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Die Lehren aus der Kölner Silvesternacht

Vor fünf Jahren schockierten sexuelle Angriffe auf Frauen in Köln Deutschland. Die Stadt und ihre Polizei lernten – aber ein Konzept gegen solche Gewalt fehlt.

Um dem Kölner Dom kam es zum Jahreswechsel 2015/16 zu zahlreichen sexuellen Übergriffen.
Um dem Kölner Dom kam es zum Jahreswechsel 2015/16 zu zahlreichen sexuellen Übergriffen. © Markus Boehm

Von Andrea Dernbach

Mehr als 1200 Anzeigen, 46 Gerichtsverfahren, 33 Verurteilungen: Das sind einige der Zahlen, die von jener Silvesternacht auf der Kölner Domplatte blieben, die seinerzeit die Republik erschütterte und der Stadt einen medialen Tsunami aus aller Welt bescherte.

Auch ein mehr als 1300 Seiten starker Bericht über die Ereignisse entstand im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Aber wirklich viel wisse man über damals nicht, meint der Sozialpsychologe und Gewaltforscher Andreas Zick, der mit seinem Team die Kölner Polizei danach begleitete und beriet: "Die Daten des Riesenberichts sind noch gar nicht ausgewertet."

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Zum Jahreswechsel 2015/2016 wurden die wenigen Quadratmeter Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs bis zum Dom über Stunden zum kriminellen Hotspot. Feiernde und Passantinnen wurden beraubt, bestohlen, aber vor allem: massiv sexuell bedrängt, beleidigt, attackiert, begrapscht - bis hin zur Vergewaltigung. Mehr als 500 Anzeigen gingen bei der Polizei wegen sexualisierter Übergriffe ein, aber nur drei Täter wurden auch verurteilt.

Die Nacht von Köln rückte in den Tagen nach dem 31. Dezember wegen der besonderen Umstände in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Kölns Polizei hatte offenbar nicht ausreichend eingegriffen und zunächst auch nur Routine-Pressemeldungen über die Ereignisse herausgegeben. Die Täter galten rasch als ausgemacht: Junge Männer nichtdeutscher Herkunft - viele betroffene Frauen hatten entsprechende Angaben gemacht.

Es war das Ende jenes Jahres, indem 890.000 Menschen nach Deutschland geflohen waren, mehr denn je. Es war das Jahr der deutschen Willkommenskultur, und die Frage stand im Raum: Verschweigen die Behörden absichtlich die Schattenseiten der Fluchtmigration? Hatten sich ganze Banden verabredet, zu klauen und Frauen zu demütigen und ihnen Gewalt anzutun?

Überrannte Behörden, rassistische Erzählungen

Die Wirklichkeit war wie immer komplizierter, wie jetzt vier unmittelbar Beteiligte in einem Gespräch auf Einladung des Mediendiensts Integration resümierten. Das galt einmal für die Tätergruppen: Iraker, Syrer, Afghanen waren darunter, aber auch Deutsche, viele aus dem Umland, berichtete Kriminaldirektor Klaus Zimmermann, seinerzeit Leiter der Arbeitsgruppe "Silvesternacht" der Kölner Polizei.

Die Hauptaussage derer, die die Polizei befragen konnte, sei damals gewesen: "Köln ist ne geile Stadt, wir wollten was erleben." Was auf der Freifläche Bahnhofsvorplatz und Domplatte nicht nur direkt nach Ankunft, sondern auch "erst mal kostenfrei" möglich war.

Syrer, Afghanen, aber auch viele Deutsche aus dem Kölner Umland hatten sich in der Innenstadt versammelt.
Syrer, Afghanen, aber auch viele Deutsche aus dem Kölner Umland hatten sich in der Innenstadt versammelt. © Markus Boehm/dpa

Was dann passierte, erklären Zimmermann wie auch Forscher Zick unter anderem mit Gruppendynamiken und hohem Alkoholkonsum, der auch an Ort und Stelle frei verkauft wurde. Einen "Einbruch von sozialen Normen und Zivilcourage" nennt Zick es.

Zudem konnten die derart enthemmten und aggressiven jungen Männer vermutlich bald bemerken, dass ihr Tun wenig bis keine Konsequenzen hatte. Der Abschlussbericht des Landtags etwa konstatierte, dass der "Angstraum Bahnhofsvorplatz" nicht annähernd ausreichend ausgeleuchtet wurde, die Ordnungskräfte auf der Domplatte am Silvestertag schon mittags ihre Sachen gepackt hatten statt wie sonst bis spätabends zu patrouillieren, und dass ortsunkundige Bundespolizisten und die Kölner Polizei schlecht kommunizierten oder dies auch nicht konnten, weil der Digitalfunk im Umkreis des Hauptbahnhofs nicht funktionierte. Dies alles an einem Ort, der "schon davor konfliktreich und belastet" war, so Zick.

Polizei und städtische Behörden, die also schlicht überrannt wurden von den Ereignissen, dazu das Entsetzen darüber, was in der eigenen Stadt geschehen konnte. Von "Wut und Betroffenheit" bei seiner Polizei sprach Zimmermann, auch darüber "dass wir nicht helfen konnten".

„Schock, der uns den Boden unter den Füßen wegzog“

Der Kölner Sozialarbeiter Franco Clemens nannte es "einen Schock, der uns den Boden unter den Füßen wegzog". Sein Köln, das sich als multikulturelle Stadt verstand, in dem Künstlervereinigungen sich gegen Rassimus engagierten, habe sich vor einer "enormen Gratwanderung" gesehen: "Den Opfern gerecht werden, aber das mitten in Versuchen, das rassistisch aufzuladen." Die vielzitierte Willkommenskultur sei damals schon brüchig gewesen.

Behshid Najafi, Leiterin der Kölner Beratungsstelle Agisra und selbst vor drei Jahrzehnten aus dem Iran geflohen, brachte das Dilemma auf den Punkt, als sie über den doppelten Schock dieser Silvesternacht sprach: "Massive sexualisierte Gewalt durch stark alkoholisierte Männermassen und den fehlenden Polizeischutz. Das hatte ich so noch nicht erlebt in Deutschland. Aber schockierend war auch die Debatte darüber. Auch solche massiv rassistischen Debatten hatten wir in Deutschland und Köln bis dahin nicht erlebt."

Das Ergebnis war, so Najafi: "Einerseits wurde das Sexualstrafrecht verschärft, was wir begrüßen." Sexuelle Belästigung etwa ist erst seit der Reform im November 2016 ein Straftatbestand, erst die Berichte über ausländische Täter schafften, was Feministinnen lange gefordert hatten. Allerdings, so Najafi, deren Verein Migrantinnen berät, denen Gewalt angetan wurde, führe sexuelle Gewalt weiter selten zu Urteilen. Und: "Auch das Asylrecht wurde verschärft, was wir kritisieren. Wo bleiben da die Rechte geflüchteter Frauen?"

Im Jahr darauf wurden mehr Waffen verkauft

Die Kölner Silvesternacht war nicht nur in dieser Hinsicht ein Einschnitt, der bis heute nachwirkt. Andreas Zick verweist auf den massiven Einbruch der positiven Stimmung Geflüchteten gegenüber, der in Untersuchungen gemessen werden konnte. Hilfe sei teilweise weggebrochen, wohl auch von denen, die nun fürchten mussten, ihr Engagement werde als Rechtfertigung von Straftätern gesehen.

Der Presserat änderte seine Ethikrichtlinien und erlaubt seither, die Herkunft Verdächtiger oder von Tätern bei "berechtigtem öffentlichen Interesse" zu nennen, zum folgenden Weihnachtsfest stieg der Waffenverkauf. Silvester 2015 sei "ein Schlüsselereignis für Kriminialitätsberichterstattung", sagt Zick. Es folgte eine "Überbetonung von Kriminalität, die nicht mit den statistischen Daten übereinstimmte, und Täter wurden homogenisiert, was auch nicht stimmte."

In den Folgejahren war die Polizei an Silvesternächten in Köln deutlich präsenter.
In den Folgejahren war die Polizei an Silvesternächten in Köln deutlich präsenter. © Maja Hitij/dpa

In Köln lernte man aus der Silvesternacht, sagt Zimmermann. Nachdem im Jahr darauf massive Polizeipräsenz zwar eine Wiederholung verhinderte, aber das rabiate Vorgehen und Vorwürfe von Racial Profiling - das polizeiliche Kürzel "Nafris" für "nordafrikansiche Intensivtäter" wurde öffentlich - den Erfolg teils schluckten, schwenkten Stadt und Sicherheitsfachleute um - auf Präsenz plus besserer Kommunikation mit den Feiernden. Die Wissenschaft habe dabei wertvolle Hinweise geliefert, sagt Zimmermann.

Diese Lehren wurde nicht gezogen

Die Lehren der berüchtigten Silvesternacht seien allerdings längst nicht so gezogen, wie das nötig wäre, sagt Zick. Bei der Polizei gehe der Prozess weiter, aber als Forscher sei er "frustriert", dass sein Team und er die Arbeit, die damals begonnen wurde, nicht weitergeführt werde. Nicht nur die Schätze aus dem Abschlussbericht des Landtags seien nicht gehoben, es gebe auch "unglaubliches Videomaterial, etwa 7400 Stunden Videomaterial von Handykameras".

Situationen wie die in Köln entstünden immer wieder, und aus den Daten können man viel lernen für Gewaltprävention den Schutz von Betroffenen und rechtzeitiges Gegensteuern, sagt Zick. Zum Beispiel wie man öffentlichen Raum so gestaltet, dass er nicht Gewalt und Straflosigkeit noch begünstigt.

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