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Was Sachsens Firmen von Europa haben

Geld-Umverteilung über Brüssel: Ohne EU-Zuschüsse gäbe es seinen Betrieb so nicht, sagt ein Chemnitzer Experte für 3D-Druck. Seine Kollegen planen schon für den Mars.

Sächsische Idee für den Mars: In der Hartmannsdorfer Werkhalle der Firma Metron zeigt Vertriebsexperte Hugo Albero Rojas (links) dem Wirtschaftsminister Martin Dulig einen 3D-Drucker, der an jedem Ort Ersatzteile aus Kunststoff herstellen könnte.
Sächsische Idee für den Mars: In der Hartmannsdorfer Werkhalle der Firma Metron zeigt Vertriebsexperte Hugo Albero Rojas (links) dem Wirtschaftsminister Martin Dulig einen 3D-Drucker, der an jedem Ort Ersatzteile aus Kunststoff herstellen könnte. © SMWA/Ronald Bonß

Dresden. Bis Australien sind ihre Maschinen schon gekommen, vielleicht arbeiten sie demnächst auf dem Mars: Susanne Witt und ihre 14 Mitarbeiter im Unternehmen Metrom in Hartmannsdorf stellen einzigartige Geräte her. Die beherrschen zum Beispiel dreidimensionalen Kunststoffdruck und Fräsen an derselben Stelle. Achtmal schneller als herkömmliche 3D-Drucker spritzen Metrom-Maschinen einen schwarzen Kunststoff auf eine schwenkbare Arbeitsplatte, sodass fix Bauteile für Möbel oder Autos entstehen. Auf dem Mars könnte ein solches mobiles Gerät mit Druckköpfen und Wechselwerkzeugen zum Beispiel Ersatzteile formen.

Geschäftsführerin Witt enthüllte den Prototypen für eine mögliche Mars-Maschine, als Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) in dieser Woche die Firma besuchte. Dulig wollte sich vom Nutzen europäischer Subventionen überzeugen. Witt sagte, ihr Unternehmen Metrom Mechatronische Maschinen GmbH müsse mit immer neuen Entwicklungen am Markt bestehen und lebe daher "vom Netzwerken".

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Geförderte Forschung gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik brachte den 3D-Druck voran, der vor zehn Jahren noch kein Thema gewesen sei. Inzwischen sei die Technik billig geworden, mit Polypropylen für sechs Euro pro Kilo. Die Maschine kann pro Stunde zehn Kilo Kunststoff durch eine Millimeterdüse drücken, stabile Strukturen formen und nachbearbeiten.

Schnell gedrucktes Bauteil: Geschäftsführerin Susanne Witt und Wirtschaftsminister Martin Dulig halten ein Produkt aus dem 3D-Kunststoffdrucker. Metrom in Hartmannsdorf hat mit Fraunhofer-Hilfe verschiedene Werkzeuge für die Herstellung kombiniert.
Schnell gedrucktes Bauteil: Geschäftsführerin Susanne Witt und Wirtschaftsminister Martin Dulig halten ein Produkt aus dem 3D-Kunststoffdrucker. Metrom in Hartmannsdorf hat mit Fraunhofer-Hilfe verschiedene Werkzeuge für die Herstellung kombiniert. © SMWA/Ronald Bonß

Dulig: Die Weltmärkte werden gerade neu verteilt

Gut 600.000 Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre) und vom Land Sachsen hat Metrom bekommen. Damit wurde die Produktionstechnik zur Marktreife gebracht, nun plant Witt einen Anbau an ihre Hartmannsdorfer Werkhalle. In Australien hilft eine mobile Bearbeitungsmaschine von Metrom bei einer Reparatur in einem Kraftwerk. Wo früher schwere Kraftwerksteile ausgebaut und zurück in die Fabrik gefahren wurden, kann nun ein mobiles mehrachsiges Gerät aus Sachsen direkt zum Ort des Schadens gefahren werden und zum Beispiel Metall bearbeiten.

Minister Dulig freute sich, dass viele der typischen Kleinunternehmer in Sachsen "verstanden haben, dass man nur innovativ am Markt bestehen kann". Fördergeld fließe gezielt in kluge Köpfe und Innovationen, denn das seien die wichtigsten Triebkräfte für Beschäftigung und sozialen Fortschritt. "Europa muss stark sein, die Weltmärkte werden gerade neu verteilt", sagte Dulig. Wer mit Asien und USA mithalten wolle, dürfe nicht nur als Nation denken - sondern europäisch.

Von der Unternehmerin Witt wollte Dulig wissen, wie schwer oder leicht das Fördergeld zu bekommen war. Witt berichtete, dass viele Hundert Seiten Papier ausgedruckt werden mussten - das lasse sich sicherlich noch vereinfachen. "Zwei bis drei Wochen Arbeit" stecken nach ihren Angaben in einem Antrag, bis er druckreif und mit allen Partnern abgesprochen ist. Dulig sagte, bei Besuchen in Finnland und Estland vor einigen Jahren habe ihn der Fortschritt in der Digitalisierung beeindruckt. Inzwischen habe aber auch die sächsische Förderbank SAB "alle Prozesse digitalisiert" und sei schnell geworden.

Sachsen hat laut Dulig seit 1991 mehr als 14 Milliarden Euro Hilfsgeld von der EU bekommen, aus den Strukturfonds Efre und ESF. Allein in der jüngsten siebenjährigen Förderperiode bis 2020 flossen 2,8 Milliarden Euro nach Sachsen. Für die neue Siebenjahresperiode hatte Dulig deutlich weniger erwartet, aber nun sind doch noch einmal 2,54 Milliarden Euro in Aussicht.

Geld für Messen, Verbundausbildung und Innovation

Das Geld aus Brüssel hilft auch Ronny Bernstein in Chemnitz-Grüna. Mit 26 Jahren hat er eine Dreiviertelmillion Euro Schulden gemacht und seine Firma BMF Bernstein Mechanische Fertigung gegründet. Heute ist Bernstein Chef von fast 20 Mitarbeitern, bildet aus und hat gerade ein Nachbargrundstück von der Stadt gekauft, um anzubauen.

Ronny Bernstein hat nach eigenen Angaben "die ganze Palette an Förderung" in Anspruch genommen. Auch Messeförderung, Verbundausbildung und Innovationsprämie gehörten dazu. Ohne SAB-Fördermittel würde es seine Firma so nicht geben, sagte Bernstein beim Ministerbesuch. Allerdings glaube mancher, die Subventionen kämen einfach wie mit der Schubkarre ins Haus. In Wirklichkeit musste er einiges dafür tun, "und Risiken nimmt dir keiner ab". Zuschüsse gebe es nur, wenn jemand auch eigenes Geld ausgebe.

Bernstein und seine Mitarbeiter stellen mit ihren Metallbearbeitungsmaschinen vor allem Kleinserien und Prototypen her. Ständer für Mühle-Rasierpinsel gehören dazu, und in der Glashütter Uhrenindustrie stehen Maschinen von Bernstein. Dass an seiner historischen Ziegelwand sieben metallicblaue Kinderdreiräder hängen, deutet zunächst nicht auf Zukunftsprojekte hin. Doch Bernstein berichtet, dass bei der Herstellung die Auszubildenden viel Freude hatten: Fräsen, Feilen, "da ist alles dran zum Lernen".

Das ist nichts für den Mars: Die Dreiräder an der Wand im Unternehmen BMF Bernstein Mechanische Fertigung in Chemnitz-Grüna sind ein Produkt der Ausbildung - mit viel Feilen und Fräsen.
Das ist nichts für den Mars: Die Dreiräder an der Wand im Unternehmen BMF Bernstein Mechanische Fertigung in Chemnitz-Grüna sind ein Produkt der Ausbildung - mit viel Feilen und Fräsen. © Georg Moeritz

Produktion in Sachsen nicht teurer als in Asien?

Der Alltag in Bernsteins Mechanischer Fertigung dagegen ist längst digital. EU-Fördergeld floss auch in die Digitalisierung. Der Firmenchef berichtet, dass "fast alles papierlos" von der Materialbestellung bis zur Qualitätskontrolle ablaufe. In den Regalen kleben Streifencodes auf jedem Teil, auch auf der kleinen "Hülse T018 aus Lager". Bernstein nutzt wie Metrom den 3D-Druck und rechnet damit, dass diese Technologie sich rasch weiter ausbreiten wird.

In den nächsten Jahren werde es mehr "additive Fertigung" geben, zum Teil direkt beim Kunden. Ferngewartete Materialdrucker stehen dann in den Fabriken. Bernstein rechnet mit mehr Just-in-time-Lieferung - also Produktion exakt zum gewünschten Zeitpunkt, kaum Lagerhaltung. Allerdings sagte vor wenigen Tagen der Infineon-Konzernchef Reinhard Ploss, der Nachschubmangel bei Mikrochips könne eine Gegenbewegung zu mehr Lagerhaltung auslösen.

Die hohe Automatisierung erlaubt Bernstein nach eigenen Angaben wettbewerbsfähige Preise. Ein Kunde aus Magdeburg habe jüngst gestaunt, dass er in Sachsen zu einem ähnlichen Preis bestellen könne wie in Asien. Zum technischen Fortschritt in Chemnitz-Grüna hat ein EU-geförderter Innovationsassistent beigetragen, den Bernstein nach der Förderzeit dauerhaft eingestellt hat. Mehr als 500 Innovationsassistenten hat die EU seit 2007 in Sachsen teilweise bezahlt.

Paul Hartmann (links) zeigt Minister Dulig seine Wasseraufbereitungsanlagen für das Gesundheitswesen. Das Unternehmen in Hainichen hat Fördergeld für Software und Schulungen bekommen.
Paul Hartmann (links) zeigt Minister Dulig seine Wasseraufbereitungsanlagen für das Gesundheitswesen. Das Unternehmen in Hainichen hat Fördergeld für Software und Schulungen bekommen. © SMWA/Ronald Bonß

Sachse mit Niederlassung in Bayern

Schneller geworden dank Fördergeld ist auch das Unternehmen Hartmann GmbH in Hainichen. Juniorchef Paul Hartmann hat EU-Geld für Firmensoftware und die Schulung der Angestellten beantragt, mit Hilfe von Beratern. Sein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern, davon 30 in Hainichen, liefert vor allem Anlagen zur Wasseraufbereitung an Krankenhäuser. "Ohne Digitalisierung sind wir irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig", sagte Hartmann. Bald werde vorausschauende Wartung verlangt, Maschinenteile müssten elektronisch ihren Verschleißgrad melden. In Hainichen fehle aber noch der Glasfaseranschluss, um viele Daten zu empfangen.

Hartmanns "Nischenprodukte im Keller" von Krankenhäusern sorgen dafür, dass entsalztes Wasser bereitsteht. Das Unternehmen liefert auf Wunsch auch Bestrahler, die Oberflächen keimfrei machen - die ersten 20 wurden an Reha-Einrichtungen verkauft. In der Corona-Krise hatte sich Hartmann auch darauf eingestellt, FFP2-Masken zu sterilisieren und mehrfach nutzbar zu machen. Doch dieses Geschäft kam nicht zustande, weil rasch genügend Wegwerfprodukte ins Land kamen. Seine Hauptaufgabe sieht Hartmann aber ohnehin im Vertrieb und Service: Er war einer der ersten Sachsen, die eine Niederlassung in Bayern öffneten. Inzwischen beschäftigt Hartmann Servicetechniker deutschlandweit und beginnt jetzt vorsichtig mit dem Export.

EU fördert nicht alles: Keinen Breitband-Ausbau

Für Minister Dulig zeigen die Firmenbeispiele, wie das Zusammenwachsen der EU sichere Arbeitsplätze und gute Ideen befördert. Bei einer Diskussionsrunde zur Europawoche ergänzte die SAB-Vorstandsvorsitzende Katrin Leonhardt in Dresden, dass der Europäische Sozialfonds auch Weiterbildung unterstützt. Die SAB habe dabei fast 26.000 Vorhaben für Privatpersonen und Unternehmen bewilligt.

Laut Leonhardt gibt es "wahnsinnig viele Instrumente", Geld für zukunftsweisende Projekte sei da. Auch die Europaabgeordnete Constanze Krehl (SPD) hat den Eindruck: "Geld scheint nicht das Problem zu sein." Doch die EU fördert nicht alles. Auf Nachfrage sagte Dulig, für den Breitbandausbau dürfe Sachsen keine europäischen Fördergelder einsetzen.

Auch der Chef des Solartechnik-Unternehmens Meyer-Burger GmbH in Hohenstein-Ernstthal, Gunter Erfurt, sieht noch Bedarf: Die Forschungsförderung funktioniere zwar "brillant". Doch aus der Forschung müsse mehr Wertschöpfung werden. Der Europäische Green Deal sei bisher nur eine Ankündigung. Für die Solarmodulproduktion von Meyer-Burger gebe es darin "nichts, wo wir uns Geld borgen könnten". Hans-Ulrich Werner, Geschäftsführer der Maveg Maschinen-Vertriebs-Gesellschaft mbH in Chemnitz, fand für sein Projekt zur Wasserstoffproduktion auch kein passendes EU-Förderprogramm, weil die Technologie "fertig entwickelt" sei und es nichts mehr zu forschen gebe.

Technologie-Förderung unterbrochen

Die Technologie-Förderung ist derzeit ohnehin unterbrochen, weil die neue Förderperiode der EU noch nicht begonnen hat. Sachsen hatte seit Beginn der Förderperiode 2014 für mehr als 1.100 Forschungs- und Entwicklungsprojekte Zuschüsse von rund 486 Millionen Euro bewilligt. Im Dezember 2019 gab es einen Antragsstopp aufgrund hoher Nachfrage, ein Jahr später wurden noch einmal Förderanträge für acht Millionen Euro zugelassen. Zugleich wurde aber das SAB-Förderportal für Anträge zum Programm Regionales Wachstum gestoppt, weil noch fast 400 Anträge vorlagen.

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Dulig sagte dazu auf Nachfrage, es gebe gerade "eine Förderlücke am Ende der Förderperiode". Doch er rechne damit, dass der sächsische Landeshaushalt Ende Mai beschlossen werde. Die Koalition habe vereinbart, dann "im Vorgriff auf die neue Förderperiode" wieder Anträge bearbeiten zu lassen.

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