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Wie junge Wessis auf den Osten blicken

Auf einer Radtour durch Ostdeutschland machen Kölner Abiturienten überraschende Erfahrungen. Ihre Sicht ist anders als die der Älteren.

Erinnerungsfoto vor der Frauenkirche: die Kölner Abiturienten Anton, Lovis und Till (v.l.n.r.).
Erinnerungsfoto vor der Frauenkirche: die Kölner Abiturienten Anton, Lovis und Till (v.l.n.r.). © Privat/dpa

Von Christoph Driessen

Die Kölner Abiturienten Lovis, Till und Anton sind diesen Sommer mit dem Fahrrad in den Osten gefahren. Auf Instagram posten sie Bilder. Die 18-Jährigen liegen zwischen Bäumen in ihren Hängematten, essen im Freien und schwimmen im See. Mittlerweile sind sie in Polen unterwegs.

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Ihre Eindrücke von Ostdeutschland sind gemischt. Die Städte fanden sie schöner als im Westen, vor allem wegen des großen Altbaubestands. „Das war beeindruckend, das gibt’s nur an ganz wenigen Stellen in Köln“, sagt Anton. Auch finde man noch kleine altmodische Läden und Supermärkte, wie sie im Westen schon lange verschwunden seien. Dresden erschien ihnen sehr wohlhabend, „ein bisschen wie Düsseldorf“.

Aber sie nehmen auch andere Erfahrungen mit nach Haus. „Die Menschen sind distanzierter“, ist Lovis aufgefallen. „Im Westen hat uns jeder, der uns gesehen hat, ein Lächeln geschenkt oder zugewunken, während wir im Osten schon ziemlich kalte Blicke bekamen.“

Kein westdeutsches Pendant zu „Ostdeutscher“

In Grimma beteiligten sich die drei an einer Demonstration gegen einen Auftritt der Rechtsextremisten Björn Höcke und Andreas Kalbitz. „Da hat man schon gemerkt, dass der Widerstand da geringer ist“, sagt Anton. „Die Demonstranten waren alle ungefähr so alt wie wir, praktisch keine Älteren, das fand ich schon heftig. Da waren mehr Leute für als gegen die AfD.“

Die Sichtweise der drei jungen Kölner ist vielleicht nicht untypisch. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung klingen Begriffe wie „Besser-Wessi“ und „Jammer-Ossi“ zwar genauso altmodisch wie „die neuen Länder“. Was aber nicht heißt, dass das Verhältnis ganz unkompliziert ist. Empirische Daten zur Einstellung junger Westdeutscher zum Osten seien rar, konstatiert das Deutsche Jugendinstitut. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung hat einen auffälligen Mentalitätsunterschied zwischen jüngeren West- und Ostdeutschen zutage gefördert: Demnach fühlt sich jeder fünfte Bürger der Nachwendegeneration im Osten eher als „Ostdeutscher“ denn als „Deutscher“. Ein westdeutsches Pendant zu dieser regionalen Identität gebe es nicht, schreiben die Autoren der Untersuchung.

Eine Bertelsmann-Studie ergab, dass die Menschen in Ost und West die Wiedervereinigung noch immer sehr unterschiedlich beurteilen – wobei das in wesentlich geringerem Maße für die Jüngeren gelte, erläutert Studienautor Kai Unzicker.

Wiedervereinigung weit weg

Die älteren Ostdeutschen zeigten deutlich die „Verletzungen und Vernarbungen der damaligen Zeit“, sagt er. „Bei den älteren Westdeutschen haben wir auch noch das Bewusstsein dafür, dass die Wende ein bedeutendes Ereignis gewesen ist, sie haben das aber im Wesentlichen in den Nachrichten verfolgt.“ Für die Jüngeren sei die Wiedervereinigung weit weg – egal, ob sie im Westen oder im Osten lebten.

Dazu passt eine Beobachtung von Christine Strotmann, die bei der Körber-Stiftung das Projekt „Nachwendekinder: 30 Jahre Deutsche Einheit“ leitet. An dem Projekt beteiligt sind rund 30 ehemalige Gewinner des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, die zwischen 1989 und 1994 geboren wurden. Selbst bei diesen Akademikern fiel auf: „Besonders wenn sie aus Westdeutschland kommen, wissen junge Menschen sehr wenig über die Wiedervereinigung und ihre Folgen vor Ort, den Einfluss auf das Leben der Menschen.“ Insgesamt würden Fremdheitsgefühle aber nachlassen, sagt Strotmann: „Bedenken, in den Osten zu ziehen, gibt es nicht.“

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Auch die drei Abiturienten aus Köln können sich vorstellen, demnächst in einer größeren ostdeutschen Stadt zu studieren. „Fürs Studium wär’s schön in einer Stadt wie Leipzig oder Dresden“, sagt Lovis. Aber dann macht er doch noch eine Einschränkung: „Ich glaube, danach würd’s mich schon wieder zurückziehen ins Rheinland.“ (dpa)

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