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So schön kann Wahlkampf sein

Die Qual der Wahl? Das Meckern über Sprechblasen und Plakate war schon immer schick. Schluss damit! Ein Loblied auf die heiße Phase der Demokratie.

Ein notwendiges Übel, das nur beim Regieren stört? Wahlkampf ist viel mehr, meint Sächsische.de-Redakteur Marcus Thielking.
Ein notwendiges Übel, das nur beim Regieren stört? Wahlkampf ist viel mehr, meint Sächsische.de-Redakteur Marcus Thielking. © dpa

Früher, als alles besser war, da gab es noch richtig guten Wahlkampf. Unvergessen zum Beispiel die Kampagne „Freiheit statt Sozialismus“, mit der 1976 in der Bundesrepublik die Union gegen die SPD und deren Ostpolitik ins Feld zog. Geprägt hatte diesen Spruch der damalige CDU-Generalsekretär – Kurt Biedenkopf. Die Sozialdemokraten waren da schon einige Jahre in Bonn an der Macht, nachdem sie 1969 einen grandiosen Wahlerfolg hatten mit dem Plakatmotto: „Wir haben die richtigen Männer.“

Mal im Ernst, will man diese Zeiten zurück? Als grauhaarige Männer noch den Ton angaben? Plumpe Lager-Wahlkämpfe? Ideologisch aufgeladene Schlagworte, die jede Diskussion über Sachthemen ersticken? Es kann jedenfalls nicht schaden, die verklärte Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten gelegentlich mit ein paar Fakten abzugleichen. In diesem Licht ist der „Schlafwagen“-Wahlkampf des Jahres 2021 vielleicht doch nicht ganz so trostlos, wie er in den Medien manchmal rüberkommt.

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Auf geht’s in die Erntezeit
Auf geht’s in die Erntezeit

Der Garten verwöhnt im Spätsommer mit frischem Obst und Gemüse. Und langsam heißt es auch, sich auf den Herbst und die anstehenden Arbeiten vorzubereiten.

Tatsächlich wird diese Bundestagswahl am 26. September so spannend wie lange nicht. Und sie ist jetzt schon historisch: Erstmals seit Adenauer tritt keine amtierende Kanzlerin und kein Kanzler zur Wiederwahl an. Es gibt nicht nur zwei Kontrahenten, sondern eine dritte Kandidatin. Das Parteienspektrum ist neu gemischt, sodass alle denkbaren Koalitionen möglich sind, von Jamaika bis Ampel. Auch die Themen könnten gewichtiger kaum sein: Klimawandel, Staatsverschuldung, Digitalisierung, Russland, China, Afghanistan – es geht um Einiges.

Freiheit oder Sozialismus

Gewiss fällt die Entscheidung, wo man sein Kreuz macht, viel leichter, wenn die Alternative heißt: Freiheit oder Sozialismus. Aber so unterkomplex war die Realität schon damals nicht, und heute ist die Welt noch etwas komplizierter. Es verlangt den Wählerinnen und Wählern etwas ab, sich über die Antworten und Rezepte der Parteien zu informieren.

Eine unmögliche Zumutung ist das nicht. Im Internet bieten die Parteien ihre Programme an, auch in kompakter Form. Hilfsmittel wie der „Wahl-o-Mat“, der nächste Woche startet, oder der „Wahl-Kompass“, der schon online ist, geben Orientierung. Und allein in Sachsen gibt es in den nächsten vier Wochen noch 32 Foren mit allen Direktkandidaten in den Wahlkreisen.

Natürlich kann man es sich vor dem Fernseher bequem machen, über lahme Kandidaten meckern und warten, dass die Politik eine Show abzieht. Besonders demokratisch ist diese Einstellung nicht. Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht vom Zugucken. Oft sind es dieselben Leute, die es schick finden, über die Rituale des Wahlkampfs die Nase zu rümpfen: Plakate, Quassel-Talkshows, Kugelschreiber und Luftballons, täglich neue Umfragen – bäh. In dieser Verachtung scheint sich das Wahlvolk seltsam einig zu sein, von der Stammkneipe an der Straßenecke bis zum Foyer in der Semperoper.

Kampf, nicht Ringelpietz

Tatsächlich liegen diese Begleiterscheinungen in der Natur der Sache. Es heißt Wahl-Kampf, nicht Wahl-Ringelpietz. Es ist ein Kampf um Macht, um Inhalte, um Argumente – und auch um Aufmerksamkeit, um Bilder. Wahlkampf ist kein notwendiges Übel, das nur beim Regieren stört. Es ist die Hochzeit der Demokratie.

Allerdings darf man sich beim Trio Laschet, Baerbock, Scholz durchaus noch ein bisschen mehr Kurt Biedenkopf oder Helmut Schmidt wünschen. Die beiden hatten den Soziologen Max Weber studiert, und der schrieb schon vor über 100 Jahren: „Das Wesen aller Politik ist: Kampf.“

Die Feststellung mag nicht ins Konzept moderner PR-Strategen passen, die es auf die netten Bürger in der Mitte und liebliche Instagram-Posts abgesehen haben. Ob es einem gefällt oder nicht, Webers Definition gilt im 21. Jahrhundert genauso. Und wenn die Parteien der Mitte die harte Auseinandersetzung in der Sache scheuen, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn die aggressiven Kräfte am Rand stärker werden.

Wählen ist wie Weihnachten

Politischer Kampf – hart, aber fair ausgetragen – stärkt die Demokratie von innen. Der Wettbewerb sorgt für eine Auslese der besten Leute und Ideen. Die Arena mag manchmal gnadenlos sein, wie Annalena Baerbock mit ihren geklauten Buchpassagen und Armin Laschet mit seinem unbedachten Gelächter im Flutgebiet erfahren mussten. Doch auch solche Scharmützel haben ihr Gutes. Wie soll jemand, der nicht mal das übersteht, als Kanzler oder Kanzlerin gegen russische Provokationen oder unberechenbare US-Präsidenten gewappnet sein?

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Weit verbreitet ist heute auch die Einstellung, bestimmte Themen dürften „nicht als Wahlkampfthema instrumentalisiert“ werden. Aktuell zum Beispiel wieder die Frage, wie Deutschland mit Flüchtlingen aus Afghanistan umgehen soll. Selbstverständlich gehört auch so was in den Wahlkampf. Was denn sonst? Hier sollen bitte alle Parteien und alle Politikerinnen und Politiker ihr wahres Gesicht zeigen, damit wir wissen, wem wir unsere Stimme geben – und wem nicht.

In vier Wochen ist Wahltag. Sagen wir mal so: Wahlkampf gehört dazu wie Advent zu Weihnachten. Nach 24 Türchen mit Glühwein, Christstollen und „Last Christmas“ ist man froh, wenn endlich Bescherung ist. Aber ohne wär’s nicht halb so schön.

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