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So taktisch haben die Dresdner gewählt

So schlecht hat die CDU in Dresden noch nie abgeschnitten. Trotzdem hat sie offenbar von Wählern anderer Parteien profitiert. Was an den Ergebnissen auffällt.

So unterschiedlich sind die Erst- und Zweitstimmen für die Parteien in Dresden verteilt.
So unterschiedlich sind die Erst- und Zweitstimmen für die Parteien in Dresden verteilt. © dpa/SZ

Dresden. Die SPD scheint vor Kraft kaum noch laufen zu können, andere Parteien fragen sich, wo ihre Wähler hin sind. Die Ergebnisse der Bundestagswahl für Dresden sind ein Stimmungsbild und zeigen zum Teil erstaunliche Entwicklungen.

Die Grünen haben am meisten dazugewonnen, ihre Kandidaten aber sind eher gefloppt. Bei den Linken ist es in Teilen umgekehrt, die CDU ist am Boden und gewinnt dennoch die Direktmandate. Was die Ergebnisse aussagen und wie die Parteien diese bewerten.

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AfD: Verlierer mit konstanten Ergebnissen

Auch wenn die AfD innerhalb der Stadtgrenzen Dresdens wie 2017 zweitstärkste Kraft geworden ist, hat sie doch fast fünf Prozentpunkte im Vergleich zur vorangegangenen Bundestagswahl verloren. Die erhofften Direktmandate blieben aus, sodass kein Dresdner für die AfD im Bundestag sitzen wird.

"Grundsätzlich sind wir zufrieden, dass wir stärkste Kraft in Sachsen und in Dresden geworden sind", so Dresdens AfD-Chef André Wendt. In Dresden bezieht sich dies auf die beiden Wahlkreise, allerdings gehören zu dem nördlichen Wahlkreis fünf Gemeinden im Umland. Nur dank dieser Stimmen ist die AfD stärkste Kraft, innerhalb der Stadtgrenzen Dresdens ist es die SPD.

Man könne noch nicht genau sagen, wie es zu den Verlusten kam. "Wir sind noch in der Analyse", so Wendt. "Es kann auch an der Kampagne gegen die AfD liegen, vor allem was die Erststimmen anbetrifft."

Allerdings haben die beiden AfD-Kandidaten Jens Maier und Andreas Harlaß bei den Erststimmen jeweils sogar leicht besser abgeschnitten als die Partei bei den Zweitstimmen. Die Partei hat 17,6 Prozent in Dresden erreicht, Maier 18,8 Prozent und Harlaß 18,6 Prozent. Die AfD ist die einzige Partei, bei der es keine größeren Differenzen zwischen Erst- und Zweitstimme gibt.

Also verliert die Partei doch generell an Zuspruch? Wendt räumt das zumindest als Möglichkeit ein. "2017 war der Höhepunkt der Asylkrise, vielleicht haben da mehr Leute AfD gewählt, als Abrechnung mit der Politik von Merkel." Von Corona habe die AfD weniger profitiert. "Weil es dazu auch sehr unterschiedliche Meinungen innerhalb der AfD gibt", so Wendt.

CDU: minus neun Prozent, aber taktischer Sieger

Die 14,5 Prozent für die CDU in Dresden sind niederschmetternd für Dresdens CDU-Chef Markus Reichel. Zur Erinnerung: 1990 und 1994 erreichte die CDU den dreifachen Anteil an Wählerstimmen in Dresden. Die Kampagne von Bundesebene und der Kanzler-Kandidat Armin Laschet seien ausschlaggebend dafür, meint Reichel. "Unser Anspruch ist deutlich höher und ich bin sicher, in Dresden sind viel mehr Menschen bereit, CDU zu wählen, wenn sie sich angesprochen und gut vertreten fühlen. Das Ergebnis ist ein klares Stopp-Zeichen für die CDU."

Dass es dennoch dazu gereicht hat, die beiden Wahlkreise mit den Direktkandidaten Markus Reichel und Lars Rohwer zu gewinnen, sei aber nicht nur Zufall. "Die Wähler haben uns auch taktisch unterstützt", so Reichel. Bei den Erststimmen gab es jeweils deutlich mehr als für die Partei - 18,6 Prozent für Rohwer und 21,1 Prozent für Reichel. In seinem Wahlkreis habe es einen "Dreikampf unterschiedlicher Paradigmen" gegeben - zwischen Reichel, der die Mitte anspreche, der Linken Katja Kipping und dem vom Verfassungsschutz als Rechtsextremisten eingestuften Jens Maier (AfD). "Das ist Vertrauensbeweis und Verantwortung", so Reichel.

Deshalb werde Reichel auch in Dresden wieder mehr Politik für die Bürger machen. "Eine Partei, die neun Prozentpunkte verloren hat und nicht grundsätzlich überdenkt, wie sie an Politik herangeht und diese vermittelt, hat den Schuss nicht gehört."

Kandidaten der Wahlgewinner fallen ab

Eindeutige Gewinner bei der Gunst der Dresdner sind SPD und Grüne. Die Grünen haben 16,8 Prozent der Zweistimmen geholt und damit ihr Ergebnis von 2017 um 8,1 Prozentpunkte beinahe verdoppelt. Die SPD ist Gesamtsieger in Dresden. Sie hat um 7,5 Prozentpunkte auf 17,7 Prozent zugelegt.

Für die Grünen ist es das historisch beste Ergebnis bei einer Bundestagswahl in Dresden, nur 2009 lagen sie mit 12,6 Prozent überhaupt über den zehn Prozent. Die SPD lag 2002 auch mal bei 31,9 Prozent, aber bei den Bundestagswahlen danach ging es kontinuierlich bergab bis auf 10,2 Prozent 2017. "Wir freuen uns sehr", so Dresdens SPD-Chef Albrecht Pallas zum Wahlsieg in der Landeshauptstadt. "Wir wissen, dass es auch anders gehen kann. Das ist nun eine Verpflichtung, daraus was zu machen."

Deshalb strebe die SPD an, bei der Oberbürgermeisterwahl im kommenden Jahr einen eigenen Kandidaten aufzustellen. "Die Dresdner sind für sozialdemokratische Themen aufgeschlossen, die thematische Schwerpunktsetzung wird offensichtlich gut gefunden", sagt Pallas. "Es könnte unsere Zeit werden."

Das liege auch daran, dass die SPD zunehmend die Menschen und Probleme in Ostdeutschland in den Mittelpunkt stelle. "Unsere soziale Ausrichtung zeigt, dass die Menschen merken, dass wir Ansätze haben, ihr Leben zu verbessern. Das kann die Bürger davon abhalten, aus Frustration AfD zu wählen", sagt Pallas. Man müsse sich davon lösen, sich auf die AfD zu fokussieren.

Dresdens Grünen-Chef Klemens Schneider spricht von einem "großen Erfolg" für die Partei. Allerdings müssen er und Pallas eingestehen, dass ihre Direktkandidierenden nicht so gut abgeschnitten haben wie die Parteien. Den 16,8 Prozent für die Grünen stehen in einem Wahlkreis 13,6 Prozent für die Kandidatin Merle Spellerberg und nur 9,5 Prozent für Kandidat Kassem Taher Saleh entgegen. "Das ist auffällig", bestätigt Schneider. "Wir müssen und werden uns das noch genau anschauen."

Die Grünen haben, wie andere Parteien auch, die Kampagne von Campact kritisiert. Der Verein hat dazu aufgerufen die Linke-Kandidatin Katja Kipping zu wählen, um Maier zu verhindern. "Das hat gewirkt", so Schneider. "Aber es hat mit Abstand nicht gereicht, den Wahlkreis zu gewinnen, sondern nur Stimmen im linken Lager verschoben."

Ebenso sieht es Pallas. Auch die SPD-Kandidierenden haben weniger Prozentpunkte eingefahren als die Partei. 14,6 Prozent holte Rasha Nasr und 15,3 Stephan Schumann - die SPD insgesamt aber 17,7 Prozent. "Ohne diese Einmischung von außen wäre das Ergebnis für Rasha Nasr deutlich besser gewesen", so Pallas. Das erklärt allerdings noch nicht die Abweichungen im Wahlkreis im Dresdner Norden. "Aber wir haben gezeigt, dass die SPD realistisch um Direktmandate in Dresden kämpft."

Linke und CDU profitieren von SPD, Grünen und FDP

Die Linke hat in Dresden mit 11,1 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl eingefahren. "Insgesamt hat das Spektrum aus Linke, Grünen und SPD weder gewonnen noch verloren, die Wähler haben die Stimmen nur anders verteilt", so die erste Einschätzung von Dresdens Linke-Chef Jens Matthis.

Klar habe seine Partei verloren und das werde auch noch genau ausgewertet. "Es ist insgesamt bescheiden, wenn sich die Linke bundesweit halbiert." Aber man könne eine Bundestagswahl auch nicht für Dresden werten.

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Auffällig ist allerdings, dass der Kandidat im Wahlkreis Dresden II, Silvio Lang, mit 11,8 Prozent der Erststimmen leicht über dem Partei-Ergebnis lag. Im Wahlkreis Dresden I holte Kipping dagegen 18,9 Prozent und damit mehr als Maier von der AfD. "Der Anteil der Leute wird immer größer, die mit ihrer Wahloption sehr flexibel umgehen", so Matthis. Ebenso wie die CDU-Kandidaten haben ganz offensichtlich Wähler für Rohwer, Kipping und Reichel gestimmt, die mit der Zweitstimme SPD, Grüne oder FDP gewählt haben.

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