merken
Wirtschaft

Millionen Beschäftigte überqualifiziert

Bei Millionen Menschen passen Arbeit und Abschluss nachher nicht zusammen. Das trifft vor allem Ostdeutsche.

Millionen Deutsche arbeiten unter ihren formalen Qualifikationen - eine Folge der Hartz-Reformen?
Millionen Deutsche arbeiten unter ihren formalen Qualifikationen - eine Folge der Hartz-Reformen? © Markus Scholz/dpa-tmn

Berlin. Rund jeder achte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland hat einen Job unterhalb seines eigentlichen Ausbildungsniveaus. Das geht aus einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

Insgesamt übten Ende vergangenen Jahres 4,05 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte eine Tätigkeit aus, deren Anforderungsniveau unterhalb ihrer Qualifikation lag. Das waren 12,0 Prozent der 33,74 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Bei den Minijobbern war sogar jeder Fünfte formal überqualifiziert: 911.000 von ihnen arbeiteten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Gezählt wurden hierbei Menschen, die einen Berufsabschluss hatten, aber nur eine Helfertätigkeit ausübten, also einfache Routinearbeiten. Das waren Ende 2019 rund 2,57 Millionen Menschen. Dazu kamen 1,48 Millionen mit akademischem Abschluss, die als Helfer oder Fachkraft arbeiteten, die also für ihre Arbeit formal ihren Fachhochschul- oder Hochschulabschluss nicht gebraucht hätten.

Millionen sind wiederum unterqualifiziert

Überproportional betroffen sind Frauen und Menschen in Ostdeutschland. Bei ihnen liegen die Anteile von Arbeitnehmern mit höherer formaler Qualifikation als nötig im Vergleich jeweils über denen der Männer beziehungsweise der Menschen in Westdeutschland.

Gleichzeitig geht auch rund jeder achte Beschäftigte einer Arbeit nach, für die seine formale Qualifikation eigentlich gar nicht reicht. 2,87 Millionen Menschen ohne Berufsabschluss waren Ende vergangenen Jahres als Fachkraft, Experte oder Spezialist beschäftigt. Für solche Tätigkeiten braucht man üblicherweise eine zwei- bis dreijährige Berufsausbildung, einen Meisterabschluss oder sogar einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Dazu kommen 1,14 Millionen, die einen nichtakademischen Abschluss haben, aber für ihre Tätigkeit üblicherweise einen Uniabschluss bräuchten.

Die Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, richtete ihren Blick auf jene, die unter ihrer formalen Qualifikation arbeiten. «Arbeiten unter Qualifikation schadet der Arbeitszufriedenheit der Betroffenen und schmälert ihr Einkommen», sagte sie der dpa. Tatsächlich liegt das Durchschnittsentgelt von Fachkräften nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit 806 Euro höher als das Durchschnittsentgelt der Helfer.

"Minijobs vernichten Qualifikationen"

"Die pandemiebedingte Wirtschaftskrise und die laufende wirtschaftliche Transformation verschärfen die Situation nochmals, weil hunderttausende Menschen ihre Arbeit verloren haben und weitere ihre Arbeit verlieren werden", sagte Zimmermann. Zudem würden Fachkräfte gebunden, die andernorts händeringend gesucht würden.

Weiterführende Artikel

Dresdner Hartz-IV-Empfänger leihen sich mehr Geld

Dresdner Hartz-IV-Empfänger leihen sich mehr Geld

Die Höhe der Darlehen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Welche Rolle Corona, höhere Strompreise und eine neue Software spielen.

Der Bundesregierung warf Zimmermann vor, seit rund 15 Jahren, also seit dem Wirken der Hartz-Reformen, auf Arbeit um jeden Preis zu setzen. In großem Stil sei so Arbeitsmarktpotenzial vernichtet worden. Besonders treffe das auf geringfügige Beschäftigung zu: "Minijobs vernichten Qualifikationen in überdurchschnittlichem Maße, ganz besonders bei Frauen."

Die Politikerin forderte, Sanktionen gegen Erwerbslose abzuschaffen und sie besser bei der Suche nach qualifikationsgerechter Arbeit zu unterstützen. Minijobs müssten in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt werden. (dpa)

Mehr zum Thema Wirtschaft