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Handwerk hat recycelten Boden

Ist es nachhaltig, Stempel herzustellen oder Elektroanlagen zu reparieren? Zum Tag des Handwerks am Sonnabend sagen Meister, was sie antreibt.

Alles geregelt: Flexografenmeister Reinhart Keßner stellt in Löbau Schilder und Stempel her. Material- und Energieverbrauch hat er umgestellt und Zertifikate als klimaneutrales Unternehmen erhalten.
Alles geregelt: Flexografenmeister Reinhart Keßner stellt in Löbau Schilder und Stempel her. Material- und Energieverbrauch hat er umgestellt und Zertifikate als klimaneutrales Unternehmen erhalten. © Jürgen Lösel

Dresden. Früher lockten Handwerker den Nachwuchs mit dem sprichwörtlich goldenen Boden ihrer Berufe. Jetzt wirbt die Handwerkskammer Dresden mit Nachhaltigkeit: „Wir tun, was bleibt“, heißt das Motto zum Tag des Handwerks an diesem Sonnabend. Der Kammerpräsident Jörg Dittrich sieht auch neue Einkommens-Chancen im klimabewussten Handeln.

Dittrich stellte drei Kollegen vor, die für Nachhaltigkeit im Handwerk stehen. Reinhart Keßners Betrieb für Schilder und Stempel gibt es seit 1865, zwei seiner vier Kinder sind am Unternehmen beteiligt. Da macht sich der Unternehmer natürlich Gedanken über die Zukunft. Außerdem sagt er, dass sein Glaube ihn täglich trägt und stärkt.

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Handwerker reparieren und restaurieren. Das ist für Kammerpräsident Dittrich, einen Dachdecker, schon ein Beweis für Nachhaltigkeit. Kurze Wege bei Materialtransporten gehörten dazu. Betriebsinhaber im Handwerk "handeln im Wissen, dass sie ihr Unternehmen eines Tages an die nächste Handwerkergeneration weitergeben".

Dittrich forderte vom Staat mehr Anreize, um bei der energetischen Gebäudesanierung schneller voranzukommen. Beim Umbau der Energiewirtschaft müsse die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben, bei gerechter Verteilung der Kosten. Und im Kampf um die Neuordnung des Verkehrs dürfe gerne mehr Service per Lastenrad eingeplant werden - aber Handwerker müssten weiterhin mit Material und Werkzeug zu den Kunden fahren können.

Holzstempel aus dem Erzgebirge

Wer Stempel und Schilder produziert wie schon sein Ur-Urgroßvater, der möchte alles exakt regeln. Der Flexografenmeister Reinhart Keßner hat eine seiner 41 Beschäftigten ein halbes Jahr lang analysieren lassen, wie es um den ökologischen Fußabdruck seiner Stempel- und Schilderfabrik Rudolf Schmorrde in Löbau bestellt ist.

Das Unternehmen gehört zu den drei Marktführern dieser Branche in Deutschland und hat auch Betriebe in Dresden und Weimar. Keßner will „offen sein für neue Wege und zur Selbstkorrektur“.

Es genügt ihm nicht, auch Stempel aus zertifiziertem Erzgebirgsholz anzubieten. Die Kunststoffstempel seien zumindest teilweise aus Recyclingmaterial, die Platten aus Naturkautschuk. Weil das Unternehmen trotzdem Material und Energie verbraucht, zahlt Keßner zum Ausgleich an ein Trinkwasserprojekt in Indien und für Baumpflanzungen in Sachsen. Nun ist sein Betrieb als klimaneutral zertifiziert.

Der Fabrikant hat die Beleuchtung umgestellt und das Kopiervolumen um zwei Drittel reduziert. Jetzt plant er eine Heizung mit Wärmerückgewinnung. Vor fünf Jahren stellte er einen Afghanen als Lehrling ein, der als bester Sachse und Drittbester in Deutschland die Ausbildung zum Mediengestalter abschloss.

Keßner bedauert allerdings, dass Nachhaltigkeit nicht überall Punkte bringt: Eine Ausschreibung der Stadt Dortmund gewann er nicht, weil dort nur der niedrigste Preis zählte.

Zutaten aus dem 25-Kilo-Sack

Ohne Plasteverpackung: Juliette Beke möchte ihren Friseursalon in Dresden möglichst müllfrei organisieren - und vieles selbst herstellen.
Ohne Plasteverpackung: Juliette Beke möchte ihren Friseursalon in Dresden möglichst müllfrei organisieren - und vieles selbst herstellen. © Jürgen Lösel

Tageslicht fällt durch die Glaskuppel ins ehemalige Lahmann-Sanatorium in Dresden-Weißer Hirsch. So braucht Juliette Beke schon mal wenig Strom für Licht. Das gefällt der Friseurin, die nach jahrelanger Arbeit als Dozentin ihren Friseursalon „Gesunde Haare – Zero Waste“ im März eröffnet hat.

Seit etwa sechs Jahren lebe sie nahezu müllfrei, sagt Beke. Nun schaut sie gerne in ein Lehrbuch von 1928, um etwa Veilchenwasser herzustellen. Damals hätten Friseure Shampoo und Spülung noch selbst gemacht, sagt Beke. Heute gebe es zu viele Verpackungen und Flüssigplastik, das über Haarfarben ins Abwasser gelange. „Mein Haarspray mache ich selbst“, sagt die Handwerkerin.

Sie hat zwei Gläschen mitgebracht, auf denen Natron und Zitronensäure steht – das eine zum Waschen, das andere für die Spülung. „Das kaufe ich in 25-Kilo-Säcken bei einem österreichischen Großhändler“. In der Nähe finde sie noch keinen Lieferanten für alles.

Beke schätzt, dass ihre Beratungsgespräche länger dauern als anderswo. Freilich gebe es auch auf Youtube „krasse Sachen“ zum Ausprobieren. Doch ihr Salon habe Zulauf, auch Bewerber stünden Schlange. Sie könnte schon eine Filiale aufmachen, sagt die Friseurin.

Über einen Ausgleich für Umweltbelastungen denkt sie noch nach: „Ich würde gerne einen Friseurwald in Dresden oder in der Umgebung planen.“ Ärgerlich findet sie, dass große Betriebe leichter an Fördergeld vom Staat kommen.

Mit Spaß unter Strom

Teil der Dienstwagenflotte: Mirko Focke fährt eines von 50 Elektroautos der WEA Wärme- und Energieanlagenbau Sebnitz. Damit fährt er auch zur Arbeit.
Teil der Dienstwagenflotte: Mirko Focke fährt eines von 50 Elektroautos der WEA Wärme- und Energieanlagenbau Sebnitz. Damit fährt er auch zur Arbeit. © Jürgen Lösel

Von Bad Schandau zur Arbeit nach Sebnitz – diesen Weg legt der Kaufmann Mirko Focke in einem kleinen Elektroauto zurück, seit sein Chef 50 Stück davon geleast hat. Steckdosen stehen am Betrieb, der WEA Wärme- und Energieanlagenbau GmbH in Sebnitz sowie in Zwenkau bei Leipzig. Die meisten Kollegen laden den Akku allerdings daheim auf, sagt der Angestellte.

Focke vertritt seinen begrippten Geschäftsführer Henner Jordan beim Fototermin in Dresden. Doch per Video erzählt Jordan, dass er die Dienstwagenflotte zum 25-jährigen Firmenjubiläum als „Werbeträger und Mitarbeiterglücklichmacher“ angeschafft habe. Per Fragebogen sollen später alle von ihren Erfahrungen berichten, bisher höre er Gutes. Beim gemeinsamen Ausflug zum Eisessen auf den Pirnaer Markt sei er mit seinem Hybrid-Mercedes der Firmenflotte vorangefahren, „das habe ich mir gegönnt“.

Jordans Elektriker sind für Sachsen-Energie und Stadtwerke Pirna, für Telekom und Bahn im Einsatz – in nahem Umkreis. Meistens würden für die Arbeit allerdings Montagebusse und Lastwagen benötigt, sagt der Geschäftsführer.

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Solaranlagen hat Jordan schon vor mehr als zehn Jahren auf die Dächer gestellt. Sein Sohn forderte ihn in Diskussionen und wolle Ökologie studieren. Doch der Firmenchef weiß auch: Der Klimaschutz funktioniert nicht, „wenn die Masse der Menschen es nicht macht“. Gleich im nächsten Ort in Tschechien fehle Interesse.

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