merken
PLUS Politik

Von 9/11 bis nach Dresden: Scheitert der Westen?

20 Jahre nach den Anschlägen von New York wird deutlich: Das Wertesystem des Westens verliert weiter an Anziehungskraft. Jetzt steht es am Scheideweg.

Mit dem New Yorker World Trade Center sank am 11. September 2001 auch der Glaube in Trümmer, der Siegeszug der westlichen Werte sei unaufhaltsam.
Mit dem New Yorker World Trade Center sank am 11. September 2001 auch der Glaube in Trümmer, der Siegeszug der westlichen Werte sei unaufhaltsam. © epa ABC NEWS / HO

Als vor 20 Jahren die Türme des New Yorker World Trade Centers in sich zusammenfielen, hinterließen sie eine Trümmerwüste, die nicht nur aus Schutt und Toten bestand. Die Terroristen, die den Anschlag geplant und exekutiert haben, hatten sich das WTC als Ziel ausgesucht, weil es mehr war als ein gigantischer Gebäudekomplex. Vielmehr galten die Twin Towers als Stein gewordenes Symbol für Macht und Hybris der Vereinigten Staaten. Sie standen durch ihre Nähe zur Wall Street für das triumphale Selbstbild des Kapitalismus und wegen ihrer Lage im Herzen Manhattans als Leuchttürme der freien Welt da – vor allem, aber nicht nur aus amerikanischer Sicht. Sie waren das zwillingshafte, jedoch janusköpfige Sinnbild „des Westens“ mit all seinen positiven und negativen Facetten.

Doch am 11. September 2001 wurde nicht nur ein Symbol pulverisiert. In den Augen vieler Beobachter zerstob mit ihm der Glaube, die ökonomische Macht des Westens und ebenso die innere Überzeugungskraft seiner Werte würden sich früher oder später in der gesamten Welt durchsetzen. Über zehn Jahre lang, seit dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung des sogenannten Ostblocks, hatte dieser Glaube stetig neue Nahrung bekommen. Sein berühmtester Prophet war der amerikanische Politologe Francis Fukuyama. Schon im Sommer 1989 hatte er den Aufsatz „Das Ende der Geschichte“ veröffentlicht und drei Jahre später, ermutigt durch die seitherigen Ereignisse, seine Gedanken in einem gleichnamigen Buch ausgearbeitet. Darin vertrat Fukuyama die These, die Geschichte sei ein Siegeslauf des ökonomischen und politischen Liberalismus, der sich künftig weltweit ausbreiten werde. Habe sich schließlich die westliche Demokratie als Regierungsform überall durchgesetzt, sei die „final form of human government“ erreicht – und damit das Ende der Geschichte.

Anzeige
Architekt & Ingenieur gesucht (m/w/d)
Architekt & Ingenieur gesucht (m/w/d)

Das in Bautzen ansässige Architektur- und Ingenieurbüro "bauplanung oberlausitz | architekten & ingenieure" sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung.

„Das Ende der Geschichte“ hat nicht stattgefunden

Doch der Beifall für Fukuyama war nicht lauter als die Kritik an seiner Deutung. Schließlich, so ein Großteil der Einwände, lieferte die Geschichte schon damals – und sie liefert bis heute – ebenso viele Gegenbeispiele wie Belege für seine These. Wobei Erstere in den letzten Jahren noch zugenommen haben, angefangen mit dem Golfkrieg 1990/91 über den Zerfall Jugoslawiens bis zum Aufstieg der neuen autokratischen Regimes in Russland, Ungarn, der Türkei und anderswo – nun auch noch die Katastrophe von Afghanistan.

„Überall zeigt sich, dass die Welt weiterhin von Kriegen, Umsturzversuchen und Revolutionen beherrscht wird und nicht vom ewigen Frieden in Demokratie und Marktwirtschaft“, bilanziert der Historiker und Osteuropa-Experte Alexander Brakel. Dass die Ideen des Westens zudem regelmäßig durch das Gebaren des Westens pervertiert wurden und werden, dass dieses auch durch dessen ökonomisches und globalpolitisches Dominanzstreben bedingt ist und oft genug versucht wird, es durch Militäreinsätze durchzusetzen, hat allerdings auch Francis Fukuyama weder bestritten noch kleingeredet.

Insofern ergibt es durchaus Sinn, zwanzig Jahre nach 9/11 auf Afghanistan zu schauen und düster zu bilanzieren: „Das Ende der Geschichte“ hat nicht stattgefunden, der Westen ist gescheitert, zumindest bis auf Weiteres. Was am Hindukusch geschehen ist, liest sich in dieser Perspektive rückblickend wie dessen zunehmend verzweifelter Versuch, es trotz allem doch noch einmal zu versuchen. Mit den alten Mitteln und Methoden, den guten wie den weniger guten, sowie einigen klugen Neuerungen, die jedoch bei Weitem nicht ausgereicht haben.

Die Erzählungen von den friedlichen Neunzigern täuschen. Während Europa das Ende des Kalten Krieges feierte, wurden anderswo neue geführt wie hier 1991 im Irak.
Die Erzählungen von den friedlichen Neunzigern täuschen. Während Europa das Ende des Kalten Krieges feierte, wurden anderswo neue geführt wie hier 1991 im Irak. ©  AP/dpa

Todesstoß für den alten Westen aus dem „Hort der Freiheit“

Der zumindest vorläufige Todesstoß kam ausgerechnet aus dem „Hort der Freiheit“, aus den USA, aus dem Mund ihres Präsidenten, als dieser sinngemäß sagte: Wir haben nie ernsthaft versucht, in Afghanistan Nation Building zu betreiben und das Land auf den Weg in eine liberale Demokratie zu führen. In einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit bilanzierte der Politologe Herfried Münkler: „Der Westen hat sich … aus der werteorientierten Außenpolitik, die auch Menschenrechte, Freiheit und Demokratie als Faktoren einbezieht, endgültig verabschiedet. Ihr Totengräber ist Joe Biden.“ Dass dieses Scheitern durch äußere, aber noch mehr durch innere Entwicklungen bedingt ist und seine Bindungskräfte zunehmend an Bedeutung verlieren, lässt sich indes nicht allein an Afghanistan und der Weltpolitik ablesen. Es macht sich ebenso bemerkbar in der jüngsten Geschichte Europas und vielleicht besonders deutlich in Deutschland.

Aber was war, was ist das überhaupt, „der Westen“? Historisch gesehen gehören dazu die okzitanisch beziehungsweise weströmisch geprägten Teile Europas, die USA, die Länder des ehemaligen britischen Commonwealth (Kanada, Neuseeland, Australien) und, in manchen Definitionen, auch das moderne Japan. Auf dem Bekenntnis zum universellen Versprechen der Freiheit und Gleichheit des Einzelnen, zur Achtung der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit und des Rechts auf demokratische Teilhabe fußt sein Wertekanon, der auf mehr abzielt als auf ein ökonomisches oder geostrategisches Zweckbündnis.

US-Präsident Joe Biden ist vermittelnder im Ton, doch auch er führt die Politik "America First" fort und betont den Zusammenhalt des Westens vor allem dann, wenn dieser seinem Land nutzt.
US-Präsident Joe Biden ist vermittelnder im Ton, doch auch er führt die Politik "America First" fort und betont den Zusammenhalt des Westens vor allem dann, wenn dieser seinem Land nutzt. ©  AP/dpa

Russlands wachsender Wille zur politischen Konfrontation

Der Wille des Westens zur auch institutionellen Gemeinschaft äußerte sich in transatlantischen Beziehungen zwischen Europa und insbesondere zwischen Deutschland und den USA und Kanada, in der Gründung des Verteidigungsbündnisses Nato und auf dem „Alten Kontinent“ noch mehr in der Formierung der Europäischen Union.

Gerade in Europa haben die Bindungskräfte des Westens nach 1990 eine kaum kontrollierbare Energie entfaltet. Vor allem wegen der ökonomischen Aussichten drängten sämtliche Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes mit Ausnahme Russlands in die EU, auf der Liste der Anwärter stehen aktuell Albanien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und die Türkei. Potenzielle Beitrittskandidaten sind zudem Bosnien und Herzegowina sowie das Kosovo.

Das Wachsen gen Osten brachte die EU und damit verbunden die Nato jedoch immer mehr auf eine Konfliktlinie mit Russland. Das fühlt sich zunehmend bedroht und reagiert unter Wladimir Putin seit dem Ukraine-Konflikt samt Annexion der Krim 2014 mit wachsendem Willen zur politischen Konfrontation – oder zur Verteidigung, je nach Sichtweise.

Seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 sind die Fronten zwischen Ost und West wieder so verhärtet wie seit 1989 nicht mehr.
Seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 sind die Fronten zwischen Ost und West wieder so verhärtet wie seit 1989 nicht mehr. ©  AP/dpa

Der Ost-West-Konflikt war nie überwunden

Als im selben Jahr die sogenannte Flüchtlingskrise einsetzte, hob sich jener Schleier endgültig, den die Jahre nach 1989 und die Euphorie über das augenscheinliche Ende des Ost-West-Konfliktes in seiner Form des Kalten Krieges über die politischen und gesellschaftlichen Realitäten gelegt hatten. Es wurde klar, „dass der Ost-West-Konflikt, der auch und in erster Linie eine Auseinandersetzung über fundamental divergierende politische Wertvorstellungen war, diese relativ dazu geringen Differenzen schlicht verdeckt hatte“, schreiben die Politologen Peter Mayer, Volker Rittberger und Fariborz Zelli in ihrem Essay „Risse im Westen“.

Hatte die Finanzkrise 2008 und damit verbunden die systemische Gretchenfrage des Turbokapitalismus die EU schon auf eine harte Bewährungsprobe gestellt, weiteten sich die Bruchlinien innerhalb der Europäischen Wertegemeinschaft 2015 über dem Streit um den Umgang mit den Flüchtlingsströmen und deren Verteilung zu offenen Rissen. Gerade in dieser zentralen Frage der Humanität und deren Gewichtung bei der Lösungssuche kann man sich bis heute nicht einigen auf ein gemeinsames Vorgehen und eine europaweite „Lastenverteilung“. In vielen Ländern dominiert der Wunsch nach autonomen Entscheidungen und nationalen Alleingängen.

Als 2015 sich in Ungarn Flüchtlinge stauten, eine humanitäre Katastrophe und "unschöne Bilder" drohten, blieben die Grenzen Deutschlands für die Migranten offen. Das stellte die EU vor ihre erste wirkliche Zerreißprobe.
Als 2015 sich in Ungarn Flüchtlinge stauten, eine humanitäre Katastrophe und "unschöne Bilder" drohten, blieben die Grenzen Deutschlands für die Migranten offen. Das stellte die EU vor ihre erste wirkliche Zerreißprobe. ©  Archiv/dpa

Osteuropas Unwille, zu Klonen des Westens zu werden

Dem zugrunde liegt derselbe Gedanke, den ein Jahr später der neue US-Präsident Donald Trump zu seinem außenpolitischen Motto machte: „America first – our people first.“ Zuerst unser Land und unsere Leute. Das ging einher mit des Präsidenten Verachtung für einige fundamentale Prinzipen der amerikanischen Verfassung, für demokratische Spielregeln und für transatlantische Beziehungen. Damit hatte der Westen seinen mächtigsten und verlässlichsten Partner faktisch verloren, und die Gegner der westlichen Werte in Europa hatten ein illustres Vorbild gefunden.

Allerdings reicht die Bandbreite der „Werte-Renegaten“ von Skepsis gegenüber und Kritik an dem Wertekanon bis zu offener Ablehnung. Die Gegenkräfte in Osteuropa ziehen ihre Überzeugungen nicht zuletzt aus Gefühlen der Demütigung, die viele Menschen angesichts des Verhaltens der großen EU-Mächte ihnen gegenüber hegen, nachgerade mit Blick auf Deutschland und Frankreich. Sie haben, keineswegs immer zu Unrecht, den Eindruck, seit Jahrzehnten als bockige und ökonomisch wie politisch zweitrangige Juniorpartner behandelt zu werden. Als Nationen, die Demokratie, Zivilgemeinschaft und Rechtsstaatlichkeit erst noch lernen müssten. Immer lauter wird ihr Unwille, das westliche Wertesystem auf eine Weise zu übernehmen, die sie ihrem Empfinden nach zu bloßen Klonen des Westens machen würden.

Ungarns Präsident Victor Orban ist Wortführer der Visegrád-Staaten, die gegenüber der EU mehr Autonomie verlangen. Sein wichtigsten Regierungsorgan hat unlängst erstmals den "Huxit" angedroht, der Austritt aus der EU.
Ungarns Präsident Victor Orban ist Wortführer der Visegrád-Staaten, die gegenüber der EU mehr Autonomie verlangen. Sein wichtigsten Regierungsorgan hat unlängst erstmals den "Huxit" angedroht, der Austritt aus der EU. ©  AP/dpa

Lieber Verbund souveräner Nationen statt "EU-Imperium"

Wortführer dieser Gegenbewegung sind Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, die sich 1999 innerhalb der EU zum Bündnis der Visegrád-Staaten zusammenschlossen. Sie betrachten den autonomen Nationalstaat als Symbol der Befreiung von sowjetischer Vorherrschaft und Garanten politischer Freiheit. Sie messen ihm eine entsprechende Bedeutung zu, die im Westen lange Zeit unterschätzt wurde. Ihr Selbstverständnis fasste Ungarns Premier Victor Orban so zusammen: „Wir brauchen kein Imperium (der EU; d. Red.), nur einen Verbund souveräner Nationen.“

Das zeige sich vor allem daran, dass die Werte und Strategien des Westens, namentlich in der EU, ungeeignet seien, die Probleme der Gegenwart inklusive unkontrollierter Zuwanderung im Geiste des Liberalismus zu lösen. Dies könnten, so ihr Einwand, vielmehr die Prinzipien des patriotischen, traditionellen, weitgehend eigenständigen Nationalstaates. Die Schwäche des Westens wirkt dabei wie ein Motivationsschub. Denn, das wusste auch Osama Bin Laden lange vor 9/11: „Wenn Menschen die Wahl zwischen einem starken und einem schwachen Pferd haben, wählen sie naturgemäß das starke.“ War das starke Pferd Bin Ladens der Islam, ist es andernorts die Religion des nationalistischen Patriotismus.

"Der Liberalismus in Osteuropa ist ein West-Import"

Entsprechend propagierte Orban vor einigen Jahren in deutlicher Abkehr von westlichen Idealen die Idee der „illiberalen Demokratie“. Denn „der Liberalismus in Osteuropa ist ein West-Import“, schrieb der polnische Intellektuelle Slawomir Sierakowski. Liberale Traditionen wie die Gewaltenteilung hätten in Osteuropa keine tiefen Wurzeln geschlagen und keine Chance, sich durchzusetzen. Damit bilden die Visegrád-Staaten die Speerspitze eines Großtrends, der sich überall in Europa entwickelt hat: hin zu Nationalisierung, Protektionismus und "Neo-Autoritarismus".

Diese Driftbewegung wird wohlwollend betrachtet und toleriert, teilweise auch aktiv unterstützt und geschürt durch Strategen in Moskau, Peking und zumindest teilweise in den USA. Sie erhoffen sich davon eine geopolitische Schwächung der EU als letztem verbliebenen Hort der alten westlichen Werte. Aus guten Gründen, wie unübersehbar geworden ist.

©  AP/dpa

Eine Gesellschaft fühlt sich kolonialisiert und entwertet

Mehr noch als Frankreich kommt Deutschland dabei nicht allein wegen seiner politischen und ökonomischen Schlüsselstellung in Europa eine zentrale Rolle zu. Schließlich verläuft die ehemalige Grenze zwischen Ost und West mitten durch ein Land, in dem sich während 40 Jahren DDR und BRD teils durchaus unterschiedliche Wertevorstellungen entwickelt und bis heute überlebt haben. Auch in Ostdeutschland wurden die Prinzipien und Überzeugungen des Westens 1990 in eine Gesellschaft implementiert, die sich in nennenswerten Teilen als kolonialisiert und entwertet empfindet.

Und obendrein als abgestempelt, sie sei zur Akzeptanz einer liberalen, vielfältigen, offenen Gesellschaft nicht willens und/oder in der Lage. Ein Übriges tut die Tatsache, dass die Teilhabe am Wohlstand sowie die Repräsentanz in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit, in der Politik und auch in den medialen Abbildungen der deutschen Realität immer noch reichlich relativ ist. So besehen, bleibt der in Wertefragen selbst innerlich gespaltene deutsche Osten für den Westen des Landes eine Herausforderung. Und in mancher Hinsicht das, was die Visegrád-Staaten für die EU sind.

In den euphorischen Tagen des Mauerfalls war noch nicht klar, wie sehr sich viele Ost- und Westdeutsche während 40 Jahren Teilung in ihren Prägungen und Wertevorstellungen voneinander entfernt hatten.
In den euphorischen Tagen des Mauerfalls war noch nicht klar, wie sehr sich viele Ost- und Westdeutsche während 40 Jahren Teilung in ihren Prägungen und Wertevorstellungen voneinander entfernt hatten. ©  [M] dpa/ SZ

Der Osten von Deutschland denkt weniger westlich

Dass im Osten Deutschlands immer noch – vielleicht auch: wieder – teils andere als traditionell westliche Wertevorstellungen gehegt werden, belegen inzwischen unzählige Studien. Die Zustimmung zu autoritären Vorstellungen, das Befürworten eines starken und möglichst autonomen Nationalstaates, die Ablehnung von EU und Liberalismus, der Wille zu mehr Abschottung und leitkultureller Homogenität sind zwischen Ostsee und Erzgebirge deutlicher ausgeprägt als zwischen Nordsee und Allgäu – Deutschland und unsere Leute zuerst! Entsprechend stark konnte hier jene Partei werden, die sich diese Werte auf ihre blauen Fahnen geschrieben hat. Ebenso wenig zufällig entstand im Osten mit Pegida eine Bewegung, deren Inhalte sich großteils wie ein Gegenentwurf zum westlichen Wertekanon ausnehmen, symbolisiert unter anderem durch das zahlreiche Verwenden der russischen Flagge.

Doch auch unter Ausblendung solcher Extremerscheinungen kommen einige politische Analysten zum Schluss, in Ostdeutschland würden sich viele Menschen wertemäßig eher osteuropäischen kulturellen Prägungen wie etwa denen in Polen, Tschechien und Ungarn dominanten verbunden fühlen als jenen, die Westdeutschland prägen. Metaphysisch betrachtet, reicht die Staubwolke des antiwestlichen Denkens mithin von Ground Zero über Afghanistan und in ihren schwächer werdenden Ausläufern bis Sachsen, wo sie weniger dicht ist, aber dennoch spürbar.

Wie Islamisten lehnt auch die rechtsradikale Pegida-Bewegung die liberalen westlichen Werte ab.
Wie Islamisten lehnt auch die rechtsradikale Pegida-Bewegung die liberalen westlichen Werte ab. © Benno Löffler

Ist Wohlstand wichtiger als Freiheit und Menschenrechte?

Was aber wären denkbare Alternativen zu einer Gesellschaft, die auf dem Wertesystem des Westens basiert? Freilich bieten autoritärere und nationalistischere Systeme pragmatische Vorteile. Das Regieren, Beschließen und Umsetzen von Beschlüssen fällt umso leichter und geht entsprechend schneller und unbürokratischer, desto weniger demokratisch und liberal eine Gesellschaft organisiert ist. Damit einhergehen indes die Marginalisierung oder Ausschaltung jeglicher Opposition, die Entmachtung einer unabhängigen Presse, Zügelung und Züchtigung einer kritischen Kultur und die Beschneidung von Mitbestimmungsmöglichkeiten. Wie es teilweise etwa in Polen, Rumänien, der Türkei und noch mehr in Russland bereits der Fall ist.

Patriotische, identitäre und zumeist andere Völker abwertende Identifikationsangebote wie das stolze Sich-berufen-Können auf „Polentum“, „Russentum“, „Türkentum“ oder eben „Deutschtum“ mögen vielen Untertanen feste mentale Heimaten bieten, zu mehr sind sie jedoch kaum in der Lage. Ebenso wenig schaffen sie eine faire Partizipation am gesamtgesellschaftlichen Wohlstand; in solcherart organisierten Ländern ist die Schere zwischen Arm und Reich in der Regel am weitesten geöffnet. Wohl mag die chinesische Leistung in rein staatsökonomischer Perspektive bewunderungswürdig wirken, einen weltweit einmaligen Wohlstandsschub ohne Demokratisierung geschafft zu haben.

Das aber taucht die Gretchenfrage ins Scheinwerferlicht: Ist Wohlstand, noch dazu ohne breite Teilhabe der Bevölkerung, für die Akzeptanz eines Regierungssystems wichtiger, als demokratische Freiheiten und Menschenrechte es sind?

Der Historiker Heinrich August Winkler ist ein großer Kritiker des Westens da, wo dieser seine eigenen Ideale verrät, weil "menschenfreundlichere Ideen bisher nicht gedacht worden sind.“
Der Historiker Heinrich August Winkler ist ein großer Kritiker des Westens da, wo dieser seine eigenen Ideale verrät, weil "menschenfreundlichere Ideen bisher nicht gedacht worden sind.“ © Archiv: dpa picture alliance

"Menschenfreundlichere Ideen wurden nicht gedacht"

Die Bindungskräfte des Westens sind geschwunden, weil sie nicht mehr in der Lage scheinen, die immer komplexer werdenden Herausforderungen und Krisen in der globalisierten Welt meistern zu können. Zumal er auch bei den Versuchen, gerade in Afghanistan, seine eigenen Ideale immer wieder hintangestellt oder gar verraten hat. Sollte der Westen endgültig scheitern, dann vor allem an sich selbst.

Jetzt kommt es darauf an, dass er es schafft, den Verlust seiner globalen Weltstellung zu überleben. Wenn es sein muss, auch ohne die isolationistischer gewordenen USA. Mehr denn je liegt das Gelingen in den Händen Europas und der EU. Vielleicht sogar auf dem Weg der immer wieder geforderten Strategie eines „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ mit einem weiteren Binnenbündnis, ähnlich den Visegrád-Staaten, aus Ländern wie Frankreich, Deutschland, Brexit-England, Spanien, Italien und skandinavischen Staaten.

Weiterführende Artikel

Jahrestag der Anschläge: Gedenken zum 11. September

Jahrestag der Anschläge: Gedenken zum 11. September

Mit einer Schweigeminuten und dem Verlesen der Opfernamen hat in den USA das Gedenken an die Terroranschläge vom 11. September 2001 begonnen.

Allerdings gilt auch und womöglich gerade in Europa: Einer Politik, die westliche Überzeugungen und Lebensformen mithilfe von Druckmitteln zu verbreiten versucht, blüht das gleiche Schicksal wie am Hindukusch. Sollte der Westen nicht aus seinen Fehlern lernen und final scheitern, könnte Wahrheit werden, was der Historiker Heinrich August Winkler als Gedankenspiel über die westlichen Werte einmal so formuliert hat: „Wenn andere vielleicht später einmal ... diese Werte wieder entdecken, dann wird man vermutlich feststellen, dass menschenfreundlichere Ideen bisher nicht gedacht worden sind.“

Mehr zum Thema Politik