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"Auf einmal standen die Maschinen still"

SZ-Wahltour Tag 1: 1993 erlebte Frank Arnold das Ende der Brikettfabrik Knappenrode. Trotzdem sieht er den Kohleausstieg als Chance.

Frank Arnold hat 20 Jahre lang an der Presse in der Brikettfabrik in Knappenrode gearbeitet und dort auch die letzte Schicht erlebt. Heute gibt er Besuchern im Industriemuseum sein Wissen weiter.
Frank Arnold hat 20 Jahre lang an der Presse in der Brikettfabrik in Knappenrode gearbeitet und dort auch die letzte Schicht erlebt. Heute gibt er Besuchern im Industriemuseum sein Wissen weiter. © SZ/Uwe Soeder

Lohsa. An den 25. Februar 1993 kann Frank Arnold sich genau erinnern. "Um 11 Uhr war Schicht im Schacht", sagt er und meint das Ende der Brikettfabrik in Knappenrode. "Die Anhalteschicht hat alles leergeräumt. Dann plötzlich standen die Maschinen still", erinnert er sich. Anschließend habe das Blasorchester von Knappenrode das Feierabendlied gespielt. Danach war Frank Arnold arbeitslos.

1973 hatte Arnold in der Brikettfabrik seine Lehre begonnen, blieb dem Unternehmen 20 Jahre treu: "Ich war erster Presser, Lohngruppe sieben", sagt er stolz und erzählt, wie er es an Weihnachten einmal schaffte, 1.400 Tonnen Kohle zu pressen – an einem Tag. „Da habe ich gepflastert, wie ein Bleeder“, erzählt er uns mit breitem sächsischen Dialekt – und seine Augen scheinen zu leuchten. „Ich war ein Tonnenhai, habe die Maschinen gedroschen.“ Etwa 20 Jahre ging das gut, dann kam das Ende.

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Erste Etappe der Wahltour führt ins Energiemuseum

Wir treffen Frank Arnold am Montagmorgen in der Energiefabrik Knappenrode - unserem ersten Stopp auf der SZ-Wahltour und seinem alten und neuen Arbeitsplatz. Denn nach rund 20 Jahren Gelegenheitsjobs und Unsicherheit arbeitet er heute wieder dort. 40 Stunden, in Festanstellung, berichtet er uns. Das bedeutet ihm viel. „Endlich Sicherheit, bis zur Rente“, sagt er.

Im Museum pflegt er die Maschinen, führt Besucher als fachkundiger Zeitzeuge durch die Fabrik, die heute ein Industriedenkmal ist, und zeigt ihnen seine Filmaufnahmen von der Sprengung des großen Schornsteins. Bis zu diesem Zeitpunkt, erklärt uns Kirstin Zinke, die Leiterin der Energiefabrik, habe das Klackern der Brikettfabrik den Menschen in der Region ihren Takt vorgegeben. "Es war ein Zeichen dafür, dass die Lausitz lebt. Danach lag plötzlich Stille über dem Land."

Lohsas Bürgermeister Thomas Leberecht (CDU) ist gemeinsam mit uns an diesem Montagmorgen zur Energiefabrik gekommen. Er, selbst Kind einer Familie von Gleisbau- und Kohlearbeitern, hört Arnolds Ausführungen aufmerksam zu, nickt immer wieder verständnisvoll: Die Situation um 1993 herum sei einem Strukturbruch gleichgekommen, erklärt er uns, der das Leben vieler Kohlearbeiter und ihrer Familien kurz nach der politischen Wende in eine ungewisse Zukunft gestürzt hätte.

Leberecht erkennt in der heutigen Situation viele Parallelen zu damals - und eine Chance: "Der Entschluss zum Kohleausstieg wurde zunächst zu aggressiv getroffen. Das hat viele Menschen in unserer Region verunsichert. Inzwischen wissen alle, dass wir bis 2038 Zeit haben - und damit die Möglichkeit zu einem echten Strukturwandel", sagt er.

Die erste Etappe der SZ-Wahltour führte am Montag von Knappenrode nach Königswartha.
Die erste Etappe der SZ-Wahltour führte am Montag von Knappenrode nach Königswartha. © SZ Grafik

Um zu verdeutlichen, wie der aussehen kann, schwingt sich Thomas Leberecht auf sein Fahrrad und radelt mit uns in Richtung Knappensee. Der kann gut als Sinnbild für den Strukturwandel verstanden werden: Nach seiner unkontrollierten Flutung 1945 mauserte der sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet - wurde sogar "Kleine Ostsee" genannt.

Viel zu sehen ist heute davon nicht mehr: Seit etwa 2011 wird der See saniert. Große Baumaschinen sind damit beschäftigt, den Grund des Gewässers zu verdichten. Ein Zaun aus unzähligen Baufeldern schlängelt sich rings um das Seeufer. Die öffentlichen Einrichtungen an der Seepromenade wirken verlassen. Dauercamper protestieren mit Schildern vor ihren Behausungen gegen die andauernde Sperrung des Seeufers. 2022 sollte die eigentlich beendet sein - doch kürzlich rutschte eine große Landzunge ab. Seither kann niemand mehr sagen, wann der Knappensee wieder genutzt werden kann, erklärt uns Leberecht, während wir gemächlich an der Strandpromenade entlangfahren.

Gemeinsam mit Lohsas Bürgermeister Thomas Leberecht radelten die beiden SZ-Reporterinnen Franziska Springer (l.) und Theresa Hellwig nach dem Besuch der Energiefabrik weiter in Richtung Knappensee.
Gemeinsam mit Lohsas Bürgermeister Thomas Leberecht radelten die beiden SZ-Reporterinnen Franziska Springer (l.) und Theresa Hellwig nach dem Besuch der Energiefabrik weiter in Richtung Knappensee. © SZ/Uwe Soeder

Die großen Tagebauseen - allein Lohsa besitzt drei davon - bieten Potenzial für eine touristische Zukunft der Region. Die Gäste seien begeistert, berichten die Ortsansässigen. Aber nicht nur die will Leberecht in Lohsa sehen. Vor allem ist ihm daran gelegen, die Bevölkerungszahl konstant zu halten - vielleicht sogar zu steigern. Auch das sei voraussetzungsreich, sagt er: "Die Kohleberufe waren gut bezahlte Arbeitsstellen. Was wir jetzt brauchen, sind adäquate, attraktive Jobs." Eine gute Bahnanbindung nach Dresden schwebt ihm außerdem vor, genau wie Investitionen in Bildung und Forschung: "Sachsen will Energieland bleiben", stellt er klar. Und: "Wirtschaftliche Brüche haben die Lausitz immer nach vorn gebracht."

Fördergeld soll dorthin, wo Bergbau Spuren hinterließ

Vor diesem Hintergrund verstehen wir zunächst nicht, warum die Gemeinde Lohsa bislang keinerlei Mittel aus dem Strukturänderungsgesetz beantragt hat, das den Strukturwandel in den Braunkohlerevieren beflügeln soll. Thomas Leberecht nennt uns dafür zwei Gründe: Das Programm, sagt er, habe Kinderkrankheiten, die in Zukunft aber sicher überwunden werden. Weniger überzeugt ist der Bürgermeister von der Verteilung der Mittel, die in die gesamte Fläche der Landkreise Görlitz und Zittau fließen sollen: Kernbetroffenheit sei hier für ihn der Knackpunkt erklärt er und meint, dass die Fördermittel dorthin fließen sollten, wo der Bergbau faktisch seine Spuren hinterließ.

Was uns verwundert: Wirklich besorgt wirkt Thomas Leberecht keinesfalls, als er sich an der Gemeindegrenze von Lohsa und Königswartha von uns verabschiedet. Er erinnert uns in diesem Moment an Frank Arnold, der hoffnungsvoll in die Zukunft blickt und sagt: „Auch die Kohlearbeiter, die jetzt aussteigen müssen, werden Jobs finden. Es werden andere Techniken kommen, es werden sich neue Möglichkeiten auftun.“ Er denke da zum Beispiel an die neue Tesla-Fabrik in Brandenburg. „Es geht weiter“, sagt er, „wir müssen nur mit der Zukunft mitgehen.“

Am Dienstag, dem zweiten Tag der SZ-Wahltour, widmen wir uns den Themen Landwirtschaft und Lebensmittel. Unser Weg führt uns weiter entlang der B 96. Wir starten am Dienstag an der ehemaligen Schweinemastanlage in Königswartha. Außerdem statten wir dem Bautz'ner-Senf-Werk in Kleinwelka einen Besuch ab und hoffen, in beiden Betrieben mehr über nachhaltiges Wirtschaften in der Region zu erfahren. Treffen Sie uns gerne unterwegs!

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