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So normal ist Deutschland heute

Wer von einer "Spaltung" der Gesellschaft redet, sollte sich mal wieder an die Mauer erinnern, die vor 60 Jahren in Berlin gebaut wurde.

Für Nachgeborene ist der Mauer-Irrsinn schwer zu begreifen, meint Sächsische.de-Redakteur Marcus Thielking.
Für Nachgeborene ist der Mauer-Irrsinn schwer zu begreifen, meint Sächsische.de-Redakteur Marcus Thielking. © dpa

Vor 60 Jahren berichtete die Sächsische Zeitung auf der Titelseite über den Beginn des Mauerbaus in Berlin. Die Überschrift lautete: „DDR-Maßnahmen normal und logisch.“ Für Nachgeborene ist es schwer zu begreifen, wie solch ein Irrsinn überhaupt jemals Realität werden konnte: eine Mauer quer durch eine europäische Metropole, mitten durch Häuser, Gärten, U-Bahn-Schächte, Friedhöfe – ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die auf der Flucht an der Mauer erschossen wurden.

Normal? Logisch? Wer heute diese Bilder sieht, kann darüber nur den Kopf schütteln. Und doch ist nicht nur dieses Kapitel der deutschen Vergangenheit eine Mahnung: Das, was wir heute als Normalität erleben – Freiheit, Frieden, Wohlstand –, ist in der Geschichte eine Ausnahme. Über Jahrhunderte kannte unser Kontinent vor allem Kriege, Grenzen und Unterdrückung. Auch wenn wir es inzwischen nicht anders gewohnt sind, unser Leben hier und heute ist keine Selbstverständlichkeit.

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Das DDR-Regime hat seine Bevölkerung eingesperrt, damit nicht Tausende das Land verlassen. Heute wollen Hunderttausende aus aller Welt am liebsten nach Deutschland, und Europa schottet sich ab. Ist der Irrsinn, globalgeschichtlich betrachtet, womöglich doch die Normalität?

Ossis und Wessis, Schotten und Engländer

Umso skeptischer sollten wir sein, wenn heute wieder allzu oft von einer „Spaltung“ des Landes die Rede ist oder gar von der bis zum Gehtnichtmehr bemühten „Mauer in den Köpfen“. Der britische Historiker Frederick Taylor, der ein Buch über die Berliner Mauer geschrieben hat, gibt zu bedenken: „In Wirklichkeit unterscheidet sich das Verhältnis zwischen ,Ossis‘ und ,Wessis‘ nicht sonderlich von dem zwischen Schotten und Engländern.“

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Zudem gibt es – im Osten wie im Westen – Impfbefürworter und Impfgegner, Vegetarier und Currywurstliebhaber, Christen, Atheisten und Muslime, Linke und Rechte, Diesel- und Elektroautos. Für eine Diktatur wie die DDR wären so viele Unterschiede Zumutungen, die mit Gewalt gleichgeschaltet werden müssten. In einer freiheitlichen Demokratie ist all das nichts weiter als: Normal. Und logisch.

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