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Ein ganzes Jahr im Eis

Unterwegs in der Arktis: An der größten Polarexpedition aller Zeiten waren sächsische Forscher beteiligt. Darunter auch ein Reporter der SZ.

Der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern driftet ein Jahr im Eis der Arktis.
Der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern driftet ein Jahr im Eis der Arktis. © Steffen Graupner/Alfred-Wegener-Institut

Dass es hart werden würde, war vorher bekannt. Doch es kam noch viel, viel härter. Ein Jahr driftete der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern mit den Eisschollen am Nordpol entlang. Eisiger Polarwinter. Finsternis. Matschiger Polarsommer und eine dahinschmelzende Scholle. Und dann stellte auch noch das Coronavirus Mosaic, die größte Arktisexpedition aller Zeiten, vor nahezu unlösbare Probleme.

Sieben Schiffe, mehrere Flugzeuge von 80 Institutionen aus 20 Ländern beteiligten sich an Mosaic. Ihr gemeinsames Ziel: die komplexen Wechselwirkungen im Klimasystem zwischen Atmosphäre, Eis, Ozean und dem Leben zu erforschen. Das soll die Klimamodelle und Wettervorhersagen verbessern. Denn unser Wetter hier in Mitteleuropa wird genau dort im Nordpolargebiet zusammengemixt. Dass diese Expedition nicht wegen Corona abgebrochen werden musste, grenzt schon an ein Wunder.

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Am 20. September im vergangenen Jahr hatte die Polarstern den norwegischen Hafen Tromsø in Richtung zentrale Arktis verlassen. Das Ziel: eine Scholle, stabil genug, um damit ein Jahr zu driften. Schiff, Mannschaft und Geräte waren damit den Kräften und Launen der Natur ausgesetzt. Geleitet wurde das Mammutprojekt von den Polarforschern des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven (AWI).

Polarflugzeuge ergänzen die Daten mit wichtigen Messungen aus der Höhe und ihren großflächigen Beobachtungen weit um das Schiff herum. Dort war die SZ live mit dabei.
Polarflugzeuge ergänzen die Daten mit wichtigen Messungen aus der Höhe und ihren großflächigen Beobachtungen weit um das Schiff herum. Dort war die SZ live mit dabei. © Stephan Schön

Die gesamte Expedition über waren Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung Leipzig (Tropos) mit auf dem Schiff. Einige auch vom Institut für Meteorologie (Lim) der Uni Leipzig. Die Meteorologen der Uni hatten aber noch einen ganz anderen Auftrag. Sie sollten mit Polarflugzeugen die Luftmassen über und um das Schiff erkunden. Die Flüge mit den beiden Polarflugzeugen im arktischen Winter sind jedoch coronabedingt ersatzlos ausgefallen. Und dass es dann überhaupt noch gelang, im Sommer von Spitzbergen aus über das Nordpolareis zu fliegen, das war noch drei Tage vor dem Start Ende August unklar.

Die Wissenschaftler der Universität Leipzig konnten so noch rechtzeitig mit den Polarflugzeugen Daten aus den Wolken fischen für ihren AC³, den Sonderforschungsbereich zum Klimawandel in der Arktis. Diese Flüge waren wesentlicher Bestandteil von Mosaic. Die Wissenschaftredaktion der SZ war dort live dabei und offizielles Mitglied dieser Arktisexpedition.

Video von der Flugkampagne in der Arktis:

Mitte September waren die Polarflugzeuge wieder zurück in Deutschland, die Polarstern dann am 12. Oktober. Seitdem hat die Forschung erst so richtig begonnen, sagt Manfred Wendisch, Institutsleiter vom Lim der Uni Leipzig und einer der Koordinatoren für die Flugkampagne. „Knapp 50 Stunden Messflüge haben wir durchgeführt“, sagt Wendisch. Dabei konnte die Änderung der Luftmasse vom Flugzeug bis zum Schiff in vier Fällen direkt nachvollzogen werden. Eine Super-Überraschung für die Wissenschaft. Denn danach sah es zunächst bei der Flugexpedition überhaupt nicht so aus.

Die Leipziger Tropos-Forscher vom Schiff haben ihre Daten ebenso schon mal grob gesichtet. Die Gruppe arbeitet an einer ersten Zusammenfassung. Insgesamt wird die Auswertung aller Daten aber wohl ein Jahrzehnt dauern., berichtet Tropos-Direktor Andreas Macke. „Die Expedition war trotz Corona erfolgreich. Besonders überraschend war für uns, wie groß der Einfluss der Sibirischen und Kanadischen Waldbrände auf die Atmosphäre in der Arktis ist.“ Der Rauch sorgte für hohe Eiswolken, die es sonst nicht gegeben hätte. Mehr solcher Überraschungen sind aus diesen riesigen Datenmengen noch erwarten.

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