merken
PLUS Bautzen

"Wir brauchen die Elektrifizierung, basta!"

Der Chef des Oberlausitzer Verkehrsverbundes Zvon, Hans-Jürgen Pfeiffer, steht unter Hochspannung - weil diese auf hiesigen Bahnstrecken fehlt.

Hans-Jürgen Pfeiffer, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien, steht in Bautzen auf einem Bahnsteig, der lang genug dafür wäre, dass dort ein ICE hält. Für die Bahnzukunft in der Oberlausitz hat er klare Forderungen.
Hans-Jürgen Pfeiffer, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien, steht in Bautzen auf einem Bahnsteig, der lang genug dafür wäre, dass dort ein ICE hält. Für die Bahnzukunft in der Oberlausitz hat er klare Forderungen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Seine häufigste Bewegung ist im Moment das Kopfschütteln. Hans-Jürgen Pfeiffer ist immer noch außer sich, wenn er an den letzten Freitag im Juni denkt. Da sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), dass es kein Geld aus dem Strukturwandel-Fonds für die Elektrifizierung der Bahnstrecken Dresden-Görlitz und Dresden-Zittau gibt. Eine Aussicht, die der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien so nicht im Raum stehen lassen kann.

Herr Pfeiffer, der Ministerpräsident macht inzwischen Hoffnung auf eine Entscheidung zu den beiden Bahnstrecken bis Ende dieses Jahres. Lässt Sie das wieder etwas ruhiger schlafen?

Anzeige
Welche Geldanlage ist heutzutage sinnvoll?
Welche Geldanlage ist heutzutage sinnvoll?

Risiken reduzieren & Ertragschancen gezielt nutzen - bei Ihrer Volksbank - mit einer gut durchdachten Struktur aus unterschiedlichen Anlageformen.

Der gesamte Verkehrsverbund vertraut auf die neuerliche Aussage des Ministerpräsidenten, eine positive Klärung bis zum Jahresende herbeizuführen. Jedoch ist anzumerken, es ist jetzt Anfang Juli, bis Ende des Jahres ist noch fast ein halbes Jahr. Wieder gehen Monate ins Land. Die Region wird schon viel zu lange vertröstet, dass es mit der Elektrifizierung nun bald losgehen könnte. Wissen Sie, wann es die ersten Pläne für Strom auf der Strecke Dresden-Görlitz gab?

Ja, 1961.

Sehen Sie, so lange geht diese Berg- und Talfahrt der Hoffnung schon. Zu DDR-Zeiten hat keiner so recht daran geglaubt, aber dann gab es in den 1990er-Jahren die ersten Signale von Bund und Land, dass hier in absehbarer Zeit Bahnstrom fließen soll. Im Frühjahr 2003 unterschrieben Deutschland und Polen einen Staatsvertrag, in dem die Elektrifizierung der Strecke zwischen Dresden und Breslau vereinbart wurde. Die polnische Seite hat inzwischen geliefert, dort reicht der Fahrdraht bis in den Grenzbahnhof Zgorzelec. Dresden weiß sehr wohl, wie die Situation ist.

Wie meinen Sie das?

2013 ließ die Sächsische Staatskanzlei eine Analyse zur Erreichbarkeit unserer Region erarbeiten, da steht auch die Elektrifizierung als dringend geboten drin. Ich könnte Ihnen jetzt mehr als 30 Studien, Leitbilder und Analysen aufzählen, an denen Hunderte Menschen aus der Region und darüber hinaus mitgearbeitet haben. Soll diese ganze Arbeit und Mühe umsonst gewesen sein? In all diesen Papieren steht: Diese Strecke muss unter Strom kommen, und zwar nicht erst am Sankt-Nimmerleins-Tag.

Warum sollte das Geld dafür unbedingt aus dem Kohle-Topf kommen?

Wir sahen die einmalige Chance, außerhalb des Bundesverkehrswegeplans die Elektrifizierung und den Ausbau der Strecke zu bekommen. Der Fonds für den Strukturwandel ist bis 2038 angelegt. Das heißt, wir hätten eine Jahreszahl als spätesten Endpunkt gehabt, auch wenn wir uns das Ganze natürlich so schnell wie möglich wünschen. Der Kohle-Fonds hätte für einen gewissen Zeitdruck gesorgt. Dieser ist jetzt wieder weg. Allerdings machen wir selbst weiter Druck, zum Beispiel mit deutlichen Worten in einem Brief an den Ministerpräsidenten.

Und, haben Sie schon eine Antwort?

Wir wissen, dass der Ministerpräsident viel Post mit Wünschen und Forderungen aus ganz Sachsen bekommt, da müssen wir ihm schon etwas Zeit zum Lesen und Antworten geben.

Welche Vorteile brächte denn die Elektrifizierung, außer, dass Reisende nicht mehr in Dresden oder Zgorzelec umsteigen müssten?

Das wäre für die Fahrgäste die größte Erleichterung, zudem würde bei Reisen von und nach außerhalb die Umsteigezeit wegfallen. Es ist doch ein Unding, dass Reisende zwischen den Metropolen Dresden und Breslau in Zgorzelec von Diesel auf Strom umsteigen müssen. Elektrozüge sind schneller, es würde Reisezeit gespart. Zudem reden alle von der Verkehrswende, weg von fossilen Brennstoffen. Hier fahren jetzt Dieseltriebwagen.

Gut 100 Kilometer weniger Dieselstrecke, was brächte das für die Umwelt?

Laut einer Verkehrsstudie im Rahmen des EU-Projektes Trans-Borders könnten mit Strom 5.500 Tonnen Kohlendioxid jährlich auf der Strecke Dresden-Görlitz eingespart werden. Der elektrische Lückenschluss im paneuropäischen Verkehrskorridor könnte Personen und Güter auf die Schiene bringen und damit die stark frequentierte Autobahn entlasten. Durchgehende Elektro-Schnellzüge zwischen Ost- und Westeuropa, die in Bautzen und Görlitz halten, wären keine Illusion mehr.

Denken Sie da an einen ICE, für den momentan aber noch die Kurven zu eng sind?

Es war ja mal die Rede davon, dass die Strecke Dresden-Görlitz nicht nur elektrifiziert werden soll, sondern dass im Zuge der Bauarbeiten auch enge Kurven verschwinden sollen. Das wäre natürlich optimal und muss das Ziel für die Region sein.

Wie hilft die vorgesehene Elektrifizierung der Bahnstrecke über Kamenz in Richtung Hoyerswerda der östlichen Oberlausitz?

Weiterführende Artikel

Das Aus für die Oberleitung

Das Aus für die Oberleitung

Die Finanzierung für die Elektrifizierung der Eisenbahn-Strecke Bischofswerda-Oberland-Zittau ist geplatzt. Was Sachsen stattdessen vorschlägt.

So gut wie gar nicht. Ich weiß auch gar nicht, wie das funktionieren soll. Geplant ist, die Strecke zwischen den Bahnhöfen Arnsdorf bei Dresden und Hosena in Südbrandenburg auszubauen und zu elektrifizieren. Hoyerswerda und Kamenz sollen so Anschluss ans Dresdner S-Bahn-Netz bekommen. Aber wie soll das vor sich gehen, wenn zwischen Dresden und Arnsdorf keine Oberleitung vorhanden ist? Von diesem Lückenschluss steht nichts in dem Strukturwandel-Konzept, das der Ministerpräsident jetzt vorgestellt hat. Selbst wenn dieser Lückenschluss käme: Es bringt Bautzenern und Görlitzern überhaupt nichts, wenn zwischen Dresden und Arnsdorf Elektrozüge fahren, die dann in Richtung Hoyerswerda abbiegen. Nein, wir brauchen Strom für die gesamte Strecke zwischen Dresden und Görlitz, basta!

Mehr zum Thema Bautzen