SZ + Wirtschaft
Merken

Sachsen bleibt beim Plan für Wasserstoff

Trotz des Streits um Windkraft in der Landesregierung will Sachsen Ökostrom speichern. Thüringen hofft auf Energie-Importe.

Von Georg Moeritz
 4 Min.
Teilen
Folgen
Vom Bund gibt es seit vorigem Jahr eine Wasserstoffstrategie, hier vorgestellt von Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt haben passende Papiere. Aber um das sächsische gibt es Streit.
Vom Bund gibt es seit vorigem Jahr eine Wasserstoffstrategie, hier vorgestellt von Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt haben passende Papiere. Aber um das sächsische gibt es Streit. © Archiv: AFP-Pool/dpa/John Macdougall

Leuna. Vor wenigen Wochen hat ein Streit in Sachsens Landesregierung über Abstandsregeln für Windräder dazu geführt, dass die Grünen nicht mehr der fertigen Wasserstoffstrategie des Landes zustimmen wollten. Das Papier blieb in den Schubladen. Trotzdem: Beim 1. Mitteldeutschen Wasserstoffkongress in Leuna am Dienstag trat Sachsens Energie-Staatssekretär Gerd Lippold (Grüne) auf und diskutierte mit seinen Kollegen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Deren Wasserstoff-Strategien sind bereits im Mai und Juni in den beiden Landesregierungen beschlossen worden. Sachsen-Anhalts Energie-Staatssekretär Thomas Wünsch (SPD) sagte, in Magdeburg gebe es eine vernünftige Zusammenarbeit der Ministerien und "keine so großen Verwerfungen wie in Sachsen".

Lippold sagte in Leuna, Sachsens Landesregierung sei auf einem guten Weg, ihren Streit beizulegen. „Wir werden das hinkriegen.“ Beide Ziele aus Sachsens Koalitionsvertrag ließen sich vereinbaren: stärkerer Ausbau Erneuerbarer Energien, aber auch 1.000 Meter Abstand neuer Windkraftanlagen zur Wohnbebauung. Allerdings werde die nächste Landesregierung neue Entscheidungen zu diesen Themen treffen müssen. Beim Koalitionsstreit in Sachsen geht es darum, ob die 1.000 Meter Abstand auch für einzelne Gebäude mit wenigen Wohnungen gelten. Details sollen in der Bauordnung festgelegt werden, für die das CDU-geführte Ministerium für Regionalentwicklung zuständig ist.

Fernwärme für Leipzig künftig ohne Kohle

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sagte beim Leunaer Kongress, die Energiewende sei auch eine Chance für Mitteldeutschland. Wasserstoff als ein möglicher Stromspeicher werde in der Region um Leuna schon genutzt, alles Nötige sei vorhanden.

Das künftige Leipziger Heizkraftwerk Süd werde Erdgas als „Brückentechnologie“ nutzen und könne später auf Wasserstoff umgestellt werden. Fernwärme für die Großstadt Leipzig könne auch von der Total-Raffinerie kommen, Wasserstoff von dort zur BMW-Fabrik. „Wir haben die große Vision, dass wir uns fossilfrei autark versorgen“, sagte Jung. Er wisse aber nicht, wann das gelingen könne.

Vorsichtiger zeigte sich beim Thema Selbstversorgung der Thüringer Staatssekretär Carsten Feller: Thüringen sei immer auf Energie-Import angewiesen gewesen, auch bei Wasserstoff müsse über Importe nachgedacht werden. Jung brachte Windstrom von der Ostsee ins Gespräch. Das Mitteldeutsche Energieforum war auf die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgerichtet. Sachsen hatte sich zuvor viel mit Brandenburg über den gemeinsamen Kohleausstieg und den Strukturwandel ausgetauscht.

Linde und Sunfire aus Dresden planen Wasserstoffanlagen

Staatssekretär Lippold sagte, im dicht besiedelten Europa bleibe Energie-Import zwar nötig, doch so viel eigene Wertschöpfung wie möglich sei anzustreben. „Wir haben schon eine Wasserstoffwirtschaft, die anderen reden nur davon.“ Sachsen sei vor allem stark in der Forschung und im Anlagenbau.

In Dresden planen Ingenieure des Gaskonzerns Linde eine Wasserstoff-Anlage für Leuna, und das Unternehmen Sunfire aus Dresden baut seine Produktion von Elektrolysatoren aus. Geschäftsführer Christian von Olshausen sagte, die vollautomatische Fertigung solle von jetzt 30 Megawatt pro Jahr auf eine Kapazität von 500 Megawatt im übernächsten Jahr steigen. Später werde es je nach Nachfrage um Gigawatt- und Multi-Gigawatt-Mengen gehen.

Der Linde-Elektrolyseur in Leuna soll 24 Megawatt leisten. Auf die Frage, woher der Grüne Strom für die Wasserstoffproduktion komme, gab es vom zuständigen Manager Andreas Wolf noch keine Auskunft. Er sagte, dazu liefen "politische Gespräche". Unterdessen plant die VNG Verbundnetz Gas AG in Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt einen Windpark mit 44 Megawatt Nennleistung und eine Elektrolyse mit 30 Megawatt. Ab 2026 soll dort Wasserstoff unter Tage gespeichert werden.

Forschung in Chemnitz und Görlitz

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte, bei der Energieversorgung sei „eine große Umorientierung der Gesellschaft nötig“. Auf Erdgas als Brückentechnologie müsse die „Defossilisierung“ in der zweiten Jahrhunderthälfte folgen.

Am künftigen Einsatz von Wasserstoff wird an vielen Orten geforscht, in Sachsen auch in Görlitz und Chemnitz. Chemnitz bekam den Zuschlag als Nationales Wasserstofftechnologiezentrum, muss sich die Aufgabe aber mit anderen Orten teilen. Die Vergabe sei in den Bundestagswahlkampf geraten, sagte Karl Lötsch, Geschäftsführer des Innovationsclusters HZwo.

Doch nun werde in Chemnitz an den rechtlichen und beihilferechtlichen Bedingungen gearbeitet. Das neue Zentrum werde der Industrie zuarbeiten und konzentriere sich auf Wasserstoff für Schiene und leichte Nutzfahrzeuge. Es werde dort Labore und Werkstätten geben, die von mittelständischen Firmen gebucht werden können. So etwas fänden sie anderswo nicht.