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Der Ausdauer-Politiker von der Linkspartei

Christlich erzogen, Bundeswehrdienst, Studium der Rechtswissenschaften - Marko Schmidt überrascht als Politiker der Linken. Jetzt kandidiert er für den Bundestag im Kreis Görlitz.

Keine Erfindung der Linken, aber es klappt auch: Marko Schmidt gab am Görlitzer Bahnhof Pendlern einen Kaffee aus.
Keine Erfindung der Linken, aber es klappt auch: Marko Schmidt gab am Görlitzer Bahnhof Pendlern einen Kaffee aus. © Martin Schneider

Der erste Eindruck trügt nicht. Marko Schmidt ist ein sportlicher Typ. Das war schon in seiner Jugend so. Mehrmals in der Woche trainierte er, in seiner Schulzeit war er der Beste im Hoch- und Weitsprung seines Gymnasiums. Und seit er sich ein Rennrad angeschafft hat, erkundet er die Gegend per Velo, ein Auto hat er ohnehin nicht. Außer dem Vogtland und dem Erzgebirge ist er schon durch alle sächsischen Landschaften geradelt. Ausdauersport ist Marko Schmidts Hobby. Politik sein Beruf. Und auch da weiß er: "Politik ist Ausdauersport."

So versteht der 31-Jährige auch seine Kandidatur als Direktbewerber der Linkspartei im Landkreis Görlitz. Erstmals steht er am 26. September bei einer Bundestagswahl auf dem Stimmzettel. Erstmals bestreitet er einen Bundestags-Wahlkampf, erstmals ist er das Gesicht der Linkspartei kreisweit, 300-mal plakatiert. Und ganz klar: Er weiß darum, dass er weder den Wahlkreis direkt gewinnen wird noch, dass der Listenplatz zwölf ihm einen Sitz im Bundestag bescheren wird. Da müsste die Linkspartei 30 Prozent und mehr erreichen.

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Das halten selbst die größten Optimisten für unmöglich. Zumal die Linkspartei zuletzt nicht mehr an ihre Wahlergebnisse in den 1990er- und 2000er-Jahren anknüpfen konnte, als sie gute 20 Prozent holte im Landkreis, in ihrer Hochburg Weißwasser sogar noch etwas mehr.

Soziale Frage ist bei den Wählern wichtig

Und trotzdem sieht sich Schmidt nicht als Verlegenheitskandidat, sein Projekt ist langfristig angelegt. Er will über linke Politik reden. Und sein Ziel ist klar: Die Linkspartei soll nach dem 26. September regieren, in einer Koalition mit SPD und Bündnisgrünen. Er hält nichts von Weltverbesserung im Politikseminar, sondern viel davon mitzugestalten, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu verändern. Thüringen ist da ein Vorbild, weil Ministerpräsident Ramelow aus seiner Sicht zeigt, wie es gehen kann - und dass die Welt nicht untergeht, wenn die Linke (mit-)regiert.

Dass das fehlende Bekenntnis zur Mitgliedschaft Deutschlands in der Nato derzeit von der SPD als Gradmesser für die Regierungsfähigkeit der Linkspartei angesehen wird, kann Schmidt gut verstehen. Schon weniger, wenn die Grünen im Bund in diesen Tagen eher die Unterschiede zur Linkspartei betonen. Schmidt sieht eher die Gemeinsamkeiten für eine Koalition. Eine mögliche Regierungsbeteiligung ist das stärkste Wahlargument für die Linke, über die die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor ein paar Wochen schrieb, sie sei eine Partei, die niemand mehr brauche.

Marko Schmidt hat einen anderen Eindruck an seinen Wahlständen. Da kommen Menschen, die seit Jahrzehnten nur Hartz IV und jetzt eine kleine Rente erhalten, kritisieren die noch immer bestehenden Einkommens- und Rentenunterschiede zwischen Ost und West, fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse. Die Hartz-Sozialreformen der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder wirkten eben im Landkreis Görlitz als Abstieg für Tausende, weil es nicht die Jobs gab, von denen die Reform ausgegangen war und mit denen die Empfänger von Arbeitslosenhilfe aus dem System geholt werden sollten. Das System von Fordern und Fördern hinkte im Kreis Görlitz mit über 20.000 Hartz-IV-Empfängern. Zwar hat sich die Lage deutlich verändert. Doch viele, die jahrelang von der Stütze vom Amt lebten, erhalten nun Mini-Renten, von denen sie nur schwer leben können. Das Trauma der Hartz-IV-Reform, sagt Marko Schmidt, wirkt nach.

Umbruch hinterließ Spuren in Schmidts Familie

Was es bedeutet, mit kleinen Einkommen auszukommen, Wünsche aufzuschieben, das kennt er aus eigener Erfahrung. Die Umbrüche der Friedlichen Revolution haben auch in seiner Familie Spuren hinterlassen.

Geboren zwei Tage nach dem Mauerfall 1989 im Löbauer Krankenhaus, wächst er in Ebersbach/Neugersdorf auf. Sein Großvater, der im Steinbruch tätig war, schlug sich als Zimmermann durch, verliert immer wieder die Arbeit. Auch sein Vater wird arbeitslos, seine Mutter behauptet sich als Gärtnerin. Mit 13 zieht die Familie nach Dresden, die Ehe der Eltern zerbricht, seine Mutter zieht Marko und seine neun Jahre jüngere Schwester allein auf.

Schmidt macht das Abitur. Anschließend geht er 15 Monate zur Bundeswehr. Auf einer Podiumsdiskussion im Ostritzer Mewa-Bad vor den Sommerferien nennt er diese Zeit eine "wichtige Erfahrung", anderen empfehlen will er sie dennoch nicht. Schmidt studiert Rechtswissenschaften in Dresden und Leipzig, später Sozialwissenschaften in Görlitz und schreibt seine Magisterarbeit über die gerade eingeführte Bürgerbeteiligung in Görlitz.

Wer Marko Schmidt an den Wahlkampfständen antrifft, der erlebt einen jungen Mann, der für linke Politik lebt, sie triftig erklären kann, profunde argumentiert. Entlang der Parteilinie, aber nicht linientreu. Und so auch offen für viele Ideen auch außerhalb seiner eigenen Partei ist. Als er beim Wahlforum der Landeszentrale für politische Bildung auf die Herausforderungen des Strukturwandels und die Klimakrise angesprochen wird, antwortet er nicht mit einer Klage über wegfallende Arbeitsplätze, sondern mit den Chancen, mit den vielen Erfindungen auf diesen Gebieten, mit den vielen Wissenschaftlern, die sich um Lösungen bemühen. Und mit den Einwohnern, die so viele Ideen hätten und aus seiner Sicht so wenig gefragt und eingebunden werden in den Strukturwandel. Für ihn liegt auch darin ein Grund, dass so viele hier AfD wählen. Weil über sie, aber nicht mit ihnen geredet wird.

Allerdings ist auch die Linkspartei nicht gefeit davor, Bürger vor den Kopf zu stoßen. So hält Marko Schmidt einerseits angesichts der ökologischen Begrenzungen für nötig, das letzte Kohle-Kraftwerk vor 2030 abzuschalten. Andererseits aber beharrt er darauf, dass die Förderung für den Kohleausstieg, die Milliarden für die Region, die bis 2038 zugesagt wurden, auch eingehalten wird. Dass beides zusammenhängt, schreckt ihn nicht. Weniger ist ihm um die Zukunft der Mitarbeiter der Leag bang, das Unternehmen entwickle sich weiter, wolle neue Geschäftsfelder auftun: In Boxberg wird an Carbonfasern geforscht, es geht um schwimmende Solarfelder und vieles mehr. Das klingt gar nicht so wie die alte Linkspartei. Und Schmidt will das genau so. Seine Partei müsse wieder harmonisch auftreten und eine positive Stimmung nach außen vermitteln.

Linkspartei hat eigene Probleme

Das ist ihr im Kreis Görlitz zuletzt nicht mehr gelungen. Einst aktive Mitglieder, Stadträte in Görlitz wie Andreas Storch oder Annett Posselt sind ausgetreten, gewerkschaftsnahe Mitglieder ebenso. Ältere wie Margit Bätz zogen sich zurück. Ganz ähnlich ist auch die Parteikarriere des Sozialpolitikers Joachim Herrmann in Löbau verlaufen oder der früheren Landtagsabgeordneten von Löbau, Heiderose Gläß.

Es waren nicht nur die örtlichen Verhältnisse, die zu manchen Austritten führten. Der Streit um Sahra Wagenknecht, denen eine große Minderheit in der Partei noch immer eng verbunden ist und deren Austrittsverfahren erst kurz vor der Wahl niedergeschlagen wurde, hat viele gestört, so berichten Storch und Frau Posselt. Aber es gibt eben auch lokale Gründe: Eine forcierte Verjüngung, eine einseitige Themenwahl, eine Vernachlässigung dessen, was die Linkspartei so verwurzelt hatte im Osten - pragmatisch als Kümmerer der Menschen zu agieren.

Und dann verdarb auch die Auflagen der Corona-Politik manchen guten Vorsatz. Über die Russland-Politik sollte es eine Diskussionsrunde im Landkreis geben, Stammtische in Görlitz und Weißwasser konnten sich nicht treffen. Das habe die innerparteilichen Debatten verhindert.

Ganz freiwillig hat die Partei sich in den vergangenen Jahren im Osten der Republik nicht verändert. Die alten Mitglieder waren in die Jahre gekommen, zwischen 35 und 60 aber tun sich riesige Lücken auf. Besser sieht es wieder bei den jüngeren Jahrgängen unter 25 aus, sagt auch Schmidt. Er hat da einen guten Einblick, amtiert er doch auch als ehrenamtlicher Kreisgeschäftsführer. Und er ist einer von den Jungen.

Erst Ende 2017 trat er in die Partei ein. Er war gerade von Dresden nach Görlitz umgezogen und spürte, dass anders als in Großstädten hier sich viel weniger Menschen in Parteien engagieren. Er hatte Lust darauf, Politik zu machen. Innerhalb kurzer Zeit wurde er Kreisgeschäftsführer der Linkspartei, arbeitet jetzt im Wahlkreisbüro der Landtagsabgeordneten Antonia Mertsching in Weißwasser, wo er sich auch bei der Verlegung von Stolpersteinen in Erinnerung an ermordete jüdische Mitbürger engagiert, Stadtentwicklung interessiert ihn, er arbeitet im Sächsischen Flüchtlingsrat mit und ist Gewerkschaftsmitglied bei verdi.

Gottvertrauen verloren - Glaube an Utopien nicht

Bei so vielen Mitgliedschaften und Eintritten - es gibt auch Austritte. Anfang vergangenen Jahres gab er seine Mitgliedschaft in der Evangelischen Kirche auf. Obwohl er kirchlich erzogen war, Konfirmation feierte, seine Mutter bis heute ganz aktiv in einer Kirchgemeinde in Weißig ist, seine Schwester kilometerweit fährt, um im Kirchenchor mitzusingen. Aber im Laufe der Zeit war ihm der Glaube an Gott verloren gegangen. Der Glaube an Utopien nicht. Wenn er die Wahl hat, so erklärte er beim Jungwählerforum diese Woche in Görlitz, würde er sich immer für Sozialismus entscheiden. Und so fand er auch zur Linkspartei und nicht zur SPD und den Grünen. "Die Linke stellt eben noch die Frage, ob wir anders leben und arbeiten können."

Und für ihn heißt das eben, für gleichwertige Lebensbedingungen streiten, für eine stärkere Wahrnehmung der ländlichen Räume in der Bundespolitik, für eine bessere medizinische Versorgung, für den Ausbau des Schienennetzes, für eine andere Steuerpolitik, die kleinere Einkommen ent- und größere belastet.

Und er will allen eine Stimme geben, die hiergeblieben sind oder wieder zurückkommen. "Ich bin ein Oberlausitzer", sagt er selbstbewusst. Aber einer, der für eine lebendige und offene Zivilgesellschaft steht. Dem Gerede vom AfD-Landkreis will er sein Bild einer schönen Landschaft mit eigensinnigen, aber liebenswerten Menschen gegenüberstellen. Und die zu kämpfen verstehen. Denn auch das sagt Schmidt und es klingt wie eigener Ansporn: "Es wartet niemand auf uns, wir müssen für unsere Anliegen schon kämpfen."

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