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"Wir müssen Wasser auffangen, nicht ableiten"

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther kündigt im Interview eine neue Wasserstrategie an. Letzter Teil unserer Serie zum Wassermangel in der Lausitz.

Von Ulrich Wolf
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Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) arbeitet an einer neuen Wasserstrategie für den Freistaat.
Sachsens Umweltminister Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) arbeitet an einer neuen Wasserstrategie für den Freistaat. © Jürgen Lösel

Herr Minister Günther, es regnet mal wieder. Auch in der Lausitz. Wird jetzt alles gut?

Wir hatten schon mal eine prekäre Niedrigwasser-Situation im August, dann hat es ausgiebig geregnet, und die Lage hat sich entspannt. Jetzt hoffen wir auf das kommende Wochenende.

Selbst wenn es jetzt eine Woche regnen sollte, wird das kaum helfen, das Niederschlagsdefizit in Sachsen auszugleichen.

Um die Dimensionen klarzumachen: Wir sind jetzt im dritten Dürrejahr in Folge. Im Schnitt fehlen uns in Sachsen zwei Drittel eines Jahresniederschlags. Hinzu kommt: 2018 und 2019 waren Rekordjahre bei der Verdunstung. Wegen der zuletzt relativ trockenen Winter und Frühjahre hat sich auch weniger Grundwasser als üblich neu gebildet.

Und das hat zur Folge?

Es bedeutet jedenfalls nicht, dass die Trinkwasserversorgung gefährdet ist. Wir haben seit 100 Jahren ein gut ausgebautes Versorgungssystem in Sachsen, das auch ein Verbundsystem zwischen Talsperren umfasst. Dieses System funktioniert bis jetzt. Allerdings: Wir stehen an einer Schwelle, und müssen das Thema Wasser jetzt anders anpacken.

Wie?

Wir müssen uns generell auf länger anhaltende Trockenphasen einerseits und mehr Starkregen-Ereignisse andererseits einstellen. Die Verteilung des Regens kann dabei regional sehr verschieden ausfallen. Deshalb müssen wir umdenken. Wir haben uns hier im Umweltministerium eine neue große Gesamtkonzeption fürs Thema Wasser vorgenommen.

"Bisher war das Primat der Hochwasserschutz. Künftig gerät die Frage in den Fokus, wie wir künftig Hochwasser und Starkregen auffangen können."
"Bisher war das Primat der Hochwasserschutz. Künftig gerät die Frage in den Fokus, wie wir künftig Hochwasser und Starkregen auffangen können." © Jürgen Lösel

In deren Mittelpunkt steht was?

Vorrang hatte bisher der Hochwasserschutz. Künftig, nein, schon jetzt, gerät die Frage in den Fokus, wie wir in Zukunft Hochwasser und Starkregen auffangen können. Wir können es uns schon jetzt nicht mehr leisten, dass Wasser einfach so schnell wie möglich abzuleiten.

Welche Ideen haben Sie denn da?

Verrohrungen von Bächen, Drainagen, Flussbegradigungen – all das muss auf den Prüfstand. All diese Instrumente dienen nur dem Zweck, Wasser so schnell wie möglich aus dem Land zu schicken, anstatt es in der Fläche zu halten.

Sie wollen also noch mehr Speicher in Sachsen bauen?

Wir schließen nichts aus. Aber das muss nicht immer eine Talsperre sein. Mehr und kleinere Regensammelbecken haben auch einen Effekt. Schon jeder Grundstückseigentümer sollte überlegen, wie er das Regenwasser vom Dach einfangen und verwenden kann. Oder ob er nun auch noch den letzten Quadratmeter seiner Einfahrt zupflastern muss. 

Und dieses Vorgehen löst dann die Wasserprobleme der Zukunft?

Es gibt nicht die eine Lösung. Der Umgang mit der Ressource Wasser ist hochkomplex. Wir brauchen ein Bündel vieler Maßnahmen in verschiedenen Sektoren. Gewässer, Landwirtschaft, Wald, Straßenbau, Siedlungsbau – wir müssen alles mitdenken. Und was wir brauchen, ist eine neue Wertschätzung des Wassers. Eine Wasserstrategie, die gesamtgesellschaftlich akzeptiert wird. Wir müssen begreifen: Jeder Tropfen, der da ist, ist kostbar.

Ich glaube, dass das vielen schon bewusst ist. Trotzdem: Bewusstsein produziert kein Wasser. Braucht es speziell in der Lausitz nicht noch mehr Speicher?

Das wäre ein denkbares Instrument. Allerdings: Große Speicher und damit stehende Wasserflächen bedeuten auch mehr Verdunstung. Das Management der Wasserspeicherung und -verteilung ist hochkomplex, das lässt sich nicht mit wenigen Einzelinstrumenten lösen.

Wenn Sie Ihre Wasserstrategie in einem Satz zusammenfassen, wie lautet der?