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Kipping: "Dass wir so bibbern müssen, ist schmerzhaft"

Die Linken mussten um den Einzug ins Parlament bangen. Für das schlechte Abschneiden nennt die Partei unterschiedliche Gründe.

Sachsens Spitzenkandidatin Katja Kipping (rechts) sieht den Grund für das schlechte Ergebnis in der Dominanz der Kanzlerkandidaten im Wahlkampf. Sachsens Linken-Landeschef Stefan Hartmann (links) sieht Handlungsbedarf.
Sachsens Spitzenkandidatin Katja Kipping (rechts) sieht den Grund für das schlechte Ergebnis in der Dominanz der Kanzlerkandidaten im Wahlkampf. Sachsens Linken-Landeschef Stefan Hartmann (links) sieht Handlungsbedarf. © Marion Doering

Dresden. Eigentlich sollte die Wahlparty der sächsischen Linken im rustikalen Saal des "Zeitgeists" steigen, Dresdens größter Kräuterkneipe im Stadtteil Pieschen. Doch das Wetter ist schön, die Masken lästig, also raus an die frische Luft in den Vorhof des Lokals, heißt es. Genossen im Anzug drängen sich dort neben leger gekleideten Jugendlichen mit gefärbten Haaren, hinter dem Fernseher zieren Parteiplakate die Wand des baufälligen Nachbarhauses.

Kurz vor Verkündung der ersten Wahlergebnisse tritt ein blauer Farbklecks aus der Efeu-umrankten Tür: Sachsens Spitzenkandidatin Katja Kipping bedankt sich bei den Parteigenossen für den Wahlkampf, bevor sie sich in die Menge mischt. Als die erste Prognose verkündet wird, regt sich wenig in Kippings Gesicht: Fünf Prozent der Zweitstimmen, die Linke hätte an der Fünfprozentklausel scheitern und deshalb aus dem Bundestag fliegen können. Allein der Sieg dreier Direktkandidaten in Leipzig und Berlin sichert ihr den erneuten Einzug - als kleinste Fraktion.

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Gebannte Blicke auf den Fernseher: Kann die Linke die fünf Prozent halten?
Gebannte Blicke auf den Fernseher: Kann die Linke die fünf Prozent halten? © Ove Landgraf

Leise Flüche fliegen durch den Vorhof, ein älterer Mann stöhnt laut, manche drehen sich weg, viele reagieren gar nicht. 4,2 Prozentpunkte verliert die Linke im Vergleich zur Wahl vor vier Jahren auf Bundesebene. Auch in Sachsen kommt die Partei laut vorläufigen Ergebnissen am frühen Sonntagabend nur auf 8 Prozent, vor vier Jahren waren es noch mehr als doppelt so viel. Doch die ehemalige Bundestags-Fraktionschefin Kipping reagiert gelassen, stellt sich erneut auf die drei Stufen vor Efeu und Tür und lässt ihre Stimme durch den Hof schallen. "Dass es so knapp ist und wir so bibbern müssen, ist schmerzhaft", sagt sie. Eine schwache Linke erhöhe die Gefahr, dass die Kosten der Corona-Pandemie auf die Arbeiter und die Armen abgewälzt werden. "Der Wahlkampf war ganz klar auf die Frage, wer Kanzlerin oder Kanzler wird, fokussiert. Ich hatte mir gewünscht, dass es weniger um die Personen geht."

"Eine herbe Niederlage"

"Das ist eine herbe Niederlage", sagt auch Sachsens Linke-Landeschef Stefan Hartmann. Vor allem sei es eine Niederlage der inhaltlichen Anliegen der Linken. "Wir müssen uns fragen, warum wir mit unserem Thema soziale Gerechtigkeit nicht die Adresse für den Willen zum Wechsel geworden sind."

Um die Ecke hat die Partei eine Hüpfburg aufgebaut, sie trägt maximal 85 Kilo. Ein einzelnes Kind sitzt davor. Hüpfen will gerade keiner. Im Saal bedienen sich die ersten Genossen am Buffet, setzen sich an die langen Tische, meist alleine, schweigen. Zumindest die linke Jugend lässt sich die Laune nicht verderben. "Wenn es noch sechs Prozent werden, sind wir glücklich", meint Benjamin Metzler, der mit Freunden an und auf einem Betontisch hinter der Parteizentrale sitzt. "Es kommen ja auch noch die Briefwählerstimmen, da sind bestimmt noch mal einige für uns dabei."

"Ob es nun 5,1 oder 4,9 Prozent werden, spielt für uns keine Rolle", meint dagegen Landeschef Hartmann. "Wir müssen schauen, wie wir unsere Themen zukünftig mehrheitsfähig machen. Und wir müssen in Sachsen schauen, dass wir auch außerhalb der großen Städte Themen setzen."

Zukünftig mehr auf's Land achten

Einer, der das versucht hatte, ist Silvio Lang. Der ehemalige Sprecher von "Dresden Nazifrei" trat den Wahlkampf für Dresden II und Bautzen II an, einem Wahlkreis, "zu dem Käffer gehören, deren Namen man nicht einmal aussprechen kann", so Kipping. Sollte die Linke aus dem Bundestag fliegen, stände auch für ihn eine berufliche Umorientierung an: Derzeit arbeitet er im Büro der Bautzner Linken-Bundestagabgeordneten Caren Lay. Das Ergebnis schockiere ihn jedoch nicht, sagt er. "Ich halte die Zuspitzung auf die Triell-Frage im Wahlkampf aber für unzulässig, wir wählen ja nicht den Bundeskanzler." Das Wahlprogramm der Linken sei nicht der Grund für die schlechten Ergebnisse, das sei so gut wie nie zuvor, meint er. "Entweder wir haben mit unseren Themen nicht die Themen der Menschen getroffen oder wir haben unser Programm nicht genügend kommuniziert. Diese beiden Möglichkeiten gibt es."

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Auch später am Abend bleibt weiter unklar, ob die Linke die Fünfprozenthürde nimmt oder doch noch an ihr scheitert. Im Vorhof des "Zeitgeist" ist die Depression einem lauen Sommernachtsfeeling gewichen. Gewissheit über die Ergebnisse bringt erst die Nacht. Einziges freudiges Ergebnis an diesem Abend: Der Wahlkreis Leipzig Süd geht erneut an den Linken-Direktkandidaten Sören Pellmann. Deutschlandweit bislang der einzige für die Linken.

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