merken
PLUS Meißen

"Ab in die Opposition!"

Nach dem AfD-Erfolg im Landkreis Meißen wird aus den Reihen der CDU Kritik laut. Die AfD wurde in allen Gemeinden stärkste Kraft. Eine Analyse.

Am Tag nach der Auszählung der Wahlergebnisse zeigte eine Analyse von Sächsische.de und SZ, wie sich die politischen Gewichte im Kreis verschoben haben, wer Gewinner und Verlierer sind.
Am Tag nach der Auszählung der Wahlergebnisse zeigte eine Analyse von Sächsische.de und SZ, wie sich die politischen Gewichte im Kreis verschoben haben, wer Gewinner und Verlierer sind. © Claudia Hübschmann

Meißen. Bis auf die drei großen Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz sowie den Vogtlandkreis (hier bei den Erststimmen) haben sich die sächsischen Bundestagswahlkreise bei den Direkt- und Zweitstimmen am Sonntagabend komplett hellblau eingefärbt. Bei den Zweitstimmen bewegten sich die Ergebnisse zwischen 24 Prozent in Leipzig-Land und 32,5 Prozent in Görlitz. Der Land- und Wahlkreis Meißen bewegt sich mit 29,8 Prozent im oberen Mittelfeld.

Dabei galt Meißen einmal als Kernland der sächsischen Christdemokratie. In der Albrechtsburg wurde 1990 der Freistaat Sachsen wieder begründet. Darauf waren die CDUler um den langjährigen Kreisverbandschef Matthias Rößler besonders stolz.

Anzeige
Banksy erobert Dresden
Banksy erobert Dresden

Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

Diese Zeiten scheinen nun Geschichte zu sein: Meißens Ex-Landrat Arndt Steinbach (CDU) geht wenig gnädig mit dem Direktkandidaten Sebastian Fischer um. "Wenn die Analyse des Kreisvorsitzenden stimmt, muss es ja am Kandidaten liegen. Nicht mal in seiner Heimatgemeinde konnte er überzeugen. Ich bin auf die personelle Erneuerung gespannt."

Landtagsabgeordneter Geert Mackenroth (CDU) aus Radebeul: "Die Niederlage der CDU liegt aber nicht am Programm, sondern vorrangig auch an unseren Köpfen. Ich erkenne in dem Ergebnis keinerlei Regierungsauftrag für die CDU, das wäre nach dieser Klatsche abwegig. Ab in die Opposition."

Während Sebastian Fischer am Montag auf einem neu angelegten Facebook-Account meditative Bilder von sich und aus seiner Heimat veröffentlichte, dürfte an der CDU-Basis und unter den verbliebenen Spitzen im Kreis das Nachdenken darüber beginnen, wie und mit welchem Personal die Christdemokraten es jemals wieder aus dem immer tiefer werdenden Tal schaffen könnten. Ein Kreisparteitag im Oktober könnte die Gelegenheit schaffen, hier neue Wege zu gehen. Über einen Rücktritt vom Amt des CDU-Kreisvorsitzenden möchte Fischer noch nicht reden. "Das besprechen wir in der anstehenden Kreisvorstandssitzung am 4. Oktober", sagte er Sächsische.de.

Moritzburg besonders liberal

Ein vertiefter Blick auf die Wahlergebnisse der einzelnen Kommunen zeigt, wo – regional gesehen – die CDU besonders schwächelt, was oft mit einem starken Abschneiden der AfD verbunden ist. Diese kann sich im Norden des Landkreises mit einem Rekord von knapp 42 Prozent der Stimmen mehr als 20 Prozentpunkte von der CDU absetzen. Die letzten verbliebenen schwarzen Mini-Hochburgen liegen im mittleren und südöstlichen Teil des Kreises. In Ebersbach kann die CDU 20,1 Prozent der Zweitstimmen auf sich vereinen. Besonders schmerzlich dürfte für die CDU allerdings sein, dass sie nicht nur deutlich von der AfD geschlagen wurde, sondern bei den Zweitstimmen im Landkreis zudem noch knapp hinter den Sozialdemokraten liegt. Zwar erreichten beide 17,6 Prozent, doch die SPD kommt absolut auf 140 Stimmen mehr als die Christdemokraten.

Muster – wie etwa Präferenzen je nach ländlicher oder urbaner Struktur – lassen sich beim Wahlverhalten kaum Erkennen. Für die SPD darf festgehalten werden, dass sie in industriell geprägten Städten wie Riesa und Gröditz – ähnlich wie die Linkspartei – am stärksten punkten kann. So beläuft sich ihr Zweitstimmenanteil in Gröditz sich auf 21,1 Prozent.

Die Grünen können an ihr bundesweit starkes Ergebnis nur in Radebeul mit 11,9 Prozent der Zweitstimmen anknüpfen. Für die FDP stellt Moritzburg mit 14,8 Prozent das offenbar günstigste Pflaster dar. Fast vollkommen verpufft sind die Auftritte von Kleinstparteien wie Piraten, Team Todenhöfer oder Volt. Lediglich der Kandidat der Freien Wähler, André Langerfeld, schaffte bei den Zweitstimmen Achtungsergebnisse von bis zu 3,6 Prozent, wie zum Beispiel in Lommatzsch. Bei den Erststimmen vereinzelt auch darüber hinaus.

"Kein Regierungsauftrag für die CDU"

Eigene Gedanken zu den Folgen machen sich die Rathauschefs und Landtagsabgeordneten im Kreis: Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) äußert sich wie folgt zum Wahlergebnis in der Lößnitzstadt: "Sicherlich ist vieles mit dem Bundestrend zu erklären und in Bezug auf Radebeul zudem durch die Lage in unmittelbarer Nachbarschaft zur Landeshauptstadt Dresden. Auffällig ist jedoch, dass sich der schon länger anhaltende Trend verfestigt, das es der CDU immer weniger gelingt, im ländlichen Raum – ihrer früheren unangefochtenen Domäne – die Wähler zu erreichen."

© SZ Grafik

"Das Ergebnis tut weh. Es ist eine schwere Niederlage für die CDU, nicht nur in Sachsen", sagt Landtagspräsident Matthias Rößler, der als einziger der vier CDU-Bewerber bei der vergangenen Landtagswahl sein Direktmandat im Landkreis Meißen verteidigen konnte. "Ich sehe aus dem Ergebnis vom Sonntag wie auch unser Ministerpräsident und unser Fraktionsvorsitzender keinen Regierungsauftrag für die CDU." Es gelte, so Rößler weiter, das Ergebnis mit Demut anzunehmen. Dass es für Sebastian Fischer ein schwieriges Rennen wird, sei klar gewesen. Auch mit dem Blick auf das Erststimmenergebnis von Thomas de Maizière vor vier Jahren.

Aus einer Niederlage könne man aber auch einen politischen Aufbruch machen. "Wir blicken jetzt mit aller Kraft in Richtung der nächsten Landtagswahlen, um verlorenes politisches Vertrauen zurückzugewinnen." Und Matthias Rößler ergänzt: "Es ist wichtig, der sächsischen CDU wieder ein klares Profil zu geben, wenn Sie so wollen, als Partei der Sachsen."

Draht zu etablierten Parteien nach Berlin fehlt künftig

Großenhains Oberbürgermeister hatte sich nach eigenem Bekunden bereits im Vorfeld auf einen wählerischen Ordnungsgong eingestellt. Dass er sachsenweit und auch im Landkreis Meißen allerdings so nachhaltig ausfallen würde, habe er nicht erwartet. "Man muss das Votum selbstverständlich akzeptieren und das tue ich auch. Dennoch ist es für mich in dieser Deutlichkeit eine Protestwahl", gibt Sven Mißbach (parteilos) zu bedenken.

Weiterführende Artikel

„Ich muss jetzt runterfahren“

„Ich muss jetzt runterfahren“

Sebastian Fischer (CDU) hat die Wahl verloren. Er sieht die Ursachen weiter und tiefer. Im Interview verrät er, was Thomas de Maizière zum Wahlausgang sagt.

„Ich stehe keinem Flügel nahe“

„Ich stehe keinem Flügel nahe“

Wahlgewinnerin Barbara Lenk (AfD) spricht im Interview über ihr Interesse für Kultur, Medien und Technologie.

Die Wahl der Unzufriedenen

Die Wahl der Unzufriedenen

Im Landkreis Meißen setzt sich nach der Bundestagswahl die AfD an die Spitze. Die Gründe dafür liegen auch in Frustrationen. Lichtblicke gab es aber auch.

Er selbst habe sich ausführlich mit dem Wahlprogramm der AfD beschäftigt und sei auch mit der frisch gewählten Bundestagskandidatin im persönlichen Gespräch gewesen. Aus diesem Grund mache er keinen Hehl daraus, große Befürchtungen zu haben, dass die Interessen des Landkreises Meißen auch weiterhin mit der nötigen Fachkompetenz und der erforderlichen Akzeptanz in den Berliner Gremien vertreten sein werden. "Es wird einerseits die Frage sein, inwieweit Frau Lenk überhaupt in der Lage sein wird, auf die Sorgen und Nöte in unserem Gebiet aufmerksam machen zu können beziehungsweise notwendige finanzielle Mittel etwa für Straßen in den Freistaat zu holen", erklärt Sven Mißbach. Andererseits bleibe abzuwarten, wie sich das sächsische Votum auf den Blick in den Freistaat auswirkt. "Ich gehe davon aus, dass keine leichten Zeiten auf unseren Landkreis zukommen, da der Draht zu den etablierten Parteien verloren gegangen ist", befürchtet Sven Mißbach. (SZ/pa/um/gör/ca)

Mehr zum Thema Meißen