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Der Fall Afghanistan ist eine Schande deutscher Politik

Die Bundesregierung streitet, statt entschlossen am Hindukusch zu helfen. Letztlich trägt Merkel die Verantwortung. Ein Kommentar.

Hätte Bundeskanzlerin Angela Merkel viel früher aktiv werden müssen?
Hätte Bundeskanzlerin Angela Merkel viel früher aktiv werden müssen? © dpa

Von Stephan-Andreas Casdorff

Was können wir überhaupt noch? Die Deutschen, Organisationsweltmeister a.D. In keiner Krise dieser Tage hat es den Anschein, als habe die Bundesregierung die Lage im Griff. Staatsversagen ist oft als Wertung zu hart. In einem Fall gibt es aber kein anderes Wort: Afghanistan.

Eine Schande ist dieser Rückzug. Nichts hat die Regierung getan, wirklich getan, um den Vormarsch der Taliban wenigstens zu verzögern. Diplomaten, Geheimdienste: Wussten sie nichts oder hat einfach nur keiner auf sie gehört? Gleichviel, grauenvoll ist beides.

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Eine derart falsche Lageeinschätzung, dass es noch lange dauern könne, bis die Taliban in Kabul stünden, wenn überhaupt. Sie sind da, überall. 60.000 Mann, besser ausgerüstet, als es Islamisten je waren. Und das fast genau 20 Jahre nach Einmarsch der westlichen Koalitionstruppen.

Jetzt geht es darum, Leben zu retten

Was für eine Demütigung. Die über Jahrzehnte mühselig aufgebaute Regierungsarmee hat sich sofort aufgelöst, die meisten sind geflohen, an der Spitze der Präsident, der diesen Titel nicht verdient. Das Land ergibt sich. Der Westen gleich mit.

Die über Jahrzehnte afghanischen Helfer in der Not, die Ortskräfte, müssen um ihr Leben bangen. Auch, weil die Bundesregierung sich eher streitet, als entschlossen zu helfen. Zu spät, zu wenig - so sieht es aus. Es soll sich keiner und keine herausreden.

Hätte der Krisenstab nicht viel früher aktiv werden können? Doch Außenamt und Verteidigungsministerium mussten sich ja einen saarländischen Kleinkrieg liefern. Ob Heiko Maas oder Annegret Kramp-Karrenbauer: Wer wann was zuerst gewusst hat - wen interessiert's? Jetzt gerade niemanden. Jetzt geht es darum, Leben zu retten. Aber schnell, asap, as soon as possible. Und da muss verdammt viel möglich gemacht werden.

Moral erfordert auch Entschlossenheit

Wie das andere möglich war? Weil Maas und Kramp-Karrenbauer ihren Experten nicht gut genug zugehört haben können, als die warnten. Oder weil Horst Seehofer sich als Innenminister offenbar schon in den Ruhestand verabschiedet hat, vorher aber schnell noch Afghanen abschieben wollte, als die Taliban das Land schon überrollten.

Und dann: Angela Merkel, Kanzlerin von Beruf, Sphinx von Berufung. Was hat sie eigentlich gewusst, wann gehandelt? Und wie? Wofür hat die Kanzlerin beispielsweise einen Geheimdienstkoordinator und wozu bekommt sie Expertise frei Haus? Um dann was zu tun - erst einmal nichts? Abzuwarten, wie immer, bis klar ist, was am besten ankommt? Der Vorgang Afghanistan lag auf Merkels Tisch, sie war damit befasst. So viel steht fest. Und sie hat die Verantwortung, die Richtlinienkompetenz.

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Wenn die Wahl nicht schon so bald wäre - alle die Genannten hätten Grund, über ihren Rücktritt nachzudenken. Es gab schon schlechtere Gründe als dieses Versagen, das Leben gefährdet. Moral erfordert auch Entschlossenheit. Vielleicht ist es gut, dass diese Bundesregierung geht, so gesehen. Gut wäre auch, wenn der neue Bundestag das Versagen in Afghanistan untersucht. Was für ein unwürdiges Ende.

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