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„Ich habe Angst um meine Schwestern“

Mohammad war Dolmetscher für die Bundeswehr, bis er 2016 vor den Taliban floh. Nun bangt er um den Rest seiner Familie in Afghanistan.

„Ich bin Deutschland dankbar.“ Mohammad in seiner Wohnung in Sachsen.
„Ich bin Deutschland dankbar.“ Mohammad in seiner Wohnung in Sachsen. © Franziska Klemenz

Wenn Mohammad* nach draußen blickt, liegt fast nur Grün vor seinen Augen. Blätter umhüllen das Geäst der Büsche und Bäume. Wiesen schmiegen sich dahinter. Ein Wohngebiet am Rande einer großen Stadt in Sachsen. Friedlich wirkt die Szenerie, fast wie Idylle. In Mohammads Kopf sieht es ganz anders aus.

„Manchmal sage ich meinen Kindern: Ihr seid glücklich, wirklich. Ihr habt eine gute Zukunft, Frieden, alles.“ Mohammads Augen wandern auf sein Handy, sein Laptop steht aufgeklappt auf einem Schrank. Jederzeit könnten neue Meldungen aus Afghanistan eingehen. Dort bangt der andere Teil seiner Familie um ihr Leben, seit die Taliban die Macht errungen haben. „Wir sprechen immer darüber, wie meine Familie in Sicherheit kommt“, sagt der 32-Jährige und lässt sich auf ein graues Sofa sinken.

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Prächtig und doch bescheiden wirkt das Wohnzimmer mit den wenigen Möbeln. Perserteppiche mit bunten Blumen bedecken den Boden, goldene Schnörkel zieren den Glastisch. Mohammad trinkt einen Schluck Apfelsaft. Die Wangen hängen ausgelaugt unter den feuchten Augen. Seine Frau ist mit den Kindern auf dem Spielplatz. „Meine Familie hat Angst vor der Zukunft, sie sagen, dass jetzt eine noch dunklere, eine schwarze Zeit kommt. Ich denke immer: Jetzt, morgen, übermorgen – wann kommen die Taliban und bestrafen sie?“

„Es gab viele Attacken der Taliban“

Ende Juni ist das letzte Flugzeug der Bundeswehr aus Masar-e Sharif abgeflogen, wo die Deutschen bis vor Kurzem das Camp Marmal betrieben hatten. Auf eine „strahlende Zukunft“ habe man gehofft, als die Nato kam, sagt Mohammad. Nach 20 Jahren Einsatz das abrupte Ende. In den Wochen nach dem Abzug erobern die Taliban eine Provinzhauptstadt nach der nächsten, rund sechs Wochen nach dem Abzug Deutschlands schließlich auch Afghanistans Hauptstadt Kabul, wo Mohammads Familie sich bis heute versteckt.

Mohammad, Frau und Kinder sind in Sicherheit, weil sie nach Deutschland fliehen konnten. Sie kommen aus dem nordafghanischen Masar-e Sharif. Mohammad fing seinen Job für sie 2010 an. Als Dolmetscher und Kulturmittler, für Englisch, Dari, Farsi, Paschtu, auch Usbekisch spricht Mohammad bruchstückhaft. Über lokale Medien sucht die Bundeswehr damals Dolmetscher. Mohammad, der Anglistik studiert hat, bewirbt sich. Sechs Jahre lang begleitet er Soldatinnen und Soldaten der Nato in Afghanistan, übersetzt und erklärt.

Einige Missionen seien gefährlich gewesen, sagt er. „Es gab viele Attacken der Taliban.“ Bei einem Camp in Chemtal umzingeln Taliban die Gruppe, mit der Mohammad unterwegs ist. Kugeln fliegen. Manche treffen. Ein afghanischer Soldat stirbt. „Solche Situationen gab es sehr häufig.“ Mohammads Schwager, auch Dolmetscher, stirbt bei einem solchen Einsatz.

Panik vor den Taliban: Nach der Machtergreifung der Islamisten sichern US-Soldaten den Flughafen in Kabul.
Panik vor den Taliban: Nach der Machtergreifung der Islamisten sichern US-Soldaten den Flughafen in Kabul. © imago images

2012 wird es mit den Taliban gefährlicher, auch andere Terrorgruppen sammeln sich in Afghanistan. Die Bundesregierung bringt einige Leute in Sicherheit. „Wie bei vielen Dolmetschern war auch mein Leben bedroht.“ Mohammads Eltern wohnen damals in Scheberghan, der Nachbarprovinz Masar-e Sharifs. Taliban, die ihn bei seiner Arbeit für die Deutschen beobachtet haben, bemerken, dass er dorthin fährt. Auch die Familie von Mohammad gilt ihnen als Feind. „Sie hatten ihre Spione überall.“ Immer wieder rufen die Radikalislamisten an. „Warum arbeitest du mit deutschen Soldaten?“, hätten sie gefragt. „Du bist ein Feigling. Du solltest bestraft werden.“ Mohammad spricht mit einem Offizier der Bundeswehr darüber.

Die Bundesregierung erteilt ihm ein Visum. Ende 2016 reisen er, seine Ehefrau und sein Sohn, der noch ein Baby ist, nach Sachsen. Ein Jahr später kommt Mohammads Tochter zur Welt. Noch nie gab es so viel Sicherheit in Mohammads Leben, das in dem Jahr begann, in dem Mudschaheddin, unterstützt vor allem von den USA, die Sowjetbesatzung beendeten. Statt dem Land beim Wiederaufbau zu helfen, überließen die USA es Warlords, Drogendealern, Stammesfürsten, die einander bekriegten, bis die Taliban Afghanistan 1996 ihrer Herrschaft unterwarfen. „Ich habe so viele Tote gesehen als Kind. Zivilisten. Einfach auf der Straße. Ich verstehe nicht, wie ich nicht psychisch erkrankt bin.“

Anders als seine Kinder konnte Mohammad nicht unbeschwert spielen, leben, lernen. Auch das Jahr nach dem Beginn des US-Einsatzes 2001 ist für ihn gefährlich. Viele sterben durch Luftangriffe. „Sie haben 7.000 Taliban in Masar-e Sharif getötet. Es gab wieder viele Tote auf den Straßen. Diesmal Taliban.“ Von 2002 bis 2010 erlebte Mohammad vergleichsweise viel Frieden. 2011 verdüsterte sich die Lage wieder, viele Zivilistinnen und Zivilisten fielen dem Krieg zwischen Taliban und Westkräften zum Opfer. „Viele Leute in Afghanistan sind gut, sie wollen einfach nur friedlich leben, aber haben seit mehr als 40 Jahren keinen Frieden. Immer wiederholt sich die Geschichte. Die Menschen in Afghanistan sind arm. Warum gibt es auch noch so viel Krieg?“

Ein reiches Land mit armen Menschen

Deutschland genießt Frieden. „Mein Leben ist jetzt in Ordnung. Ich bin Deutschland dankbar.“ Mohammad besucht Sprachkurse, arbeitet als Fahrer und ehrenamtlich als Kulturmittler, gerade sucht er einen neuen Job. An Afghanistan vermisst er trotzdem viel, sagt Mohammad. „Es ist ein reiches Land mit armen Menschen. Wir haben sehr viel Bio. Obst, Gemüse, Fleisch – alles schmeckt besser als hier aus dem Supermarkt. Wir haben viele Berge, Seen, Kristalle, Katzen, Eulen.“ Mohammad zeigt auf dem Handy Fotos von türkisfarbenen Gebirgsseen und bunten Blumenhängen im Hindukusch.

„Es braucht viel Zeit, neu anzufangen. Fünf bis zehn Jahre, bis du sagen kannst: ‚Jetzt kann ich hier leben.‘ Du musst die Sprache und sehr viel über das Land lernen, dich integrieren. Ohne Gründe willst du deine Heimat nicht verlassen und woanders von null anfangen.“

Nur aus Not, aus Mangel an Alternativen will auch der Rest von Mohammads Familie jetzt fliehen. Mohammads Schwager haben beim Militär Afghanistans als Geheimdienstoffizier und als Soldat gearbeitet. Einer der beiden ist schon tot. Mohammads Schwiegervater ist verschwunden, niemand weiß, wohin. Er hatte als Pilot beim Militär gearbeitet. „Die Taliban haben alle Adressen und Informationen von Leuten, die für die Regierung gearbeitet haben.“ Wer noch lebt, versteckt sich in Kabul.

"Eigentlich haben viele keine Ahnung vom Islam"

Sichere Häuser, wie sie das Patennetz deutscher Reservisten bis vor Kurzem betrieben hat, gibt es nicht mehr, seit Kabul an die Terroristen fiel. „Meine Frau und ich sind viel beschäftigt mit der Situation, den Nachrichten. Die Leben unserer Familien sind nicht sicher. Wir sitzen zusammen und denken so viel nach. Was können wir tun? Was können wir machen?“ Mohammad drückt die Daumen in seine Schläfen, schweigt einen Moment. „Wie lange soll meine Familie in Kabul bleiben? Wenn sie nach Hause kommen, warten dort Taliban.“

Während ihrer ersten Herrschaft in den Neunzigern haben die Taliban alles unterdrückt, was sich ihrem Regime nicht beugte. Frauen mussten sich vollverschleiern, durften allein nicht auf die Straße, geschweige denn zur Schule gehen. Fernsehen war verboten. Gesetz war die Scharia. „Während meiner Arbeit habe ich oft Taliban gesehen“, sagt Mohammad. „Sie behaupten, sie seien Moslems. Eigentlich haben viele keine Ahnung vom Islam, können den Koran nicht mal lesen. Die Taliban wurden von anderen böse gemacht. Die töten einfach. Schießen einfach. Denken dabei nicht viel.“

In offiziellen Statements geben die Taliban sich jetzt gemäßigter als früher, haben Amnestien für Ex-Mitarbeitende der Nato und der afghanischen Sicherheitskräfte versprochen. Auch Frauen haben sie aufgefordert, sich an der künftigen Regierung zu beteiligen. Mohammad und viele andere in Afghanistan glauben nicht daran. Zu viele Versprechen haben die Taliban gebrochen. „Ich hoffe, dass die Taliban sich verändert haben. Aber ich glaube es nicht. Viele sagen, die Situation ist genauso wie früher. Was erwartet man von Terroristen?“

„Manche Frauen nehmen sie wie Sklavinnen mit"

Mohammads Mutter, Brüder, Schwestern haben mitbekommen, dass Taliban ihren einstigen Wohnort durchkämmt und nach ihnen fragt hätten. „Die Taliban hatten Spione in Regierung, Behörden, Militär und Polizei. Deswegen konnten sie alles so schnell einnehmen.“ Experten gehen davon aus, dass die Taliban während ihres Siegeszugs weit weniger als 100.000 Kräfte zählten. Bei Militär und Polizei Afghanistans waren es mehr als 300.000. Vielen fehlte wohl der Glaube an einen Staat, für den es sich zu kämpfen lohnt. Die Regierung galt als korrupt und zahlte meist schlechter als die Taliban, Präsident Aschraf Ghani genoss kaum Rückhalt. Viele liefen zu den Radikalislamisten über, weil sie ohnehin von deren Sieg ausgingen.

Mohammads Familie versteckt sich vor ihnen im fremden Kabul, wo sie kaum jemanden kennt. Vor ein paar Stunden hat Mohammad zuletzt mit seinem Bruder gesprochen, einem 27-jährigen Arzt. „Wenn es geht, senden sie Nachrichten. Oft gibt es kein Internet und keinen Strom. Ich hoffe, dass die Taliban jetzt nicht Internet verbieten.“ Dann hätte Mohammad keine Kontaktmöglichkeit mehr zu seiner Familie. „Meine Mutti ist allein, mein Vater ist gestorben. Wie muss sie sich jetzt in der Situation fühlen?“ Mohammads vier Schwestern sind zwischen 17 bis 26. Frauen in diesem Alter zwangsverheiraten die Taliban oft. „Manche Frauen nehmen sie auch einfach wie Sklavinnen mit. Ich habe Angst um meine Schwestern.“

Dass die Lage sich verfinstern würde, hat Mohammad geahnt, als die Nato ihren Abzug verkündete. Im Juni, kurz vor dem Abzug der deutschen Truppen, reisen er und seine Frau noch einmal nach Afghanistan, um ihre Familie zu sehen. Es ist der erste Besuch seit ihrer Flucht. „Meine Frau hat viel Druck gemacht, dass wir nach Afghanistan fliegen, weil die Situation so schlimm ist. Sie wollte ihre Familie sehen, sagte: Ich weiß nicht, ob wir sie noch mal sehen.“

Menschen im Stich gelassen

3.500 Euro kostet der Flug, das Geld müssen sie sich teilweise leihen. „Es war gut, unsere Familien wiederzusehen, aber meine Frau und ich haben gesagt: Wir haben das nicht gut gemacht. Wir hätten nicht fahren sollen. Es war ganz, ganz schlimm.“ Viele kleinere Orte in der Region haben die Taliban schon eingenommen, von Masar-e Sharif sind sie wenige Kilometer entfernt. „Ich habe meiner Frau gesagt: Wir können hier nicht mehr bleiben. Es war supergefährlich.“ Statt der geplanten 19 Tage reist das Paar nach 14 Tagen ab.

Rund 2.000 Menschen hat die Bundesregierung aus Kabul ausgeflogen, seit die Taliban die Macht übernommen haben. Zuvor hatte sie im Rahmen ihres Truppenabzugs rund 2.500 Visa erteilt. Monatelang stritt die Bundesregierung um das Aufnahmeverfahren, ließ Tausende, die um ihr Leben bangen müssen, im Unklaren. Innen-, Außen- und Verteidigungsministerium weisen Verantwortung hin und her. Viele attestieren der Bundesregierung, dass sie ihrer Pflicht nicht nachgekommen sei, Menschen im Stich gelassen habe.

„Die deutsche Regierung wusste um die Situation, deswegen hat sie ja auch uns Visa gegeben“, sagt Mohammad. „Für unsere Familien ist die Situation jetzt genauso gefährlich wie für uns. Die Deutschen haben uns gebraucht, und wir haben geholfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir sie bitten, uns zu helfen und etwas für unsere Familie zu machen.“ Von Behörden habe Mohammad oft gehört: „Du hast für uns gearbeitet und nicht deine Familie.“

Wie viele Menschen jetzt, wo die Taliban das Land beherrschen, noch zu retten sind, ist ungewiss. „Die haben überall Checkpoints in Kabul. Sie können verhindern, dass Menschen zum Flughafen kommen. Die Deutschen müssen schnell entscheiden, sonst werden die Taliban sehr viele Menschen töten.“

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Mohammad zieht die Glastür zum Balkon auf und lässt den Blick auf den Büschen und Bäumen ruhen. Die Uhr tickt. Vögel zwitschern. Ansonsten Stille. Frieden. „Ich hoffe noch darauf, dass Afghanistan irgendwann Frieden haben wird“, sagt Mohammad. „Aber ich glaube nicht mehr daran.“

*Name von der Redaktion geändert.

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