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PLUS Familienkompass 2020 Löbau

Warum die Zukunft so viel Angst macht

Der Familienkompass zeigt: Im Kreis Görlitz sehen überdurchschnittlich viele beim Thema Arbeit und Zukunft schwarz. Vor allem um und auf dem Eigen.

Kippt das Boot oder trägt es? Das haben sich nicht nur die Teilnehmer beim Badewannenrennen 2019 auf der Pließnitz gefragt - das fragen sich auch viele mit Blick in die Zukunft.
Kippt das Boot oder trägt es? Das haben sich nicht nur die Teilnehmer beim Badewannenrennen 2019 auf der Pließnitz gefragt - das fragen sich auch viele mit Blick in die Zukunft. © Archivfoto: Matthias Weber

Wenn Christian Hänel auf die Zukunft seiner Kinder und Enkel schaut, ist er zufrieden: "Zwei meiner Kinder wohnen bei uns auf dem Eigen, die jüngste Tochter in Zittau", sagt der parteilose Bürgermeister von Schönau-Berzdorf. Alle haben gute Arbeit gefunden und dafür werden auch künftig die Chancen günstig stehen. Dass sich offenbar bei vielen Leuten in Bernstadt, Ostritz und seiner Gemeinde dennoch größere Zukunftsängste breit machen, hat er nicht vermutet.

Und doch zeigt das der Familienkompass, der unter dem Namen "Auf dem Eigen" Daten für diese drei Gemeinden zusammengefasst hat: Die Zukunft bewerten die Befragten hier deutlich schlechter als im Rest des Landkreises und in Sachsen: 80,65 Prozent der Befragten sehen die Chancen der Kinder mit Blick auf das Thema Arbeit hier schlecht oder eher schlecht. Lediglich im Weißwasseraner Umland gibt einen vergleichbaren Wert, wobei im Nordkreis generell eher größerer Pessimismus herrscht. Zwar schätzen insgesamt mehr als die Hälfte der Befragten im Süden jeweils die Lage schlecht und eher schlecht ein. Aber mit 54,05 Prozent in Großschönau oder 55,68 Prozent in der Region zwischen Löbau und Zittau (Herrnhut, Kottmar, Oderwitz, Mittelherwigsdorf) scheint Zukunftspessimismus unter den Befragten nicht überall so ausgeprägt.

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Bürgermeister erleben eher Aufschwung

Warum das so ist, können die drei Bürgermeister der Gemeinden nicht sagen. Denn die Lage stelle sich in ihrem Alltag und im Gespräch mit Bürgern so nicht dar: "Ich nehme das ganz anders wahr, viele junge Familien fragen bei uns an, weil sie zu uns ziehen möchten, die Firmen suchen Fachkräfte und gerade die Jüngeren sind auch bereit, vom Wohnort zur Arbeit bis Löbau, Zittau, Görlitz oder Dresden zu pendeln", fasst die Ostritzer Bürgermeisterin Marion Prange (parteilos) zusammen - und führt damit haargenau dieselben Beobachtungen an, die auch ihre Kollegen Christian Hänel und Markus Weise (Kemnitzer Liste) aus Bernstadt gemacht haben. Überall seien Wohnungen, Eigenheime und Bauplätze begehrt.

Mit dieser Gesamtnote liegen Bernstadt, Schönau-Berzdorf und Ostritz im Sachsenschnitt.
Mit dieser Gesamtnote liegen Bernstadt, Schönau-Berzdorf und Ostritz im Sachsenschnitt. © SZ Grafik
Eine 4 bei den Zukunftschancen: Hier haben 80 Prozent die Lage schlecht oder eher schlecht eingeschätzt.
Eine 4 bei den Zukunftschancen: Hier haben 80 Prozent die Lage schlecht oder eher schlecht eingeschätzt. © SZ Grafik
Mit der Schullandschaft ist man auf dem Eigen insgesamt zufrieden.
Mit der Schullandschaft ist man auf dem Eigen insgesamt zufrieden. © SZ Grafik
Wunsch-Kita, faire Elternbeiträge und engagierte Erzieher gibt es hier.
Wunsch-Kita, faire Elternbeiträge und engagierte Erzieher gibt es hier. © SZ Grafik
Glatter Durchfaller: Die Lage bei der medizinischen Versorgung.
Glatter Durchfaller: Die Lage bei der medizinischen Versorgung. © SZ Grafik
Beim Wohnen liegt vieles im grünen Bereich - nur bei der Freundlichkeit der Nachbarn ist Luft nach oben. 
Beim Wohnen liegt vieles im grünen Bereich - nur bei der Freundlichkeit der Nachbarn ist Luft nach oben.  © SZ Grafik
Bei Nahverkehr und Freizeit-Gestaltung wünschen sich die Befragten für den Eigen und Ostritz mehr.
Bei Nahverkehr und Freizeit-Gestaltung wünschen sich die Befragten für den Eigen und Ostritz mehr. © SZ Grafik

Natürlich - so räumen alle drei Gemeinde-Chefs ein - bewege sich das Spektrum der Arbeitsmöglichkeiten auf und um den Eigen in gewissen Bahnen: eher kleinere Handwerksbetriebe, Landwirtschaft, mit Birkenstock ein größerer Produktionsbetrieb und mit Euroimmun eine Firma, die auch gut Ausgebildete aus dem Medizinsektor anzieht. Dennoch sind auch hier die Möglichkeiten so groß wie lange nicht. "Auch die kleineren Betriebe haben in den vergangenen Jahren ihre Bezahlung angepasst, sonst hätten sie kaum noch eine Chance, gute Mitarbeiter zu finden", argumentiert Markus Weise aus der Erfahrung der Unternehmer-Stammtische, die er durchführt. Er vermutet eher, dass das Handwerk in den Augen mancher zu Unrecht einen zu geringen Stellenwert hat - im Vergleich zum Studium und den Berufschancen danach.

Görlitz sticht im Sachsenvergleich heraus

Auch wenn bei den erhobenen Daten nicht auszuschließen ist, dass es Unschärfen und verstärkende Effekte gibt, so verfestigt sich auf alle Fälle ein Trend: Die Chancen für die nächste Generation wird fast im gesamten Kreis Görlitz von einer Mehrheit negativ gesehen. In keinem Kreis und keiner kreisfreien Stadt Sachsens wird dieser Punkt so negativ bewertet wie im Kreis Görlitz.

Deshalb lohnt ein Blick aus der Wissenschaftsperspektive. So kennt man schon seit Langem ein Phänomen: "Viele Menschen bewerten ihre eigene Lage zwar insgesamt als gut, sind für die Entwicklung der Gesellschaft oder ihrer Kinder aber sehr skeptisch", fasst Prof. Dr. Immo Fritsche aus dem Fachbereich Sozialpsychologie der Uni Leipzig den Trend zusammen. Verstärkt finde man diese Einstellung - so sagt auch der Psychologe Prof. Dr. Hendrik Berth von der TU Dresden - vor allem bei älteren Menschen über 60. Sie zögen für ihre Beurteilung längerfristige, ältere Erfahrungen und Erlebnisse heran. Und die sind hier in der Region oft negativ: "Viele unserer Bürger haben ihre Kinder zur Ausbildung in den Westen geschickt, in der Hoffnung auf besseren Lohn", schildert Bürgermeister Hänel einen Aspekt.

Generell liegen die Einschätzungen vom und um den Eigen beim Wohnen, bei Schul- und Kitaqualität, der Arbeitswelt insgesamt oder auch beim subjektiven Wohlbefinden im Kreisvergleich eher vorn oder im Durchschnitt. Nur bei der medizinischen Versorgung haben im Süden des Landkreises nur die Ebersbach-Neugersdorfer die Lage schlechter bewertet als die Region "Auf dem Eigen".

Liegt es also am Alter der Eigen-Bewohner? Auch das ist keine wirkliche Erklärung: Laut Demografiemonitor Sachsen liegt das Durchschnittsalter für Bernstadt bei 50, für Ostritz bei 50,6 und Schönau-Berzdorf bei 47,7 Jahren - damit sind die Gemeinden beileibe nicht die ältesten im Kreis. Die finden sich eher im südlichen Kreiszipfel im Zittauer Gebirge, wie beispielsweise mit Oybin und einem Durchschnittsalter von 53,6 Jahren. Dennoch gibt es dort laut Familienkompass deutlich weniger Zukunftspessimisten: 57,41 Prozent sehen hier die Zukunftschancen für Kinder als schlecht oder eher schlecht an.

Vielleicht spielt aber als Faktor auch die Grenznähe eine Rolle. In vielen Studien zeige sich, so erörtert Prof. Dr. Holger Lengfeld, geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie an der Universität Leipzig, dass die Menschen an den Grenzen nach Osteuropa ihre Lage mit Blick auf wirtschaftliche Faktoren kritischer bewerten als in der Mitte. "Die Grenze erweist sich als Problem für den wirtschaftlichen Austausch", skizziert Lengfeld. Hinzu kämen das Wohlstandsgefälle, Diebstahlsproblematiken. "Leute in diesen Grenzgebieten empfinden ihre Lebenslage als nicht so gut wie diejenigen in anderen Regionen", sagt er.

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