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Wie Solarwatt Dresden mit Sonnenstrom wieder wächst

In Sachsen werden wieder mehr Fotovoltaik-Anlagen produziert: Solarwatt verspricht Hunderte neue Arbeitsplätze.

Mit automatischem Greifer: Daniel Starke inspiziert als stellvertretender Schichtleiter die Produktion von Fotovoltaik-Modulen bei Solarwatt in Dresden. Der Betrieb montiert auch die Stromspeicher dazu.
Mit automatischem Greifer: Daniel Starke inspiziert als stellvertretender Schichtleiter die Produktion von Fotovoltaik-Modulen bei Solarwatt in Dresden. Der Betrieb montiert auch die Stromspeicher dazu. © dpa-Zentralbild

Dresden. Licht aus, Roboter an: In der Solarwatt-Fabrik an der Dresdner Grenzstraße drehten sich am Donnerstag orangefarbene Greifarme zu Musik und Lichteffekten. Nach der Eröffnung der neuen Produktionslinien mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will das Unternehmen seine Fertigung in den nächsten Monaten hochfahren. Künftig kann die Fabrik eine Million Fotovoltaik-Module pro Jahr montieren, mit Glasscheiben und Rahmen.

Geschäftsführer Detlef Neuhaus hatte in der Halle Werbeposter aufstellen lassen mit Slogans wie: „Man kann nie genug Sonne vorrätig haben.“ Solarwatt wirbt damit, nicht nur die Strom-Erzeuger fürs Dach zu liefern, sondern auch Akkus aus eigener Produktion sowie die Software zum Steuern des Energieverbrauchs.

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So will Neuhaus Hausbesitzer und Gewerbetreibende dafür gewinnen, statt der preisgünstigsten Technik lieber „made in Germany“ zu kaufen. Er sagte, Solarwatt trete nicht gegen „irgendwelche Asiaten“ an.

Nach der Pleite wieder stark investiert

Im vergangenen Jahrzehnt waren viele deutsche Solarfabriken geschlossen worden, weil sie nicht so billig liefern konnten wie China. Auch Solarwatt ging 2012 pleite, nachdem die Belegschaft schon auf 500 Beschäftigte gewachsen war. Heute hat das Unternehmen 600 Beschäftigte, davon mehr als 400 in Dresden, und verspricht ein Wachstum auf fast 1.000 in vier Jahren. Der Umsatz soll in diesem Jahr von 120 auf 140 Millionen Euro wachsen.

Dazu sollen die 35 neuen Roboter in der hoch automatisierten Fabrik beitragen, und die „Folienschneide-Maschine mit Präzisionspositionsvermessung“. Roboter gab es allerdings auch schon in der benachbarten bisherigen Produktionslinie, die abgebaut werden soll. Geplant ist noch eine Pilot-Linie zum Erproben neuer Technik.

Handarbeit gibt es in der Fotovoltaik-Fabrik fast nur noch bei der Montage der Anschlussdosen an den Modulen, berichtete beim Rundgang Jürgen Thurm. Seine Aufgabe als „Head of Solarwatt Academy“ ist die Schulung – nicht nur seiner Kollegen, sondern vor allem der Installateure aus ganz Europa. Solarwatt, gegründet 1993, hat immer aktiv nach Kunden gesucht und ihnen die Fabrik in Dresden samt Dampferfahrt auf der Elbe vorgeführt.

Ausstellungsstück in der Dresdner Halle für die Stromspeicher-Produktion: Diesen Rennwagen hat die Vorgängerfirma der Solarwatt Innovation, E-Wolf, auf Elektroantrieb umgestellt
Ausstellungsstück in der Dresdner Halle für die Stromspeicher-Produktion: Diesen Rennwagen hat die Vorgängerfirma der Solarwatt Innovation, E-Wolf, auf Elektroantrieb umgestellt © Georg Moeritz

Kapazität der Fabrik: 300 Megawatt pro Jahr

Die Produktion für dieses Jahr ist laut Thurm so gut wie verkauft. Die Nachfrage sei riesig, es gebe kaum Lagerbestände. Geschäftsführer Neuhaus sagte, vor Jahren habe es mal so ausgesehen, „als ob das nicht möglich wäre“, doch nun gebe es „kein Zurück mehr“. Auch Ministerpräsident Kretschmer sagte, kaum jemand habe daran geglaubt, dass Solarproduktion in Europa noch Chancen habe. Doch man dürfe sich nicht von China abhängig machen.

Noch nie sei die Nachfrage nach Fotovoltaik-Technik so hoch gewesen wie jetzt, sagte Walburga Hemetsberger, Chefin des Branchenverbands Solar Power Europe. Das Glas für Vor- und Rückseite der Module kommt laut Solarwatt allerdings von weit her – Europa produziere nicht genügend.

Die Dresdner Fabrik stellt künftig mit Ökostrom Solarmodule mit einer Kapazität von 300 Megawatt pro Jahr her – das ist die maximale Stromausbeute aller Module bei bestem Licht. Laut Solarwatt könnten sich damit etwa 80.000 Haushalte vollständig mit grüner Energie versorgen. Zum Vergleich: 300 Megawatt leistet auch ein kleinerer Windpark im Meer. Ein Dresdner Glas-Glas-Modul von Solarwatt leistet bis zu 380 Watt.

Eröffnung der neuen Produktionsanlage. Von links: Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, Walburga Hemetsberger, Chefin des Verbandes Solar Power Europe, sowie Solarwatt-Hauptanteilseigner Stefan Quandt.
Eröffnung der neuen Produktionsanlage. Von links: Solarwatt-Chef Detlef Neuhaus, der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, Walburga Hemetsberger, Chefin des Verbandes Solar Power Europe, sowie Solarwatt-Hauptanteilseigner Stefan Quandt. © Solarwatt GmbH

Vorprodukte für Akku von BMW und Webasto

In die neue Modulproduktionslinie namens F8 hat Solarwatt 20 Millionen Euro investiert, weitere 15 Millionen Euro in die Batteriefertigung. Solarwatt hatte die Endmontage der Stromspeicher von einem zugekauften Betrieb bei Köln nach Dresden verlagert. In der Halle für diese Akkus arbeiten je 15 Mitarbeiter in zwei Schichten, dort lohnt sich die Automatisierung noch nicht.

Solarwatt betont, dass die Batteriezellen vom „Weltkonzern BMW“ bezogen werden. Der kümmere sich auch um schwierige Fragen wie den Umgang mit „Konfliktmaterialien“ wie Kobalt. Einen Zwischenschritt der Produktion, die Zellmodulfertigung, lässt Solarwatt bei Webasto in Schierling in Bayern erledigen. Per Video war zu sehen, dass dort ein weißer Roboterarm in einem eigenen Bereich für Solarwatt tätig ist.

In den nächsten Jahren will das Unternehmen weitere 65 Millionen Euro investieren. Weil auch die Büroflächen an der Grenzstraße knapp werden, zieht ein Teil der Verwaltung nächstes Jahr in die Dresdner Innenstadt um.

Strom vom Dach auch zum Heizen und Fahren

Solarwatt gehört hauptsächlich dem BMW-Mitbesitzer Stefan Quandt, der an der Eröffnung teilnahm, aber sich nur per Pressemitteilung äußerte: Es zahle sich aus, Solarwatt als „Systemhaus“ ausgerichtet zu haben.

Neuhaus wies darauf hin, dass Hausbesitzer auch Autobatterie und Wärmepumpe mit Strom füttern und so ihre CO2-Emissionen um bis zu 90 Prozent verringern könnten. Kretschmer sagte, mit Sachsens neuem Energie- und Klimaprogramm solle der Ausbau „gerade von Fotovoltaik“ deutlich erhöht werden. Auch auf öffentlichen Gebäuden sei mehr möglich. Beim Ostdeutschen Energieforum am Tag zuvor hatte sich Kretschmer allerdings deutlich skeptisch gezeigt, ob Deutschland alleine mit Erneuerbaren Energien ein Industrieland bleiben könne.

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Andere Solarfabriken in Sachsen: Der Schweizer Konzern Meyer-Burger hat Produktionshallen der insolventen Solarworld in Freiberg übernommen und montiert dort Module aus Zellen aus der eigenen Produktion in Thalheim in Sachsen-Anhalt. Sein Maschinenbau steht in Hohenstein-Ernstthal. Heckert Solar stellt in Chemnitz Solarmodule her – mit einer Kapazität von 400 Megawatt pro Jahr, also mehr als Solarwatt. Ab Herbst bietet auch Heckert Stromspeicher an sowie Apps fürs Energiemanagement. Heliatek will in Dresden Solarfolien zum Aufkleben auf Fassaden und Leichtbauhallen produzieren. Eine Massenproduktion gelang in der Fabrik aber bisher nicht.

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