merken
PLUS Politik

Der Brand, das Lager und das Leid in Moria

Das Feuer in dem Asylcamp entlarvt ein System, das Lager- und Inselbewohner im Stich lässt.

Das mit einer Drohne aufgenommene Luftbild zeigt Rauch, der aus Container-Häusern und Zelten im Flüchtlingslager Moria auf der Ägäisinsel Lesbos aufsteigt.
Das mit einer Drohne aufgenommene Luftbild zeigt Rauch, der aus Container-Häusern und Zelten im Flüchtlingslager Moria auf der Ägäisinsel Lesbos aufsteigt. © dpa/AP/Panagiotis Balaskas

Von Annette Kögel und Kai Müller

Flammen haben etwas Eindeutiges. Wenn man auch nicht weiß derzeit, wer für den Ausbruch des Großfeuers im Flüchtlingslager Moria verantwortlich ist, so ist die Botschaft der Flammen unmissverständlich: So geht es nicht weiter.

Anzeige
Wohlbefinden fängt bei den Füßen an
Wohlbefinden fängt bei den Füßen an

Mit der Marke Xsensibel bietet Ihnen die Preuß Gesunde Schuhe GmbH ab sofort eine gelungene Verbindung aus Funktion und modisch-sportlichem Look.

Das Camp auf der griechischen Insel Lesbos ist niedergebrannt bis auf ein paar Verwaltungscontainer, die unbeschädigt blieben. Man kann an den Ort nicht zurückkehren, der verkohlt, verschmort und vergiftet ist. Asche, verbogenes Wellblech und Eisengestänge, Rauschschwaden. Und trotzdem ist es nach vorangegangenen Feuern immer weitergegangen. 

Als vor einem Jahr im September eine Mutter mit ihrem Kind in den Flammen umkam, ging es weiter. Und als im März ein sechsjähriges Kind ebenfalls im Feuer starb. Die fast 13.000 Menschen in Moria blieben zusammengepfercht in ihren Behelfsbehausungen weitgehend sich selbst überlassen. Nichtregierungsorganisationen wie das International Rescue Committee (IRC) mahnten, dass Europa mehr zur Entlastung der Lage tun müsse, aber es geschah wenig.

Dann, vor einer Woche, wurde der erste Corona-Fall in dem überfüllten Lager offenbar. Schon vorher war das Leben kaum erträglich gewesen für die Menschen, die in Booten aus der Türkei über den schmalen Seeweg nach Lesbos geflüchtet waren und dort festsaßen. Die Pandemie zwang sie ab März, im Lager zu bleiben. Die Quarantäne zerrte an den Nerven der Leute, berichten Helfer in Lesbos. 

35 Corona-Fälle

Das Verlassen des Lagers war nur für Besuche beim Arzt oder beim Anwalt erlaubt worden. Wer ohne Berechtigung von der Polizei aufgegriffen wurde, dem drohte ein Bußgeld von 150 Euro. „Die Menschen verstehen“, sagt Martha Roussou vom IRC, „wie anfällig sie für das Virus sind, aber sie können nichts dagegen tun. Wie sollten sie sich in Moria aus dem Weg gehen, wie Distanz halten? Das hat die Spannungen wachsen lassen.“

Mit dem Corona-Fall Anfang September wurde das Lager weiter abgeriegelt. Die Behörden kündigten die Errichtung eines Zauns an. Innerhalb einer Woche tauchten bei 2.000 Tests 35 positive Ergebnisse auf, und die verschärften Quarantäne-Maßnahmen führten als Erstes dazu, dass der Nachschub an Geld versiegte. Bankautomaten in Moria wurden nicht mehr befüllt. Den Menschen ging das Bargeld aus, um auf dem zentral gelegenen Marktplatz Besorgungen zu erledigen.

Teile des Lagers standen ohnehin unter dem wachsenden Einfluss krimineller Banden, wie Helfer berichten. Das seien „keine hundert Leute, die unter den Augen der Polizei in Moria massive Probleme bereiten“, weiß Nicolas Perrenoud, der als Schweizer Freiwilliger in dem Lager arbeitet. Im Camp gebe es Drogen, sexuellen Missbrauch, Gewalt, Erpressung. 

Pädophile Griechen würden sich Jungen kaufen, die Geld für die Fortsetzung ihrer Flucht brauchten. Es heißt, islamistische Kämpfer und Extremisten würden sich als Flüchtlinge ausgeben, um mit gefälschten Pässen nach Nordeuropa zu gelangen. Nach Angaben von Augenzeugen soll der Brand in der Nacht zu Mittwoch nahe der abgesperrten Zone ausgebrochen sein, in der die Corona-Infizierten isoliert waren. 

Die griechische Nachrichtenagentur ANA meldete unter Berufung auf die Polizei, die Feuer seien nach Protesten einiger Bewohner des Lagers gelegt worden. Diese hätten nach einem positiven Corona-Test oder wegen Kontakts zu Infizierten unter Quarantäne gestellt werden sollen. Danach sollen sie laut eines örtlichen Behördenvertreters Zelte in Brand gesteckt haben.

80 Prozent verbrannt

„Es war vorsätzlich. Die Zelte waren leer“, sagte Michalis Fratzeskos, Vizechef des Zivilschutzes. Das Feuer brach an mehreren Stellen aus, fand schnell Nahrung, um sich bei heftigen Winden ungehindert auszubreiten. Planen und Wände aus Karton, Holzplanken und Äste, Textilien und Plastikverpackungen loderten auf. Wasserleitungen, die als Feuerlöschsystem hätten eingesetzt werden können, gibt es kaum.

Am Morgen zeigte sich ein verheerendes Bild. 80 Prozent von Moria sind Opfer der Flammen geworden. Verschläge und Papp-Behausungen, Generatoren, medizinisches Gerät, die Essensausgabe. Das Lager gleicht einer bizarren Ruinenlandschaft, der Container der griechischen Asylagentur brannte aus. Sämtliche Anträge sollen vernichtet sein. Tote soll es nicht gegeben haben, einige Lagerbewohner litten unter Atembeschwerden, berichten Nachrichtenagenturen.

Geflüchtete rennen vor den Flammen in Moria weg.
Geflüchtete rennen vor den Flammen in Moria weg. © Panagiotis Balaskas/AP/dpa

Überlebende campieren nun auf offener Straße oder bemühen sich, zu Fuß Mytilini zu erreichen. Lagerbewohner wurden von Einheimischen am Betreten eines Dorfes gehindert. Die Regierung hat den Ausnahmezustand über die Insel verhängt.

Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen fühlen sich durch die Brandkatastrophe in ihren Befürchtungen bestätigt. „Seit fünf Jahren warnen wir unablässig davor, die Lage auf Lesbos nicht weiter eskalieren zu lassen. Das Feuer hat die Verletzlichkeit des Systems offenbart“, sagt Roussou und meint damit eine Politik, die auch die Inselbewohner im Stich gelassen hat.

Weiterführende Artikel

Moria: Michael Kretschmer fordert den Wiederaufbau

Moria: Michael Kretschmer fordert den Wiederaufbau

Sachsens Ministerpräsident spricht von Hilfe für die Menschen im abgebrannten Flüchtlingslager Moria. Von der Aufnahme Geflüchteter in Sachsen spricht er nicht.

Moria: Druck auf Seehofer steigt

Moria: Druck auf Seehofer steigt

Kommt ein deutscher Alleingang oder eine europäische Lösung? Bislang setzt die Bundesregierung auf Letzteres. Doch es werden auch andere Stimmen laut.

Moria: Dresden soll Flüchtlinge aufnehmen

Moria: Dresden soll Flüchtlinge aufnehmen

Oft waren die Zustände in dem Lager auf Lesbos kritisiert worden. Durch Corona und das Feuer ist die Lage eskaliert. Am Abend wurde in Dresden demonstriert.

Moria: Kein Platz für Menschenfeinde in der EU

Moria: Kein Platz für Menschenfeinde in der EU

Nach dem Brand in Moria brauchen Betroffene schnelle Hilfe. Zugleich muss die EU klären, ob manche Staaten noch zu Recht Mitglied sind - ein Kommentar.

Als die konservative Nea Demokratia im Juli vergangenen Jahres die Parlamentswahl gewann, lebten weniger als 6.000 Flüchtlinge in Moria. Das war das Doppelte dessen, für das das Aufnahmelager ursprünglich ausgelegt war. Aber da auch schon mal 11.000 Menschen Zuflucht gesucht hatten, kam die Lage den Insulanern geradezu entspannt vor. Innerhalb eines halben Jahres erhöhte sich die Zahl auf 20.000 Bewohner.

Premierminister Kyriakos Mitsotakis war mit dem Versprechen an die Macht gelangt, eine restriktivere Flüchtlingspolitik zu betreiben, als es die Sozialisten getan hatten. Doch auch seine Partei bekam den Zustrom über die Ägäis nicht in den Griff. Nach Widerständen zahlreicher Festlandsgemeinden gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ließ er sie nun nicht mehr von der Insel herunter.

Wird es auch jetzt so weitergehen? „Ich habe Angst“, sagt Yannis Hatzikyriacos, „nach dem Feuer gehe ich heute nicht auf die Straße.“ Der 73-Jährige, dessen Aklidi-Hotel hell erstrahlt im Licht seines Namens, leidet seit Jahren unter dem Ausnahmezustand. „Wir haben keine Touristen mehr“, sagt der Hotelier. Er hat wie viele auf den Inseln nahe der Türkei Angst um seine Existenz.

Mehr zum Thema Politik