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Wirtschaft

“Europa braucht eine starke Solarindustrie”

Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten, ist die zukünftige Bundesregierung mehr denn je gefragt. Ein Gastbeitrag.

Detlef Neuhaus, Vorstandschef der Solarwatt AG
Detlef Neuhaus, Vorstandschef der Solarwatt AG © J. Konrad Schmidt (BFF Professio

Von Detlef Neuhaus

Es ist eine extrem wichtige Aufgabe, die auf die Ampel-Koalition in der nächsten Legislaturperiode zukommt: SPD, Grüne und FDP haben die Chance, eine Energiepolitik zu gestalten, die unser Land in Bezug auf die Klimawende wieder zum Vorreiter macht. Die zukünftige Bundesregierung muss aber auch die Weichen stellen, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig bleibt - trotz Fachkräftemangel und immer komplizierter werdenden Lieferketten.

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Leider wurde hierzulande die Energiewende in den vergangenen Jahren nur halbherzig vorangetrieben. So ist der Ausbau der Windkraft in Deutschland aufgrund bürokratischer Hürden mittlerweile quasi zum Erliegen gekommen - obwohl wir diese Technologie dringend zum Erreichen unserer Klimaziele in Deutschland und Europa benötigen. Auch Smart Meter Gateways sind noch immer nicht flächendeckend eingeführt. Dabei sind sie ein elementares Puzzleteil für den Umbau des hiesigen Energiemarkts.

Hohe Abhängigkeit von Asien

Der schleppende Ausbau der Erneuerbaren und der politische Zickzack-Kurs der vergangenen Jahre in Deutschland und in ganz Europa haben dafür gesorgt, dass Zulieferer der Branchen so gut wie gar nicht mehr auf dem alten Kontinent zu finden sind. Mittlerweile ist beispielsweise die Solarindustrie zu mehr als 90 Prozent von asiatischen Zulieferern abhängig. Für eine der wichtigsten Zukunftstechnologien, die anno dazumal von deutschen Ingenieuren entwickelt wurde, ist das wirklich alarmierend.

Wir brauchen in Europa neben mehr Windkraft eine starke Solarindustrie – entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Bis 2025 müssen auf dem Kontinent im Solarbereich Produktionskapazitäten von mindestens 25 Gigawatt entstehen. Das wäre extrem wichtig für den hiesigen Arbeitsmarkt. Denn so würden zusätzliche Stellen geschaffen, die durch den Strukturwandel an anderer Stelle verloren gehen, wie beispielsweise in der Lausitz.

Energiepreise auf Rekordniveau

Auch für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft sind mehr Erneuerbare ein wichtiges Argument. Derzeit sind die Energiepreise in Europa und in Deutschland auf einem Rekordniveau. Durch die Nutzung einer eigenen Solaranlage für den Eigenverbrauch machen sich Unternehmen und Privatpersonen davon zu großen Teilen unabhängig. Die zukünftige Bundesregierung sollte die EEG-Abgabe auf Eigenverbrauch noch so reformieren, dass sie bei lokalem Eigenverbrauch gar nicht berechnet werden. Das würde einen zusätzlichen Anreiz schaffen.

Zur Erreichung der Pariser Klimaziele benötigen wir darüber hinaus endlich verlässliche Rahmenbedingungen für den Zubau von Solaranlagen. In Deutschland müssen die Ausbauziele von derzeit etwa fünf Gigawattppeak pro Jahr auf jährlich mindestens 15 Gigawattpeak angehoben werden. Auch eine Solardachpflicht bei Neubauten, Parkplätzen und öffentlichen Gebäuden ist ein notwendiges Instrument, um den Ausbau weiter voranzutreiben. Und das sage ich nicht, weil ich Geschäftsführer eines Photovoltaik-Unternehmens bin. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten schlichtweg so viel Zeit verschwendet, dass wir jetzt alle Hebel in Bewegung setzen müssen.

Darüber hinaus müssen endlich die bürokratischen Hürden abgebaut werden. Gerade im privaten Bereich schrecken Kunden aufgrund des Antragsmarathons häufig vor der Anschaffung einer Solaranlage zurück. EEG-Anlagen zur Selbstversorgung müssen dringend steuerlich freigestellt werden. Auch die Anmeldung muss schneller und transparenter möglich sein, beispielsweise durch den Einsatz eines zentralen Marktstammdatenregisters.

E-Autos mit grünem Strom laden

Fakt ist, dass die zunehmende Elektrifizierung der Bereiche Wärme und Verkehr zu einem deutlich höheren Strombedarf führen wird. Da wäre es doch nur logisch, wenn wir mit den passenden Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass so viele Wärmepumpen und Elektroautos durch eine eigene Solaranlage auf dem Dach geladen werden. Denn einen Beitrag zur globalen Emissionsminderung leisten beispielsweise E-Autos nur dann, wenn man sie auch mit grüner Energie betankt. Und ganz nebenbei sorgen wir durch die Eigenversorgung auch für eine Entlastung des Stromnetzes.

Die gerade beschriebene Sektorenkopplung hat ein extrem hohes CO2-Einsparpotenzial: Eine vierköpfige Familie produziert in Deutschland im Durchschnitt etwa 44 Tonnen CO2 pro Jahr. Bei Nutzung einer Photovoltaik-Anlage mit Batteriespeicher, einer elektrisch betriebenen Wärmepumpe und einem Elektroauto sinken diese Emissionen um bis zu 90 Prozent. Für alle privaten Haushalte allein in Deutschland hätten wir hier die Chance, jährlich rund 160 Millionen CO2 zu sparen. Wenn wir also endlich die Kräfte bündeln und die verschiedenen Sektoren zusammendenken, sind die Pariser Klimaziele noch erreichbar. Aber eben nur dann.

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