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Kuba: Im Land der Schlangen

Grassierende Inflation, Geschäfte, in denen es fast nichts zu kaufen gibt, und jetzt auch noch Corona. Auf Kuba trauern viele der Ära von Fidel Castro nach.

asobuco nennen die Kubaner die Mund- und Nasenbedeckung, die auf der Insel auch für Kinder Pflicht ist.
asobuco nennen die Kubaner die Mund- und Nasenbedeckung, die auf der Insel auch für Kinder Pflicht ist. © Yadiris Garcia

Von Yadiris Garcia und Peter Chemnitz

Wie zu einem Marschblock am 1. Mai stehen die knapp 100 Frauen und Männer auf dem Einkaufsboulevard Enramada tief gestaffelt in Reih und Glied. Aber sie tragen keine Plakate mit handgeschriebenen Losungen, die die kommunistische Partei und den Sozialismus lobpreisen, sondern leere Taschen und Beutel. Sie wollen auch keine Revolution oder gar Konterrevolution anzetteln, sondern schlichtweg beim Bäcker auf der anderen Straßenseite Brot kaufen. Und dafür benötigen sie vor allem eines: viel Geduld.

Wie in der ostkubanischen Metropole Santiago de Cuba ist die gesamte Insel im 63. Jahr des Triumphes der Revolution zu einem Land der Schlangen mutiert. Diese sind meist sehr lang, in einigen Fällen unüberschaubar, mitunter auch bösartig und bedrohlich, sodass sie von blau uniformierten Polizisten und grün uniformierten Angehörigen des Innenministeriums im Zaum gehalten werden müssen, meistens sind sie aber lediglich schlecht gelaunt.

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Aber auch leise geäußerter Unmut kann zu einer Geräuschkulisse werden, die an das nervende Lärmen von Zikaden erinnert. Vor dem Mercado Albión ist das der Fall. In dem früheren Devisengeschäft hat sich eine Menschenmenge versammelt, für die dreierlei unklar ist: Was gibt es? Wie lange reicht es? Und wer hat welche Position? Schließlich ist eine Ansammlung von potenziell Kaufinteressierten noch keine Schlange. Während sich zwei kräftige Polizisten breitbeinig vor dem Eingang aufgebaut haben, die Arme verschränkt und grimmigen Blickes, versuchen ihre Kolleginnen die Andrängenden zu ordnen.

Auffallend ist, dass die Gesetzeshüter zwar nagelneue Gummiknüppel, aber nicht die eigentlich zur Ausrüstung gehörenden Pistolen tragen. Letztlich entstehen drei Schlangen, eine für Frauen, eine für Männer und eine dritte für Personen, die Bescheinigungen haben, dass sie Kranke oder Alte betreuen. Dann öffnet sich die Ladentür: Es gibt Speiseöl, ausschließlich Speiseöl.

Hundert Meter die Straße hinunter ist auch die Polizei machtlos. Der Durchgang ist komplett blockiert, weil sich auf der einen Seite ein Supermarkt befindet, auf der anderen ein Geschäft mit Milchprodukten, das überraschend Ware erhalten hat, und an der Ecke noch ein Schnellimbiss, der plötzlich etwas im Angebot hat, was hier eigentlich nicht zum Sortiment gehört: Beutel mit je zehn Brötchen. Wer steht hier nach was an? Dazu kommen noch die am Geldautomaten Wartenden.

Der Peso ist im freien Fall

Bargeld ist knapp. Die Regierung hatte Ende vergangenen Jahres eine Währungsreform verkündet und zum 1. Januar – wie lange erwartet – den 1994 als Ersatz für den US-Dollar eingeführten konvertiblen Peso (Cuc) abgeschafft. Seither befindet sich der kubanische Peso (Cup), also jene Währung, in der die Löhne und Renten ausgezahlt werden, im freien Fall. Gibt es offiziell für einen Euro 30 Peso, werden auf der Straße längst 50 und mehr gezahlt. Mit dem Cuc ist auch das Vertrauen in die eigene Währung verschwunden, zumal die Regierung seit vergangenem Juli landesweit ein Netzwerk neuer Devisengeschäfte eingerichtet hat, um einen Großteil des staatlichen Einzelhandels in US-Dollar zu überführen.

In den mehr als tausend MLC-Läden (Moneda Libremente Convertible) kann lediglich bargeldlos eingekauft werden, und auch nur, wenn die Kunden über ein mit Devisen gedecktes Konto bei einer kubanischen Bank oder eine ausländische Kreditkarte verfügen. Dass das zu weiteren sozialen Ungerechtigkeiten führen wird, hat Präsident Miguel Díaz-Canel frühzeitig eingeräumt. Aber anders könne es sich Kuba angesichts einer elfprozentigen Rezession 2020 nicht leisten, die zur Ernährung der Bevölkerung notwendigen Lebensmittel für Devisen zu importieren.

Die Dollar-Geschäfte würden zwar den Eindruck erwecken, dass nur wenige davon profitieren, aber „langfristig werden sie allen zugutekommen“, so Díaz-Canel. Überdies versicherte er, niemand werde „schutzlos zurückgelassen“.

Zwei Milliarden US-Dollar wendet das Land, das lediglich ein Drittel seines Bedarfs aus eigener Produktion decken kann, jährlich nach offiziellen Angaben für den Kauf von gefrorenen Hühnchen, Reis, Bohnen, Speiseöl und anderen Grundnahrungsmitteln auf. So kommen die schwarzen Bohnen derzeit aus Mexiko, die Hühnchen aus Brasilien, der Reis aus Spanien, Butter aus Deutschland. Und da durch die achtmonatige coronabedingte Schließung des Landes für den Tourismus und die ausgeweiteten US-Wirtschaftssanktionen kaum noch Devisen erwirtschaftet werden konnten, befindet sich Kuba in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft.

Unterkriegen lassen will man sich trotzdem nicht. Die Regierung spricht von der umfangreichsten Wirtschaftsreform seit 1959, dem Jahr der Machtübernahme durch Fidel Castro. Die kommunistische Tageszeitung Granma titelte bereits am 17. Dezember in einem Bericht über eine Sitzung des Nationalkongresses, dass Kuba „aus dem schwierigsten Jahr des letzten Jahrzehnts siegreich hervorgehen“ werde.

Tatsächlich scheint 2020 mit Blick auf den Januar 2021 ein gutes Jahr gewesen zu sein. Die meisten Kubaner sehnen sich aber noch weiter zurück, in die Zeit, als Fidel Castro noch das Land nach seinen Ideen formte. „Da waren die Geschäfte noch voll“, sagt die 30-jährige Gladys und deutet auf den leeren und verschlossenen Stadtteilladen: „Im Dezember hätte ich nicht geglaubt, dass es noch schlimmer kommen kann.“

Kein Anfang, kein Ende: durchmischte Warteschlangen auf dem Einkaufsboulevard in Santiago de Cuba.
Kein Anfang, kein Ende: durchmischte Warteschlangen auf dem Einkaufsboulevard in Santiago de Cuba. © Yadiris Garcia

Aufschriften mit „No hay nada“ an den Ladentüren bestimmen den Alltag: „Es gibt nichts.“ Selbst Zucker ist auf der einstigen Zuckerinsel zur Mangelware geworden. In vielen Geschäften sitzen die Verkäuferinnen gelangweilt vor leeren Regalen und Kühltruhen. Einzig Flaschen mit stillem Wasser und Desinfektionsmittel gibt es im Angebot. Preisgünstiger Rum und Bier sind Mangelware, Spaghetti nicht zu bekommen. Nach dem Jahreswechsel kletterten die Preise für das – von Ausländern meist für ungenießbar gehaltene – Fassbier im Straßenhandel von 30 Cup für die 1,5 Literflasche auf mehr als das Dreifache. Die Tube Zahncreme wird inzwischen mit fünf Dollar gehandelt.

Die Ära von Fidel Castro erscheint vielen Kubanern da als bessere Zeit. „Da war zwar vieles strenger, aber die Regierung hatte alles im Griff“, sagt eine junge Frau. Jetzt werde nur noch der Mangel verwaltet, die Menschen würden im Stich gelassen. Angel, ein dunkelschwarzer Straßenhändler, ist da anderer Ansicht: „Was brauchst du, ich kann alles liefern.“

Tatsächlich hat sich der Schwarzmarkt schnell auf die neuen Gegebenheiten eingestellt. Und zwar mit dem Ergebnis, dass selbst die Besitzer von Kreditkarten in den MLC-Läden nicht mehr so einfach einkaufen können. Denn auch hier sind Wartezeiten von mehreren Stunden keine Ausnahme. Dass Lebensmittel- und Hygieneartikelabteilungen mangels Ware schließen mussten, hängt wiederum mit den Schwarzmarktgeschäften zusammen.

Die neue wirtschaftliche und soziale Strategie hat fürs Erste vor allem zur Ankurbelung der Schattenwirtschaft geführt. Clevere Händler kaufen die besonders gefragten Produkte kurzerhand auf und verkaufen diese mit entsprechendem Aufschlag auf der Straße weiter. Das ist zwar verboten und wird auch streng bestraft, ist aber in der Praxis schwer nachweisbar. Gewiss hatte Präsident Díaz-Canel nicht diese Selbstständigen im Blick, als er ankündigte, „mit Schärfe, Entschlossenheit und Innovation“, das wirtschaftliche Gefüge des Landes zu verändern und dafür zu sorgen, dass „fast alle Hemmnisse für die Entwicklung der Produktivkräfte wegfallen“.

Im Stadtteil San Pedrito holt der 58-jährige Luis, der in der nahen Bonbonfabrik arbeitet, ein dickes Bündel Geldscheine aus der Tasche. „Ich bin jetzt reich“, sagt er und wirft es auf den Tisch. Die Regierung habe an seinen Lohn von bisher 250 Peso einfach eine Null gehängt. Leider seien aber die offiziellen Preise für Wasser, Strom, Nahverkehr, selbst für die staatlich subventionierten Grundlebensmittel, die jede Familie noch immer auf Lebensmittelkarte erhält, prozentual noch höher angestiegen. „Letztlich bin also ein armer Mann“, schlussfolgert der Arbeiter. Bonbons werden derzeit übrigens nicht produziert, da der Fabrik die Rohstoffe fehlen.

Andererseits ist Kuba mit aktuell 18.443 an Corona Erkrankten und 173 Todesfällen bei elf Millionen Einwohnern aus Sicht des Robert-Koch-Instituts kein Risikogebiet. Seit die Regierung in Havanna das Land Mitte November wieder für den Tourismus geöffnet hat, fliegt beispielsweise der Ferienflieger Condor die Halbinsel Varadero fast im Tagesrhythmus an. So, als gelte es eine Luftbrücke für sonnenhungrige und Lockdown-geschädigte Europäer aufzubauen. Diese sowie die Besucher aus dem näher gelegenen Kanada kkommen meist in All-Inclusive-Anlagen unter und bekommen von der allgemeinen Situation im Land nur wenig mit.

Ausländern wird aus dem Weg gegangen

Individualtouristen stand bis zum Ausbruch einer dritten Corona-Welle am 11. Januar die das ganze Land verbindende staatliche Busgesellschaft Viazul zur Verfügung. Inzwischen haben sie dagegen schlechte Karten auf Kuba. Sie werden wohl kaum die Geduld für stundenlanges Warten auf Lebensmittel haben und müssen daher die illegalen Angebote annehmen oder sich in ihrer gemieteten Pension komplett verpflegen lassen. Die Mehrausgaben können sie allerdings kompensieren, indem sie ihre Euro auf der Straße günstig tauschen. Etwas anderes bleibt ihnen auch kaum übrig, weil die meisten Geldwechselstellen geschlossen sind und vor den Banken lange Schlangen stehen.

Ohnehin ist es kein Vergnügen, bei 35 Grad im Schatten mit dem obligatorischen Nasobuco, wie die Mund-Nasen-Bedeckung hier heißt, spazieren zu gehen und von den Einheimischen misstrauisch beäugt zu werden: Was macht ein Tourist bei uns? Will er uns vielleicht anstecken? Davor haben fast alle Kubaner panische Angst, die meisten achten peinlich streng auf die Einhaltung der Hygienevorschriften.

Auch wird den Yumas, also den Ausländern, lieber aus dem Weg gegangen, seit in mehreren Fällen Exil-Kubanern nachgewiesen werden konnte, dass diese beim Heimatbesuch die gesamte Verwandtschaft mit dem Virus angesteckt haben. Wo sie früher umschmeichelt wurden, werden Fremde jetzt als „Amigos Covid“ geschmäht, wenn nicht völlig ignoriert. Bekannt werdende Kontakte führen in jedem Fall, auch wenn der Tourist einen Corona-Test mit negativem Ergebnis vorweisen kann, zu einer mehrtägigen Quarantäne für alle Angehörigen, während der die Wohnung beziehungsweise das Haus nicht verlassen werden darf. Die Polizei oder der örtliche Chef des Revolutionskomitees ziehen dann mit Klebeband eine Bannmeile, und der Lohn entfällt in dieser Zeit.

Der Deutsche Reiner, der seit mehr als 20 Jahren auf Kuba lebt und die ständige Aufenthaltsgenehmigung besitzt, denkt zum ersten Mal darüber nach, erneut auszuwandern – und zwar diesmal in Richtung Deutschland. Eddy aus Stuttgart beabsichtigt trotz allem, nach Kuba überzusiedeln, und lässt fleißig am Häuschen seiner Ehefrau werkeln. „Nach der jetzigen Krise kann es nur noch aufwärtsgehen“, meint der Rentner. Er blickt von seiner Casa über die Bucht von Santiago auf das neue, von Chinesen errichtete Containerterminal, und auf die Berge, in denen einst Raúl Castro zum Sturm auf die Stadt ansetzte: „Wir müssen optimistisch bleiben“, sagt Eddy, der sich gerade auf eine mindestens vierwöchige Quarantäne einrichtet. Er klingt dabei ein wenig wie der Erzbischof von Santiago de Cuba, Dionisio Guillermo García Ibáñez, der auf seiner Neujahrsmesse am 1. Januar in der Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción in Santiago de Cuba den Gläubigen Mut zusprach.

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