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Neustadt: Bestseller-Autorin ist Star des Wahlkampfs

Der Verein Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital liest Politikern die Leviten. Das wollten sich nicht alle Direktkandidaten anhören.

Bestseller-Autorin Kerstin Linnartz moderierte das Wahlforum in Neustadt, hier im Gespräch mit Lebenshilfe-Vorstand Ralf Thiele sowie Bundestagskandidaten.
Bestseller-Autorin Kerstin Linnartz moderierte das Wahlforum in Neustadt, hier im Gespräch mit Lebenshilfe-Vorstand Ralf Thiele sowie Bundestagskandidaten. © Lebenshilfe/Ego.Studio

Im Reigen der Wahlforen lud der Verein Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital alle Direktkandidaten für den Bundestag aus dem Landkreis ein und fuhr dabei ganz groß auf. Durch den Abend führte die Fernseh-Moderatorin und Bestseller-Autorin Kerstin Linnartz, die extra aus Berlin angereist war. Ein vielköpfiges Fernsehteam von Sachsen-TV sorgte mit einem halben Dutzend Kameras für eine professionelle Übertragung der Debatte im Livestream ins Internet. Begrüßt wurden alle Gäste mit Häppchen und Getränken.

Der Lebenshilfe-Verein wollte aber viel mehr, als nur einen guten Eindruck machen. Das wurde schnell deutlich, denn Vorstandsvorsitzender Ralf Thiele brachte sich angriffslustig in die Diskussion mit ein.

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In den Werkstätten in Neustadt sollte es um Pflege sowie Kinder- und Jugendhilfe gehen, um alle Menschen mit Handicap. Ein solches hatten aber gleich mal vier der elf eingeladenen Kandidaten im Landkreis anzumelden. Sie sagten aus terminlichen Gründen ab. So kam es nicht zu dem von vielen erhofften Zusammentreffen der beiden aussichtsreichen Kandidaten Steffen Janich (AfD) und Corinna Franke-Wöller (CDU).

Auch Dirk Jahn (FDP) und Roberto Mauksch (Basis) sagten ab. Stattdessen hatten die Veranstalter Schilder mit den Porträts der vier mit aufs Podium gestellt. Niemand soll in dieser Gesellschaft vergessen werden - ein Credo der Lebenshilfe.

Persönliche Erfahrungen der Kandidaten

Thiele und Linnartz machten auf Defizite aufmerksam, die dringend einer politischen Lösung bedürfen. Damit stießen sie in der Runde erwartungsgemäß auf Verständnis. Thiele nutzte gleich mal die Chance, den anwesenden Politikern die Leviten zu lesen. Er hatte bislang vergeblich gehofft, dass die Politik mal ohne Einladung zur Lebenshilfe kommt.

Bundestagsabgeordneter André Hahn (Linke) wies den anklingenden Vorwurf des Desinteresses von sich. Er sei sehr wohl mit Sozialverbänden im Gespräch, gerade erst wieder bei den Johannitern. Auch Klaus Brähmig (parteilos) verteidigte sich und erzählte, dass er 2017 ein Praktikum beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) gemacht hat. Das hätte ihm noch mal die Augen für diese soziale Arbeit geöffnet.

Erstaunlich war, dass fast jeder einen persönlichen Bezug zur Pflege hat, obwohl nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung Beeinträchtigungen haben. Christoph Fröse (Freie Wähler) ist besonders nah dran am Thema. Er und seine Frau haben eine Tochter mit Pflegegrad 5. Ihm brauche niemand zu sagen, dass Pflege immer ein Thema in der Politik sein sollte. Auch wenn er nicht gewählt werden sollte, werde er Schirmherr eines Sportfestes für Menschen mit Beeinträchtigung in Dippoldiswalde bleiben.

Mindestlohn und Pflegegeld

Zu einem kurzen Streitgespräch kam es, als es um die Einführung eines Mindestlohns auch in Behindertenwerkstätten ging. SPD-Kandidat Fabian Funke kämpfte vehement dafür, "weil es eine Wertschätzung der Arbeit" darstelle. Zudem verwies er auf die Fortschritte durch das Bundesteilhabegesetz, das die SPD mit vorangetrieben habe.

Für Bundestagskandidatin Helga Queck (parteilos) sollte es auch eine Wertschätzung über Geld hinaus geben. Wer solch einen Dienst an der Gesellschaft tut, sollte von der Gemeinschaft etwas zurückgekommen, etwa in Form von freiem Eintritt in Schwimmbäder oder kulturelle Einrichtungen. Dirk Zimmermann (ÖDP) nutzte die Gelegenheit, auf das Pflegegehalt für Familienangehörige aufmerksam zu machen, das seine Partei einführen will. So könnten Rentenpunkte erworben werden. "Das würde zudem Pflegedienste entlasten", sagt er.

Nino Haustein (Grüne) verwies darauf, dass nur dank der Hartnäckigkeit seiner Partei sowie der Linken und der FDP, die vor dem Verfassungsgericht klagten, jetzt überhaupt erst alle Menschen - auch mit Beeinträchtigungen - den Bundestag wählen dürfen.

Die Diskussion im Netz wurde bis jetzt schon mehr als 600-mal aufgerufen. Das Video ist auch weiterhin auf der Homepage der Lebenshilfe oder auf Facebook verfügbar.

Um die Wahlversprechen mal abzuklopfen, hatte sich die Lebenshilfe vorgenommen, 100 Tage nach der Wahl noch mal mit allen Kandidaten ins Gespräch zu kommen, insbesondere mit dem dann gewählten. Ob der oder die am Montag in Neustadt dabei war, muss sich erst noch entscheiden.

Die Moderatorin aus Berlin

Kerstin Linnartz moderierte unter anderem die Sat 1-Sendung "Blitz" und Sendungen wie „Million Euro Challenge“, „Beat the stars“ sowie Live-Übertragungen von WM-Boxkämpfen. (1/3)

Eine ganz besondere Beziehung hat sie zum Yoga. Jahrelang war Indien ihr Winterwohnsitz. Sie schrieb mehrere Bücher zum Thema Yoga, was sie zur Bestseller-Autorin machte. (2/3)

Die 45-Jährige machte eine Ausbildung zur Fernsehjournalistin beim Sender NBC Europe, kann in Deutsch und Englisch moderieren und lebt in Berlin. (3/3)

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  • Das letzte Wahlforum mit den chancenreichsten Kandidaten findet am Donnerstag, 16. September, ab 19 Uhr, in der Jacobi-Kirche Neustadt, Kirchplatz 1, statt. Die Veranstalter, die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, weisen darauf hin, dass für eine Teilnahme vor Ort die 3G-Regel gilt und ein entsprechender Nachweis sowie ein Personaldokument mitzubringen sind. Die Sächsische Zeitung ist Kooperationspartner der Veranstaltung.

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