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"Mit Druck werden wir die Impfquote nicht nach oben bekommen"

Impfpflicht ja oder nein? Die Direktkandidaten des Wahlkreises Dresden II - Bautzen II haben sich festgelegt.

Wahlforum Radeberg: Die Direktkandidaten Silvio Lang (Die Linke), Stephan Schumann (SPD), Merle Spellerberg (Die Grünen), Lars Rohwer (CDU), Silke Müller (FDP) und Andreas Harlaß (AfD) (v.l.).
Wahlforum Radeberg: Die Direktkandidaten Silvio Lang (Die Linke), Stephan Schumann (SPD), Merle Spellerberg (Die Grünen), Lars Rohwer (CDU), Silke Müller (FDP) und Andreas Harlaß (AfD) (v.l.). © Sven Ellger

Dresden. Es ist einer von wenigen Momenten, in denen die sechs Direktkandidaten des Wahlkreises Dresden II - Bautzen II so etwas wie Einigkeit demonstrieren. Es geht ums Impfen an diesem Abend beim Wahlforum der Landeszentrale für politische Bildung im Radeberger Hotel Kaiserhof. Genauer gesagt darum, ob Deutschland nicht gelassener in den Herbst gehen könnte, wenn man jeden Bürger dazu verpflichtet, sich gegen Corona impfen zu lassen. Sachsen ist das Schlusslicht in der Republik. Nur etwas mehr als die Hälfte der Menschen hier - 52 Prozent - sind vollständig geimpft. Da stellt sich auch die Frage nach einem Impfzwang.

Eine Frage, die alle Kandidaten mit einem deutlichen Nein beantworten. Die Entscheidung, sich impfen zu lassen, wolle man jedem selbst überlassen. An der Ablehnung werden sich die Kandidaten messen lassen müssen, sollten sie am 26. September das Direktmandat für Cotta, die Neustädter Elbseite, Radeberg, Ottendorf-Okrilla, Arnsdorf, Wachau und Großröhrsdorf holen.

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"Mit Druck werden wir die Impfquote zumindest nicht nach oben bekommen", ist sich Lars Rohwer sicher, der für die CDU antritt. Rohwer steht dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Dresden vor - jener Hilfsorganisation, die die Impfzentren in Sachsen betreibt. Man könne versuchen, die bislang Ungeimpften zu überzeugen, ja. Aber am Ende sei es die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er die Injektion möchte oder nicht.

"Die Freiheit ist ein wichtiger Wert"

Zwar weiß Silke Müller, was Corona anrichten kann. Die FDP-Kandidatin ist Hausärztin in Klotzsche. Auch Ältere - die gefährdetste Generation bei dieser Pandemie - gehören zu ihren Patienten. Bevormunden sollte der Staat trotzdem niemanden. Man könne mehr erreichen, indem man aufkläre. "Ich setze mich täglich mit ganzer Kraft dafür ein, die Menschen von einer Schutzimpfung zu überzeugen", sagt die Medizinerin. Die Impfquote sieht sie weitaus weniger kritisch, als das oft dargestellt werde. Beispiel: Grippe. Das Krankenhauspersonal sei im Schnitt nur zu 20 Prozent gegen Influenzaviren geimpft, rechnet Müller vor. Von daher sei eine Durchimpfungsrate von aktuell 65 Prozent in Deutschland gar nicht so schlecht.

Während Linke-Kandidat Silvio Lang das Recht auf Selbstbestimmung betont und lieber die mobilen Impfaktionen in Einkaufszentren ausdehnen würde, um Ungeimpften ein unkompliziertes Angebot zu machen, setzt Merle Spellerberg (Grüne) zu einem Aber an. Eine Impfpflicht komme auch für sie nicht infrage. "Die Freiheit ist ein wichtiger Wert", sagt sie. "Aber man ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für die Menschen um einen herum." Es gebe genug Leute, die nicht die Wahl hätten und sich impfen lassen könnten - Kinder und Schwangere etwa. Das sollte jeder, der noch zweifelt, mit bedenken.

AfD gegen Impf-Auskunft für Arbeitgeber

Zu einem Rundumschlag gegen die Corona-Impfkampagne holt AfD-Kandidat Andreas Harlaß aus. Das überhaupt darüber diskutiert werde, dass Arbeitgeber Auskunft darüber bekommen könnten, ob ihre Mitarbeiter schon geimpft sind, werte er als eine Verletzung der medizinischen Schweigepflicht. "Es ist absolut meine private Entscheidung, ob ich mich impfen lasse." Der Ex-Bild-Journalist kritisiert die Medien dafür, dass sie zu lasch über mögliche Impffolgen berichten würden. "Das findet sehr einseitig statt." Woraufhin Stephan Schumann, der für die SPD ins Rennen geht, der Kragen platzt. "Hier redet doch gar niemand über eine Impfpflicht, Herr Harlaß", unterbricht er seinen Kontrahenten.

Den zweiten Moment der Einigkeit kann das Publikum im rustikalen Kaisersaal abermals beim Thema Corona beobachten. Alle hätten die Corona-Krise anders gemanagt als die Große Koalition im Zusammenspiel mit den Ländern, geben sie zu verstehen. "Wir hätten uns die Bundesnotbremse sparen können, wenn die Krankenhaus-Bettenbelegung schon eher beachtet worden wäre", meint Rohwer. Die Bundespolitik solle daher in Zukunft mehr auf die Länder hören. Sachsen habe den Bettenindikator schließlich schon vor Monaten in seine Corona-Schutzverordnung aufgenommen.

Hätte, hätte: Alle hätten die Corona-Krise anders gemanagt

Und dann hört die Einigkeit auch schon auf. "Ich widerspreche", leitet Stephan Schumann ein. "Ich fand die Notbremse richtig. Man hätte sie sogar eher ziehen müssen." Zu kritisieren sei viel mehr der Regelwust gewesen. "Auch ich habe mich manchmal gefragt, was übermorgen denn nun gilt."

Während Harlaß seine Sicht mit einem "Ich würde alles anders machen" zusammenfasst, kritisieren Silvio Lang und Silke Müller die Impfkampagne. So seien in Sachsen zu wenige Impfzentren aufgebaut worden, findet Lang. Es könne nicht sein, dass Über-80-Jährige von Bautzen ins einzige Impfzentrum des Landkreises nach Kamenz fahren müssten.

Müller spricht sogar von einem Organisationsdesaster. Die Hausärzte hätten deutlich früher parallel zu den Impfzentren impfen müssen. Merle Spellerberg schaut nach vorn. Sie spricht von einem "Ausbaupotenzial" bei der Vorbereitung auf weitere Pandemien. Sie könne nicht nachvollziehen, warum so viele Monate nicht gereicht haben, um Luftfilter für Klassenzimmer anzuschaffen.

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