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„Der Brexit kann kommen“

Rund 65 Banken und Finanzdienstleister wechseln von London nach Frankfurt – samt Jobs und Mitarbeitern.

Das Frankfurter Bankenviertel bekommt Zuwachs. Geldinstitute aus London siedeln sich hier an.
Das Frankfurter Bankenviertel bekommt Zuwachs. Geldinstitute aus London siedeln sich hier an. © Arne Dedert/dpa

Von Rolf Obertreis

Frankfurt am Main.
40 Banken, Wertpapierfirmen und Finanzdienstleister, die bislang ihre Geschäfte für die EU von London aus betreiben, haben von der Bundesbank eine Lizenz für den Standort Frankfurt erhalten, weitere 24 dürften in den nächsten Wochen die Erlaubnis bekommen. 

Damit entstehen durch den Austritt Großbritanniens aus der EU rund 2.500 Jobs im deutschen Finanzzentrum. Die fünf größten Banken haben nach Angaben der Bundesbank bis Ende Juni bereits Finanzwerte im Umfang von knapp 160 Milliarden von der Themse an den Main übertragen, bis Anfang 2021 sei bei allen Brexit-Instituten mit weiteren 397 Milliarden Euro zu rechnen. 

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Aufsichtsbehörden und Banken hätten alles getan, um Störungen oder gar Turbulenzen am 1. Januar 2021 zu vermeiden, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Joachim Wuermeling. „Aus unserer Sicht kann der Brexit kommen.

Übergangsfrist endet

Für den Finanzsektor steht, so die Bundesbank, bereits fest, dass es zu einem „harten“ Brexit kommt. Der mögliche Abschluss eines Handelsabkommens werde absehbar keine detaillierten Regelungen für den Finanzmarktzugang zur EU enthalten. „Auch wenn ein Rest an Unwägbarkeit bleibt, kann der Schalter jetzt umgelegt werden“, betont Wuermeling, der bei der Bundesbank für die Finanzaufsicht und damit auch für die Vergabe von Bank- und Finanzdienstleistungslizenzen zuständig ist. „Für den Bankensektor sind die größten Klippen im Großen und Ganzen umschifft. Eine Gefahr für die Finanzstabilität ist nicht erkennbar.“

Ausgetreten ist das Vereinigte Königreich bereits Ende Januar diesen Jahres. Bis Ende 2020 läuft allerdings noch eine Übergangsfrist, in der die Regeln des gemeinsamen Markts gelten, auch im Finanzbereich. „Die im Zuge des Brexit nach Deutschland kommenden Institute sind insgesamt gut auf das Ende der Übergangsfrist vorbereitet“, sagt Wuermeling. 

Allerdings seien noch nicht alle Hürden genommen. „Die Banken müssen die verbleibenden Wochen nutzen, um die Versorgungslücken zu schließen.“ Zu Unwägbarkeiten zählt die Bundesbank mögliche Wechselwirkungen zwischen dem Brexit, der Corona-Krise und möglichen geopolitischen Entwicklungen. „Die Pandemie darf nicht als Vorwand dienen, notwendige Anpassungen weiter hinaus zu zögern“, stellt Wuermeling klar. Die Bundesbank warnt auch davor, dass im Wettbewerb um die Ansiedlung von Banken die Regeln für die Finanzbranche gelockert werden. Ein Deregulierungswettlauf sei zu vermeiden.

Bundesbank, die Euro-Bankenaufsicht SSM und die deutsche Finanzaufsicht BaFin hatten schon frühzeitig klargestellt, dass Brexit-Verlagerungen nicht über „Briefkastenfirmen“ laufen dürfen, sondern dass dafür vollständige, rechtliche selbstständige Einheiten mit entsprechender Kapitalausstattung sein müssen. Das Risikomanagement muss lokal erfolgen, um Schieflagen zu vermeiden. Wuermeling drängt die Brexit-Banken zur Eile, die noch nicht alle Vorgaben umgesetzt haben. „Einige Banken und deren Kunden wollen aber offenkundig bis zu letzten Minuten mit den tatsächlichen Verlagerungen warten. Sie sollten besser jetzt handeln.“ Banken können Kunden mit Sitz in der EU nach dem Brexit nicht mehr von London aus betreuen, sie brauchen dafür eigenständige Ableger in der EU.

EU kann auch, was London kann

Der Bundesbanker stellt auch klar, dass der Finanzmarkt in der EU all das anbieten werde, was es auch in London – dem nach New York weltweit wichtigsten Finanzzentrum – gebe. „Eine Unterversorgung mit Finanzdienstleistungen auf dem Kontinent muss nicht befürchtet werden, da alle in der City angebotenen Finanzprodukte mittlerweile auch auf dem Kontinent verfügbar sind.“ Wuermeling mahnt aber auch, dass sich der Finanzmarkt in der EU weiterentwickeln muss, damit sich die europäische Volkswirtschaft aus eigener Kraft finanzieren kann. „Welche Rolle London dabei mittel- und langfristig noch spielen wird, ist heute völlig offen“. 

Allerdings scheint die Überzeugung an der Themse groß, auch da weiter intensiv mitmischen zu können. Jedenfalls deutet die im Vergleich zu früheren Schätzungen überschaubare Verlagerung von Einheiten und auch Beschäftigten darauf hin. Während die Bundesbank von 2.500 Stellen spricht, die von London nach Frankfurt kommen, war kurz nach dem Brexit die Rede von bis zu 10.000 Jobs. 

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