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Partyraum-Vermieter von Rechtsextremisten überrascht

In einer Dresdner Lokalität für Hochzeiten und Feste treffen sich Rechtsextremisten zum Stelldichein. Der Betreiber distanziert sich nun von der Veranstaltung.

"Villa Sachs"-Vermieter Michael Jähne erntete Kritik für eine Veranstaltung mit Rechtsextremisten in seinen Räumen. Die Anmietung lief unter dem Namen einer ihm unbekannten Privatperson, sagt er.
"Villa Sachs"-Vermieter Michael Jähne erntete Kritik für eine Veranstaltung mit Rechtsextremisten in seinen Räumen. Die Anmietung lief unter dem Namen einer ihm unbekannten Privatperson, sagt er. © Straßengezwitscher

Von Johannes Filous* und Tobias Wolf

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Wer offiziell als rechtsextremistisch gilt, hat es mitunter schwer, Räume für Veranstaltungen zu buchen. Parteien wie NPD oder AfD haben zuweilen Probleme, Parteitage abzuhalten. Manche Organisatoren lässt das kreativ werden. So wie am ersten Oktoberwochenende in Dresden.

Da trafen sich eine ganze Reihe von Protagonisten der rechtsextremistischen Szene zum Stelldichein im Dresdner Südosten - in der "Villa Sachs", dem ehemaligen Betriebskulturhaus des Sachsenwerks an der Stephensonstraße. Der Vermieter, die Dresdner Agentur Sonntagskind zeigte sich hinterher überrascht vom Hintergrund der Veranstaltung. “Wir distanzieren uns von solchen Veranstaltungen”, so Geschäftsführer Michael Jähne.

Hydra Comics, Oikos, Jungeuropa - drei Dresdner Verlage, die der breiten Öffentlichkeit bisher kaum bekannt und der neuen Rechten zuzuordnen sind, hatten geladen. Es sollte um die Veröffentlichung neuer Comics gehen, einen "Leser-Treff". Den Veranstaltungsort hielten die Ausrichter zunächst geheim - mutmaßlich, um Proteste gegen das rechte Stelldichein zu vermeiden.

Konspirative Anmeldemodalitäten

Wer dabei sein wollte, musste neben einer Teilnahmegebühr von 30 bis 50 Euro für "das Redner- und Vortragsprogramm sowie ein reichhaltiges Buffet kleinerer Speisen" auch seine Telefonnummer hinterlassen. Nur so konnte man einige Stunden vor Beginn den Ort der Veranstaltung erfahren. Derlei Anmeldemodalitäten sind typisch für eher konspirativ durchgeführte Veranstaltungen der rechten Szene.

Beworben wurde der "Leser-Treff" unter anderem auf der Seite des vom Antaios Verlag herausgegebenen Magazins Sezession - beide gehören dem Umfeld des sogenannten Instituts für Staatspolitik (IfS) aus Sachsen-Anhalt an. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz gilt die Denkfabrik von Götz Kubitschek als rechtsextremistischer Verdachtsfall. Kubitschek gilt als Vertrauter des AfD-Rechtsextremisten Björn Höcke. Sachsen-Anhalts Verfassungsschutz hat das IfS vor wenigen Tagen erstmals als "erwiesene extremistische Bestrebung" ausgewiesen.

Auf Nachfrage bestätigt Sachsens Landesamt für Verfassungsschutz, dass sich bei der Veranstaltung in der Dresdner "Villa Sachs" Rechtsextremisten beteiligt hätten. Darunter Vertreter der rechtsextremistischen Identitären Bewegung, des Instituts für Staatspolitik und Akteure aus dem Umfeld der AfD. Der Verein "Ein Prozent", der vom Bundesamt ebenfalls als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird, war mit Vorstand Philip Stein vertreten. Stein ist der Inhaber des Jungeuropa Verlags.

Die "Villa Sachs" war zu DDR-Zeiten das Betriebskulturhaus des Sachsenwerks an der Dresdner Stephensonstraße. Nach der Wende wurde sie zunächst als Disco und China-Restaurant genutzt.
Die "Villa Sachs" war zu DDR-Zeiten das Betriebskulturhaus des Sachsenwerks an der Dresdner Stephensonstraße. Nach der Wende wurde sie zunächst als Disco und China-Restaurant genutzt. © Straßengezwitscher

Michael Schäfer, ehemals Bundesvorsitzender der NPD-Jugendorganisation mit engen Verbindungen zur Identitären Bewegung und "Ein Prozent", vertritt den Hydra Verlag. Hinter dem Oikos Verlag steht Jonas Schick, früher bei der Jungen Alternative Bremen, der ebenfalls enge Verbindungen zu den Identitären hat und für Kubitscheks Sezession schreibt.

Weder Steins Verlag, noch die beiden anderen werden in Sachsen derzeit als "erwiesene rechtsextremistische Bestrebungen" geführt. Während das Bundesamt für Verfassungsschutz auch transparent über Verdachtsfälle berichten darf, ist es dem sächsischen Landesamt per Gesetz verboten.

"Derartige Veranstaltungen kategorisch ausschließen"

Die Vermietung der "Villa Sachs" an Rechte sorgte für Kritik an der Agentur Sonntagskind. Geschäftsführer Jähne sagt: "Wir hatten eine Anfrage für eine Lesung von einer Person, die uns nicht bekannt war. Es sollte um die Vorstellung eines Comicheftes handeln. Es war mir völlig unbekannt, dass sich dahinter so etwas verbirgt."

Im Gespräch wird er noch deutlicher: „Es war mir nicht bekannt, dass es sich bei dieser Veranstaltung um politische Inhalte von Gruppierungen handelt, von denen ich mich klar distanziere.“ Der Verfassungsschutz habe ihn oder seine Agentur im Vorfeld der Veranstaltung nicht kontaktiert. „Zukünftig werden wir noch genauer recherchieren, um derartige Veranstaltungen kategorisch auszuschließen.“

*Johannes Filous ist Chefreporter des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Projekts "Straßengezwitscher" aus Dresden. Im April 2021 sprachen wir mit Filous im CoronaCast unter anderem über Corona-Demos. Hier können Sie die Episode noch einmal nachhören:

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