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Wird es genug Wasser für das Lausitzer Seenland geben?

Noch müssen einige alte Kohlegruben im Lausitzer Seenland geflutet werden. Doch ob das Wasser dafür reicht, ist ungewiss.

An der Südsee des Sedlitzer Sees bei Senftenberg ist der Ableiter zur Schwarzen Elster so gut wie fertig. Doch wird das Wasser reichen?
An der Südsee des Sedlitzer Sees bei Senftenberg ist der Ableiter zur Schwarzen Elster so gut wie fertig. Doch wird das Wasser reichen? © Jürgen Lösel

Senftenberg. Eiskaffee geht gut an diesem heißen Spätsommertag. Beinahe im Minutentakt reichen Kellnerinnen die vollen Gläser mit Sahne und einem Hauch Kaffeepulver über den Tresen. Bis zum frühen Nachmittag ist Selbstbedienung am Pier 1. Das Café am Stadthafen von Senftenberg mit seinen riesigen Sonnenschirmen bietet hier fast die einzigen Schattenplätze. Die Sonne brennt auch noch Mitte September, knallt auf die Promenade aus Beton und Holz, die Marina, den Steg und den Mini-Strand gleich daneben. 33 Grad zeigt das Thermometer am Nachmittag. Kinder planschen am Ufer, zwei Jugendliche versuchen sich im Stand-Up-Paddling. Der See hat an einigen Stellen fast Badewannen-Temperatur.

Jetzt, nach den Sommerferien, sind es vor allem ältere Paare und Familien mit kleinen Kindern, die ins Lausitzer Seenland reisen. Dieses Jahr mehr als sonst.

Stars im Strampler aus Sebnitz
Stars im Strampler aus Sebnitz

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus der Region Sebnitz.

„Corona“, sagt Detlev Wurzler. „Damit ist die Aufmerksamkeit für uns eindeutig gestiegen. Mehr als wir aus eigener Kraft hätten schaffen können.“ Weil sich durch die Pandemie der Tourismus aufs Inland konzentriere, weil die Medien nach noch nicht so bekannten heimischen Reisezielen gesucht und dabei auch das Seenland entdeckt hätten, sei die Gegend zwischen Spreewald und Hoyerswerda deutlich stärker gefragt als bislang, sagt Wurzler.

Der Stadthafen Senftenberg hat eine markante 80 Meter lange Seebrücke und 140 Liegeplätze. Terrassenartige Treppen und Rampen verbinden Steganlage und Promenade.
Der Stadthafen Senftenberg hat eine markante 80 Meter lange Seebrücke und 140 Liegeplätze. Terrassenartige Treppen und Rampen verbinden Steganlage und Promenade. © Wolfgang Wittchen

Er ist Vorstand des Zweckverbandes Lausitzer Seenland in Brandenburg. Dort werden unter anderem Marketingstrategien für die Region entwickelt und Investoren unterstützt. Der Verband betreibt aber auch touristische Anlagen wie einen Campingplatz und den Senftenberger Stadthafen. Im Juli und August habe man die Verluste durch die coronabedingte Schließung vom Frühling nicht ausgleichen können. „Da sind wir ohnehin fast komplett belegt. Aber jetzt, da holen wir auf.“ Nun müsse es gelingen, den Schub durch gute Angebote in die Zukunft mitzunehmen.

Als die Insel in den See rutschte

Doch der Zuspruch hängt am Wasser. Kein See, das heißt kein Hafen, kein Badevergnügen, kein Zelten in Strandnähe, keine Radtouren um fertig geflutete oder sich langsam füllende Ex-Tagebaue. Darum war es ein Schock für Bootsverleiher und Fahrgastschiffer, für Campingplatzbetreiber und Cafébesitzer, als am frühen Morgen des 13. September 2018 eine Insel im Senftenberger See teilweise wegrutschte. Das geflutete Tagebaurestloch stand schon jahrzehntelang nicht mehr unter Bergaufsicht. 

Damals war zu wenig Wasser in dem See, der dem Land Brandenburg gehört und von dessen Behörden verantwortet wird. Es sei viel Wasser ausgeleitet worden, um andere Gruben zu füllen, erklärt Wurzler. Der Spiegel sank  - und damit der Druck auf die Uferbereiche der Insel. Die geriet in Bewegung.  Der ganze See musste wiederholt ganz oder stellenweise gesperrt werden. Touristen blieben aus. Unternehmen machten Verluste. Der Ärger war groß.

Ein Blick auf den Sedlitzer See, vorn im Bild ist die Baustelle für den Ablauf zur Schwarzen Elster.
Ein Blick auf den Sedlitzer See, vorn im Bild ist die Baustelle für den Ablauf zur Schwarzen Elster. © LBMV / Peter Radke

Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, kurz: LMBV, wurde gerufen. Die 1994 gegründete Staatsfirma saniert und flutet ehemalige Braunkohletagebaue im Osten. Das Unternehmen prüfte den Senftenberger See, brachte alles in Ordnung, sorgte für Sicherheit. Auch in Sachen Wasserstand. Jetzt liege bei der Zu- und Ableitung mehr Kraft bei der LMBV, formuliert Wurzler mit einer gewissen Vorsicht. „Priorität hat inzwischen der Zustand der schon fertigen Seen.“ Warum auch solle man Wasser in den künftigen Sedlitzer See ein paar Kilometer weiter nördlich einleiten. „Dort ist doch nichts.“

Doch auch da entsteht eine neue Landschaft. Noch sind die Wege sandig-erdige Buckelpisten. Alte Wurzeln liegen ausgegraben auf dem Boden. Daneben wachsen junge Kiefern. Am Nordufer ist Platz geschaffen worden für ein Hotel und etwa 100 Baugrundstücke. Die Dalben für künftig anlegende Boote sind aufgestellt. Und noch weiter das Ufer entlang ist der Parkplatz für ein späteres Gewerbegebiet am Wasser bereits asphaltiert. Die Anrainer wollen ebenfalls vom See-Boom profitieren.

Die Konkurrenz ums Wasser in der Lausitz wird größer. Geflutete Seen brauchen Nachschub, und leere Gruben sollen gefüllt werden. Und die LMBV soll beides leisten.

In der Flutungszentrale der LMBV in Senftenberg wird entschieden, wohin das Wasser aus und in der Lausitz fließt.
In der Flutungszentrale der LMBV in Senftenberg wird entschieden, wohin das Wasser aus und in der Lausitz fließt. © Jürgen Lösel

120 der fertigen oder entstehenden Tagebau-Folgeseen besitzt der Bergbausanierer. Rund 92 Prozent der gesamten künftigen Wasserfläche sei „hergestellt“, heißt es im Fachdeutsch. Zwei Seen sind bislang aus der Bergaufsicht entlassen, darunter der Olbersdorfer See bei Zittau.

Das Fluten und Stauen, das Ein- und Ausleiten steuert ein Team in der Flutungszentrale in Senftenberg. In einem H-förmigen Plattenbau am Stadtrand hat die ihren Sitz. Täglich laufen um die 200 Meldedaten ein. Zum Wetter, zu Wasserständen, aber auch die Info, ob ein Kraftwerk gerade stillsteht und kein Kühlwasser benötigt. Oder ob Binnenfischer in der Lausitz einen Teich ablassen und Wasser an Flüsse abgeben.

Der Ingenieur, der auch bei Hitze Anzug trägt

Eckhard Scholz hat die Flutungszentrale vor genau 20 Jahren mit aufgebaut. Der Ingenieur ist ein Mann, der auch bei Sommerhitze Anzug trägt. Der aber noch in der Braunkohlegrube gearbeitet hat und später in die Bergbausanierung wechselte. Der 62-jährige Technikchef ist von Beginn an bei der LMBV. 125 der insgesamt etwa 650 Mitarbeiter unterstehen ihm.

In der Flutungszentrale sind drei Leute beschäftigt. Ihr Job ist es, ein knapper werdendes Gut zu verteilen. Wie der Plan eines Rangierbahnhofs sieht das dafür genutzte Netz auf dem Papier aus. Blaue Kreise stehen für Seen, orangefarbene für aktive Tagebaue. Dazwischen sind Flüsse, Bäche und Rohrleitungen als dünne Linien eingetragen. Über diese kann das Team Wasser großräumig transportieren.

Seit vielen Jahren schon dreht sich im beruflichen Leben von Eckhard Scholz, dem Technikchef der LMBV in Senftenberg, alles nur ums Wasser.
Seit vielen Jahren schon dreht sich im beruflichen Leben von Eckhard Scholz, dem Technikchef der LMBV in Senftenberg, alles nur ums Wasser. © Jürgen Lösel

Wer von der Görlitzer Altstadtbrücke in die Neiße spuckt, mag glauben, dass sein „nasser Gruß“ in der Ostsee landet. Doch vielleicht wird er nördlich von Görlitz auch abgezapft. Fließt dann rund 80 Kilometer durch drei Flüsse, eine Rohrleitung und einen Graben bis in den Sedlitzer See. 2,2 Millionen Liter Wasser sind 2020 auf diese Weise schon aus der Neiße in die Grube gelangt.

Doch längst hat das Fluten leerer oder halbleerer Tagebaue nicht mehr Vorrang. Von den 78,3 Millionen Kubikmetern Wasser, die die LMBV 2019 in Seen befördert hat, nutzte sie 98 Prozent zur Nachsorge eigentlich schon gefüllter Löcher. Denn Seen verlieren Wasser.

Teilweise sei das vorhersehbar, sagt Scholz. Wasser läuft ab ins Erdreich. Weil daraus jahrzehntelang Grundwasser abgepumpt wurde, was den Kumpeln in der Grube sonst nasse Füße beschert hätte, herrscht dort nach dem Ende des Tagebaus Leere. Die füllt sich langsam mit Wasser, das in die Seen geleitet wird. Parallel wird von unten aufsteigendes Grundwasser, das hier sehr sauer ist, teils abgepumpt und durch gutes Flusswasser ersetzt.

Die Seenlandschaft an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen.
Die Seenlandschaft an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen. ©  SZ-Grafik

Es fehlen Niederschläge. Und dass Wasser verdunstet immer stärker. Im Lausitzer Seenland sollen es drei Kubikmeter pro Sekunde sein. Diese Zahl nannte kürzlich die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt. Wenn die Seenfläche wie geplant wächst, werden es 3,6 Kubikmeter pro Sekunde sein. Das entspreche etwa der Hälfte des Berliner Wasserverbrauchs.

Zudem gibt die LMBV auch gezielt Wasser aus den Seen an Flüsse ab. „Im Moment sind die Reserven dafür aber fast aufgebraucht“, sagt Scholz. Wenn irgend möglich, leite man zum Beispiel aus dem Bärwalder See bei Weißwasser und dem nicht touristisch genutzten Speicher Lohsa II bei Hoyerswerda Millionen Kubikmeter in die Spree, damit die nicht austrocknet. Sonst ist der Spreewald in Gefahr und die Trinkwasserversorgung in Berlin. Außerdem wird so die hohe Sulfatkonzentration im Fluss gesenkt.

Den Seen wird künftig auch das Grubenwasser fehlen

Dass die Spree unter Wassermangel leidet, ist keine Folge des Bergbaus. Kontinentales Klima mit wenig Niederschlag und hoher Verdunstung seien charakteristisch für das Spreegebiet, schreibt der Hydrologe Uwe Grünwald, emeritierter Professor der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus, in einem Report zum Strukturwandel. Der gebürtige Jenaer, Jahrgang 1944, ist Vorsitzender des Vereins Wasser-Cluster-Lausitz. Die Expertengruppe forderte jüngst ein länderübergreifendes Kompetenzzentrum Wasser für die Region. 

Neben dem Klimawandel wird die Lausitz künftig durch fehlendes Grubenwasser zusätzlich belastet. Das wird gehoben, um Tagebaue und Seen nicht unkontrolliert zu fluten. Das Nass wird in Flüsse und Seen geleitet. Die Schwarze Elster, die bei Senftenberg komplett trocken ist, erhält so reichlich 700 Milliliter pro Sekunde Nachschub. Auch der Cottbuser Ostsee, den das Bergbauunternehmen Leag fluten lässt, profitiert. Eigentlich sollte der vor allem Spreewasser bekommen. Doch davon gibt es momentan zu wenig. Deswegen dürfe gereinigtes Grubenwasser eingeleitet werden, teilt ein Leag-Sprecher mit.

Kalk gegen zu saures Wasser: Mit einem eigenen Wasseraufbereitungsschiff will die LMBV die Wasserqualität der neuen Seen im Raum Senftenberg (Brandenburg) und Klein Partwitz (Sachsen) verbessern.
Kalk gegen zu saures Wasser: Mit einem eigenen Wasseraufbereitungsschiff will die LMBV die Wasserqualität der neuen Seen im Raum Senftenberg (Brandenburg) und Klein Partwitz (Sachsen) verbessern. © dpa-Zentralbild

Klimawandel, kein Grubenwasser mehr – in der Politik und bei den Sanierern ist klar, dass Lösungen gebraucht werden. „Vielleicht müssen wir noch mal an die Seen ran. Dafür sind Prüfaufträge in Vorbereitung“, sagt Scholz. Man müsse neu bewerten, ob die festgelegten Wasserstände, die Stau-Lamellen, noch angemessen seien. „Das kann bedeuten, einige Seen zu verkleinern und nochmals zu sanieren“, sagt der Experte. Einfach Wasser absenken, das gehe nicht. Es brauche Trittsicherheit, wenn jemand badet, sein Boot ins Wasser schiebt. In dem Bereich, in dem ein Mensch stehen kann, müsse der Grund stabil sein. Das sei derzeit bis zwei Meter unter der unteren Stau-Lamelle gewährleistet. Sinke die, müsse neu verfestigt werden.

Auch der in den 1990er-Jahren schon einmal diskutierte Wassertransport von der Elbe ist wieder in den Blick gerückt. Der Bund lässt das gerade prüfen. Doch allen Seiten ist klar: Das wird sehr teuer, und die Elbe führt oft genug auch zu wenig Wasser.

Im April 2019 begann die Flutung am ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord. Doch wegen der Trockenheit wurde in diesem Jahr die Flutung der riesigen Grube, aus der einmal der Cottbuser Ostsee werden soll, mehrmals ausgesetzt.
Im April 2019 begann die Flutung am ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord. Doch wegen der Trockenheit wurde in diesem Jahr die Flutung der riesigen Grube, aus der einmal der Cottbuser Ostsee werden soll, mehrmals ausgesetzt. © dpa-Zentralbild

Auf das Fluten alter Tagebaue ganz zu verzichten, ist angesichts der riesigen Flächen schwierig. Sie würden sich ohnehin füllen, aber eher mit saurem Grundwasser. Trotzdem fordern Umweltschützer etwa für den bei Cottbus entstehenden Ostsee ein Umdenken. Bis etwa 2024 sollen 126 Millionen Kubikmeter Wasser in die Grube fließen. In der Vorplanung hatten die Experten für die Flutungsphase mit drei trockenen Jahren kalkuliert. Die sind fast um. Mitglieder der Grünen Liga kritisieren, dass eine Variante für einen „kleineren und tieferen See“ nie geprüft worden sei. 

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Doch die Leag und auch Brandenburg halten an der Größe des Sees mit 1.900 Hektar Fläche fest. Ein Sprecher aus dem Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe teilt auf Anfrage mit: „Es ist gegenwärtig kein Grund erkennbar, warum der Cottbuser Ostsee nicht in der vorgesehenen Dimension entstehen soll.“

Hier finden Sie alle Teile unserer Serie "Savanne Lausitz? Der Kampf um das Wasser".

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