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Raus aus der Opferrolle Ost

Viele Deutschen haben inzwischen Ost- und Westerfahrung. Gewinner und Verlierer der Wiedervereinigung gibt es hüben wie drüben. Ein Gastbeitrag.

Hört endlich auf, euch selbst zu bedauern!
Hört endlich auf, euch selbst zu bedauern! © Getty Images/Andriy Onufriyenko

Von Tom Thieme

Mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung scheint die „Vollendung der Einheit“ zwischen Ost und West weiter auf sich warten zu lassen. Schlimmer noch, mehren sich doch jene Stimmen, die anhaltende Ungerechtigkeiten anstatt der Errungenschaften im Einigungsprozess betonen, die das Trennende anstelle von Gemeinsamkeiten herausstellen. Petra Köppings Streitschrift „Integriert doch erstmal uns!“ von 2018 steht hierfür ebenso exemplarisch wie das aktuelle Buch von Jana Hensel und Naika Foroutan über die „Gesellschaft der Anderen“.

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Als die Ursachen eines anhaltenden oder gar erstarkenden ostdeutschen Wir-Gefühls werden die Härten im Übergangsprozess (Treuhand, Massenarbeitslosigkeit), die Wucht und das Tempo der Veränderungen in den vergangenen drei Jahrzehnten sowie die bis heute bestehenden Defizite der hiesigen Lebensverhältnisse angeführt. Wer mag daran zweifeln? Und zugleich: Ist denn die Zeit anderswo stehen geblieben? Betreffen die fundamentalen Verwerfungen einer globalisierten, individualisierten und digitalisierten Gesellschaft den Westen nicht mancherorts im selben oder gar im stärkeren Maße als den Osten?

Massive Differenzen

Fest steht: In vielen Bereichen ist das deutsch-deutsche Zusammenleben nach wie vor von massiven Differenzen geprägt. Sei es die hier boomende, da schrumpfende Bevölkerung samt des Rückbaus öffentlicher Infrastruktur, die anhaltende Lohn-Ungleichheit oder die sich kaum verringernde Unterrepräsentation von Ostdeutschen innerhalb der Eliten in den Medien, in Wissenschaft und Wirtschaft oder unter Intellektuellen. Solche objektiven Mängel dürften die subjektive Wahrnehmung vieler Ostdeutscher als „Bürger zweiter Klasse“ bestätigen bzw. sogar forcieren.

Doch sind regionale Ungleichheiten nicht zwangsläufig, wenn es darum geht, ostdeutsche Spezifika herauszuarbeiten? Es liegt im Wesen des Vergleiches: Wer Unterschiede zwischen beiden Landesteilen sucht, wird welche finden. Und wer eher auf das Verbindende abzielt, wird Gemeinsamkeiten und Annäherungen offenlegen, zum Beispiel die Angleichungen der Arbeitslosigkeit, der Renten oder der familiären Rollenbilder. Viel entscheidender als die bloße Existenz noch immer bestehender Ost-West-Unterschiede dürfte die Bewertung dieser sein: als Krisensymptome einer gespaltenen Gesellschaft oder als normale Heterogenität angesichts der vielschichtigen innerdeutschen Verhältnisse.

Ganz andere Konfliktlinien

Und es gibt gute Gründe dafür, das vereinfachende Narrativ von der systematischen Benachteiligung des Ostens durch eine differenzierte Betrachtung der deutsch-deutschen Lebenswirklichkeit zu ersetzen. Erstens lassen sich „die“ Ostdeutschen heute kaum noch einwandfrei ausmachen. Vor allem in den 1990er-Jahren zog es viele wegen der besseren beruflichen Perspektiven in den Westen, ein Trend der abgeschwächt bis heute anhält. Umgekehrt versuchten beständig Westdeutsche ihr Glück im Osten: zum Studieren, Arbeiten, Leben. Manche wurden sesshaft und fanden eine neue Heimat, andere kehrten zurück oder wanderten weiter – wie das Leben so spielt. Hinzukommen die mittlerweile groß gewordenen Kinder aus deutsch-deutschen Beziehungen, Menschen mit zwei Wohnsitzen und Berufspendler. Die geteilte und wiedervereinigte Stadt Berlin ist ohnehin ein Sonderfall. Nicht der Großteil, aber ein großer Teil der Deutschen besitzt im Jahr 2020 eine ost- und westdeutsche Lebenserfahrung. „Die“ Ost- und Westdeutschen heutzutage auszumachen, dürfte schwerfallen.

Zweitens liegt eine Reihe von gesellschaftlichen Konfliktlinien quer zur verengten Ost-West-Perspektive: auf der räumlichen Ebene zwischen Nord und Süd, zwischen Stadt und Land, auf der demografischen Ebene zwischen jung und alt, multiethnisch und „deutschstämmig“, auf der soziokulturellen Ebene zwischen „anywheres“ und „somewheres“. Gewinner- und Verliererregionen gibt es „hüben und drüben“ – für erstgenannte stehen Jena, Potsdam ebenso wie München und Hamburg; für letztgenannte die Lausitz, Uckermark ebenso wie das Ruhrgebiet und die Oberpfalz. Die boomenden und zunehmend multiethnischen sächsischen Groß- und Universitätsstädte dürften mittlerweile in vielerlei Hinsicht westdeutscher „ticken“ als manch strukturschwacher ländlicher Raum im Westen.

Ostdeutsche Erfolgsgeschichten

Drittens verblassen die Ost-West-Kategorien weiter, wenn die globalen Herausforderungen nicht nur der deutschen Gesellschaft betrachtet werden. Billiglohnkonkurrenz, Klimawandel, Verkehrsüberlastung, Sicherheits- und Gesundheitsrisiken machen nicht vor Grenzen halt – vor regionalen schon gar nicht. Mag die ostdeutsche Ausgangssituation mit Blick auf die Unternehmensstruktur vielerorts schwieriger sein, verläuft die Trennlinie zwischen Profiteuren und Benachteiligten der Globalisierung freilich nicht allein entlang der einstigen innerdeutschen Grenze. Hier wie da ist die Politik gefordert.

Viertens tut die Kultivierung der Ost-West-Kluft den unzähligen ostdeutschen Erfolgsgeschichten unrecht. Und die gibt es zuhauf. Die eigene Lebenswelt ist zwar perspektivisch und selektiv, und dennoch ein Beispiel mit persönlicher Evidenz: Die Chemnitzer Heimat des Autors – Europas Kulturhauptstadt 2025! – wird seit 1993 von Sachsen regiert, der Freistaat seit 2008. Zum engsten Freundeskreis seit Jugendtagen zählen die Chefin des Museums Gunzenhauser, der Vorstandsvorsitzende einer großen Wohnungsbaugenossenschaft genauso wie erfolgreiche Unternehmer, Pädagogen, Prokuristen und Polizisten. Der aus dem Erzgebirge stammende Vermieter ist ein Selfmade-Millionär mit Unternehmensstandorten in beiden Landesteilen. Unter den Professorenkollegen an der sächsischen Polizeihochschule lehren derzeit vier gebürtige Ost- und zwei Westdeutsche. Deren Paarbeziehungen spiegeln alltägliche deutsch-deutsche Lebensumstände jenseits von „Wir und die anderen“ wider: Ost-Ost, Ost-West, West-Ost und West-West – nichts anderes als innerdeutsche Normalität im besten Sinne. Der Rektor der Hochschule ist übrigens gebürtiger Löbauer. Was sie alle eint: Weder sieht man sich noch sieht man den Osten als Ganzes in einer Außenseiter- oder gar Opferrolle.

Gefährliche Kultivierung des "Andersseins"

Vor diesem Hintergrund ist auch das von Beobachtern ausgemachte Wiederaufleben einer „neuen ostdeutschen Identität“ einzuordnen. Tatsächlich häufen sich Veröffentlichungen vornehmlich junger Journalisten und Autoren, die ihre ostdeutschen Erfahrungen schildern, die auf die Besonderheiten der hiesigen gesellschaftlichen Zustände fokussieren, die unveränderten Mentalitätsunterschieden nachspüren. Nur: Sind diese Differenzen tatsächlich osttypisch und noch dazu neu? Oder existierten diese nicht vielmehr die ganze Zeit, nur mit dem Unterschied, dass es mehr als früher junge Ostdeutsche in die Zeitungsredaktionen und an die Spitze von Medienunternehmen schaffen, denen sozialisationsbedingt Ost-Themen naheliegen? Auch dies wäre ein Indiz nicht für ein stärkeres Auseinanderdriften, sondern für eine Normalisierung der deutsch-deutschen Lebenswirklichkeit im Jahr 2020.

Tom Thieme wurde 1978 in Karl-Marx-Stadt geboren. Der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher lehrt an der TU Chemnitz und an der Sächsischen Polizeihochschule.
Tom Thieme wurde 1978 in Karl-Marx-Stadt geboren. Der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher lehrt an der TU Chemnitz und an der Sächsischen Polizeihochschule. © privat

Der in Polen geborene US-amerikanische Politikwissenschaftler Zbigniew Brzeziński sagte im Jahr 1989 voraus, die Hinterlassenschaft des Kommunismus würde den Osten mindestens so lange prägen, wie dieser überhaupt existierte. Und tatsächlich spricht viel dafür, dass auch vierzig Jahre nach der Deutschen Einheit ökonomische, soziale und kulturelle Unterschiede zwischen beiden Landesteilen fortbestehen. Diese gehen mit tatsächlichen und vermeintlichen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Zusammenleben von Ost und West einher, die noch immer die Wahrnehmungsmuster vieler Ostdeutscher prägen.

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Allerdings birgt die Kultivierung des „Andersseins“ die Gefahr, die Trennlinien zwischen den Landesteilen zu verstärken – und so quasi selbst zur Ursache ostdeutscher Minderwertigkeitskomplexe zu werden. Und die sind fehl am Platz. Raus aus der ostdeutschen Opferrolle, hin zu einem gesunden Regionalbewusstsein! Dazu gehört, ostdeutsche Spezifika realistisch anzuerkennen, anstatt sie zu leugnen oder gar zu überhöhen – damit die Rede vom „Anderen“ keine selbsterfüllende Prophezeiung wird.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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