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Wann fließt endlich Strom für Züge, Herr Scheuer?

Der Bundesverkehrsminister will vier Bahnstrecken in der Oberlausitz elektrifizieren lassen. Im zweiten Halbjahr 2021 soll Bewegung in die Sache kommen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) musste sich bei einem Besuch im Bautzener Waggonbauwerk 2019 viele Forderungen nach Bahnstrom anhören. Jetzt soll sich etwas tun.
Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) musste sich bei einem Besuch im Bautzener Waggonbauwerk 2019 viele Forderungen nach Bahnstrom anhören. Jetzt soll sich etwas tun. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. "Joaaa!" Andreas Scheuer reagierte sichtlich genervt. Aus mehreren Mündern hatte der Bundesverkehrsminister zuvor immer die gleiche Forderung gehört: Bahnstrom für die Strecke Dresden-Görlitz. Die führt nur wenige hundert Meter am Bautzener Waggonbauwerk vorbei, das der Bundesverkehrsminister an einem Frühlingstag des Jahres 2019 besuchte.

Ob nun Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der Landtagsabgeordnete Marko Schiemann (beide CDU), Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) oder der damalige Deutschland-Chef des Schienenfahrzeugbauers Bombardier, Michael Fohrer - alle drängten bei dieser Gelegenheit auf Strom. Bis der Bayer jenen gurgelnden Laut ausstieß, den viele in der Werkhalle als Zusage verstanden.

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In der vergangenen Woche legte Scheuers Ministerium nun einen Fahrplan für die Elektrifizierung von Bahnstrecken in ganz Deutschland vor. Das Ziel: Spätestens 2050 soll in Deutschland kein Zug mehr mit einem Dieselmotor rollen. 70 Prozent aller Bahnstrecken sollen bis dahin eine Stromleitung haben. Wo sich die Elektrifizierung nicht lohnt oder als technisch unmöglich erweist, sollen Züge mit alternativen Antrieben fahren - wie Batterie, Brennstoffzelle oder Wasserstoff.

Großer Nachholebedarf in Ostsachsen

Ein Blick auf den Plan des Bundesverkehrsministeriums zeigt: In keiner anderen Region Deutschlands sollen mehr Bahnkilometer unter Strom kommen. Das beweist zum einen den Nachholebedarf, der hier besteht. Zum anderen muss das Ministerium in der Lausitz nicht aufs Geld schauen. Denn für den Ausbau und die Elektrifizierung der hiesigen Strecken gibt es ein anderes Konto - das Strukturförderprogramm des Bundes für Kohleregionen.

Trotzdem muss das Verkehrsministerium das Ganze planen und auf den Weg bringen. Das soll "schnellstmöglich" geschehen, teilte Scheuers Pressestelle auf Anfrage von Sächsische.de mit. Etwas klarer äußert sich Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsministerium: Im zweiten Halbjahr 2021 soll es eine Vereinbarung mit der Deutschen Bahn AG (DB) geben. Danach könne die Bahntochter DB Netz AG mit der Planung beginnen. Laut einer Sprecherin wartet die DB nur auf grünes Licht: "Sobald die Aufträge für die Projekte an die Bahn erteilt worden sind, werden wir zur Planung und Umsetzung in den Dialog mit den regionalen Ansprechpartnern gehen."

Sachsen ging für Planung in Vorleistung

Für die Strecke Dresden-Görlitz ist der Freistaat 2015 vorgeprescht und hat für rund zehn Millionen Euro Vorplanungen angeschoben. Sie beziehen auch den Abzweig von Radeberg bis Kamenz mit ein. Auf diesen Vorplanungen kann die DB Netz aufbauen. Von Kamenz bis Hosena beginnen die Planungen bei Null. Im südbrandenburgischen Hosena soll sich die Strecke mit der bereits elektrifizierten Verbindung Dresden-Hoyerswerda verknoten. Ziel sind durchgehende Elektrozüge zwischen Dresden und Hoyerswerda über Kamenz.

Für die Strecke Dresden-Zittau liegen für den Abschnitt zwischen der Landeshauptstadt und Bischofswerda die sächsischen Vorplanungen vor, ab Schiebock muss gänzlich neu geplant werden. Ebenso gibt es noch keine Unterlagen für die Strecke Zittau-Görlitz-Cottbus.

Bund rechnet mit Kosten von 2,7 Milliarden Euro

Erstmals nennt das Bundesverkehrsministerium eine Zahl zu den Kosten: rund 2,7 Milliarden Euro für alle vier Strecken. Von diesem Geld sollen die Gleise nicht nur unter Strom kommen, sondern auch für höhere Geschwindigkeiten fit werden. Drei Verbindungen sollen nach dem Ausbau Tempo 160 ermöglichen, die Stecke zwischen Cottbus und Görlitz gar bis zu 200 Kilometer pro Stunde.

Das Scheuer-Papier bezieht ausdrücklich auch die "letzte Meile" zwischen den Bahnstrecken und beispielsweise angrenzenden Gewerbegebieten ein. Marko Schiemann hat dafür ein naheliegendes Beispiel parat: das im Süden von Bautzen geplante Industriegebiet mit Doberschau-Gaußig. Dort soll auch ein neuer Gleisanschluss ans Alstom-Waggonbauwerk entstehen. Und dieser Anschluss braucht eine Oberleitung, fordert Schiemann: "Nicht, dass dann eine Diesellok die Waggons zur elektrischen Hauptstrecke bringen muss."

Als "längst überfällig" bezeichnet der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst die angekündigte Strom-Offensive. Herbst drängt seit Jahren auf die Elektrifizierung der hiesigen Strecken. Das sie nun kommen soll, sei "eine gute Nachricht. Gleichzeitig verdeutlicht das Projekt exemplarisch die deutsche Langsamkeit, wenn es um die Planung und Umsetzung großer Infrastrukturprojekte geht. Während unsere polnischen Nachbarn die Strecke bereits längst bis zur Grenze elektrifiziert haben, fahren auf deutscher Seite noch auf Jahre Dieselzüge."

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