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Ken Jebsen, der "nützliche Idiot" des Kreml

Vom Kultmoderator zum Verschwörungsideologen: Die Audio-Doku „Cui Bono?“ schildert die bemerkenswerte Karriere eines "Querdenker"-Helden.

Hoch gestiegen, tief gefallen – vorerst: Der Verschwörungsideologe und „Querdenker“-Held Ken Jebsen.
Hoch gestiegen, tief gefallen – vorerst: Der Verschwörungsideologe und „Querdenker“-Held Ken Jebsen. © Foto: Süddeutsche Zeitung

Sein Aufstieg schien unaufhaltsam. Über 500.000 Abonnenten hatte Ken Jebsens Videokanal auf Youtube, Millionen Menschen klickten seine Clips und sahen und hörten, wie die „Querdenker“-Ikone die Corona-Politik der Bundesregierung nicht nur kritisierte. Vielmehr verbreitete er Lügen und Weltverschwörungstheorien, bezeichnete Deutschland als Diktatur, rief zum Aufstand auf und behauptete zuletzt, die Bevölkerung werde geknechtet, versklavt und – wörtlich – zu „Niggern“ gemacht.

Das war zu viel. Im Januar sperrte Youtube den Jebsen-Kanal mit der Begründung, Videos von ihm hätten mehrfach „gegen unsere Covid-19-Richtlinien verstoßen“. Die untersagen unter anderem das Verbreiten von nachweislichen Fake News wie jener Behauptung Jebsens, ein Gesetz, das Deutsche zur Corona-Impfung zwinge, werde im Stillen verabschiedet, getrieben vom amerikanischen Milliardär Bill Gates.

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Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Das Aus seiner wichtigsten Plattform war ein harter Schlag gegen den mächtigsten Verbreiter von Verschwörungserzählungen in Deutschland und dem populärsten „Querdenker“-Propheten neben Boris Reitschuster. Wie konnte es mit Ken Jebsen soweit kommen? Was hat geschehen müssen, dass sich der Ex-Kultmoderator, Radio-Erneuerer des RBB und laut Selbstauskunft „Linker“ zum hemmungslosen Agitator entwickelte, der vor Hass und Hetze nicht zurückschreckt und sogar ein Fall für den Verfassungsschutz wurde?

Dreist, witzig, innovativ, radikal: Ab 2001 hatte Ken Jebsen die Show KenFM beim Radiosender Fritz des RBB und wurde schnell zur Kultfigur.
Dreist, witzig, innovativ, radikal: Ab 2001 hatte Ken Jebsen die Show KenFM beim Radiosender Fritz des RBB und wurde schnell zur Kultfigur. © Foto: RBB

Aufstieg einer öffentlich-rechtlichen Radio-Kultfigur

„What the fuck happened to Ken Jebsen“ – was zum Teufel ist mit Ken Jebsen geschehen – fragt sich auch eine Audio-Dokumentation, die in sechs Episoden die bemerkenswerte Karriere des 1966 in Krefeld als Kayvan Soufi-Siavash Geborenen nachzeichnet. Der aufwendig produzierte und enorm sorgfältig recherchierte Podcast mit dem programmatischen Titel „Cui Bono?“ (Wem nützt es?) ist ein Gemeinschaftswerk von Studio Bummens, NDR, RBB und K2H, der Firma des jungen Polit-Talkers Louis Klamroth. Hauptverantwortlicher Autor ist der Journalist Khesrau Behroz. Sein Format dürfte ein sicherer Abräumer diverse Medienpreise werden.

Der Reiz des Projekts liegt in seiner inhaltlichen Brisanz, seiner großen Aktualität und vor allem in seinem populären Subjekt: Als Jebsen 2001 beim RBB-Radiosender Fritz das Format KenFM startet, wird er binnen Kurzem zur Kultfigur und in Personalunion eine Art Harald Schmidt und Stefan Raab des Hörfunks. Innovativ, frech bis zur Dreistigkeit, witzig, genialisch beim Interviewen, cool in der Musikauswahl; er und sein Team erfinden die Radio-Show neu. Diverse Ex-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter erinnern sich in „Cui Bono?“ mit immer noch leuchtenden Stimmen daran, wie magisch jene Zeit für die Beteiligten war.

Der Publizist Henryk M. Broder, inzwischen selbst zum Rechtspopulisten geworden, machte 2011 Zitate aus einer Mail von Ken Jebsen öffentlich, die er als antisemitisch bewertete. Kurz darauf wurde der Moderator vom RBB entlassen, wo er schon länger für Ärg
Der Publizist Henryk M. Broder, inzwischen selbst zum Rechtspopulisten geworden, machte 2011 Zitate aus einer Mail von Ken Jebsen öffentlich, die er als antisemitisch bewertete. Kurz darauf wurde der Moderator vom RBB entlassen, wo er schon länger für Ärg ©  Foto: dpa

Kündigung nach antisemitischen Äußerungen

Nach zehn Jahren kommt der Anstoß zum Absturz. Ende 2011 macht der Publizist Hendryk M. Broder eine Mail von Jebsen mit Aussagen öffentlich, die er als antisemitisch wertet. Kurz darauf setzt der RBB den Radiostar vor die Tür. Auch deshalb, weil er dem Sender zu anarchisch und unzuverlässig geworden sei und sich wiederholt nicht an Absprachen gehalten habe.

Was nun beginnt, lässt sich als ein langer, aber stringenter Prozesse der kontinuierlichen Verpuppung und Radikalisierung Ken Jebsens lesen. Khesrau Behroz und sein „Cui Bono?“-Team haben monatelang in den Tiefen des Internets und dessen ewigem Gedächtnis nachgeforscht und mehrere Expertinnen und Experten für Verschwörungstheorien befragt. Beim Hören kommen Erinnerungen hoch. Etwa daran, dass Jebsen früh behauptet hat, die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center seien eine Inszenierung der US-Regierung gewesen.

Auf KenFm interviewte Jebsen den Schweizer Historiker Daniele Ganser und übernahm dessen Verschwörungstheorie, laut der die US-Regierung die Anschläge vom 11. September 2001 selbst organisiert hat.
Auf KenFm interviewte Jebsen den Schweizer Historiker Daniele Ganser und übernahm dessen Verschwörungstheorie, laut der die US-Regierung die Anschläge vom 11. September 2001 selbst organisiert hat. ©  Screenshot: SZ

Wie man "Gegen-Wahrheiten" entwickelt

Kurz nach dem Rauswurf geht der enttäuschte und verletzte RBB-Mann Anfang 2012 mit dem spendenfinanzierten YouTube-Kanal „KenFM“ samt gleichnamiger Webseite online. Seine neuen Plattformen versteht er als Gegenforum zu den „Mainstream-Medien“ für „unbequeme Wahrheiten und alternative Sichtweisen auf politische Ereignisse“. Zum Interview bittet er nun immer mehr Verschwörungsideologen bis hin zu Rechtsextremisten. Jürgen Elsässer, Daniele Ganser, Udo Ulfkotte, Anselm Lenz, Bodo Schiffmann; diese Liste illustriert, dass Jebsen sich über die Jahre hinweg gezielt Gäste einlädt, die zu den jeweils aktuellen Streitfragen dem angeblichen „Mainstream“ diametral entgegengesetzte Meinungen vertreten. Egal, ob Krim-Krise, Zuwanderung, Trump oder Corona.

Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl von Jebsens Abonnenten und Fans. Sein Erfolgsrezept ist das übliche – Fragen stellen, Zweifel an „offiziellen“ Darstellungen säen, einzelne Fakten benutzen, sie mit etlichen Fake News vermischen, alles zur großen Erzählung einer „Gegenwahrheit“ fügen und die jeweils einfachste Erklärung für komplexe Probleme anbieten. Tenor: Hinter allem steckt eine (Regierungs-) Verschwörung mit dem Ziel, uns alle zu betrügen, zu belügen, zu unterdrücken, zu knechten.

Seit 2014 ist Jebsen immer wieder in Russland und knüpft dort Kontakte. 2018 traf er sich mit dem AfD-Politiker Eugen Schmidt (r.) und dem russischen Abgeordneten Juri Gempel auf der Krim. Dort wollte er auch ein KenFM-Büro eröffnen.
Seit 2014 ist Jebsen immer wieder in Russland und knüpft dort Kontakte. 2018 traf er sich mit dem AfD-Politiker Eugen Schmidt (r.) und dem russischen Abgeordneten Juri Gempel auf der Krim. Dort wollte er auch ein KenFM-Büro eröffnen. © Foto: Eugen Schmidt / Facebook

Das Wirken der russischen Info-Krieger

Khesrau Behroz kann nachvollziehen, warum so viele dem charismatischen Populisten vertrauen: „Alles, was Ken Jebsen sagt, sagt er mit einer absoluten Sicherheit. Da ist kein Zweifel in seiner Sprache und in seinen Worten zu hören.“ Das ist verlockend, gerade seit Beginn der Pandemie, die das Leben jedes Einzelnen potenziell gefährdet, es durch Gegenmaßnahmen spürbar einschränkt und die Gegenwart mit mehr Fragen als Antworten füllt. So ist es nur folgerichtig, dass Jebsen zum Idol der „Querdenken“-Bewegung wurde.

Doch der sechsteilige Podcast ist mehr als eine Audio-Biografie. Immer wieder verlässt „Cui Bono?“ die Person Jebsen und beleuchtet Hintergründe und Funktionsweisen jener Gegenwartsphänomene, die seinen Erfolg begünstigen respektive überhaupt ermöglichen: den steigenden Einfluss der Sozialen Medien, den Boom der Verschwörungstheorien, das Erstarken des Populismus und das Zusammenwirken all dieser Kräfte. Gelegentlich verirrt sich das Team ein wenig darin, verfällt dem Sog der Tiefe und lässt wichtige Nebenfiguren unterbelichtet. Wie den rechtsradikalen US-Hassprediger und Betreiber der „Info War“-Plattform Alex Jones, dessen legendäre Joker-Gesichtsbemalung Jebsen kopiert und in einem Video selber trägt. Oder den Unternehmer Erwin Thoma, mit dem er auf der Krim Geschäfte zu machen versuchte und ein KenFM-Büro eröffnen wollte.

Der rechtsextremistische US-Hetzer Alex Jones hat's vorgemacht, Ken Jebsen macht es nach: Video-Auftritt als durchgeknallter Batman-Joker.
Der rechtsextremistische US-Hetzer Alex Jones hat's vorgemacht, Ken Jebsen macht es nach: Video-Auftritt als durchgeknallter Batman-Joker. ©  Screenshot: SZ

Das Ziel: Destabilisierung von Ländern und Systemen

Überhaupt: Russland. „Cui Bono“ erklärt erneut, in welchem Umfang der Kreml mit Hunderten von Internet-Trollen im Informationskrieg aktiv ist und andere Staaten und Regierungen unterwandert, um sie mit Hilfe von Lügen und Verschwörungsbehauptungen zu destabilisieren. Nachweislich auch Deutschland. In einer erstaunlichen Rechercheleistung weisen Beroz & Co. nach, dass Ken Jebsen ein Teil dieses Netzwerkes ist. In ihren Worten: ein „nützlicher Idiot“ des Kreml. Bewusst oder unbewusst? „Das wissen wir nicht“, sagt Keshrau Beroz. „Aber das ist auch unerheblich. Ein nützlicher Idiot muss nicht wissen, dass er instrumentalisiert wird.“

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So bemerkenswert sich die fortschreitende Radikalisiserung des Ken Jebsen ausnimmt; sie ist kein Einzelfall, auch nicht unter Journalisten. Aber ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wozu Zweifel, Trotz, die Konstruktion einer „alternativen“ Realität sowie der Wille, es „denen da oben“ und dem „Mainstream“ mal so richtig zu zeigen, Menschen verleiten können. Wer sich am gelegentlich etwas hipstermäßigen Stil von „Cui Bono?“ nicht stört, erlebt mit dem Podcast einen Journalismus, wie man ihn besser kaum machen kann.

„Cui Bono?“ ist unter anderem in der ARD-Audiothek abrufbar. Die sechste und letzte Folge geht am Sonntag online.

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