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Die Welt steht auf der Kippe

Das Klima erwärmt sich schneller als erwartet, die bisherigen Maßnahmen reichen nicht. Aber dem kann auch entgegengetreten werden. Ein Kommentar.

SZ-Redakteur Stephan Schön.
SZ-Redakteur Stephan Schön. © Miguel Moya/Agencia Uno/dpa

Als die Weltgemeinschaft 2015 in Paris beschloss, statt 2 Grad nur noch 1,5 Grad Erderwärmung zuzulassen, schien die Welt für viele wieder in Ordnung. Na bitte, geht doch! Das sah nach echtem Spielraum aus und suggerierte Möglichkeiten, den Klimawandel doch noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Welch ein Irrtum. Nur weil die Ziele nochmals verschärft wurden, wird die Situation doch nicht besser. Inzwischen ist Fakt, was bisher nur Vermutung war: Viele Veränderungen, hervorgerufen durch die bisher 1,1 Grad Erwärmung, werden auf Jahrhunderte nicht mehr umkehrbar sein. Mit jedem Zehntelgrad kommen neue Risiken und Veränderungen hinzu. Hitzewellen mit Dürren und Feuer wie derzeit in Südeuropa, Russland, Kalifornien. Wie Starkregen und Fluten kürzlich in Deutschland, Österreich und Italien.

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Es ist das bisher umfangreichste wissenschaftliche Dokument der Menschheit. Er hat 234 Autoren. 195 Staaten haben daran mitgewirkt, entweder mit Wissenschaftlern oder so doch zumindest mit ihren Anmerkungen. Mehr als 75.000 solche Anmerkungen, Hinweise, Änderungen gingen im Laufe der Erarbeitung des IPCC-Berichts ein. Was danach herauskommen, trotzt aller politischen Unterschiede weltweit, ist beeindruckend klar und unmissverständlich: Der 6. IPCC-Sachstandsbericht zum Klimawandel, ist grundlegend härter in seinen Schlussfolgerungen als all die Berichte davor.

Aus banger Befürchtung ist jetzt Gewissheit geworden

Solche Worte wie möglicherweise, wahrscheinlich, offenbar und vielleicht sind verschwunden. An deren Stelle ist wissenschaftliche Gewissheit getreten. Wissen, das aus nun längeren Datenreihen kommt und von Satelliten stammt, die erstmals die Welt mit anderen Sensoren sehen. Und Supercomputern, die diese unfassbar großen Datenmengen aufarbeiten.

Aus banger Befürchtung ist in den meisten Prognosen vom IPCC jetzt Gewissheit geworden. Manches, was einst für die Jahrhundertmitte vorausgesagt war, ist schon da. Wir bekommen die Welt nicht mehr zurück, wie sie vor 50 Jahren war. Wir können aber neue Schäden begrenzen. Die höchste CO2-Konzentration in der Luft seit zwei Millionen Jahren, der schnellste Anstieg seit 3.000 Jahren und eine in den letzten 3.000 Jahren nie da gewesene Gletscherschmelze sind allesamt menschengemacht.

Der Stopp bei 1,5 Grad Erwärmung zum Jahrhundertende ist nicht einzuhalten. Das erreichen wir in den 2030-er Jahren schon. Mit viel Glück und noch mehr Anstrengung bleibt es dann am Ende bei zwei Grad. E-Autos werden die Welt nicht retten. Windkraft allein auch nicht. Auch Soja statt Fleisch nicht, aber wir und die Welt brauchen von all dem etwas. Nicht nur ein bisschen, sondern ein bisschen mehr.

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Es sind die Teile für ein Puzzle, das richtig zusammengesetzt mal ein Plan sein könnte, die Kipppunkte der Welt zu vermeiden. Auch dazu schreiben die Wissenschaftler in ihrem Bericht – erstmals: Diese unumkehrbaren Kipppunkte im globalen Klima sind bei einer Entwicklung wie bisher schon im Laufe des Jahrhunderts erreichbar.

2022 werden sich die Staaten dieser Welt treffen. Hoffentlich dann nicht nur gewünschte Grad-Zielzahlen festlegen, sondern konkret handeln.

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