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Was die Alten von den Jungen lernen müssen

Viele junge Menschen haben FDP oder Grüne gewählt. Es wird Zeit für die anderen Parteien, auf die Themen der neuen Generation zu hören. Ein Leitartikel.

Luisa Zenker über die Wahlergebnisse und die sich ergebenden Schlussfolgerungen.
Luisa Zenker über die Wahlergebnisse und die sich ergebenden Schlussfolgerungen. © dpa/SZ

Es sieht schlecht aus für die beiden Volksparteien CDU und SPD. Die Jugend hat sich von den Parteien abgewandt. Das zumindest zeigen die Ergebnisse der diesjährigen Bundestagswahl. Zwar haben CDU und SPD insgesamt die meisten Stimmen erhalten, aber knapp die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen entschieden sich für FDP und Grüne. Nur elf Prozent wählten die Union, die SPD kam bei den Jungen auf 17 Prozent.

Die heute Unter-30-Jährigen werden bald wichtige und entscheidende Posten in diesem Land besetzen. Offenbar haben aber die Volksparteien die Themen dieser jungen Generation vergessen oder schlichtweg ignoriert. Viel zu lange haben sie ihre Politik auf eine Wählerschaft mit grauen Haaren ausgerichtet. Dafür werden sie jetzt von der Jugend bestraft. Sie müssen nun das grün-gelbe Ergebnis – in sozialen Medien als „Limette“ bekannt – auf die Zutatenliste der neuen Regierung schreiben. Was aber verraten die Stimmanteile über Wünsche und Forderungen der neuen Generation?

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Die jugendliche Limette ist sauer! Sie hat grün oder gelb gewählt, weil ihre Themen von der Großen Koalition auf die lange Bank geschoben wurden: Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung.

Noch immer ist das Internet für viele Menschen im ländlichen Raum zu langsam, ein Telefonat im Zug durch Deutschlands Provinz bleibt ein Wunschbild und in etlichen Schulen gibt es kein WLAN. Unverzeihlich ist, dass das Fach Programmieren noch nicht in jedem Lehrplan steht. Corona hat schmerzlich gezeigt, dass die Digitalisierung der Schulen auf dem Stand der Nullerjahre ist.

Gerade in Zeiten der Pandemie vergessen die Regierungsparteien SPD und CDU die Jungen. Ganz anders die FDP – sie pochte von Anfang an darauf, die Corona-Beschränkungen für diese Generation zu lockern. Und auch jetzt haben junge Menschen ihre Freiheit noch nicht zurückbekommen. Während in deutschen Büros keine allgemeine Testpflicht gilt, müssen sich Schüler mehrfach die Woche ein Stäbchen in die Nase schieben. Noch immer wissen etliche Studierende nicht, ob sie im kommenden Semester endlich wieder in die Hörsäle zurückkönnen. Sie haben ohnehin fast zwei verkorkste Jahre hinter sich: Praktika, Auslandssemester oder ein ganz normales Date – all das brach für viele während des Lockdowns weg. Sie saßen ohne Nebenjob allein in überteuerten Mietwohnungen und hatten keinen Anspruch auf staatliche Finanzhilfen. Jetzt wollen sie frei sein. Genau dieser Freiheitsdrang der kosmopolitischen Generation findet im Programm der FDP Anknüpfungspunkte.

Und hier zeigt sich eine weitere Überraschung: Die Jugend will die exotische Limette, trotz ihrer schlechten Klimabilanz. Es gibt eine linksgrüne Jugend, aber auch eine neoliberal-kapitalistische. Entgegen der vorherigen Umfragen wählte nur ein Viertel der jungen Generation die Grünen – und darunter besonders Frauen. Fridays-for-Future steht eben nur für einen Teil der Unter-30-Jährigen.

Zwar fordert die Mehrheit einen besseren Klimaschutz. Doch wie der konkret aussehen soll, dazu haben Grüne und FDP ganz unterschiedliche Antworten. Während die Grünen viel regulieren wollen, baut die FDP auf Technologien. Der Markt, nicht der Staat soll es lösen.

Das grün-gelbe Ergebnis verdeutlicht nun, dass diese beiden Ansätze sich nicht ausschließen dürfen, sondern gemeinsam gedacht werden müssen: Die Politik soll die Gesellschaft verändern und zeitgleich grüne Technologielösungen finden. Auch die Union hat im Wahlkampf gezeigt, dass sie die Klimakrise mittels Technik bewältigen will – sie konnte damit aber nicht überzeugen. Denn die konservative Jugend existiert, sie fühlt sich nur nicht von den alteingesessenen Volksparteien repräsentiert. Diese Jugend will das Klima schützen, aber nicht auf den Konsum verzichten. Sie will Wohlstand ohne grüne Verbote. Sie will mehr Solaranlagen und trotzdem mit dem Porsche über die Autobahn rasen – ohne Tempolimit. Sie will den Emissionshandel, aber auch nach Mallorca fliegen. Die FDP nennt das Freiheit. Eine Freiheit, die laut Grünen anderen Menschen und Ökosystemen auf der Welt schadet. Hier zeigt sich: Grün und Gelb widersprechen sich diametral, auch wenn die Parteispitzen gerade anderes vermitteln wollen.

Hier machen FDP und Grüne etwas Entscheidendes richtig: Sie spielen in den sozialen Netzwerken der Jungen mit. Baerbock und Lindner zeigen sich dort jung und frisch wie eine Limette. Sie haben die meisten Follower auf Instagram und Twitter. Die soziale Videoplattform TikTok ist für die FDP ein zweites Zuhause. Mittwochnacht posteten die vier führenden Köpfe von FDP und Grüne auf Instagram ein „privates“ Selfie.

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Das zeigt: Die Kommunikation zwischen Politikern und jungen Bürgern muss sich ändern; die Jugend will direkt, persönlich und nahbar mit den Entscheidungsträgern sprechen, auch über Außenpolitik. Afghanistan, China oder Belarus – das sind Orte, die für die junge globalisierte Generation keine Fremdwörter sind. Ihnen ist es wichtig, dass Menschenrechte – egal wo auf der Welt – eingehalten werden.

Die Farben grün und gelb stehen für einen Neuanfang auf Bundesebene. Die alten Volksparteien haben die junge Generation zu lange ignoriert. Jetzt müssen sie in die Limette beißen.

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