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Sophie Scholl war ein Mensch, kein Mythos

Die Widerstandskämpferin wurde vor 100 Jahren geboren. Ihr Vorbild fasziniert bis heute, sagt die Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung.

Sophie Scholl, geboren am 9. Mai 1921, war zusammen mit ihrem Bruder Hans Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Beide wurden 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet.
Sophie Scholl, geboren am 9. Mai 1921, war zusammen mit ihrem Bruder Hans Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Beide wurden 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet. © dpa

Sophie Scholl war 21 Jahre alt, als sie von den Nazis ermordet wurde. Eine kluge und mutige Studentin, die sich zusammen mit ihrem Bruder Hans in der Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen die NS-Verbrechen engagierte. Heute wird die gläubige Christin nicht nur von bürgerlichen Demokraten als Idol gefeiert. Die SED berief sich zunächst ebenso auf sie wie heute die AfD und Corona-Leugner. Die Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, Hildegard Kronawitter, spricht im Interview über politisches Engagement und Lehren aus der Geschichte.

Frau Kronawitter, Sie sind 1969 in die SPD eingetreten, waren damals 22 Jahre alt, etwa in dem Alter wie Sophie Scholl, als sie sich im Widerstand gegen die Nazis engagierte. War das ein Motiv für Sie, politisch aktiv zu werden?
Nein, ich kannte damals die Geschichte von Sophie Scholl kaum. Ich bin, wie man früher sagte, ein Mädchen vom Lande, geboren 1946 in Sumpering in Niederbayern, und kam zur Berufsausbildung und dann zum Studium in die Großstadt nach München. Zunehmend interessierte ich mich politisch und engagierte mich dann.

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Der Freundeskreis um die Geschwister Scholl forderte 1942 im ersten Flugblatt: „Leistet passiven Widerstand, wo immer Ihr auch seid!“ Spielte das bei den Studentenprotesten 1968 eine Rolle?
Das hat tatsächlich kaum eine Rolle gespielt. Zwar richteten die Studierenden ihren Protest gegen die in das Naziregime verstrickte Elterngeneration, aber ins öffentliche Bewussten der Bundesrepublik rückten die Aktionen der Widerstandsgruppe Weiße Rose erst ab den späten Siebzigern. Inge Aicher-Scholls Buch „Die Weiße Rose“ erschien aber bereits 1952, außerdem wurden auch schon in den Fünfzigern Straßen und Plätze nach Mitgliedern der Weißen Rose benannt und erste Denkmäler aufgestellt.

Wie kamen Sie auf Sophie Scholl?
Ich habe mich schon immer sehr für Geschichte interessiert. Da lag es nahe, mich auch mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Die Widerstandsgruppe Weiße Rose gewann meine Aufmerksamkeit. Aber wirklich beschäftigt hat mich deren Geschichte und speziell Sophie Scholl erst ab den Neunzigern.

Hildegard Kronawitter ist Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung.
Hildegard Kronawitter ist Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. © Catherina Hess

Was hat Sie daran interessiert?
Zunächst imponierte mir als Frau die Rolle dieser Frau, welche Kraft sie aufbrachte. Sie war klug, kritisch, mutig, hingebungsvoll, optimistisch und in vieler Hinsicht begabt. Ihr besonderes sprachliches Talent kennen wir aus ihren Briefen und den Tagebucheinträgen. Sie lebte vor, dass man nicht warten soll, bis andere aktiv werden, sondern selbst handeln muss.

In der DDR bezogen sich Bürgerrechtler auf die Tradition Scholls, obwohl deren antifaschistische Haltung ja eher zur SED-Historie passte. Woran lag das?
Interessanterweise hat es im Laufe der Zeit einen Wandel gegeben. Während in der DDR schon 1949 in Freiberg die Geschwister-Scholl-Straße benannt wurde, die erste in Deutschland, und die FDJ damals der Jugend empfahl, sich an den Werten der Widerstandsgruppe zu orientieren, wurde die offizielle Verehrung ab Anfang der Fünfziger aufgegeben. Da spielte dann die Rote Kapelle eher eine Rolle. Wir wissen, dass dieser Widerstand weitreichender war als der der Weißen Rose, aber er galt als kommunistischer Widerstand und wurde deshalb in diesen Kontext eingebunden.

Welche Haltung war für den Widerstand in der DDR wichtig?
Sophie Scholl lehnte den Totalitarismus ab. Sie stand für Menschenrechte, passte sich dem System nicht an, hielt nicht still, sondern handelte. Sie forderte Gewissens-, Denk- und Glaubensfreiheit, setzte sich ein für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Das alles waren auch Ziele der Bürgerbewegung in der DDR.

2017 zitierte ein AfD-Kreisverband aus einem Flugblatt der Weißen Rose. Darunter stand: „Sophie Scholl würde AfD wählen.“ Wie haben Sie reagiert?
Das habe ich persönlich und haben wir als Weiße-Rose-Stiftung entschieden missbilligt. Es gab damals ein ziemliches Aufbegehren, weil nicht nur wir das völlig unangemessen fanden, sondern weil wir auch viele empörte Zuschriften bekamen mit der Forderung, unverzüglich dagegen etwas zu tun.

Auch bei Pegida oder Protesten der Querdenker finden sich Bezüge zur Weißen Rose. Was denken Sie, reizt diese Bewegungen oder jemanden wie Jana in Kassel, sich mit Sophie Scholl zu vergleichen? Ist sie eine Konsensheilige?
Sophie Scholl ist ein Mensch, kein Mythos. Und was Jana aus Kassel da tat, war schockierend und beruht meines Erachtens auf Unkenntnis. Es war eine narzisstische Selbsterhöhung. Einen höheren Vergleichsmaßstab gibt es quasi nicht. Man will sich Autorität verschaffen, wenn man sagt, man habe jetzt zehn Tage damit verbracht, Demonstrationen anzumelden und fühle sich deshalb wie Sophie Scholl.

Kann es sein, dass national orientierte Bewegungen daran anknüpfen, dass drei der Geschwister von Sophie Scholl zunächst der Hitler-Jugend angehörten und sie selbst dem Bund Deutscher Mädchen?
Nein, daran wird nicht angeknüpft, das glaube ich nicht. Aber Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Die Scholls wurden als Kinder gewissermaßen verführt, sie fielen auf die Nazi-Propaganda herein. Sophie hat das mehr und mehr hinterfragt. Sie hat sich mit einem nationalsozialistischen System eingelassen, dann aber einen Punkt erreicht, an dem sie erkannte, wie menschenverachtend die NS-Diktatur ist und wie verbrecherisch der Krieg geführt wird. Ihr Vater kam wegen einer Aussage gegen Hitler ins Gefängnis, einer ihrer Freunde starb im Krieg, ihr Freund berichtete von schrecklichen Ereignissen an der Front. Diese Erfahrungen haben ihre Einsichten beschleunigt, und schließlich hat sie den Weg zum widerständigen Handeln eingeschlagen. Die Weiße Rose hat ab Sommer 1942 mit Flugblättern gegen die NS-Diktatur und zur Beendigung des Krieges aufgerufen.

Die Folge war, dass sie 1943 hingerichtet wurden. Die letzten 100 Tage von Sophie Scholl zeichnet jetzt der Instagram-Kanal „ichbinsophiescholl“ nach. Wie finden sie die Aktion?
Ich muss gestehen, dass ich zunächst skeptisch reagiert habe. Der Südwestrundfunk und der Bayerische Rundfunk haben uns als Stiftung vorab kontaktiert und das Vorhaben erklärt. Die Texte in den Filmen beruhen auf Tagebuchaufzeichnungen und Briefen Sophie Scholls, sie folgen der gängigen Geschichtsschreibung. Das Medium Instagram bringt uns die Ereignisse schon sehr nah. Ich selbst habe einen Lernprozess durchgemacht und finde nun, dass es gelingen wird, mit diesem Medium vor allem die jungen Leute dort abzuholen, wo sie sind. Zudem ist eine Personifizierung von Geschichte immer wirksamer als schlichte Beschreibung. Hier findet auf moderne Weise Aufklärung statt. Ich finde es sehr emotional, zu zeigen, wie aus der jungen Studentin der Philosophie und Biologie eine Widerständlerin wird.

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Es sind heute wieder junge Frauen wie Greta Thunberg oder Carla Reemtsma, die symbolhaft für den Wandel der Gesellschaft stehen. Stehen sie in der Tradition der Weißen Rose?
Es sind heute gänzlich andere Voraussetzungen als zu der Zeit, als Sophie Scholl sich engagierte. Wir leben in einem Rechtsstaat, führen einen offenen Diskurs über die Politik der Zukunft, Gerichte entscheiden unabhängig. Der Widerstand der Weißen Rose war ein Aufstand des Gewissens. Wenn also heute wieder junge Frauen sich gegen Gleichgültigkeit stellen, Veränderung und Handeln einfordern, dann macht mir das große Hoffnung für die Zukunft.

Das Gespräch führte Peter Ufer.

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