitern,

Aber Scholz weiß bei nüchterner Betrachtung selbst, wie kurzlebig solch ein psychologischer Vorteil ist. Was die Öffentlichkeit dem Verlierer zutraut oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Das Endspiel um die Macht wird hinter verschlossenen Türen gespielt, in vertraulichen Runden, am Telefon.

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Sie werden zugleich die FDP umwerben. Lindner zeigt sich geschmeidig: „Die Bürgerinnen und Bürger wollen ein Bündnis aus der Mitte heraus.“ Sein Vize Wolfgang Kubicki sagt es handfester: „Wenn wir die Ampel ausschließen und die Grünen Jamaika ausschließen, müssten wir uns ein neues Volk wählen.“ Alles eine Frage des Preises also.

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