merken
PLUS Feuilleton

Hausverbote für Revisionisten

Positionieren sich Gedenkstätten zu einseitig gegen Rechts? Eine Widerrede zum Gastbeitrag „Antifaschismus ist nicht genug“.

Die Gedenkstätte des früheren KZ Buchenwald mit dem Glockenturm und der Cremer-Plastik bei Weimar.
Die Gedenkstätte des früheren KZ Buchenwald mit dem Glockenturm und der Cremer-Plastik bei Weimar. © Martin Schutt/dpa

Von Jens-Christian Wagner

Vor wenigen Tagen kritisierte Bert Pampel, Mitarbeiter der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, in dieser Zeitung den angeblich einseitigen Kampf mancher NS-Gedenkstätten gegen Rechts und äußerte Verständnis für die sogenannten Corona-Kritiker. Das darf nicht unwidersprochen bleiben.

Mitte November 2020 sorgte „Jana aus Kassel“, eine junge Studentin, bundesweit für Aufmerksamkeit, als sie ihren Protest gegen die Corona-Schutzmaßnahmen mit dem Widerstand von Sophie Scholl gegen die nationalsozialistische Diktatur gleichsetzte. Die junge Frau verhöhnte und instrumentalisierte damit nicht nur die NS-Opfer, sondern leistete dem Geschichtsrevisionismus, der die NS-Verbrechen kleinredet oder umdeutet, Vorschub. Damit steht sie nicht allein – man denke an Anne-Frank-Plakate auf Corona-Demos und Davidsterne mit der Inschrift „ungeimpft“. Die AfD wiederum bezeichnete das im November 2020 vom Bundestag verabschiedete Infektionsschutzgesetz, das eben gerade nicht die Trennung von Legislative und Exekutive aufhebt, mit explizitem Verweis auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 als „Ermächtigungsgesetz“.

Anzeige
Hier wird die Zukunft entwickelt
Hier wird die Zukunft entwickelt

Spitzenforschung und Lehre auf hohem Niveau gibt es auch außerhalb von Großstädten und Ballungszentrum: nämlich an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Schulterschluss mit Rechtsextremen

Zugleich – und zumindest auf den ersten Blick widersprüchlich – bekämpfen Teile der AfD ganz offen die als „Schuldkult“ diskreditierte deutsche Erinnerungskultur und fordern wie Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Ergänzt werden diese geschichtsrevisionistischen Vorstöße mit der Forderung nach einem „solidarischen Patriotismus“, einem völkischen Sozialkonzept, das auf Verheißungen der Ungleichheit basiert und sich im Kern nur durch die etwas modernere Wortwahl von der „Volksgemeinschafts“-Ideologie der Nationalsozialisten unterscheidet.

Schließlich verbreiten sich insbesondere in „Querdenker“-Kreisen rasant Verschwörungslegenden, die nahtlos an alte Ideologien anknüpfen und den Schulterschluss mit Rechtsextremen erlauben. Ob sie nun „New World Order“, „Deep State“ „Bevölkerungsaustausch“, „QAnon“ oder „The Great Reset“ heißen – immer schließen diese Mythen an klassische antisemitische Verschwörungserzählungen an. QAnon etwa ist nichts anderes als die uralte Legende vom jüdischen Ritualmord.

Ganz offensichtlich ist es um das Geschichtsbewusstsein bei vielen Deutschen schlecht bestellt. Woher kommt das? Immerhin wusste „Jana aus Kassel“ zumindest ansatzweise, wer Sophie Scholl war. Dieser und andere Fälle zeigen einmal mehr, dass die Kenntnis historischer Ereignisse eben nicht gleichgesetzt werden kann mit Geschichtsbewusstsein, bei dem es darum geht, historische Prozesse einschließlich ihrer Ursachen und Folgen und die historische Bedingtheit des eigenen Lebens zu verstehen. Das kann nur in einem selbstreflexiven Prozess einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte geschehen.

NS-Diktatur basierte auf breiter Zustimmung

Hier zeigt auch die vielgepriesene deutsche Erinnerungskultur Defizite: Viel zu sehr beschränkt sie sich auf ein entkontextualisiertes Trauern ohne Nachzudenken und leider viel zu oft auch auf die Identifikation mit den NS-Opfern, statt danach zu fragen, warum diese Menschen zu Opfern wurden, was die (Mit)Täter, Profiteure und Zuschauer der NS-Verbrechen antrieb und warum die meisten Deutschen im Nationalsozialismus bereitwillig mitmachten. Auch diese erinnerungskulturellen Defizite tragen mit dazu bei, dass sich jemand wie „Jana aus Kassel“ derartig mit den Opfern identifiziert, dass er oder sie sich selbst als Verfolgte sieht. Zudem ist es vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen heute laut den aktuellen Bielefelder MEMO-Studien glaubt, in ihrer Familie habe es keine NS-Täter, wohl aber Opfer gegeben. Die meisten sind zudem davon überzeugt, die Deutschen hätten nichts oder nichts Genaues vom Holocaust gewusst.

Der historische Befund widerspricht den bis heute nachwirkenden und immer wieder neu aktualisierten entlastenden Nachkriegsnarrativen diametral: Tatsächlich basierte die NS-Diktatur auf breiter Zustimmung und einer umfassenden Selbstmobilisierung der Deutschen im Rahmen der Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Mordpolitik des Regimes. Das Ausmaß dieser in der Menschheitsgeschichte singulären Verbrechen macht bis heute fassungslos, umso mehr, als sie nicht nur von pathologischen Exzesstätern oder einer kleinen Clique fanatischer NS-Funktionäre begangen wurden, sondern sich Millionen Deutsche aus eigenem Antrieb und selbstmobilisierend daran beteiligten. Auf den ersten Blick sind diese Verbrechen derart monströs, dass sie nicht vorstellbar und auch nicht erklärbar scheinen. „Unvorstellbar“, schrieb der Buchenwald-Überlebende Robert Antelme 1947, „das ist ein Wort, das sich nicht teilen lässt, das nicht einschränkt. Es ist das bequemste Wort. Läuft man mit diesem Wort als Schutzschild umher, diesem Wort der Leere, wird der Schritt sicherer, fester, fängt sich das Gewissen wieder.“

Ein erschreckender Gegenwartsbezug

Diesem „bequemen Schutzschild“ muss eine erneuerte, geschichtsbewusste und zugleich gegenwartsbezogene Erinnerungskultur eine bewusste Verunsicherung entgegensetzen: den Versuch, zu erklären, warum sich so viele Deutsche an den NS-Verbrechen beteiligt, sie überhaupt erst möglich gemacht haben. Die Antwort liegt in einem Bündel struktureller, ideologischer, sozialer, psychologischer und habitueller Triebfedern. Genannt seien etwa die ideologische Affinität zu antisemitischen und rassistischen Einstellungsmustern, Kontinuitäten völkischen Denkens, materielle Verbesserungen, an Aufstiegserfahrungen und Abstiegsängste gekoppelte Verheißungen der Ungleichheit, emotionale Integrationsangebote, Gewöhnung an Gewalt, Indoktrination, Gruppendruck, Repression, Ängste, autoritäres Denken und, nicht zu unterschätzen, durch Sicherheits- und Kriminalisierungsdiskurse aufgeladene Ausgrenzungspraktiken.

Hier zeigt sich ein erschreckender Gegenwartsbezug: Viele der genannten Faktoren sind nicht spezifisch nationalsozialistisch geprägt, sondern entfalten mehr oder weniger stark auch heute bei vielen Menschen ihre Wirkung – und das jenseits falscher Analogiebildungen. Das zeigt schon ein schneller Blick auf die gegenwärtige politische Landkarte: Die Gegner der liberalen, offenen Demokratie schaffen es überall auf der Welt mit denselben Mitteln, Wählerstimmen zu sammeln: Angstmacherei, vor allem gegenüber den „Fremden“, Schüren des Nationalismus, Diffamierung und Ausgrenzung politischer Gegner als „Volksfeinde“.

Hausverbote für Geschichtsrevisionisten

Gegenüber solchen Angriffen auf Demokratie und Menschenrechte ist auch seitens der Gedenkstätten eine klare Haltung gefordert. Das bedeutet, auch in aktuelle politische Debatten einzugreifen, indem Parallelen, aber auch Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und der Neuen Rechten sowie Rechtspopulisten differenziert und wissenschaftlich begründet herausgearbeitet werden – jenseits falscher historischer Analogien und jenseits einer sehr allgemeinen, historisch entkontextualisierten Form der Demokratieerziehung, die im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass die Orte und Opfer der NS-Verbrechen für aktuelle politische Zwecke, und seien sie noch so gut gemeint, instrumentalisiert werden.

Weiterführende Artikel

In endlichem Gedenken

In endlichem Gedenken

Pöbelnde Besucher, eine Strafanzeige. Die Beschreibung der Geschichte driftet nach rechts, findet Buchenwalds KZ-Gedenkstättenleiter.

Antifaschismus ist nicht genug

Antifaschismus ist nicht genug

Deutsche Gedenkstätten engagieren sich entschieden im „Kampf gegen rechts“. Doch dabei dürfen sie nicht ihre Glaubwürdigkeit riskieren - ein Gastbeitrag.

Gedenkstätten-Verein schöpft Hoffnung

Gedenkstätten-Verein schöpft Hoffnung

Seit gut zehn Jahren soll auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers ein Lehrpfad entstehen. Nach langem Stillstand könnte es nun vorangehen.

Gedenkstätten-Chef muss gehen

Gedenkstätten-Chef muss gehen

Nach Wortspielereien mit Begriffen aus der Nazizeit ist Siegfried Reiprich ab sofort nicht mehr Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

Wer hingegen geschichtsbewusst auf die Gegenwart blickt, kann nicht nur, sondern muss sich auch aus den Gedenkstätten heraus Rechtsextremismus, Antisemitismus (von wem auch immer) Rassismus und Verschwörungslegenden entgegenstellen. Dazu gehört, der Normalisierung rechtsextremer, antidemokratischer und geschichtsrevisionistischer Diskurse entgegenzuwirken. Solche Diskurse sind nicht einfach eine andere Meinung, über die man diskutieren kann, sondern sie stellen als Angriffe auf die reflexive Erinnerungskultur eine wesentliche Grundlage unseres demokratischen Miteinanders infrage. Hier ist es besser, klare Kante zu zeigen und Intoleranz auch durch Hausverbote für Geschichtsrevisionisten etwa in der AfD in die Schranken zu weisen, als solche Positionen durch ihre Duldung in Gedenkstätten quasi demokratisch zu legitimieren und gesellschaftsfähig zu machen – auch wenn sich die Provokateure danach als Opfer angeblicher Ausgrenzung inszenieren. Denn das tun sie ja sowieso.

Mehr zum Thema Feuilleton