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Wie ein junger Jude das Halle-Attentat erlebte

Ezra Waxman war vor einem Jahr während des Anschlag in der Synagoge. Nun tritt er im Prozess auf. Was bleibt von einer solchen Tat?

Der gläubige Jude Ezra Waxman forscht an der TU Dresden zur analytischen Zahlentheorie. Den Terroranschlag von Halle erlebte er in der Synagoge.
Der gläubige Jude Ezra Waxman forscht an der TU Dresden zur analytischen Zahlentheorie. Den Terroranschlag von Halle erlebte er in der Synagoge. © Tobias Wolf

Das Plakat irritiert Ezra Waxman. Gut zwei Meter hoch, vielleicht sechs Meter breit hängt es vor den zugeklebten Scheiben eines Ladens am Berliner Helmholtzplatz. Auf lila Grund wird mit weißer Schrift die Spiele-Plattform Twitch beworben. „Ihr folgen tausende Leute in die Verdammnis. Und zurück“, steht auf dem Plakat. Ausgerechnet Twitch. Stephan B., der rechtsextremistische Attentäter von Halle, hatte vor einem Jahr über diese Plattform seinen Anschlag auf die Synagoge in Halle und zwei Morde live ins Internet übertragen. Der Terrorist, der Juden, Muslime und Linke hasst, hatte sich dabei in Szene gesetzt wie die Hauptfigur eines Ballerspiels, über 2.000 Menschen sahen die Aufnahmen des Anschlags.

Ezra Waxman, 32 Jahre alt, Kapuzenpullover, schwarzer Mantel, steht unschlüssig vor dem Twitch-Plakat. Der gebürtige US-Amerikaner war an jenem 9. Oktober 2019 in der Synagoge, zelebrierte mit der Gemeinde den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, als B. versuchte, die Tür zu dem Gotteshaus aufzuschießen und, als das nicht gelang, wahllos zwei Menschen erschoss. Die 40-jährigen Jana L. auf der Straße vor der Synagoge, den 20-jährigen Kevin S. in einem Dönerladen.

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Ezra Waxman beschließt, in dem Plakat nur eine weitere seltsame Ironie zu sehen und wendet sich ab. Im Café daneben bestellt er Kaffee mit Milch. Es ist ein milder Herbsttag, Tische und Stühle stehen vor den Restaurants, auf dem Spielplatz im Park daneben toben Kinder. Waxman ist gern hier, der Park ist um die Ecke von seiner Wohnung.

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess gegen den 28-jährigen Terroristen Stephan B. Die Hauptvorwürfe der Bundesanwaltschaft lauten zweifacher, heimtückischer Mord und versuchter Mord an fast 60 Menschen – aus einer antisemitischen, migrationsfeindlichen und rassistischen Gesinnung.

Ezra Waxman, der aus Boston stammt, forscht derzeit an der TU Dresden und lebt in Berlin. Seinen Highschool- und den Bachelor-Abschluss in Mathematik hatte er in der Heimat gemacht, bevor er für sieben Jahre nach Israel ging. Am Weizmann-Institut für Wissenschaften hat er studiert, dann in Tel-Aviv promoviert und in Prag zur analytischen Zahlentheorie geforscht, als er im August 2019 nach Dresden kam.

Nach dem Anschlag am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle erinnerte über Wochen ein Blumenmeer an den Angriff am Feiertag Jom Kippur.
Nach dem Anschlag am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle erinnerte über Wochen ein Blumenmeer an den Angriff am Feiertag Jom Kippur. © Jan Woitas/dpa

Mit einer Gruppe junger Juden aus Berlin war Waxman nur Monate nach seiner Ankunft in Deutschland zur Gemeinde nach Halle gefahren. „Wir wollten junge, positive Energie dorthin tragen, weil die Gemeinde vor allem aus älteren Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion besteht.“ Verbindungen zwischen jüdischen Gemeinden fördern, jüdische Kultur und Weisheit zu transportieren und zu teilen, ist das Ziel. Sein Name Ezra bedeutet Hilfe oder Helfer. Die hiesige Gemeinde sei sehr international, erzählt Waxman. Viele seien Amerikaner wie er. „Berlin ist die kreative Hauptstadt und die kreative Hauptstadt jüdischen Lebens Deutschlands.“

Ezra Waxman rührt in seinem Kaffee, seine Augen fixieren für einen Moment einen imaginären Punkt am Ende der Straße. Den Mathematiker mit einem Faible für Primzahlen könnte man als zurückhaltend-fröhlich bezeichnen. Meist lächelt er, wenn er spricht, denkt über Worte nach, ehe er sie wählt. Es soll keine Missverständnisse geben. Auf der anderen Seite zelebriert er das Leben und seinen Glauben. Im Internet gibt es Videos von ihm, auf denen er vergnügt den jüdischen Friedenstanz zelebriert, an immer anderen Orten.

Die Erinnerung an Halle hat Ezra Waxman klar vor Augen, verblassen können Bilder wie diese kaum. Als er am 9. Oktober 2019 mit den anderen in der Synagoge singt und betet, knallt es plötzlich. Als wäre ein Tisch umgefallen. An Schüsse denkt er da noch nicht. Der Gottesdienst wird unterbrochen. Viele Leute seien zur Tür gerannt, um zu sehen, was passiert ist. Es folgt ein zweiter Knall, ein dritter, vierter. Sie hören sich an, als kämen sie aus einem Maschinengewehr, hat Ezra Waxman vor Gericht gesagt. Die Tür hält stand.

Ezra Waxman bleibt mit anderen im hinteren Teil der Synagoge. Die Gemeinde wird nach oben geschickt. Etwas Verrücktes passiere da, habe er gedacht. „Mir kam das erst nicht so vor, als hätte das mit uns zu tun.“ Vielleicht eine Schießerei im Vorbeifahren, eine persönliche Sache von zwei Leuten, die zufällig in der Nähe der Synagoge sind. Irgendwann heißt es, die Polizei komme, alle sollten im Gebäude bleiben. Gerüchte machen die Runde, von Silvesterböllern ist die Rede, von einem Luftgewehr. Vielleicht hat es gar keine Toten gegeben, wenn es nur ein Luftgewehr war. „Wir hatten keine richtigen Informationen, was passiert war.“ Unwirklich habe sich das alles angefühlt. Die Jungen aus Berlin versuchen, gute Stimmung zu machen. „Jemand liest aus dem Gebetsbuch, wir singen zusammen, viele kennen die Verse der über teils über Tausend Jahre alten hebräischen Liturgie.“ Sie hören Polizeisirenen und Hubschrauberlärm. Ausgerechnet zu Jom Kippur, dem Versöhnungsfest. Was passiert ist, sie wissen es noch immer nicht, warten auf Instruktionen von der Polizei. Sie beten und singen immer weiter.

Ironie des Tages liegt in Sündenböcken

Dabei liege religiöse Spannung in der Luft, durch Gebete und Gesang entstehe eine Art Trance-Zustand, sagt Waxman, vielleicht fühlte sich der Anschlag für viele deshalb zunächst gar nicht so schrecklich an. Man faste, esse und trinke nichts. „Wenn nicht Jom Kippur gewesen wäre, wären wir viel ängstlicher und erschrockener gewesen und wären vielleicht durchgedreht.“ Die Gebete hätten geholfen, seelisch stark zu bleiben. „Erst am nächsten Tag habe ich das alles erst richtig begriffen.“

Für Ezra Waxman liegt die Ironie dieses Tages darin, dass sie in der Synagoge während des Anschlags eine Lesung aus der hebräischen Bibel hören, das sich mit dem Sündenbock beschäftigt, während vor der Tür Stephan B. Juden als Sündenböcke angreifen und töten wollte, als vermeintlich Schuldige an der Misere seines Lebens: keine Arbeit und keine Freundin zu haben.

„Der Kern ist, andere zu beschuldigen, anstatt Verantwortung für sich und seine Taten zu übernehmen. Antisemitismus ist die Ausprägung davon.“ Das Bild des Juden als Sündenbock sei tief in der europäischen Geschichte verankert. Heutzutage sei es aber nicht mehr nur gegen Juden gerichtet. Rechtsextremisten und Parteien dieses Spektrums machten auch Stimmung gegen Flüchtlinge auf der Suche nach Schuldigen. „Antisemitismus und Hass auf Migranten sind meiner Meinung zwei Seiten einer Medaille.“

Wozu diese „Theorien“ führen können, weiß Ezra Waxman durch die Familienerfahrung. Die Großeltern mütterlicherseits stammen ursprünglich aus Polen und haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, ein Großteil ihrer Geschwister aber nicht. Über diese dunkelste Zeit ihres Lebens hätten sie zumindest dem Enkel gegenüber kaum gesprochen. „Wenn mein Opa erzählte, dann drehte sich das meist um ihr Leben vor dem Krieg.“ Ein Onkel sei kurz nach dem Krieg in Südbayern auf die Welt gekommen, dann ging die Familie erst nach Kanada und später in die USA, wo die Familie von Waxmans Vater schon länger lebte.

"In Halle hat mich das Abenteuer ausgesucht"

An Jom Kippur gehe es um Reue und Buße, um Selbstreflexion und um Arbeit an sich selbst, um die Hinwendung zu Gott und um die Frage, wie man die Gesellschaft und seine Umgebung verbessern kann, sagt Ezra Waxman. Jude zu sein, heiße, die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des Lebens anzuerkennen und das Leben als Gottesgeschenk zu begreifen.

Beim Naumburger Prozess gegen den Terroristen tritt Ezra Waxman als einer von 43 Nebenklägern auf. Warum tut er sich das an? „Ich wollte verstehen, wie jemand so viel Hass für Leute entwickeln kann, die er nie getroffen hat. Ich wollte ihn verstehen.“ Auch die kennen lernen und zu verstehen, die Juden hassen oder ihnen zumindest kritisch gegenüberstehen, das will Ezra Waxman schon sein Leben lang.

Während seiner Zeit in Israel hat er Palästina besucht, an Friedensinitiativen von konservativen israelischen Juden und konservativen muslimischen Palästinensern teilgenommen – die genau wegen ihres stoischen Konservatismus zusammenarbeiten, weil es um Religion und nicht so sehr um Politik geht. Waxman hat Konfliktgebiete wie das von Indien kontrollierte muslimische Kaschmir bereist, in der Hauptstadt Srinagar zufälligerweise Studenten und Professoren der Mathe-Fakultät kennengelernt und ad hoc Vorlesungen gegeben. Reiste er früher vor allem privat, geht es jetzt oft darum, die Liebe zur Mathematik in die Welt zu tragen. Im kurdischen Erbil hat er Vorlesungen gegeben, demnächst geht es nach Ghana. Gut drei Dutzend Länder hat Ezra Waxman schon bereist. „Normalerweise habe ich mir immer die Abenteuer ausgesucht, in Halle hat mich das Abenteuer ausgesucht.“

An vier Prozesstagen war Ezra Waxman bisher vor Ort, zuletzt Mitte September. Da wurde er als Zeuge befragt, sollte schildern, wie er den Anschlag erlebt hat. Ende Juli konnte und wollte Waxman den Angeklagten selbst befragen, vor allem zu dessen antisemitischen und rassistischen Vorurteilen. „Anfangs dachte ich noch, der Angreifer hat nur ne verrückte Weltsicht und wenn er mal einen Juden persönlich trifft, wird es schwer, an seinen Theorien festzuhalten.“ Er habe auf den Grund, das Herz des Hasses vorzudringen versucht, wollte B.s Ideologie verstehen. „Aber im Kern ist er die Antithese zu jüdischen Werten, er verkörpert den historischen Antisemitismus aus dem Dritten Reich und den Jahrhunderten davor, er ist ein Nazi.“

B. habe all diese Erzählmuster des Judenhasses in sich aufgesogen und sich eine eigene Ideologie daraus gebastelt. Vor Gericht wollte Ezra Waxman von B. wissen, inwiefern antisemitische Klischees auf ihn persönlich zuträfen. Der Attentäter wich aus, sprach von vermeintlichen generellen Eigenschaften der Juden, also pure Lügen. „Ich habe ihn gefragt, ob seine antisemitschen Theorien aus seiner Sicht auch auf mich zutreffen.“ Die Antwort: Er kenne ihn ja gar nicht. B. habe dann angefangen, von Volksgesundheit zu reden, sinngemäß einem gesunden Volk aus allein weißen Deutschen.

Sündenböcke statt eigenen Weg durchs Leben gesucht

Eine Frage hat auch B. im Prozess an Ezra Waxman gestellt. Sinngemäß: Werde an Jom Kippur um Vergebung für vergangene oder künftige Missetaten gebetet? Das sei nicht nur faktisch falsch, sagt Waxman. Diese Frage entspreche einer klassischen antisemitschen Redensart, sie ist ein Teil von Verschwörungserzählungen, die sich hartnäckig in Teilen der Bevölkerung halten und nun über soziale Netzwerke im Internet noch einfacher verbreitet werden können.

Als im Prozess der Vater des erschossenen Kevin S. aussagte, sei Ezra Waxman tief berührt gewesen. Der Vater habe vor Gericht geschildert, wie sein geistig behinderter Sohn sich durch das Leben gekämpft, gerade erst eine Malerlehre begonnen hatte. Wie er trotz der Einschränkungen sein Leben gemanagt und Freunde beim Fußball gefunden hatte. „Kevins Eltern waren so stolz auf ihn.“ Das sei ein riesiger Kontrast zu Stephan B., dem Typen auf der Anklagebank. „Er hatte alle Chancen, die in einem Erste-Welt-Land zur Verfügung stehen, sich einen Job und eine Partnerin zu suchen, aber er wollte nicht, er suchte nur Sündenböcke“ – die er nicht einmal kannte. Denn als einzige Begegnung mit den verhassten Anderen sei B. auf Nachfrage vor Gericht eingefallen, dass er Tage zuvor von Migranten im Zug angerempelt worden sei.

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Anschläge wie der von Halle hinterlassen Spuren, Ängste und Unsicherheiten. Aber Ezra Waxman will sich nicht einschüchtern lassen und bleiben. Dafür hat er Deutschland, vor allem Berlin zu sehr lieben gelernt. Sind jüdische Gemeinden in seiner Heimat seit langem etabliert, erlebt er in Berlin ein kreatives neues jüdisches Leben in einer offenen Gesellschaft, in dem vom Ultraorthodoxen bis zum Liberalen oder auch Nichtgläubigen jeder seinen Platz findet, der an der jüdischen Kultur teilhaben will. „Es gibt hier so viele Menschen, die eine eigene Geschichte haben, die zur Gemeinschaft beitragen wollen“, sagt Ezra Waxman. „Antisemitimus ist für mich nur eine Ablenkung von all den positiven Dingen, die Juden hier heute tun könne.“

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