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Wenn das Haus den Strom liefert

Dresdens Solarenergiepotenzial ist groß, wird aber kaum genutzt. Eine neue Studie verspricht spektakuläre Erträge.

Für die Gewinnung von Solarstrom bieten hierzulande auch Dächer und Fassaden noch viel Platz.
Für die Gewinnung von Solarstrom bieten hierzulande auch Dächer und Fassaden noch viel Platz. © dpa

Von Ralf Hutter

Deutschland ist nicht als sonnenverwöhnte Gegend berühmt. Doch der technische Fortschritt bei der Fotovoltaik sorgt mittlerweile auch weit entfernt vom Äquator für ein spektakuläres Potenzial bei der Nutzung der Solarenergie.

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Studien dazu liefert immer wieder das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, das nach eigener Aussage größte Solarenergie-Forschungsinstitut Europas. Im September stellte ein Team des ISE und des Dresdner Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung eine Studie vor, die mit einer laut Untertitel „gebäudescharfen Analyse für ganz Deutschland“ annäherungsweise zeigt, wie viel Solarstrom hierzulande auf Dächern und an Fassaden produziert werden könnte. Ein Fallbeispiel dabei war Dresden. Die Basis dafür waren die digitalisierten Gebäudedaten der ganzen Stadt.

Das Ergebnis: Selbst wenn der Verschattung durch Bäume in Form eines pauschalen Abzugs Rechnung getragen wird, könnten Dresdens Dächer und Fassaden pro Jahr 4.500 Gigawattstunden Strom liefern. Laut den Dresdner Stadtwerken (Drewag) betrug der Stromverbrauch der ganzen Stadt in den Jahren 2017 bis 2019 jeweils etwas weniger als 2.600 Gigawattstunden.

26 Gigawattstunden Strom

Natürlich ist das errechnete Erzeugungspotenzial als theoretisches zu betrachten, denn um die Solarenergie auch nachts und im Winter zu nutzen, sind Speicher nötig, die vielleicht zum Teil als zu unpraktisch oder zu teuer angesehen werden.

Eine weitere Einschränkung, die beim Ergebnis der Studie gemacht werden muss: Laut dem Hauptautor Jan-Bleicke Eggers vom ISE gibt es noch keine gut verallgemeinerbaren Erkenntnisse dazu, wie viele Gebäudedächer aufgrund ihrer Statik ungeeignet für eine Solaranlage sind.

Andererseits ist zu bedenken, dass die Fraunhofer-Studie sich nur auf bestehende Gebäude bezieht. Unbebaute Flächen wie Parkplätze, Grünflächen und Äcker, die mit Photovoltaik überdacht werden können, wurden nicht berücksichtigt.

Wie stark wird das Angebot der Sonne in Dresden heute genutzt? Laut Drewag sind in der ganzen Stadt Fotovoltaikanlagen mit einem Potenzial von rund 35 Megawatt aktiv. Im Jahr 2020 haben sie knapp 26 Gigawattstunden Strom ins Netz eingespeist. Produziert haben sie viel mehr, denn der Strom wird ja auch für den Eigenverbrauch der Haushalte, Behörden und Unternehmen genutzt, die eine solche Anlage auf dem Dach haben. Klar wird dennoch: Wenn das theoretische Solarenergiepotenzial 4.500 Gigawattstunden beträgt, dann wird es derzeit nur zu ungefähr einem Prozent ausgenutzt.

Pflicht für Neubauten

Doch dieses theoretische Potenzial wird von der Stadtverwaltung angezweifelt. Der Klimaschutzstab des Rathauses teilt auf Anfrage mit, dass schon 2011 ein öffentlich zugängliches „Solarpotenzialkataster“ für die ganze Stadt erstellt wurde, das Prognosen für einzelne Dächer ermögliche. „Die Analyse umfasst die Standortfaktoren Neigung, Ausrichtung, Verschattung und solare Einstrahlung“, wird erläutert. Auf dieser Basis sei eine Auswertung im Jahr 2016 zum Ergebnis gekommen: Von rund 146.000 Gebäudedächern eignen sich rund 100.000 für die Solarenergie-Erzeugung.

Dort kann demnach eine Fotovoltaikleistung von insgesamt 1,1 Gigawatt installiert werden, womit pro Jahr rund 990 Gigawattstunden Strom erzeugt werden könnten. In dieser Auswertung kommen allerdings keine Fassaden vor – und deren Potenzial ist erheblich. In der Studie der Fraunhofer- und Leibniz-Institute sehen die Zahlen so aus: 3,6 Gigawatt Fotovoltaik könnten auf Dresdens Dächern und 3,5 Gigawatt an Fassaden angebracht werden. Die so erzeugbare Strommenge betrage 2.660 beziehungsweise 1.850 Gigawattstunden.

„Der Ausbau geht langsam voran“, gibt der Klimastab des Rathauses zu. Auf die Frage, was die Stadt unternimmt, um den Ausbau anzukurbeln, teilt er nur mit, dass die „kommunalen Dächer“ für Solaranlagen zur Verfügung stünden, übrigens auch für Privatfirmen.

80 Prozent billiger

Andere Kommunen und Länder sind da weiter. Bremen hat die Solaranlagenpflicht für alle Neubauten schon eingeführt. In Bayern gilt sie seit Anfang dieses Jahres für Gewerbebauten und ab 2022 für Wohngebäude, in Baden-Württemberg ab 2022 für alle Neubauten, deren Fläche zu maximal fünf Prozent Wohnzwecken dient. In Hamburg müssen ab 2023 alle Neubauten eine Solaranlage auf dem Dach haben, Berlins Landesregierung plant dasselbe. Auch in Tübingen und kleineren Städten gilt die Solaranlagenpflicht bei Neubauten und Dachsanierungen bereits.

Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass die Fotovoltaik im vergangenen Jahrzehnt um rund 80 Prozent billiger geworden ist, wie mehrere Fachleute festgehalten haben. Auch die Notwendigkeit, die Energiewende endlich stärker in die Städte zu holen, und der Boom bei der Elektromobilität wirken sich in diese Richtung aus.

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