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Warum Sachsens Wirtschaft stabil durch die Krise kommt

Die Dresdner Ifo-Forscher erwarten 3,4 Prozent Wachstum für nächstes Jahr in Sachsen. Sie setzen aber viel voraus.

Von Georg Moeritz
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Unterschiede: Corona hat die Wirtschaft in industriestarken Gebieten im Westen stärker getroffen als im Osten - auch der Erholungseffekt ist im Westen stärker.
Unterschiede: Corona hat die Wirtschaft in industriestarken Gebieten im Westen stärker getroffen als im Osten - auch der Erholungseffekt ist im Westen stärker. ©  Symbolfoto: dpa

Dresden. Verschobene Vorfreude: Im Juni hatte Joachim Ragnitz eine schnelle und kräftige Erholung der sächsischen Wirtschaft vorhergesagt. Die neue Prognose des Dresdner Wirtschaftsforschers verschiebt nun diesen Aufschwung auf das kommende Jahr. Die vierte Corona-Welle und die Liefer-Engpässe bremsen die Erholung aus, sagte Ragnitz am Dienstag in Dresden.

Der stellvertretende Leiter der sächsischen Niederlassung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung rechnet damit, dass Sachsens Wirtschaft nächstes Jahr um 3,4 Prozent wächst. Dieses Jahr hat sie um etwa 2,7 Prozent zugelegt.

Damit ist der Einbruch vom vorigen Jahr aber nicht ausgeglichen: Die Krise ließ Sachsens Wirtschaft im Jahr 2020 um 4,4 Prozent schrumpfen. Doch viele Branchen zeigen sich recht stabil.

Aussichten: Bei wenig Corona rascher Aufschwung

Im kommenden Frühjahr dürften Sachsens Unternehmen wieder Umsätze wie vor der Krise erreichen. Ragnitz sagte, die Wirtschaft erhole sich erfahrungsgemäß schnell, sobald die Einschränkungen wegfielen. Dieses Jahr lief der Sommer gut, auch die „kontaktintensiven Wirtschaftsbereiche“ holten auf.

Die Industrieumsätze in Sachsen und Ostdeutschland stiegen sogar etwas stärker als in Deutschland insgesamt. Doch die strengen Kontaktbeschränkungen im Herbst bremsten viele Branchen jäh aus.

Ragnitz geht allerdings davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Situation „ohne jegliche Einschränkungen deutlich schlechter wäre“. Seine neue Prognose beruht nun auf der Hoffnung, dass es keine starke fünfte Welle durch die Virusvariante Omikron gibt und dass Liefer-Engpässe zügig abgebaut werden können.

Stabilität im Osten: Viele öffentliche Dienstleister

Im nächsten Jahr dürften alle Wirtschaftsbereiche wieder „deutlich expandieren“, sagt Ragnitz. Gerade in den neuen Ländern wirken zudem die öffentlichen Dienstleister und das Gesundheitswesen stark stabilisierend. Wenig unter den Einschränkungen zu leiden hatten laut Ifo-Institut auch das Wohnungswesen, Finanz- und Versicherungsbranche und viele Dienstleister für Unternehmen.

Stark zurückgeworfen wurden aber zum Beispiel Tourismus und Messeveranstalter, Autovermietungen und Kulturbetriebe. Von den Einschränkungen im Einzelhandel dürfte der „Logistikstandort Sachsen“ sogar profitiert haben, heißt es in der Ifo-Konjunkturprognose.

Baubranche: Material fehlt, der Staat plant auf lange Sicht

Die Liefer-Engpässe bremsten in diesem Jahr nicht nur die Industrie, sondern auch die Bauwirtschaft. Den Auto- und Maschinenbauern fehlen Mikrochips, viele Rohstoffe und Energie wurden teurer, auch Arbeitskräfte fielen aus. Aufgeschobene Bauinvestitionen werden im nächsten Jahr nachgeholt, erwartet Ragnitz.

Der Staat als Bauherr dürfte allerdings etwas sparsamer werden, weil er viel Geld für die Pandemiebekämpfung ausgab. Die neue Bundesregierung will viel investieren, doch die aufwendigen Planungen dafür werden sich wohl einige Jahre hinziehen.

Ost-West-Unterschiede: Viel Industrie, viel Auf und Ab

Der Wirtschaftseinbruch hat die Industriegebiete in den alten Ländern stärker getroffen, nun wird nach Ifo-Prognose dort auch die Erholung stärker ausfallen. Zum Vergleich: Die deutsche Wirtschaft wächst voraussichtlich nächstes Jahr um 3,7 Prozent, die ostdeutsche um 3,2 Prozent, weil sie weniger in den internationalen Warenhandel eingebunden ist.

Sachsen liegt wie meistens dazwischen, wegen seiner Auto-, Maschinen und Chipfabriken: 3,4 Prozent lautet jetzt die Ifo-Prognose für Sachsen im Jahr 2022, vor einem halben Jahr stand dort noch 3,9 Prozent.

Mehrwertsteuersenkung jetzt nicht empfohlen

Auch wenn nächstes Jahr wieder das Niveau von vor der Krise erreicht wird, sind die Verluste nicht ausgeglichen. Der Arbeitsmarkt wird sich laut Ragnitz nur langsam von der Krise erholen, erst nächstes Jahr kommen voraussichtlich wieder 12.000 Sachsen zusätzlich in Arbeit. Die Hilfen des Staates haben aber nach Ansicht des Forschers gewirkt: Kurzarbeitergeld erhielt Stellen, Überbrückungshilfen verhinderten Pleiten.

Nicht für nötig hält Ragnitz jetzt zusätzliche Konjunkturhilfen wie eine neue Mehrwertsteuersenkung: Es gebe ja keinen Mangel an Nachfrage. Die Auftragsbestände in der Industrie seien „riesig groß“ und müssten erst mal abgearbeitet werden. Auch Sachsens Finanzminister Hartmut Vorjohann (CDU) hat sich gegen ein Konjunkturprogramm ausgesprochen. Verstehen kann Ragnitz aber die Forderung mancher Unternehmer, ihnen für die Zeit vorgeschriebenen Stillstands einen Unternehmerlohn zu zahlen.

Andere Prognosen sehen auch Wachstum im Osten

Die Landesbank Baden-Württemberg sagt für Sachsen 4,2 Prozent Wirtschaftswachstum für nächstes Jahr voraus, also mehr als Ifo. Diese Prognose ist allerdings vom November und geht noch von insgesamt stärkerem Wachstum in Deutschland aus. Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle nennt keine Zahlen für Sachsen, aber für Ostdeutschland: dieses Jahr 2,1 Prozent Wachstum, nächstes Jahr 2,7 Prozent.

Die Forscher aus Halle schrieben in ihrer Prognose vom 14. Dezember: "Wenn ab dem Frühjahr das Infektionsgeschehen abflaut, wird der private Konsum deutlich zulegen." Die Konjunktur werde wieder kräftig in Schwung kommen. Die kräftige Verbraucherpreisinflation ebbe nach dem Jahreswechsel etwas ab. Sie werde aber deutlich höher als vor der Pandemie bleiben.