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So lief das erste Meißner Wahlforum

Der Großteil der Fragen beschäftigte sich mit dem Klimaschutz. Ein Podiumskandidat war gar nicht eingeladen.

Auf der Bühne am Dienstagabend im Meißner Burgkeller: Die Direktkandidaten des Wahlkreises Meißen für die Bundestagswahl.
Auf der Bühne am Dienstagabend im Meißner Burgkeller: Die Direktkandidaten des Wahlkreises Meißen für die Bundestagswahl. © Claudia Hübschmann

Meißen. Die Themenschwerpunkte konnten die rund 100 Besucher vor dem Wahlforum zur Bundestagswahl selbst setzen. Den größten Redebedarf gab es zum Thema Klima, Umwelt und Landwirtschaft: Heruntergebrochen auf die Region sollten die Direktkandidaten aufzeigen, wie die heimische Weinwirtschaft für neue klimatische Herausforderungen - steigenden Temperaturen oder Spätfrost - fit gemacht werden könne.

Eine Frage, mit der Barbara Lenk (AfD) scheinbar überhaupt nicht gerechnet hat. Sebastian Fischer, ehemals weinbaupolitischer Sprecher der CDU, sprang gerne in die Bresche. Über Wein könne er schließlich stundenlang sprechen, weniger wohl zu den veränderten klimatischen Bedingungen. Zurück zu Lenk, die versuchte ihren stammelnden Einstieg humorvoll zu überspielen, schließlich trinke sie Meißner Wein bisher nur. Damit sich die Winzer besser auf Dürre und Spätfrost konzentrieren könnten, forderte sie eine Entlastung der Bürokratisierung.

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FDP-Kandidat Johannes Schmidt-Ramos schloss sich dem Allheilmittel Bürokratieabbau an, auch beim Klimaschutz. Karin Beese (Grüne) reagierte darauf irritiert. Wichtiger sei der Blick in andere Länder, die schon jetzt mit vergleichbaren Bedingungen zu kämpfen hätten: "Da ist es ganz wichtig, dass wir in einen Austausch gehen. Gerade was Hitze und Starkregen betrifft, können wir von anderen Ländern noch ganz viel lernen. Da müssen wir als Politiker offen bleiben und wissenschaftliche Ergebnisse einfließen lassen." Markus Pohle (Linke) spitzte weiter zu: "Wenn wir die Weichen für das 1,5 Grad-Ziel in den nächsten zehn Jahren nicht gestellt, bekommen, dann fliegt uns das Klima um die Ohren. Dann gibt´s keinen Meißner Wein mehr, sondern nur noch einen kleinen Wermutstropfen."

Als nächstes äußerte sich SPD-Politiker Frank Richter: "Wir müssen auf die kleinen Winzer schauen, die wissen ganz genau mit dem Klimawandel umzugehen. Die haben ihr Handwerk drauf." Vor sich stehend ein falsches Namensschild, schließlich war er weder eingeladen, noch beschäftigt er sich als Landtagsabgeordneter primär mit bundespolitischen Fragen. Allerdings musste er kurzfristig für die erkrankte Direktkandidatin Stephanie Dzeyk einspringen.

Frank Richter (l.) war kurzfristig eingesprungen.
Frank Richter (l.) war kurzfristig eingesprungen. © Claudia Hübschmann

Pohle und Beese sprachen sich zudem für einen früheren Kohleausstieg aus. "2038 ist definitiv zu spät", so Beese. "Wir haben in Deutschland einen Fachkräftemangel, gerade die erneuerbaren Energien bieten sehr viele neue Jobperspektiven." Trotz der unterschiedlichen Positionen aller Podiumsteilnehmer überzeugten sie von Beginn an, durch einen respektvollen und konstruktiven Umgang mit den anderen Argumenten.

Am Tisch von Grünen und CDU, drehte sich Fischer immer wieder interessiert seiner Konkurrentin Beese zu, um angeregt zuzuhören, bis er sich beim nächsten Argument wieder kopfschüttelnd abwand: "Ich rate dringend dazu, den einmal mühsam geschaffenen Kohlekompromiss zu halten", mahnte Fischer, der seine Position energisch rüberzubringen wusste und engagiert und mit beiden Händen unterstützte. "Ich bin der Meinung, dass Energiewandel nur gestaltbar ist, wenn wir zusammen mit der mittelständischen Industrie und dem Handwerk arbeiten". Auch ein "Lobby-Politik"-Ruf senkte seinen Enthusiasmus nur wenig.

Schmidt-Ramos ließ sich von der zunehmenden Emotionalität in der Gesprächsrunde nicht anstecken und erklärt ganz sachlich, dass seine Partei auf Emissionshandel setze. So könne die Politik den CO2-Ausstoß über Emissionsberechtigung steuern und Anreize schaffen. Wer weniger CO2 emittiert, muss entsprechend weniger bezahlen. Lenk lehnte den Kohleausstieg 2038 im Namen der AfD ganz ab. Stattdessen müsste auf einen vielfältigen Energiemix gesetzt werden, in dem Kohle weiterhin eine Rolle spiele, aber auch die Kernenergie - aufgrund neuer Forschungserkenntnisse - wieder mit berücksichtigt werden sollte.

Abschließend sollten sich die Kandidaten in einer Ja-Nein-Frage zum Verbrennungsmotor positionieren: Die Kandidaten von SPD, Linke und Grüne räumten dem Verbrennungsmotor nach 2030 keine Chance mehr ein, AfD, FDP und CDU hingegen schon.

Barbara Lenk fiel im Wahlforum durch den geringsten Redeanteil auf.
Barbara Lenk fiel im Wahlforum durch den geringsten Redeanteil auf. © Claudia Hübschmann

Dass eine Dreiviertelstunde über Maßnahmen zum Klimaschutz diskutiert wurde, hielt ein Fragensteller aus dem Publikum für sinnlos. Mit Verweis auf die mittelalterliche Warmzeit - zu der sich auch im Elbland mediterrane Pflanzen angesiedelt hätten - habe der Mensch sowieso keinen Einfluss auf dem Klimawandel. Eine Frage blieb er dem Podium schuldig.

Die Grünen-Direktkandidatin Beese antworte trotzdem: "Es kann gut sein, dass es vor 300 Jahren ein Jahr gab, wo die Temperaturen drei Grad wärmer waren, aber wenn wir es über einen längeren Zeitraum anschauen, sehen wir zwar Schwankungen im Klima, aber wenn wir uns anschauen, was seit der Industrialisierung passiert ist, dann sehen wir einen starken Anstieg, westlich stärker als in den Jahrtausenden zuvor." Zumindest 99,9 Prozent der Wissenschaftler kämen zu diesem Schluss. "Wir müssen uns fragen, ob wir der Mehrheit der Wissenschaftler vertrauen, oder denen in einer Außenseiterrolle."

Eine Frage aus dem Publikum, wie die Region ihre Direktvermarktungswege besser nutzen könne, wurde von den meisten Direktkandidaten, für eine Debatte über bezahlbare Lebensmittel genutzt. Allgemein kamen die Publikumsfragen ein bisschen zu kurz. Dafür waren die Themengebiete zu komplex und sorgten schon auf dem Podium für viele Erwiderungen. Wenn ein Zuschauer drangenommen wurde, war dieser gar nicht mehr zu bremsen. Eine aufgebrachte Frage führte schnell zur Nächsten.

Die Übergangsfrage zum nächsten Themenkomplex, ob mehr politische Bildung nötig sei, ging in einem polternden Abgang eines Zuschauers unter, der mit seiner Frage nicht mehr drankam und deshalb versuchte, seinen eng beschriebenen Notizzettel über Chemtrails so laut vorzulesen, um die Mikrofone zu übertönen. Derweil bekannten sich auf dem Podium alle Kandidaten zu mehr politischer Bildung. Auch Barbara Lenk, die sich dafür eine kritische Nachfrage von Frank Richter einfing, der im Landtag andere Erfahrungen gemacht hätte. Lenk blieb dabei, präzisierte allerdings, dass der Linksdrall der politischen Bildung ausgeglichen werden müsste.

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