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"Christian Thielemann wird gecancelt"

Das Rezept vieler „alternativer“ Medien: ob Klimawandel, Zuwanderung, Gendern - Hauptsache gegen den „Mainstream“. Notfalls mit Lücken und Lügen.

Der Kabarettist Uwe Heinz Steimle schimpft oft auf die "Staatsmedien". In seinem eigenen Alternativen Medium "Steimles Aktuelle Kamera" hält er dagegen und stellt die Bundesrepublik gerne als Diktatur dar.
Der Kabarettist Uwe Heinz Steimle schimpft oft auf die "Staatsmedien". In seinem eigenen Alternativen Medium "Steimles Aktuelle Kamera" hält er dagegen und stellt die Bundesrepublik gerne als Diktatur dar. © Andreas Weihs

Gut für die Demokratie, schlecht für die Stimmung: Spätestens seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise vor sieben Jahren hat sich die Bundesrepublik endgültig in eine Debattennation verwandelt. Mit Leidenschaft und Reibung, leider auch mit Beleidigungen und Herabsetzungen bis hin zum Hass wird gestritten und diskutiert, was die Stimmen und Tastaturen hergeben.

Zwar klaffen die Meinungen auch in den klassischen Medien oftmals weit auseinander, erscheinen gegensätzliche Kommentare und Beiträge in zuvor kaum gekannter Zahl. Dennoch ist die Erzählung ungeheuer populär geworden von einem dominierenden medialen Mainstream, in dem über die wesentlichen Streitfragen weitestgehend Konsens herrsche. Das permanente Wiederholen, Verbreiten und Verstärken dieser Erzählung vom Mainstream ist die eine Hälfte des Erfolgsgeheimnisses sogenannter Alternativer Medien. Die andere ist kürzer und wichtiger: Hauptsache dagegen.

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Konkreter: Alles, was dem Mainstream kurzerhand an Lieblingsfragen samt deren grundsätzlicher Bejahung zugeschrieben wird – etwa Klimapolitik, Migration, Political Correctness, mehr Fleischverzicht, Genderdebatte oder Anti-Sexismus –, muss für irrelevant erklärt oder abgelehnt und verneint werden. Egal, ob es in den konkreten Fragen überhaupt einen Mainstream gibt oder ob er dafür eigens konstruiert werden muss.

Der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen hat das Alternative Medium KenFM gegründet. Weil er darin Lügen, Verschwörungstheorien und Hass verbreitet, hat die Videoplattform YouTube seinen Kanal gesperrt.
Der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen hat das Alternative Medium KenFM gegründet. Weil er darin Lügen, Verschwörungstheorien und Hass verbreitet, hat die Videoplattform YouTube seinen Kanal gesperrt. © dpa/PA

Das gilt fraglos nicht für sämtliche Alternativen Medien. Grundsätzlich erfüllen sie sogar eine wichtige Funktion, sorgen doch auch sie für einen Meinungspluralismus, ohne den die Demokratie nicht auskommen kann. Doch das Vorgehen vieler Alternativer Medien oder Journalisten ist durchaus fragwürdig. Man inszeniert sich als Opfer des Mainstreams, als tapferer und selbstloser Rebell gegen das Totschweigen anderer Meinungen, als mehr oder weniger einsamer Kämpfer für die alleinige Wahrheit.

Man inszeniert sich als Opfer des Mainstreams

Die jedoch, so die Behauptung, längst erkannt worden ist von der stillen Mehrheit, die aber Angst habe, sie zu äußern. Zum Beispiel, so ein Behauptungs-Standard, weil „man“ schon beim Infragestellen etwa der Corona-Ausgangsbeschränkungen „sofort“ und „von allen“ als „Nazi“ bezeichnet und ausgegrenzt werde. Besonders erfolgreich in der Selbststilisierung zum „Mainstream“-Opfer ist der Russland- (und inzwischen natürlich auch Corona-) Kenner Boris Reitschuster. Besonders versiert in der Selbstdarstellung als Universalexperte von geradezu Goethe‘schem Zuschnitt ist Dirk Pohlmann, der eigentlich zu allem irgendein Fach-„Wissen“ beiträgt: Nawalny, Nahostkonflikt, Grüne, Olof-Palme-Mord, Wale, Raben ...

Natürlich kommen auch Alternative Medien nicht völlig ohne Belege für ihre Behauptungen aus. Plattformen wie The Germanz, Nachdenkenseiten, The European, Telepolis oder Greenpeace arbeiten zumeist nach strengeren journalistischen Regeln, sie recherchieren und geben oft genug wichtige Impulse für Debatten, die man aus anderen Richtungen so nicht empfängt. Das Problem sind auch weniger sie als vielmehr die schwarzen Schafe unter den Alternativen Medien. Solche, die mit Vorliebe dubiose Quellen, inhaltliche Lücken oder falsche Tatsachen bei der Erstellung ihrer Inhalte in Kauf nehmen oder dies sogar absichtlich tun. Denn viele von ihnen haben eine politische Agenda und wählen nur solche Fakten und Thesen aus, die dort hineinpassen. Alles, was dazu im Widerspruch stehen und die Agenda stören könnte, wird nicht etwa mit einbezogen und erörtert, sondern konsequent draußengelassen.

Der Vertrag von Christian Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle wird über 2024 hinaus nicht verlängert. Für den Alternativen Journalisten Roland Tichy ein Zeichen dafür, dass Sachsens Ministerpräsident den Freistaat "von fremden Gedank
Der Vertrag von Christian Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle wird über 2024 hinaus nicht verlängert. Für den Alternativen Journalisten Roland Tichy ein Zeichen dafür, dass Sachsens Ministerpräsident den Freistaat "von fremden Gedank © Robert Michael

So geben die schwarzen Schafe unter den Alternativmedien etwa mit Vorliebe wissenschaftliche Minderheitenmeinungen wieder, erklären sie für allein zutreffend und spielen sie gegen die damit angeblich als falsch „erwiesene“ Mehrheitsmeinung aus. Obwohl es bei noch nicht eindeutig geklärten Fragen etwa zu Corona durchaus relevanter ist, was die Forschungsmehrheit für höchstwahrscheinlich hält. Viele Alternative Journalisten halten sich indes erst gar nicht mit der Belegbeschaffung auf. Dafür gibt es zwei frische Beispiele, die Sachsen betreffen. Beide lieferte der ehemalige Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy, dessen 2015 gegründete Plattform Tichys Einblicke eines der erfolgreichsten Alternativen Medien in Deutschland ist.

Will Kretschmer Sachsen "säubern"?

So kündete Tichy einen Text über die Nicht-Vertragsverlängerung des Semperopern-Chefdirigenten mit den Worten an: „Christian Thielemann wird gecancelt – diesmal unter einem CDU-Ministerpräsidenten, der Sachsen von fremden Gedanken auch in Musiknoten säubern will.“ Zwei Dinge daran sind bemerkenswert: Weder vonseiten des Ministerpräsidenten noch aus der Semperoper war bislang Widerspruch – oder mehr als das – gegen irgendwelche privaten Meinungen oder Programmpläne Thielemanns zu hören. Es gibt mithin keinen Beleg für Roland Tichys Behauptung.

Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ist nun Bundestagskandidat der CDU. Das war für ihn allerdings kein Grund, in der neuen Gesprächsrunde "Tichys Abgesang" Einspruch zu erheben, als Talkgast Uwe Steimle Maaßens Partei mit der stalinistischen
Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ist nun Bundestagskandidat der CDU. Das war für ihn allerdings kein Grund, in der neuen Gesprächsrunde "Tichys Abgesang" Einspruch zu erheben, als Talkgast Uwe Steimle Maaßens Partei mit der stalinistischen © Michael Reichel/dpa

Doch diesbezüglich haben es Tichys Einblicke und diverse andere Alternative Medien ohnehin relativ leicht: Es sind reine Meinungs-Plattformen, und Meinungen kann man belegen, muss das jedoch nicht unbedingt. Hauptsache, man meint irgendwas. Damit arbeiten auch Tichy-Konkurrenten wie die Achse des Guten oder Ken FM.

Uwe Steimle stellt Deutschland gerne als Diktatur dar

Darüber hinaus benutzt Roland Tichy wie selbstverständlich den Begriff der „Säuberung“, der eigentlich gemünzt ist auf die Unterdrückung und massenhafte Ermordung Andersdenkender in totalitären Systemen wie Nationalsozialismus und Stalinismus. Letzteres ist typisch für die konsequent betriebene sprachliche Eskalation der Debatten, gerade wenn es darum geht, die Regierung der Bundesrepublik zu delegitimieren, indem man sie mit einer Diktatur gleichstellt.

Das tut auch der Kabarettist Uwe Steimle mit Vorliebe. Seit dessen Vertrag beim MDR nicht verlängert wurde, weil der Dresdner trotz mehrfacher Unterlassungsbitten seines Arbeitgebers diesen öffentlich herabgewürdigt hatte, betreibt er einen eigenen Videokanal auf Youtube, in dem er inzwischen schon in 23 Folgen über alle möglichen aktuellen Themen (siehe oben) „satirisch“ plaudert. Mittlerweile hat „Steimles Aktuelle Kamera“ fast 60.000 Abonnenten; eine respektable Größenordnung und ein Indiz dafür, dass die Gründung eines spendenfinanzierten Alternativen Mediums auch ein tragfähiges Geschäftsmodell sein kann.

Auch das Leipziger Alternativmedium Exo-Magazin fragt gerne "Experten", die einer Meinung sind, wie Dirk Pohlmann (l.) und und Mathias Bröckers. Beide kennen sich in erstaunlich vielen Bereichen aus. In der Sendung vom Mai sprachen sie unter Verweis auf v
Auch das Leipziger Alternativmedium Exo-Magazin fragt gerne "Experten", die einer Meinung sind, wie Dirk Pohlmann (l.) und und Mathias Bröckers. Beide kennen sich in erstaunlich vielen Bereichen aus. In der Sendung vom Mai sprachen sie unter Verweis auf v © Screenshot: saechsische.de

Dessen Erfolg liegt in Steimles einziger Kernbotschaft: Heute ist alles wie früher in der DDR. Das dufte er nun auf einem besonders interessanten Forum weiter ausführen, bei der Premiere von „Tichys Ausblicke“, der ersten Talkshow des auch dabei entschieden parteiisch auftretenden Moderators Roland Tichy, ausgestrahlt in der vergangenen Woche vom Sender BerlinTV. Darin nannte Uwe Steimle die Bundeskanzlerin etwa „Seuchenheilige Angela die Erste“, unter der die CDU „eine Partei neuen Typus“ und „wie die SED geworden“ sei, die „wie bei der KPD und der (stalinistischen, Anm. d. Red.) KPdSU“ vorgehe. Dagegen regte sich kein Widerspruch, auch nicht vom zweiten Talkgast: Der CDU-Bundestagskandidat Hans-Georg Maaßen nahm weder die Bundeskanzlerin noch seine Partei gegen solche Verhöhnungen und Verleumdungen in Schutz.

Der wahre Mainstream: schwarze Alternativmedien

Das ist ein weiteres Merkmal der schwarzen Schafe unter den Alternativen Medien: Es geht wie bei Tichys Ein- und Ausblicken nicht um Pluralismus. Weder werden unterschiedliche Meinungen und Argumente präsentiert noch in einer Debatte ausgetauscht, wie es etwa in TV-Talkshows oder klassischen Medien üblich ist, was dem Publikum eine autonome Entscheidung und eigene Meinungsbildung ermöglicht. Vielmehr wird eine einzige Meinung propagiert und Anderslautendes höchstens zitiert, um es samt und sonders abzuwerten.

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Dass sie damit genau das in Reinform tun, was sie ihrer klassischen „Mainstream“-Konkurrenz vorwerfen, ist der selbst entlarvende und offen erkennbare Kardinalfehler der schwarzen Schafe unter den Alternativen Medien. Sie haben längst einen alternativen Mainstream geschaffen und ziehen die Mauern ihrer Wagenburg immer höher. Auch darin besteht ihre besondere Anziehungskraft.

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