merken
PLUS Feuilleton

Es hat sich ausgemerkelt

Von Adenauer über Schmidt und Kohl bis Schröder: Das Ende deutscher Kanzlerschaften ist nie triumphal. Eher ein Abbruchunternehmen.

Angela Merkel hatte lange das Image einer Krisenmanagerin. Seit 2015 hat sich das geändert.
Angela Merkel hatte lange das Image einer Krisenmanagerin. Seit 2015 hat sich das geändert. © Symbolfoto: Rainer Jensen/dpa

Von Peter Zudeick

Die „politische Wissenschaft hat dem Problem des politischen Exitus deutscher Bundeskanzler bislang wenig systematische Aufmerksamkeit geschenkt“. Das notierte der Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz vor über zehn Jahren. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Was auch daran liegen mag, dass die Frage, wie gruselig und schmählich der Abgang eines Bundeskanzlers war, für die Nachwelt nicht unbedingt die spannendste ist. Sie könnte es aber sein.

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Das Bemerkenswerte am Ende deutscher Kanzlerschaften ist nämlich, dass es sich nie um triumphale oder zumindest doch zufriedenstellende Abschlüsse politischer Karrieren handelt, sondern fast immer um Abbruchunternehmen. Um Verfallsgeschichten. Die freilich gerne in Vergessenheit geraten, wenn Bilanzen gezogen werden oder die Amtszeit einmal lange genug vorbei ist.

Der Hartnäckige: Konrad Adenauer blieb so lange im Amt, bis ihn nicht mal die engsten Parteifreunde mehr haben wollten.
Der Hartnäckige: Konrad Adenauer blieb so lange im Amt, bis ihn nicht mal die engsten Parteifreunde mehr haben wollten. © Foto: DHM

Schmählicher kann eine Kanzlerschaft nicht enden

Konrad Adenauer, bis heute einer der beliebtesten deutschen Politiker, wurde am Ende – nach Jahren des unwürdigen Hauens und Stechens – ziemlich rüde von den eigenen Leuten aus dem Amt gedrängt. Vor allem auch, weil er partout nicht gehen wollte und alle möglichen Nachfolger für unfähig hielt. Vor allem Ludwig Erhard, den Adenauer bis zuletzt brutal zu verhindern suchte.

Was er damit erreichte: Erhard, als Wirtschaftsminister unbestrittener Publikumsliebling, galt von vornherein als Übergangslösung. Er scheiterte nach drei Jahren – an der eigenen Partei. Ludwig Erhard ist als Bundeskanzler so gut wie vergessen. Er ist sozusagen mit Ansage gescheitert. Er wurde ins Amt gehoben, war knapp zwei Jahre „eingesetzter“ Kanzler, und als er dann richtig gewählt worden war, wurde er nach gut einem Jahr wieder rausbugsiert. Schmählicher kann eine Kanzlerschaft nicht enden.

Die unglückliche Zwischenlösung: Kurt Georg Kiesinger gewann zwar die Wahl 1969, wurde aber durch die Zusammenarbeit von SPD und FDP aus dem Amt gekippt.
Die unglückliche Zwischenlösung: Kurt Georg Kiesinger gewann zwar die Wahl 1969, wurde aber durch die Zusammenarbeit von SPD und FDP aus dem Amt gekippt. © Screenshot. SZ

Wie Kiesinger um seine Wiederwahl betrogen wurde

Kurt Georg Kiesinger hat als Kanzler wenig Ruhm und noch weniger Nachruhm erworben. Er ist der Ex-Kanzler mit dem geringsten Bekanntheitsgrad. Kiesinger kommt wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten allenfalls als „König Silberzunge“ zu Ehren. „Kanzler zwischen den Zeiten“ ist der Untertitel einer Kiesinger-Biografie. Das trifft es ganz gut.

Vor allem aber: Kiesinger war der erste Bundeskanzler, der um seine Wiederwahl „betrogen“ wurde. Er holte 1969 mit der Union 46,1 Prozent, war also klarer Sieger über die SPD (42,7 Prozent). Aber die machte hinter dem Rücken des Wahlsiegers gemeinsame Sache mit der FDP (5,8 Prozent), und Kiesinger war der Dumme. Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass der Wahlsieger nicht immer die Regierung bildet, aber damals war das neu. Kiesinger hatte gewonnen und musste geschlagen nach Hause ziehen.

Misstrauensvotum, Spionage-Affäre, interne Intrigen - Willy Brandt ist vor allem an seiner eigenen Partei gescheitert.
Misstrauensvotum, Spionage-Affäre, interne Intrigen - Willy Brandt ist vor allem an seiner eigenen Partei gescheitert. © dpa

Als Schmidt von Genscher aus dem Amt geputscht wurde

Sein Nachfolger Willy Brandt wurde Opfer von Intrigen und Hinterhalten seiner eigenen Leute, denen die Guillaume-Affäre ganz gelegen kam, um Brandt zum Rücktritt zu drängen. Ein schmählicher Abgang. Was seinem Nachruhm kaum schadete. Als Brandt 1992 im Alter von 78 Jahren starb, war er für die meisten Zeitgenossen schon in eine Art überzeitlichen Olymp entrückt, in dem nur noch das milde Abendlicht der „Geschichte“ scheint, das Kritik und Differenz verwischt.

Helmut Schmidt ging es ein bisschen wie Erhard: Beliebt beim Publikum, mehr und mehr umstritten in der eigenen Partei und schließlich aus dem Amt geputscht – vom Koalitionspartner Genscher, Arm in Arm mit Helmut Kohl. Als Kanzler war er zwar berühmt für seine energische, zupackende, unsentimentale Art, Politik zu machen, und genoss international hohes Ansehen. Aber er hat durch seine Rüstungs- und Atompolitik auch die Entstehung der Grünen und damit eine Schwächung seiner eigenen Partei befördert. Und ist als Kanzler schließlich an der wortbrüchigen FDP einerseits, andererseits aber auch an seiner eigenen Partei gescheitert, die in wichtigen Fragen ihrem Kanzler nicht mehr folgen wollte.

Vor allem sein Festhalten am Nato-Doppelbeschluss und der Nachrüstung hat Helmut Schmidt in seinen reihen mehr und mehr isoliert, bis auch er von Gescher und Kohl zu Fall gebracht wurde.
Vor allem sein Festhalten am Nato-Doppelbeschluss und der Nachrüstung hat Helmut Schmidt in seinen reihen mehr und mehr isoliert, bis auch er von Gescher und Kohl zu Fall gebracht wurde. ©  AP/dpa

Kohl hat die Chance auf tadellosen Nachruhm vertan

Was seine großartige Karriere nach der Politik nicht behinderte: In seinen jungen Parlamentsjahren war er bekannt als „Schmidt Schnauze“, dann als der „Macher“, als „Weltökonom“, schließlich firmierte er als der „Weltweise“. An all diesen Bildern hat er sorgfältig gearbeitet. Helmut Kohl hätte es fast geschafft, einen sozusagen unbefleckten Eintrag ins Buch der Geschichte zu ergattern. Zwar hatte er in seiner langen Kanzlerschaft einiges verstolpert, war auch schon involviert in die Flick-Parteispendenaffäre.

Aber sein entschlossenes Agieren, als die deutsche Einheit möglich wurde, war eine politische Leistung, die für einen tadellosen Nachruhm hätte sorgen können. Aber Kohl wollte nicht loslassen. Auch er hatte sich – wie Adenauer – hartnäckig geweigert, einen Nachfolger „aufzubauen“, hatte Wolfgang Schäuble zwar versprochen, als Kanzlerkandidat in die 98er-Bundestagswahl zu ziehen, dieses Versprechen aber gebrochen.

Trotz zu vollmundiger Versprechen hätte Helmut Kohls Ruf als "Kanzler der Einheit" alles andere dauerhaft überstrahlen können. Doch wie sein Vorbild Adenauer konnte er nicht einsehen, dass auch seine (Amts-) Zeit irgendwann abgelaufen war.
Trotz zu vollmundiger Versprechen hätte Helmut Kohls Ruf als "Kanzler der Einheit" alles andere dauerhaft überstrahlen können. Doch wie sein Vorbild Adenauer konnte er nicht einsehen, dass auch seine (Amts-) Zeit irgendwann abgelaufen war. ©  AP/dpa

Rein in den einen Krieg, raus aus dem nächsten Krieg

Seit dem Frühjahr 1997 rumorte es heftig in der Führungsspitze und an der Basis der Unionsparteien, man überlegte, wie man den Widerspenstigen zu einem ordentlichen Abgang aus der Politik drängen könnte – ein unwürdiges Schauspiel, ganz nach dem Muster früherer Kanzler. Immerhin: Nach seiner Abwahl Ende 1998 hatte Kohl sich mit Anstand, ohne Peinlichkeiten und ohne Gepolter aus dem Amt verabschiedet. Er gab den Parteivorsitz ab, blieb zwar noch bis 2002 im Bundestag, war aber kaum noch parlamentarisch aktiv. Der politische Olymp schien ihm sicher, bis ihn die Parteispendenaffäre einholte, die gleichsam für ein doppeltes Ende der Karriere des Helmut Kohl sorgte.

Ähnlich zwiespältig ist das bei Gerhard Schröder: Er ist einerseits der Kanzler, der Deutschland zum ersten Mal nach 1945 in eine Kriegsbeteiligung führte, andererseits der Kanzler, der die Teilnahme am US-Krieg gegen den Irak verweigerte. Einerseits der Mann, der mit der Agenda 2010 Deutschland auf einen Kurs der wirtschaftlichen Gesundung führte, was vor allem von seinen ehemaligen politischen Gegnern so gesehen wird. Andererseits sorgte er für die Prekarisierung großer Teile der Bevölkerung. Und für den Abwärtstrend der SPD, der erst vor wenigen Tagen wieder umgekehrt werden konnte, kurz vor der kommenden Wahl.

Gerhard Schröder, hier mit einem engen Freund, hat die Republik in Richtung wirtschaftlicher Gesundung und Krisenfestigkeit geführt, aber auch zu einem Billiglohnland mit immer mehr prekär lebenden Menschen.
Gerhard Schröder, hier mit einem engen Freund, hat die Republik in Richtung wirtschaftlicher Gesundung und Krisenfestigkeit geführt, aber auch zu einem Billiglohnland mit immer mehr prekär lebenden Menschen. © Bernd Settnik/dpa (Archiv)

Das Bild der Krisenmanagerin Merkel hat Risse bekommen

Sein Kanzler-Ende hat das Zeug zu einer Farce: Weil er glaubte, nicht mehr genug Rückhalt in den eigenen Reihen zu haben, stellte er eine „unechte“ Vertrauensfrage, verlor sie verabredungsgemäß und verlor auch die daraufhin angesetzte Neuwahl. Ein Ergebnis seiner Kanzlerschaft: Die Entstehung der Linkspartei und damit eine weitere Schwächung seiner eigenen Partei. Und wenn erst einmal genug Zeit verstrichen sein wird, könnte der Nachruhm eines Kanzlers übrig bleiben, der mit der ersten rot-grünen Bundesregierung auch für einen gesellschaftlichen Umschwung gesorgt hat. Möglicherweise.

Wie bei Helmut Schmidt und Gerhard Schröder ist auch bei Angela Merkel die Entstehung einer neuen Partei (AfD) und die damit verbundene Schwächung der eigenen Partei ein Ergebnis ihrer Kanzlerschaft. Das widerspricht natürlich fundamental dem Bild, das Angela Merkel gerne von sich vermitteln lässt, dem der Krisenkanzlerin. Retterin aus der Finanzkrise, der Eurokrise, entscheidungsstark in der Atomkrise, der Flüchtlingskrise. Wir kommen aus der Krise stärker heraus, als wir hineingegangen sind, das ist das Image, das Angela Merkel stets bedient hat und hat bedienen lassen.

Die Flüchtlingskrise brachte den Umschwung: Seit 2015 ist Angela Merkel das Feindbild Nummer eins für viele Rechtsradikale wie diese Pegidisten - aber nicht nur für sie.
Die Flüchtlingskrise brachte den Umschwung: Seit 2015 ist Angela Merkel das Feindbild Nummer eins für viele Rechtsradikale wie diese Pegidisten - aber nicht nur für sie. © Archivbild: picture alliance / dpa

Die "Kanzlerin der ruhigen Hand" wird zum Feindbild

. Ob dieses Bild besonders viel mit der Wirklichkeit zu tun hat, spielt dabei eine weniger wichtige Rolle. Was sie von anderen Kanzlern vor allem unterscheidet, ist ihre Unaufgeregtheit, ihre Uneitelkeit, das Element der Ruhe. Gerhard Schröder hat mal eine „Politik der ruhigen Hand“ propagiert, darüber hat sie sich als Oppositionschefin lustig gemacht. Kaum im Amt, wurde sie zur Personifizierung der ruhigen Hand. Das wurde ihr Erfolgsmodell. Es ist menschlich, seine Ruhe haben zu wollen, und wenn man in Angela Merkel eine Garantin dieser Ruhe zu haben glaubt, dann wird das eben genau das Bild sein, mit dem sie in die Geschichtsbücher eingeht.

Freilich galt das nur bis 2015: Nach der Flüchtlingskrise wurde die Kritik an Merkel immer heftiger, immer grundsätzlicher, und das Ende ihrer Amtszeit drohte ein ebenso quälendes Siechtum zu werden wie bei einigen ihrer Vorgänger. Dem versuchte sie 2018 mit dem Verzicht auf Parteivorsitz und nochmalige Kanzlerkandidatur zu entgehen. Gleichwohl war das ein Signal des Scheiterns. Und in der Corona-Pandemie geriet ihr für die Geschichtsbücher gezeichnetes Bild endgültig ins Wanken: Sie konnte sich in entscheidenden Situationen nicht mehr durchsetzen. Aber vielleicht wird auch hier, wenn einmal genug Zeit vergangen ist, die milde Abendsonne der Geschichte ein freundlicheres Bild möglich machen.

Weiterführende Artikel

SPD-Kanzlerkandidat spricht Ampelkoalition an

SPD-Kanzlerkandidat spricht Ampelkoalition an

Scholz sieht genug Schnittmengen mit Grünen und FDP, Wanderwitz nicht mehr Sachsens CDU-Landesgruppenchef, Grüne finden Vizekanzler - der Newsblog.

Peter Zudeick (74) ist freier Journalist und Korrespondent für mehrere Rundfunkanstalten und Zeitungsredaktionen.

Der Essay basiert auf seinem soeben erschienenen Buch „Verbrannt, verkohlt und ausgemerkelt – vom Ende deutscher Kanzlerschaften“, Westend-Verlag, 224 S., 18 €

Mehr zum Thema Feuilleton