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Wozu müssen Köche Politik verstehen?

Plötzlich sitzen Bundestagskandidaten im Klassenzimmer einer Dresdner Berufsschule. Die Lehrlinge wollen über Drogen, Übergewicht und Tierwohl reden.

Die Lehrerin Marion Ossowski (60) will ihre Schüler für Politik begeistern und organisierte kurzerhand eine Diskussion mit den Dresdner Bundestagskandidaten. Schüler Leon Proskawitz (22) hat moderiert.
Die Lehrerin Marion Ossowski (60) will ihre Schüler für Politik begeistern und organisierte kurzerhand eine Diskussion mit den Dresdner Bundestagskandidaten. Schüler Leon Proskawitz (22) hat moderiert. © René Meinig

Dresden. Eine Gruppe von jungen Menschen lümmelt auf einem Schulhof in der Friedrichstadt. Gummibärchen werden sich scherzend in den Mund geschoben. Sie alle gehen auf das Berufliche Schulzentrum für Gastgewerbe (BSZ), ein Ort für angehende Gastronomen.

An diesem Mittwochnachmittag werden die Berufsschüler und Gymnasiasten mit den Bundestagskandidaten der Wahlkreise Dresden und Meißen diskutieren. Haben sie Lust darauf? „Es ist eine Pflichtveranstaltung“, sagt Julian, der gerade eine Ausbildung zum Koch macht. „Wir sind eher die nicht-politikinteressierten Köche“, fügt sein Klassenkamerad Max hinzu.

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Keine Angst anzuecken

Lehrerin Marion Ossowski lacht bei dem Kommentar, sie unterrichtet am BSZ seit 1992 das Fach Gemeinschaftskunde – hier geht es um Politik. „Ich will meine Schüler für meinen Unterricht begeistern, so wie es jeder Lehrer möchte.“ Dafür hat sich die 60-Jährige etwas Ungewöhnliches ausgedacht: „Ich möchte nicht nur mit meinen Schülern über Politik sprechen, sondern sie sollen selbst mit den Politikern reden und sich eine Meinung bilden.“

Deshalb hat sie kurzerhand alle Bundestagsabgeordneten aus der Region angeschrieben und zu einem Diskussionsabend eingeladen. Fast jede Partei hat zugestimmt. Auch die AfD ist mit dabei. Eine Überraschung, wurde doch die Lehrerin vor vier Jahren durch die Partei zu einem kleinen Politikum.

Im Herbst 2017 hatte sie ihrer Klasse ein Arbeitsblatt über den Wahlerfolgscocktail der AfD ausgehändigt. Das selbstgeschriebene Rezept für den „AfD-Wahlerfolgscocktail“ bestand beispielsweise aus Angst vor Terror, Hass auf das System, Ablehnung der Europäischen Union, Chauvinismus und preußischem Militarismus. Als „mögliche Nebenwirkungen“ wurden Taubheit, Wahnvorstellungen und Jagdgelüste angegeben. Die Schüler sollten darüber diskutieren, wieso die AfD so viel Zulauf erhalten hat.

Arbeitsblatt auch für andere Parteien

Dieses Arbeitsblatt sollte das Verhältnis zwischen Lehrerin Ossowski und dem Landesamt für Schule und Bildung, dem Kultusministerium und zu einem Teil ihrer Kollegen nachhaltig schädigen. Als die AfD Wind davon bekam, twitterte Politiker Jens Maier (AfD): „Hetze gegen die AfD im Klassenzimmer hat Folgen.“ Und tatsächlich wurde die Lehrerin mehrmals an das Landesschulamt gerufen, ihr Unterricht wurde überprüft. Wenige Monate später waren die Untersuchungen beendet, rechtliche Folgen gab es offiziell keine. Kurz danach durfte die Lehrerin aber kein Französisch mehr am Gymnasium unterrichten. Zufall? Vielleicht, sagt die Dresdnerin.

Nun, nach vier Jahren, gibt es das Arbeitsblatt noch immer. "Ich werde es auch wieder benutzen", so die Lehrerin. "Vielleicht dann auch für die Grünen oder für die SPD. Warum schmeckt der SPD-Cocktail den meisten nicht mehr?"

Überraschendes vom CDU-Kandidaten

Nun sitzt die Lehrerin mit ihren Schülern, Kollegen sowie den Bundestagskandidaten in der Cafeteria des BSZ und redet über Drogen. Etwa 40 junge Menschen quetschen sich zwischen die Stuhlreihen, ein Großteil von ihnen wird dieses Jahr zum ersten Mal wählen. „Ich bin dafür, Cannabis zu legalisieren“, sagt Sebastian Fischer (CDU), der in diesem Jahr für das Direktmandat des Wahlkreises 155 (Meißen) kandidiert. „Ihre Partei scheint das ja nicht zu interessieren“, erwidert die Bundestagskandidatin der Grünen, Merle Spellerberg. „Ja, ich bin damit wohl eine Minderheit in meiner Partei“, reagiert Fischer.

Fast alle im Raum sind sich einig: Cannabis sollte legalisiert werden. Wie genau, da gehen die Meinungen auseinander. Bundestagskandidat Silvio Lang (Linke), der im Wahlkreis 160 (Dresden II und Bautzen II) anritt, will gleich alle Drogen entkriminalisieren. Das geht Sebastian Fischer zu weit. Dennoch weiß er als gelernter Gastronom: „Wir als Köche leben davon, dass die Menschen Drogen konsumieren – sei das von der Schweinshaxe bis zum Bier.“

Die Gastronomie und ihre Drogen

„Das sind mal ganz andere Themen“, sagt Ossowski in der Pause. Für die Lehrerin sind Drogen ein sehr wichtiges Thema. „Ich bekomme von meinen Kochschülern öfter zu hören, dass viele ihrer Kollegen in dem Gewerbe zur Flasche greifen. Auf Dauer hält man dem Stress nicht Stand.“ Die Schnapsflasche oder das Weinglas sei in greifbarer Nähe. Studien aus Skandinavien belegen diese These: Für Gastronomiemitarbeiter besteht demnach ein überdurchschnittlich hohes Suchtrisiko. Auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen warnt davor, dass Mitarbeiter im Gastronomiegewerbe öfter von Alkoholismus betroffen sind. Viele Schüler am BSZ würden deshalb lieber einen Joint rauchen, als Alkohol trinken. Der ist aber verboten.

In dem Raum scheint das Gefühl einer Pflichtveranstaltung zu verschwinden. Die anfangs müden Gesichter werden wacher: Es wird gelacht oder enttäuscht geseufzt, je nachdem, welches Thema die Politiker anreißen. Immer mehr Hände gehen in die Höhe. Eine Frage nach der anderen wird durch die Cafeteria gerufen:

Wie steht die AfD zum Gendern, Herr Peschel? Warum gibt es immer noch ein föderales Bildungssystem? Was macht die CDU für den Klimaschutz? Warum wirbt Merle Spellerberg (Grüne) für Menschenrechte, hat aber ein iPhone in der Hand? Kann der freie Markt wirklich alles regeln, Herr Schmidt-Ramos (FDP)? Und Herr Lang (Linke), was oder wer ist denn eigentlich die Antifa?

Lehrerin Ossowski hört gespannt zu. In so mancher Politik-Stunde wurde ihr seitens der Schüler die Frage an den Kopf geworfen: „Wozu müssen Köche Politik verstehen? Warum sollen wir uns damit auseinandersetzen?“ Man wolle lieber Kochen, als über Politik sprechen. "Man definiert sich eben nicht als Bürger, der sich für Politik interessiert, sondern man definiert sich über seinen Beruf."

Dass Politik und Kochen aber durchaus miteinander zu tun haben, zeigt sich beispielsweise bei dem Thema Ernährung. Ein Schüler fragt sich, warum so viele Menschen in Deutschland übergewichtig sind und was die Politik dagegen tun könne. Auch das Thema Tierwohl interessiert die angehenden Gastronomen.

Eine Frage bleibt unbeantwortet

"Ich wollte meinen Schülern zeigen, dass man bei der Bundestagswahl eben nicht mal so aus dem Bauch heraus entscheidet. Ich möchte, dass sie sich mit den Themen und Kandidaten auseinandersetzen, und ich hoffe, dass sie verstehen: Politiker sind Menschen", erklärt Ossowski ihr Anliegen. Bei Schüler Leon Proskawetz, der durch den Nachmittag moderierte, hat das offenbar gewirkt. „Ich hab mir die Kandidaten immer ganz anders vorgestellt, im Internet wirken sie so selbstbewusst und schlagfertig. Aber hier in der Diskussion, da wird einem schnell klar: Das sind auch nur Menschen, die nicht zu allem eine klare Meinung haben.“

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Dem hat die Lehrerin nichts hinzuzufügen. Nur eines habe sie enttäuscht: Dass sich Herr Maier von der AfD der Diskussion nicht gestellt hat. "Ich hätte gern die Frage an ihn gerichtet, wie die AfD mit Lehrern umgeht, die es im Unterricht wagen, Parteien zu kritisieren." Jens Maier (AfD) hat sich auf SZ-Anfrage nicht dazu geäußert, warum er nicht erschienen ist.

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